Music Porträt | verfasst 06.12.2018
Cannonball Records
Bombenstimmung auf der Tanzfläche
2014 hat der Italiener Alberto Zanini sein Label Cannonball Records gegründet. 30 Releases später kann man sagen, dass er damit einen nicht unerheblichen Beitrag für die Rare Soul-Szene leistet.
Text Anna Gyapjas
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Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere? Klingt nach Kalenderspruch, trifft auf Alberto Zaninis Karriere aber tatsächlich zu. Der Italiener arbeitete seit Ende der 1980er Jahre für eine Inneneinrichtungsfirma. Weil infolge der Finanzkrise 2007 besonders die Baubranche ins Straucheln kam, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Zaninis Arbeitgeber die Firma einstampfte. _»Sie zahlten mir einen Abfindung«, erzählt Zanini. »Und diesen netten Stapel Geld habe ich direkt in die Labelgründung investiert.« 2014 ging seine Plattenfirma an den Start. Ihr Name: Cannonball Records.

Die Musik, die hier erscheint, soll für Bombenstimmung auf der Tanzfläche sorgen. Die Markenbezeichnung hätte auch aggressiver ausfallen können, »Monster, Cracker, Destroyer«_, zählt Zanini auf. »Wir ›soul people‹ haben viele Namen für die perfekten Tanznummer.« Bald 30 Veröffentlichungen zählt 2018 der Katalog des Labels. Mit Gewalt haben sie nichts zu tun. Eher mit Wiederbelebung.


Berliners! Am 15.12.2018 kommt Alberto Zanini von Cannonball Records zu einer Soul Session im HHV Store vorbei.


Zaninis Ziel ist es, zwei Äras zu verbinden, deshalb bilden auch unveröffentlichte Demoaufnahmen von früher die Grundlage seiner Releases. Als er Cannonball Records aufsetzte, reiste er in die USA, um entsprechendes Material auszugraben. »Als ich ihn besuchte, erwartete er uns mit gebratenem Hähnchen und Bohnen.« (Alberto Zanini über Big Lee Dowels) Dort fand er auch die Vorlage, die den Schlüsselmoment der Labelgeschichte markiert. Nachdem Alberto Zanini zweitausend Meilen durch die Staaten getingelt war, ohne etwas ernsthaft Berührendes zu hören, machte er Halt in Detroit. Dort half er einem Freund beim Umzug seiner Plattensammlung, abends hörten sie sich durchs Archiv. Als Zanini kurz vorm Zubettgehen Big Lee Dowells Stimme vernahm, wusste er: »Dieser Mann verdient einen Platz in der Musikgeschichte – und wenn es nur auf unserem kleinen Label ist.« Zurück in Italien arrangierten er und sein Team das Liebeslied von 1971 »What I Done Wrong« mit Klavier, Streichern und Beats. _»Das war das erste Mal, dass ich eine ganze Band um mich hatte, um solch eine Schönheit wiederzubeleben“, erinnert sich Zanini. Die Veröffentlichung, von manchen als »the best traditional soul record« bezeichnet, war so erfolgreich, dass Cannonball Records sie neu auflegen musste.

Zanini machte sich auf, Lee Dowell Frazier alias Big Lee Dowell die Tantiemen zu überbringen, und scheiterte. Ein Privatdetektiv fand den Sänger schließlich in einem New Yorker Pflegeheim. »Als ich ihn besuchte, erwartete er uns mit gebratenem Hähnchen und Bohnen«, erzählt Zanini. In der kleinen Wohnung, wo Frazier allein lebte, stand auch sein Keyboard. »Spiel uns was vor«, bat ihn Zanini, »was du willst.« Dann holte er sein Mikrofon raus. Was er in der New Yorker Seniorenküche aufnahm, wurde die Vorlage für das zehnte Cannonball-Release.

Mittlerweile erreichen Zanini fast täglich neue Demotapes. Über den Workload beschweren will er sich nicht: »Je mehr Dinge bearbeitet werden müssen, desto mehr wird veröffentlicht, desto mehr Leuten tanzen.« »Es erfüllt mich mit Stolz, damit der Rare Soul-Szene, aus der ich komme, Respekt zu zollen« (Alberto Zanini) Wie aus einem Rohdiamanten eine Kanonenkugel wird, ist dann aber doch ein bisschen komplizierter. »Es ist nicht so, dass wir einfach einen Song auswählen, ihn abmischen und in die Presse schicken«, sagt Zanini. Der Labelchef sorgt dafür, dass die Musiker ihre Hausaufgaben machen, was gar nicht so leicht sei: »Menschen in der Musikwelt haben ein größeres Ego als normale Menschen.« Was er von einem Track will, wisse er schon, bevor es ans Arrangieren, Aufnehmen und Bearbeiten geht: »Mal muss ich dem Team das regelrecht verordnen. Mal entsteht das auf ganz natürliche Weise.«

Auch wenn jeder Tag eine »verdammte Herausforderung« sei, ist Musik heute Zaninis Leben. Während er 2014 noch selber scoutete, hat er inzwischen mit Tesla Groove einen Ableger für zeitgenössische Soulsänger gegründet. »Viele von ihnen kämpfen da draußen echt damit, gesigned zu werden«, sagt Zanini. »Mit Tesla Groove wollen wir ihnen ein Zuhause geben.« Außerdem richtet Zanini jedes Jahr den Cannonball Weekender aus, ein internationales Fest für Soulliebhaber. Das Herzstück seines neuen Karriereabschnitts wird aber Cannonball Records bleiben: »Es erfüllt mich mit Stolz, damit der Rare Soul-Szene, aus der ich komme, Respekt zu zollen«, sagt er.


Die Schallplatten von Cannonball Records findest du im HHV Webshop.

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