Music Kolumne | verfasst 09.01.2019
Aigners Inventur
Januar & Februar 2019
Es ist 2019. Real-Player-Audioqualität auch kein Fickfinger mehr, sondern nur noch Pein im Popo. Aigners Inventur wieder da. Der einzige Anlass auf der Welt also, um mal kurz aus dem Winterschlaf respektive K-Hole aufzuschauen.
Text Florian Aigner

Earl Sweatshirt – Some Rap SongsWebshop ► LP | CD »Some Rap Songs« erschien drei Tage nach der Deadline für unsere 50 Alben, aber eigentlich war schon vorher klar, dass Earl Sweatshirt mindestens das beste Rap-Album des Jahres 2018 veröffentlichen würde. Gerappte Depression und Traumaverarbeitung klang noch nie so komplex und vielschichtig, Free Jazz als Inspiration noch nie so modern wie hier. Klar könnte man es sich jetzt einfach machen und »Madvillainy« als Vergleich heranziehen, dafür aber sind diese Tracks zu spröde und die Texte zu zu wenig kodiert. Earl schreibt hier eher als hätte Sage Francis ein Straßendiplom, als hätte sich Saul Williams zum destruktiven Egomanen entwickelt; er flowt dabei aber so unangestrengt über, neben und auf dem Beat wie in diesem Jahrzehnt keiner sonst. Ausnahmeplatte, ganz klar.
 

21 Savage I Am I WasWebshop ► 2LP | CD Natürlich wirkt 21 Savages Wortwahl und Technik im Anschluss daran so wendig wie ein Siebentonner, aber man sollte »I Am > I Was« dennoch nicht unterschätzen: nach dem straucheligen »Issa Album« hat sich Savage zwischenzeitlich dank Metro Boomin wieder aus der Ideenkrise geswhispert. Die dumpfe Brutaliät von »Savage Mode« bleibt freilich unerreicht, dafür ist einer der hüftsteifsten Rapper der Gegenwart mittlerweile eine echt passable Hitmaschine geworden.
 

Retrogott & Hulk Hodn – KontemporärkontaminationWebshop ► LP Retrogott & HulkHodn haben ein neues Album zusammen gemacht. Es heißt »Kontemporärkontamination« und ist gut. Als Featuregast ist unser Freund Eloquent mit drauf. – Ey sorry, aber wer so tolle Pressetexte schreibt, braucht keine halbgaren Dreisätzer von mir.
 

Steve Spacek EgloWebshop ► LP »Natural Sci-Fi« sollte ursprünglich im Jahr 2005 fertig sein, also gerade noch rechtzeitig um diesen lateclappenden Dilla&B-Scheiß mit UK’schen Breaks vertraut zu machen. Heute ist das, trotz einiger neuer Tracks, nicht mehr unbedingt futuristisch, aber dennoch befriedigend, da Steve Spacek endlich das Album gemacht hat, das uns Sa-Ra damals eigentlich schuldeten.
 

Muquata aWebshop ► LP Die Zukunft des Beattapes findet man unterdessen in Palästina, wo Muqata’a Grime, IDM und Trap so bitcrusht, dass nur noch eine purpurne, klebrige Ursuppe übrigbleibt. »Inkanakuntu« ist brachial, unvorhehsehbar und endlich mal wieder ein unverschnarchter Ansatz in diesem ausgetrudelten Beatmaker-Ding.
 

zuli terminalWebshop ► LP Ähnliches gilt stellenweise auch für Zuli, der nach Aphex-Approval und diversen Year-End-Accolades mittlerweile auf zahlreichen Radaren aufgetaucht ist. Final überzeugt »Terminal« aber nicht, zu zerfahren ist hierfür die zweite Hälfte, die hauptsächlich den Click-Click-Glitch-Sound der ersten Hälfte recyclet, aber in Patterns übersetzt, denen man nicht mehr so gerne folgen mag. In 8-Min-Etappen eingeteilt, könnte das hier aber tatsächlich messianischer Scheiß sein.
 


Die Schallplatten aus Aigners Inventur findest du im Webshop von HHV.


moulay ahmedWebshop ► 2LP Und gleich nochmal arabischer Future Shit: Moulay Ahmed El Hassani verbandelt traditionellen marokkanischen Folk mit Drumcomputern, Autotune und Psych-Gitarren. »Atlas Electric« erscheint über Hive Mind und ist exakt so gut wie man das deswegen auch erwarten konnte.
 

MDCIII dreamhatcherWebshop ► LP Ja klar ey, MDCIII schaffen es einfach mal beiläufig Spiritual Jazz und Tribal-Avantgarde unter einen Hut zu kriegen und gefühlt fünf Leute weltweit bekommen das mit? »Dreamhatcher« wird 2038 eine 400-EUR-Platte sein und ihr euch vor eurem Nachwuchs schämen. Don Cherry meets Michel Banabila, mehr kann ich echt nicht für euch tun.
 

thomas bush old and redWebshop ► LP Ein ähnliches Spekulationsobjekt könnte »Old And Red« von Thomas Bush werden, Yung Lindners! Weil es darum aber natürlich eigentlich nicht geht, hier noch die entmonetarisierten Fakten: suizidal-synkopierter Dub-Folk, quietschiger No Wave, choraler Post Punk, Made To Measure – Interludes, Siouxsie im Coil Remix, einfach die unenglisch englischste Platte des Jahres.
 

Peder Mannerfelt Daily Webshop ► LP Dagegen fällt dann sogar die neue Peder Mannerfelt etwas ab, wobei insbesondere die krawallige Mitte von »Daily Routine« oft das ist, was die letzte Demdike Stare gerne hätte sein dürfen. Dazwischen feixende Vocalsamples, Ambient, Bleeps und wunderbar flurfeindliche Tempi. Mit »Temporary Psychosis« fällt dann sogar noch ein Clubhit ab, der klingt als wäre Switch 2007 für immer im K-Hole verschwunden.
 

elsewhere compWebshop ► 2LP »Elsewhere CDXLIV« beginnt hingegen mit gut gelauntem Dub Reggae, streift aber auch Tropical Reggaeton (lol) und Schluckauf-Disco. Wirklich essentiell wird es dann aber auf der D-Seite der Compilation: Wolf Müller’ismen auf einem minimalistischen Riddim und ein 100-bpm-Mantra-Epos von Anatolian Weapons, inklusive DFA-Synths und muskulöser Bridge.
 


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Best Available Technology – Enginetics & PlasmalterationsWebshop ► LP Komisch, eigentlich müsste mich Best Available Technology direkt vor der Haustür abholen und Kollege Schlechtriemen hat mit allem vollkommen Recht, aber aus irgendeinem Grund ist »Enginetics & Plasmalterations« auch der erste Release auf 12th Isle, die in jeder Sekunde unbedingt ein 12th-Isle-Release sein will, aber nicht ist.
 

delroy edwards dean bluntWebshop ► 2LP Fällt aber nicht weiter ins Gewicht, denn die eigentliche Enttäuschung des Monats kommt von Delroy Edwards und Dean Blunt, die auf »Desert Sessions« ihre schlechtesten Angewohnheiten aus sich herauskitzeln. Der spröde Charme von Edwards’ Rhythm Trax harmoniert nur selten mit Blunts eigentlich singulärem Melodienverständnis und irgendwann ist Real-Player-Audioqualität auch kein Fickfinger mehr, sondern nur noch Pein im Popo. Der bisher egalste Release beider.
 

ectomorph stalkerWebshop ► 2LP Über Ectomorph redet in der Detroit-Saga seltsamerweise keiner, aber vielleicht lässt es sich als Daueraußenseiter auch langfristig interessantere Musik machen – ständig am eigenen Kanon gemessen zu werden, dürfte nach wie vor der größte Inspirationskiller überhaupt sein. Auch 2018 nehmen Ectomorph am liebsten live auf, »Stalker« ist angeblich in wenigen Takes entstanden. Drexciya-Fans fehlen hier vermutlich die eleganten Synth-Lines und für die erste Detroiter Generation dürfte die fast teutonische Schroffheit ebenfalls eher ein Problem sein, aber wer sich schon immer gefragt hat, wie es klingen könnte, wenn Lena Willikens Daniel Bells Backkatalog remixt, dürfte das verschmerzen können.
 

Christoph de Babalon – Exquisite AngstWebshop ► LP Über »If You’re Into It, I’m Out of It« wurde dieses Jahr nun wirklich alles geschrieben was zu schreiben war und wenn eine Sache eine eigene Netflix-Doku verdient hätte, dann wie Christoph De Babalon und Thom Yorke sich auf der gemeinsamen Tour überworfen haben. Fast dramatisch hingegen wie wenig Aufmerksamkeit bisher »Exquisite Angst« geschenkt wurde, einer typischen Outtakes-Sammlung, die aber stellenweise noch weiter geht als »If You’re Into It, I’m Out of It« (Tracktitel A2: »Realistic Riot Ritual Routine« , ähem). Jungle war nie brutaler, aber auch nie fragiler als bei De Babalon und wenn ich »Are You Talking To Me?« nicht endlich als boshafte Pointe in einem DJ-Set höre, ist 2019 einiges schief gelaufen.
 


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Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Pusha-T, Twit One, Haim, Four Tet und Laurel Halo.
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Aigners Inventur
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