Music Kolumne | verfasst 22.02.2019
Records Revisited
The Roots – Things Fall Apart (1999)
Mit »Things Fall Apart« sollte sich für The Roots entscheiden, ob sie einfach Kritikerlieblinge blieben oder auch den großen kommerziellen Erfolg erreichen könnten. Es wurde ihr Durchbruch.
Text Björn Bischoff
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Ein Wecker klingelt um sechs Uhr in der Früh im Jahr 1999 – und Ahmir Khalib Thompson weiß, dass seine Band und er es geschafft haben. »Things Fall Apart«, das vierte Studioalbum von The Roots, sollte ihr Durchbruch und ein Wegweiser für den Hip-Hop um die Jahrtausendwende sein. »Ich wachte durch die Stimme einer jungen schwarzen Frau in meinem Radiowecker auf, die sich einen Song von The Roots wünschte«, schrieb Ahmir Khalib Thompson in seinem Buch »Mo‘ Meta Blues« über jenen Morgen. Natürlich kennt ihn kaum jemand unter diesem Namen – in die Popkultur ging er als ?uestlove ein, der Schlagzeuger, Nerd mit großem Afro und noch größerem Wissen über jede Epoche der jüngeren Musikgeschichte. Warum ihn der Wunsch der jungen Frau so freute? The Roots waren nach drei Alben als feste Kritikerband verbucht, noch viel schlimmer: als unauthentische Band im falschen Genre.

Die Verwendung eines organischen Band-Sounds statt Samplings entsprach nicht gerade dem Zeitgeist der späten 1990er Jahre, in dem die unaufhaltsame Kommerzialisierung durch Gangsta-Rap startete. Die Golden Era des Hip-Hop endete jäh. Die meisten Künstler wie Nas, Wu-Tang Clan und A Tribe Called Quest hatten ihre Meisterwerke längst veröffentlicht. Daneben entdeckten die Major Labels Hip-Hop als lukrative Einnahmequelle, Künstler wie Vanilla Ice und MC Hammer erreichten ein breiteres Publikum, trugen aber mitnichten zur Kreativität oder Authentizität des Genres bei. Also, was nun? Den großen Erfolg vergessen?

?uestlove schreibt in einer Anekdote, wie er sich gegenseitig mit DJ Premier, J Dilla und D’Angelo in einer Aufnahmepause für dessen »Voodoo« neues The Roots-Material vorspielte: »Ich kenne die Ausflüchte der Leute, wenn ein Song sie nicht packt: Sie starren geradeaus und wackeln ein wenig mit Kopf, sagen nichts, stellen keinen Augenkontakt her. Das ist ein Todeszeichen. Und das taten sie mir alle an und ich fühlte mich gedemütigt.« Es tat sich eine Lücke auf. Zwischen The Roots und anderen Künstlern. Zwischen The Roots und dem traditionellen Hip-Hop-Publikum.

Dies sollte Antrieb genug für ?uestlove sein, jenen warmen und organischen Sound für seine Drums zu entdecken. Ihr viertes Album »Things Fall Apart« sollte zeigen, ob die Band es schaffen oder an sich selbst zerbrechen würde. Jener Song, den ?uestlove damals den anderen vorspielte, war übrigens eine frühe Version von »Double Trouble«, noch ohne Mos Def am Mikrofon. Und obwohl Mos Def während der Aufnahme mal kurzzeitig für ein Fischsandwich verschwand und mehrere Tage nicht mehr auftauchte, gehört der Track heute zu den Klassikern auf diesem Album.

Aufgenommen in den Electric Lady Studios in New York, stellte sich die Schallplatte als Gegenpol zu den vorherrschenden Sounds im Hip-Hop heraus. Ihr viertes Album »Things Fall Apart« sollte zeigen, ob die Band es schaffen oder an sich selbst zerbrechen würde. »Wir wurden für das gemocht, was wir nicht waren«, so ?uestlove. Ironischerweise entwickelte sich das Album zu einem der größten Erfolge für The Roots, warf mit »You Got Me« eine der prägendsten Songs dieser Zeit ab. Was auch damit zu tun hatte, dass auf Drängen des Labels statt der unbekannteren Jill Scott auf einmal Erykah Badu den Refrain sang. Nur: Jene Jill Scott hatte den Song mitgeschrieben. Die Version mit Scott im Refrain erschien nie offiziell, die Version mit Badu gewann hingegen den Grammy.

Bis heute lebt das Album von dieser Energie, von einer erwachsenen Band, diesem einmaligen Sound, der in seiner leichten Nostalgie doch moderne Momente in sich trägt. Jeder Beat, jeder Rhythmus sitzt auf »Things Fall Apart« perfekt. Allein »The Next Movement« bebt vor Sound, könnte jeden Hinterhof-Jam aufmischen. Black Thought trat hier auf einem neuen Level als Texter und Rapper hervor. Unter jedem Track liegt ein unglaublich ausgereifter Groove. Wer sich heute durch dieses Album hört, kann kaum noch die Linie zu dieser Band ziehen, die zuletzt eher hochgestochene Projekte wie » …And Then You Shoot Your Cousin« realisierte und in Jimmy Fallons Late-Night-Show die Hintergrundband gibt. Denn tatsächlich fanden The Roots die Essenz ihres Sounds nie wieder so perfekt wie auf diesem Album, bei dem auch J Dilla mitproduzierte.

Am 23.2.1999 erschien die Platte über Geffen Records und begeisterte Hörer wie Kritiker. Auf einmal tourten The Roots als Headliner, liefen im Radio und verkauften sehr viele Exemplare, mehr als 1 Millionen, dieses Albums. Ein Schreiber der US-Ausgabe des Rolling Stone flötete: »Sie zeigen mehr Melodien und weniger Getöse als ihre Altersgenossen, legen weniger Wert darauf, was sie fahren und welche Marke sie tragen, sondern zeigen musikalische Chancen. Sie sind intellektuelle Hip-Hopper, die eine Party rocken können.« Dazu vier Sterne. Es tat sich allerdings nun ein anderes Problem auf: Wer im Rolling Stone solches Lob bekam, konnte für die Basis und die konservativen Hip Hop-Hörer keine gute Band mehr sein. Ein Thema, das sich für The Roots bis heute durch ihre Karriere zieht. Doch bei »Things Fall Apart« überwog die Qualität der Tracks. Das Album gehört zu den unterschätztesten Meilensteinen des Genres.

The Roots - Things Fall ApartWebshop ► Vinyl 2LP The Roots gehören sicherlich nicht zu den Künstlern, die eine neue Bewegung lostraten, dafür machte die Band aus Philadelphia schon immer zu sehr ihr eigenes Ding. Weswegen es auch zu kurz greift, sie einfach nur als Gegenpol zu betrachten. Unauffällig auffällig bleiben sie bis heute, unaufgeregt aufgeregt ihr Sound. Zu diesem Album gingen mehr als genug Menschen die Augen und Ohren auf. Es war Zeit, endlich aufzuwachen aus Lethargie und künstlerischer Starre. Und wer hätte dafür besser die Trommel schlagen können als ?uestlove und die Roots?


Die Schallplatten von The Roots findest du im Webshop von HHV Records

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