Music Essay | verfasst 28.02.2019
Colundi Music
How to oscillate completely
Seit einigen Jahren taucht ein Begriff in den Plattenläden, Musikmagazinen und Onlineforen auf: Colundi. Dahinter steckt ein neuartiges Tonsystem, das zwei Produzenten aus dem Rephlex-Umfeld entwickelten. Wir sind der Sache nachgegangen.
Text Christoph Umhau
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Seit Geburt der elektronischen Musik arbeiten Produzenten mit nebulösen Anspielungen auf Themen wie Weltraum oder Futurismus. In keinem anderen Genre dienen Mystik und Geheimnis öfter als Inspiration als in der elektronischen Musik. Technopionier Jeff Mills’ »Metropolis« verdankt seinen Namen dem dystopischen Science-Fiction-Film, Drexciya ging noch einen Schritt weiter und baute seine ganze Erscheinung um Themen aus der Tiefsee. Kein Wunder also, wenn sich Künstler aus diesem Umfeld einem mystischen Gegenstand widmen. Bei Colundi allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: dahinter steckt eine ganze Philosophie.

Die beiden Protagonisten von Colundi sind bekannte Figuren in der Szene. Das ist zum einen der Finne Aleksi Perälä, der seit über zwanzig Jahren unter seinem Klarnamen und mit den beiden Alter Egos Ovuca und Astrobotnia experimentellen IDM und Breakbeat produziert. Zum anderen Grant Wilson-Claridge, der Mitbegründer von Rephlex, dem legendären britischen Label, das lange Zeit Heimat für zukunftsweisende elektronische Musik, nicht zuletzt von Richard D. James aka Aphex Twin war.

Rein musikalisch gesehen ist Colundi relativ einfach zu erklären. Mit der »Colundi Sequence« hat Grant Wilson-Claridge einen Weg gefunden, sich von der klassischen westlichen Einteilung von Musik in Oktaven zu verabschieden und stattdessen eine neuartige frequenzbasierte Art des Produzierens etabliert. Die mit Hilfe dieser Technik produzierte Musik klingt dabei weniger futuristisch als die Definition und hat viele Anleihen bei den Genres IDM, Electro und Breakbeat.

Hier beginnt aber auch schon die Mystik. Auf der Colundi-Website ist nämlich nicht die Rede von einer eigenen Innovation, sondern von einer »mikrototalen musikalischen Skala auf der Grundlage von Resonanzen, der Natur, der Philosophie, des Kosmos und Traditionen, die von Heiligen geschickt wurde«. Die Frequenzen, die dabei verwendet werden sollen eine heilende Wirkung auf den menschlichen Körper haben. Wissenschaftliche Belege für diese These gibt es allerdings nicht. Sowohl für Perälä als auch für Wilson-Claridge war diese neue Art Musik eine Offenbarung. Für beide war die einschneidende Erfahrung mit Colundi ab der ersten Sekunde unumkehrbar. Aleksi Perälä hat seitdem ausschließlich Colundi-Musik veröffentlicht.

Auffällig ist auch die große Menge an Colundi Musik, die jedes Jahr erscheint. Perälä allein hat seit 2014 über 16 Alben geschrieben. Sie sind fortlaufend benannt, jedes Album stellt dabei ein Level der Colundi Sequence dar. Die einzelnen Titel haben dabei meist keine erkennbare Bedeutung. In einem Interview mit Residentadvisor spricht Perälä davon, dass Colundi-Musik sich von selbst schreibe und er dabei nur das Medium sei, das es umsetzt.

Taucht man tiefer in die Colundi-Welt ein, wird zunehmend klar, wessen Geistes Kind die Colundi-Philosophie ist. Taucht man tiefer in die Colundi-Welt ein, wird zunehmend klar, wessen Geistes Kind die Colundi-Philosophie ist. In einer sehr aktiven privaten Facebook-Gruppe tauscht sich die kleine Community regelmäßig über technische Fragen und eigene Produktionen aus. Wilson-Claridge ist als Admin der Gruppe sehr aktiv und teilt regelmäßig eine Bandbreite an Inhalten. Von der Geschichte der Elektrizität bis zur Wahrheit über den Saturn. Viele davon mindestens an der Grenze zur Verschwörungstheorie (ein Video bringt das Cover eines Shakespeare-Werks mit den Pyramiden von Gizeh in Zusammenhang).

Eine große Rune füllt den größten Teil der Webseite colundi.net aus. Auch nachdem man sich durch die einzelnen Reiter der Seite klickt, wird Colundi nicht greifbarer. Im Shop werden sogenannte Artefakte verkauft, zum größten Teil Merchandise und Colundi-Veröffentlichungen. Eine konfuse Bildersammlung aus Tier- und Naturfotos reiht sich an Screenshots von Orten, deren Namen Colundi oder eine leichte Abwandlung davon sind.

Die merkwürdigste Idee verbirgt sich allerdings hinter dem letzten Reiter der Website. Dort wird zu Spenden aufgerufen. Mit dem gespendeten Geld möchte man kleine Flächen auf der ganzen Welt kaufen. Ziel ist es, in jedem Land der Welt eine etwa 200 Quadratmeter große Fläche zu besitzen, wo Zeremonien und Zusammenkünfte stattfinden können. Ebenfalls sollen diese Flächen Symbole für die Einigkeit der Menschen sein. Genauere Ausführungen zu den Zusammenkünften oder über die Einigkeit der Menschen sucht man vergebens. Bisher gibt es drei solche Flächen, eine im britischen Cornwall, eine in Somalia und eine im US-amerikanischen Arizona. Ein kleiner Absatz löst zusätzliche Skepsis aus: bezogen auf das Land in Cornwall ist die Rede davon, dass das britische Recht einen zwinge, bestimmte Vorgehensweisen einzuhalten, diese aber vor Sonnenwende vollendet sein werden. Gefolgt von «eventually such countries will be One« lässt viel Raum für Spekulation in Hinblick auf die Absichten, die Colundi pflegt.

Der Versuch Colundi etwas verständlicher darzustellen ist gescheitert. Wo eine Frage beantwortet ist, entstehen zwei neue. Haben Wilson-Claridge, Perälä und die Colundi-Community den Bezug zur Realität verloren und flüchten sich in eine Scheinwelt, in der Shakespeare und die Pyramiden von Gizeh in direktem Zusammenhang stehen? Oder ist Ihnen jedes Mittel, das als Inspiration für neue Musik dient, recht? Wie bei den meisten spirituellen Erlebnissen ist das Geheimnis hinter Colundi nicht in Worte zu fassen. Für diejenigen, die lieber auf dem rationalen Pfad bleiben ist es zumindest die innovativste elektronische Musik, die in den letzten Jahren produziert wurde.


Colundi – Music Tuned To Frequencies schwingt auch im Webshop von HHV Records.

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