Music Kolumne | verfasst 06.03.2019
Aigners Inventur
März & April 2019
Insider munkeln: unser Kolumnist musste sich im Karneval mindestens einmal als Erdbeere tarnen. Trotzdem hat er uns pünktlich seine Inventur im Postfach gelassen, das ist natürlich spooky AF, Bratan!
Text Florian Aigner

Dendemann - Da nich für! LPWebshop ► 2LP | Box Sprechen wir nicht über Erwartungshaltungen, Rappers’ Rapper, Generationenverträge und Detox, Dendemann hat ein Album gemacht und Dendemann scheint, wenn Twitter und Eventim der Maßstab sind, viele Menschen Ü30 damit mehr als glücklich gemacht zu haben. Das ist schön, denn Menschen Ü30 sind bockig, ambivalent nostalgisch und im Zweifelsfall immer mit dem selben Rap-ist-wie-Pizza-Aphorismus bewaffnet, um jeden semivaliden Einwand kühl abtropfen zu lassen. Deswegen mein bockiger Ü30-Take in aller Kürze: »Da Nich’ Für« ist besser als ich gedacht hätte. Dende klingt selbst über Atlanta Hi-Hats und zufällige Tropical Drums Of Deutschland unpeinlich, seine Dekonstruktionen deutscher Piefigkeit sind auch 2019 besser als 80% des Feuilletons. Dass sich mir bei Beginner- und Casper-Features die Fußnägel aufrollen – mein Problem. Dass auch 2019 90% aller Dendemann Songs ohne Hooks besser wären – mein Problem. Dass ich immer noch eher eine Gänsehaut bekomme, wenn Juelz Santana mit belegter Stimme über ein Billo-Queen-Sample verkündet, dass Dipset 100% immer noch im Gebäude ist – mein Problem.
 

2 Chainz – Rap Or Got To The LeagueWebshop ► CD Das letzte hier besprochene 2 Chainz-Album wurde vor anderthalb Jahren folgendermaßen abgehandelt: »Rap ist ein Spiel für junge Männer. Es sei denn, dein Name ist Tittenjunge Doppelkette und du streichst dein Trap House auch mit Anfang vierzig noch purpurn, trotzt dem Jugendwahn mit seinem bisher besten und amüsantesten Album.« 2 Chainz Gilt auch für »Rap Or Go To The League«, dem nun zweitbesten 2 Chainz Album und Lebrons A&R-Debüt.
 

Mach HommyWebshop ► LP Mach Hommy rappt hingegen als suche der Clan auch 2019 noch händeringend nach neuen Soldaten. In humorfreiem Shyheim-Duktus vorgetragen, ist »Saturday Night Lights Volume 1 & 2« die säbbelrasselndste Loop-Rap-Kollektion seit dem letzten Album von Ka. Dass dabei für 7 Tracks 38 Euro veranschlagt werden, ist dabei entweder grimmigster Hustler-Scheiß oder algorithmisiertes Genietum.
 

Flee Lord Webshop ► LP Dasselbe in Grün (Pun überintended): Flee Lord und »Lord Talk Volume 2«. Vor zehn Jahren hätte man das vermutlich als weiteres mittelmäßiges Babygrande-Release beiseite gelegt. Heute ist diese Art von Traditionalismus fast wieder radikal frisch.
 

Angel Ho Death BecomesWebshop ► LP Machen wir mit dem größtmöglichen Konstrast weiter: Angel-Ho hat sich in den letzten Jahren als binärzerbombendes Enigma etabliert, Arca-Kollaboration inklusive. Auf »Death Becomes Her« erweitert sie via Hyperdub den sperrigen, Janus beeinflussten Sound um die Rotzigkeit einer Princess Nokia, Kelman Durans dystopische Riddims und das post-postmoderne Rockstartum eines Yves Tumor. Als Diskursplatte ist das unverzichtbar, als rein musikalisches Dokument fehlt hier aber manchmal die Nuanciertheit ihrer Vorbilder.
 

Modeselektor – Who Else?Webshop ► LP | CD Es fühlte sich vor »Who Else« so an, als wäre die um Relevanz ringende Journaille wieder bereit Modeselektor ins Herz zu schließen, Stadiontum und Moderat-Gegähne hin oder her. (Un)fairerweise muss zumindest ich aber bekennen, dass »Who Else« symptomatisch ist für jedes Modeselektor-Album, auch hier werden Mikro-Entwicklungen globaler Bass- und Clubentwicklungen derart grob makroökonomisiert, dass am Ende ein Auge wild zwinkert, während sich das andere unkontrollierbar im Uhrzeigersinn dreht. Sorry, aber »Who Else« klingt als hätte eine Werbeagentur eine Stunde NTS Radio in einen Podcast für Vodafone übersetzt.
 


Die Schallplatten aus Aigners Inventur findest du im Webshop von HHV.


sneaks highwayWebshop ► LP Auch Sneaks Sound hat gewisse Corporate-Anleihen bekommen, »Highway Hypnosis« ist größer, lauter und kontrollierter als die Skizzen der ungestümen Rrrrriot-Punk-Anfänge, gleichzeitig ist es auch eine große Freude zu hören, dass hier jemand das Erbe von Le Tigre so unpeinlich weiterführt. Noch ein Satz aus einer anderen Ära: Live vermutlich der Wahnsinn.
 

silk road assassins state of ruinWebshop ► 2LP Jokers slicker Proto-Lean-G-Funk war nach zwei Maxis schnell zu Ende erzählt damals, die Eleganz mit der die Silk Road Assassins auf »State Of Ruin« diesen jedoch als Inspirationsquelle für ihre minimalistischen Trap-Beats verwenden, nutzt sich selbst auf Albumlänge nicht ab. Noch ein ganzes Stück langsamer als die Grime-typischen 70/140 BPM und ohne PS1-Presetboner, könnte das für Grime eine ähnliche Frischzellenkur werden wie vor zwei Jahren das erste Equiknoxx-Album für Dancehall.
 

ossia devils dance Webshop ► 2LP Unterdessen rettet Ossia auf »Devil’s Dance« Dub, Techno, Industrial und Music Concrete in einem. 2019 ist gelaufen. Alles weitere steht hier.
 

berrocal ice exposureWebshop ► LP In obiger Kolumne kamen wir auch schnell auf Jac Berrocal zu sprechen, dessen Avantgarde-Experimente schon immer am besten waren, wenn er das Saxophon so creepy wie möglich spielte. Auf »Ice Exposure«, wie Ossia ebenfalls über Blackest Ever Black erschienen, arbeitet Berrocal erneut mit David Fenech und * Vincent Eppplay* zusammen und schafft es erneut Spoken-Word-Existenzialismus mit Drone, Noise, Free Jazz und allerlei anderem Avantgardekram zu verbinden. 2049 eine 800 Euro Platte, keine Frage.
 

jay glass dubs epitaphWebshop ► LP Ebenfalls kurz im Zusammenhang mit Ossia verhandelt: Jay Glass Dubs, der auf »Epitaph« gewissermaßen antithetisch zu Ossia vorgeht und alte Dub-Techniken nicht etwa hyperreduziert sondern unerschrocken potenziert. »Epitaph« hat alle Regler am Anschlag und ist aber gerade deswegen trotzdem keine klassisches Dub-Album. Klingt seltsam, ist aber Bokeh (* AIRHORN *).
 


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king midas sound solitudeWebshop ► 2LP Hat man eine The Bug-Liveshow ohne bleibende Schäden überlebt, darf man sich immer wieder aufs Neue wundern, wie sich jemand, der britische Bass Culture so unverfroren EDM-isiert wie Kevin Martin, diese fast zaghaften, melancholischen King Midas Sound Alben machen kann. »Solitude« ist das narrativste bisher, eine problemtaische Auseinandersetzung des Erzählers mit klassischen Verlust-Leitmotiven und musikalisch gar nicht so weit entfernt von der letzten Fennesz-Kollabo. Dass hier aber völlig tumb ein Liebesverständnis à la »Du Wirst Mich Lieben« propagiert wird, macht das ganze eigentlich untragbar (Danke für den Hinweis, Das Filter ).
 

cucina povera night schoolWebshop ► LP Und noch zwei Alben, die sich in erster Linie auf die menschliche Stimme statt auf Rhythmus verlassen: Cucina Povera führt auf »Zoom« das fort, was schon den Vorgänger »Hija« zu einem Lieblingsalbum des geherzten Kollegen Philipp Kunze machte: barocke Vocal-Loops, minimalste Instrumentierung, Rhythmen entstehen eher in den Leerstellen als explizit im Takt. Oder um das weniger nach Masterarbeit klingen zu lassen: spooky AF, Bratan!
 

decha hieloWebshop ► LP Irgendwo zwischen Cucina Povera, Brannten Schnüre und einer Acapella-Platte von Maria Rita ließe sich vielleicht »Hielo Boca« einordnen, Viktoria Wehrmeisters Solo-Debüt als Decha auf Malka Tuti. Die spröde Industrial-Delivery, die Wehrmeister in Zusammenarbeit mit Tolouse Low Trax als Toresch benutzte, wird hier wesentlich zurückhaltender benutzt, Weinreichs Trademark-Drums fehlen komplett. Ein verletzliches und gänzlich uneitles Album.
 

cosey fanni tutti Webshop ► LP Cosey Fanni Tutti und ihr »Time To Tell« ist mir derweil als Referenz für Decha durchgegangen, vielleicht auch weil deren erstes Solo-Album seit 36 Jaren nach – jep, Berrocal-Tröten – so unerwartet hart mit Techno-Arpeggio startet und Tuttis Stimme auch im Laufe der nächsten sieben Tracks eine untergeordnete Rolle spielt. Stattdessen beatloser Techno, perkussiver Ambient, harmonischer Industrial – 40 Jahre im Spiel und immer noch singulär.
 

Musica AntipicaWebshop ► LP Volume 1 der Discrepant-Serie »Antologia De Musica Atipica Portuguesa« ist sträflich untergegangen, Volume 2 droht vermutlich das selbe Schicksal. Portugal schaffte es die letzten Jahre eher mal mit dem jedes kartoffelige Taktgefühl zerberstenden Lissabonner Principe-Sound in den Hype-Zirkel, aber ganz ehrlich, das hier lohnt sich mindestens genau so. Siria singt einen suizidalen Walzer, die Random Gods machen nebenher die beste Invisible Inc. Platte der letzten zwei Jahre und zu Live Low hätte Jackson Maine tatsächlich in Würde sterben können.
 

Zaliva-D – ForsakenWebshop ► LP Passte stilistisch nirgendwo rein, wäre aber das Album des Monats, wenn Ossia nicht gewesen wäre: Zaliva-D auf Knekelhuis. Ich muss in drei Minuten los, deswegen lässt sich das zwar nicht mehr sauber recherchieren, aber es dürfte Tzusing gewesen sein, der das Duo aus Peking auf die europäischen Selektor-Bühnen und auf holländisches Vinyl brachte. Gleichzeitig ist Tzusing auch der offensichtlichste musikalische Einfluss auf »Forsaken«, jedoch ohne die bizepsflexenden Elemente und Vocalsamples; stattdessen krude, chinesische Vocals, bleierne Düsseldorfer Dystopie, abgründiger Ritualismus und Darkwave-Synths. Ergo der perfekte Soundtrack um sich mit versteinertem Gesicht am Rosenmontag durch das vollgekotzte Köln zu quälen.
 


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Rafael Anton Irisarri
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Kaitlyn Aurelia Smith
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Ihre Musik ist wie ein langer, ruhiger Fluss aus Strom: Kaitlyn Aurelia Smith macht mit Synthesizern und Stimme Musik, die mehr auf Entspannung als auf Anspannung setzt. Ihr neues Album erweitert diesen Weg durch Körperbewegungen.
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1995 zieht sich Hip-Hop die Kapuze ins Gesicht – Mobb Deep bringen mit »The Infamous« den Hardcore nach New York City und zerschießen die Szene ohne Hoffnung auf ein Morgen.
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Jeff Parker ist kein Neuling. Und dennoch meint man, er starte gerade erst durch. Jetzt ist sein Album »Suite for Max Brown« erschienen. Also haben wir ihn gebeten 10 Schallplatten zu nennen, die ihn geformt, gebessert und gebildet haben.
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Raus aus dem Jazzkeller, rauf auf die Rockbühnen – mit »Bitches Brew« wurde Miles Davis zu »Electric Miles« und braute den psychedelischen Trunk für alle, die nicht wussten, dass sie Jazz geil finden.
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1993 begann eine Erfolgsgeschichte. Mit »Enter The Wu-Tang (36 Chambers)« produzierte der Wu-Tang Clan einen Meilenstein und nachfolgend zahlreiche Klassiker des Genres. Darunter: »Return To The 36 Chambers« von Ol‘ Dirty Bastard.
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