Music Kolumne | verfasst 09.05.2019
Aigners Inventur
Mai & Juni 2019
Kann nur der Aigner: sich mit 70 Puls von Alt-Rap über Genderthemen zum Tod vorarbeiten. Unser Kolumnist über neue Alben von allen Wichtigen und über eine Trommeltruppe aus dem Breisgau, denen jemand Lean ins Bananenweizen gekippt hat.
Text Florian Aigner

Vinnie Paez TragedyWebshop ► LP Ich rege mich eigentlich nur noch einmal pro Schaltjahr über Rap auf, aber wenn Vinnie Paz & Tragedy Khadafi ihr gemeinsames Album mit dem Refrain eröffnen: »You need to get back inside the closet / ‘Fore we unleash the rockets c’mon stop it« dann ist das kein raubeiniger QB Throwback, sondern Infowars kompatibler Alt-Rap, bei dem sich mir der Magen umdreht. Musste mal gesagt werden zu Beginn, weiter mit stabilem 70er-Puls.
 

Quelle Chris – GunsWebshop ► 2LP Quelle Chris ist gegen derlei Tumbheiten glücklicherweise imprägniert. Ähnlich schon wie auf seiner Zusammenarbeit mit Jean Grae, ist »Guns« ein konzeptionell und lyrisch höchst ambitioniertes Album, das 2003 sicher mehr Beachtung gefunden hätte als 2019, auch weil die Beats gar nicht erst vorgaukeln für die Streaming-Ära gewappnet zu sein.
 

Genesis PWebshop ► LP Das war’s auch schon mit Sprechgesang, es sei denn man sieht in Genesis Breyer P-Orridge den seltsamsten Slam-Poeten des Hier und Jetzt. Gemeinsam mit Carl Abrahamsson hat Genesis P-Orridge noch vor der aktuellen gesundheitlichen Eskalation ein minimalistisches Spoken Word Album inszeniert, das sich von Beatpoesie über nonbinäre Genderthematiken zu Vätterchen Tod vorarbeitet. Selbstverständlich im klassischen Duktus der TG/Psychic TV-Ikone. Ob »Loyalty Does Not End With Death« subtile Aufarbeitungen der komplizierten Vorwürfe Cosey Fanni Tuttis beinhaltet, ist derweil weniger klar.
 

sunn o life metalWebshop ► 2LP Personell kaum weniger kontrovers aufgestellt, musikalisch aber ebenso unumstritten: Sunn O))), die auf »Life Metal« endlich ihre Drones von Steve Albini polieren lassen. Natürlich bleibt das O’sche Sounddesign hierbei erhalten, 25-minütige Riff/Delay/WhiteNoise-Orgien sind längst Inzane Johnny Memes geworden, aber wer sonst macht denn auch Drone, der den Madison Square Garden tragen könnte und in all seiner brutalistischen Direktheit trotzdem nicht einfältig wirkt?
 

basinski on timeWebshop ► LP Direkt zum nächsten Säulenheiligen. Es gab bereits Ende März wieder ein neues Album von William Basinski, es ist wie eigentich alle Basinski-Releases solide bis toll, aber eigentlich brauchte ich nur eine Gelegenheit um an dieser Stelle nochmal Kollege Cornils’ Schwank loszuwerden, dass er von Basinski im Interview gefragt wurde, wo denn der nächste Gucci-Laden sei.
 

Interbellum februariWebshop ► LP Vrystaete veröffentlichen weiterhin nur Alben, die veröffentlicht werden MÜSSEN. Was jedes Label zwar als Philosophie für sich reklamiert, scheint bei den Holländern aber tatsächlich so zu sein. Nach der genrefickenden Uboot-Häckselei von Bebe Fang mag »Februari« von Interbellum beinahe konventionell klingen (leicht angegamelanter Psycho-Ambient mit verhuscht-minimalem Percussion-Einsatz ist seit circa 30 Jahren schon das bevorzugte Refugium für jeden Kunststudenten mit Augenbrauenverspannung), aber in dieser Qualität bekommt man das dann doch eher selten.
 


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sea urchin bokehWebshop ► LP Weiter mit Sea Urchin, deren Konzept schrulligste Library-Tropen mit Dub-Produktionstechniken in ein blubberndes Moor zu werfen, eigentlich niemals funktionieren sollte. Aber auch »Tahtib«, veröffentlicht über – hach – Bokeh Versions, ist wieder direkt das Beste, was in diesem Post-Exotica-Dings dieses Jahr passiert ist.
 

Bibio – RibbonsWebshop ► 2LP Bibios »Ribbons« ist, was passiert wäre, wenn Caribou sich für Bob Dylan statt 115BPM entschieden hätte, aber vielleicht reicht es auch einfach zu behaupten, dass Toro Y Moi genau so klingen würde, wenn er Sufjan Stevens’ Roadie geworden wäre. Musik für Menschen, die träumen wollen, aber beim Versuch doch immer wieder nur im Asos-Sale landen.
 

Georgia – TimeWebshop ► 2LP Georgia bleiben dafür vollkommen unkalkulierbar, auf das eben so gelobte repetitive Mantra in der letzten Sprechstunde folgt nun mit »Time« ein Album, das bewährte Tempi und Drumpatterns fast gänzlich links liegen lässt, seifige Synths mit Footwork kombiniert, Hippietribal die Utopien klaut und jede Ambientstelle feixend in Dissonanz auflöst. Killer.
 

dj nate take off timeWebshop ► LP Ich bin mir nicht sicher, ob man das so sagen darf, aber für mich persönlich war DJ Nate der eigentliche Rashad – sprich mein ordnender Bezugspunkt in einem Genre, das ich immer nur peripher verfolgt habe, in dem einem aber eine einzige Figur das Gefühl gibt, alles wichtige mitzubekommen. Das ist natürlich Humbug, es gibt hunderte gute Footwork-Releases, die ich deswegen verpasst habe, aber »Take Off Time« holt mich wieder pünktlich vor der Haustür ab, während ich auf dem Bürgersteig 165x »PlanetMuPlanetMuPlanetMu / FootworkbackFootworkbackFootworkback« brülle.
 

logos imperial flood Webshop ► LP Mit Logos ist das dagegen immer so eine Sache: manchmal ist vollkommen klar, dass hier einer das Fundament für UK’sche Clubmusic für das Jahr 2035 gießt, aber auch gar nicht so selten nestelt er sich unentschlossen durch manierierte Rephlex-Clicks&Cuts und austauschbare Warp-Flächen. Auf »Imperial Flood« manifestiert sich dieses Dilemma so deutlich wie nie zuvor, aber ignorieren sollte diese Platte bitte trotzdem keiner.
 

ryan treanor ataxiaWebshop ► LP Ähnliches gilt für Rian Treanor, der auf »Ataxia« mehrmals das Tor zur rhythmischen Erleuchtung aufstößt, aber diese Momente nur selten konservieren kann. »Ataxia« ist in seinem Snobbismus manchmal dezidiert unfunky und -relatable, dann aber auch wieder pures SND-Genietum. Mit etwas weniger Bevormundung des Hörers hätte das ein großes Album werden können.
 


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raymonde vlekWebshop ► 2LP Raymondes allererste Maxi versauert im Shop immer noch mit 20% Discountoption, vielleicht weil niemand herausgefunden hat, auf welcher Geschwindigkeit sie denn nicht klingt wie eine Trommeltruppe aus dem Breisgau, denen irgendjemand Lean ins Bananenweizen gekippt hat. Auch »Ce Qui Est En Bas, Est Comme Ce Qui Est En Haut : Ce Qui Est En Haut, Est Comme Ce Qui Est En Bas « macht es einem nicht einfach, so dickköpfig wie der Franzose hier mikroszenebewährte Trommeleien sabotiert und Harmonien zerschießt. Wer allerdings immer schon wissen wollte wie Dont DJ mit eitrigen Mandeln klingen würde, wird hier so glücklich wie ich.
 

karamika 2 0Webshop ► 2LP Black Merlin spielt unterdessen weiter alle Genres einmal durch. Mit der Düsseldorfer Allzweckwaffe Gordon Pohl bildet er zum zweiten Mal auf Albumlänge Karamika. Snarelose 120er-Mantras, K-Hole-Chugging auf 87BPM, eine erfrischend kitschige Bristolballade als Brücke zu schürfwundigem Techno – der Nikola Jokić unter den Alben in diesem Monat.
 

lsw lifestyle westWebshop ► LP Nochmal Düsseldorf, aber quietschiger: LSW ist ein Projekt aus dem Candomble-Umfeld und damit schon mindestens die dritte Generation an Salon-Absolventen, die aus der Düsseldorfer Instanz nur die richtigen Schlüsse für ihre eigene Musik gezogen haben. Augenzwinkerd auf Discogs mit dem Genretag Schlager selbst verbrannt, ist das neben der aktuellen Neuzeitliche Bodenbeläge-Platte mit Abstand der gelungenste Versuch die dadaistische NDW-Tradition ins memeifizierte Jahr 2019 zu übersetzen und »Goldketten aus Fett / Geld wie Dreck« jetzt schon die Hook des Jahres.
 

Trjj – Music Compilations: 12 DancesWebshop ► LP So unbrauchbar philosophieseminarig sich der Promotext für »Music Compilation: 12 Dances« liest: das ist höööööchstwahrscheinlich bisher die beste Platte auf Stroom, die sich exklusiv auf neues Material stützt. Sollte als Kaufempfehlung eigentlich reichen, aber komm’, einen hab ich noch: wenn sich die Kompakt-Vision von Techno, Ambient und Pop nicht zwischenzeitlich in gärigem Kitsch erschöpft hätte, wären wir exakt bei Trij als Best Case gelandet.
 

Dirk De Saever Collected 1984-1989Webshop ► LP Zum Abschluss dann doch zweimal noch das Archiv: Die New Beat Enzyklopädare von Musique Pour La Danse haben es irgendwie geschafft eine ganze LP mit unveröffentlichtem Dirk DeSaever Material zu sichten. Neben der dringend notwendigen Reissue seiner flurfixierten White House White Sachen wirkt »Collected 1984-1989 (Long Play)« vor allem ääääh weird. Da DeSaever aber selbst innerhalb eines so funktionalen Genres wie New Beat immer wirkte wie ein subversiver Provokateur, überrascht es vielleicht auch nicht hier fünfvierteltaktigen Schamanenindustrial und bleiernen gotischen Prototechno zu finden.
 

Geins't Nait Archives 1/3Webshop ► LP Eine ganze Weile lang begegneten einem Geins’t Nait vor allem als Herzensangelegenheit von Vladimir Ivkovic, nun aber hat sich Low Jacks Editions Gravats der Archiverwaltung angenommen und veröffenlicht den ersten Part einer dreiteiligen Serie. Minimale Lynndrum-Riddims, spooky ass Spoken Word Passagen, Industrial einmal als Mit- statt Gegenspieler, mit anderen Worten eine Platte, die in jedes Jahr passt, obwohl sie nur Material enthält, das zwischen 1986 und 1993 entstanden ist.
 


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