Music Kolumne | verfasst 25.04.2020
Records Revisited
Mobb Deep – The Infamous (1995)
1995 zieht sich Hip-Hop die Kapuze ins Gesicht – Mobb Deep bringen mit »The Infamous« den Hardcore nach New York City und zerschießen die Szene ohne Hoffnung auf ein Morgen.
Text Christoph Benkeser
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Viele Rapper erzählen vom Thug Life – Mobb Deep lebten es. Als Prodigy und Havoc am 25. April 1995 »The Infamous« auf Loud Records veröffentlichen, reißen sie der Ostküste mit 16 Tracks die Gold-Grillz aus der Fresse. Die Beats klappern düster wie der Sensenmann, jede einzelne Zeile zerfickt den Glauben an eine bessere Zukunft. »There’s a war goin’ on outside no man is safe from«, heißt es in »Survival of the Fittest« – zwischen Crack, Armut und über 2.000 Mordopfern im Jahr gibt es für die beiden Emcees in New York keinen Glauben an ein Morgen. Sondern nur das Überleben im Heute. Niemand hat diese Ausweglosigkeit besser auf ein Rap-Album gepackt als Mobb Deep. 25 Jahre später ist die Platte ein Stück Zeitgeschichte.

»The Infamous« ist ein Film aus 16 Tracks, jeder einzelne ein Fragment des Ganzen, ein Film Noir, in dem zwei fremde Leben wie aus der Egoperspektive vor den eigenen Augen ablaufen. Hier blühen keine Blumen, sondern neun Millimeter in der Schädeldecke. Deshalb setzen sich Mobb Deep, wie John Nada in Carpenters Film »Sie leben«, eine mysteriöse Brille auf – nicht, um die Welt vor ihren Konsumverwirrungen zu warnen, sondern um die Ostküste wachzurütteln und ihrer verzerrten Perspektive eine Fratze entgegenzustrecken. Mit Prodigy und Havoc landet man im Kreuzfeuer, ohne jemals dabeigewesen zu sein – in den Häuserschluchten von Queensbridge, der riesigen Sozialsiedlung von New York, wo Havoc aufwächst. Tagsüber spielt er Basketball neben Junkies, nachts wecken ihn Schüsse, die im Heulen der Polizeisirenen untergehen. Prodigy, den Havoc an der High School kennenlernt, kommt zwar aus besseren Verhältnissen, entwickelt aber bald ein Gefühl für die Momente, wenn Schlagringe Gesichter zerschmettern, Messer in Magengruben stecken und Pistolen aus Autofenstern blitzen.

Die Beats klappern düster wie der Sensenmann, jede einzelne Zeile zerfickt den Glauben an eine bessere Zukunft.

Während Nas ein Jahr zuvor mit »Illmatic« in die Psychologie der Stadt eindrang, eröffnet Mobb Deep die soziologische Perspektive der Straße. Nas, der wie Havoc aus den Plattenbauten von Queensbridge kam, sah jeden Tag dieselbe Gewalt, dieselbe Armut, denselben Scheiß. Aber er erzählte eine andere Geschichte, wollte der Realität entfliehen, indem er eine Alternative anbot. »Life’s a bitch« war das Motto für ein Verlangen nach etwas Anderem, einem Ausblick auf Veränderung. Auch wenn die Zukunft in den Tod führen sollte, in den Songs von Nas gab es so etwas wie ein Versprechen der Zukunft. Auf »The Infamous« verstellt sich dieser Ausblick nicht nur. Er verschwindet. Mobb Deep feiern die Ausweglosigkeit. Die Platte lebt im Jetzt, zwischen Schusswechseln, Schlagringen und Spritzen im Sandkasten – eine Momentaufnahme, die kein Davor und kein Danach kennt. Ein Blick ohne Referenz. Die Auflösung der Vergangenheit in der Zukunft. Was für Mobb Deep zählte, war nicht das Leben im Morgen, sondern das Überleben im Heute.

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Als Mobb Deep 1993 ihr Debüt »Juvenile Hell« veröffentlichten, waren Prodigy und Havoc zwei 19-jährige Typen mit Geschichten für fünf Leben, die sie nicht erzählen konnten. Die Platte war ein Demo, die Vorschule für Rhymes und Beats, durch die sie sich schleppen mussten, um zwischen Samples und Snares nach ihrer eigenen Identität zu kramen. Die Goldketten baumelten, die Goldzähne funkelten. Doch das Debüt crashte. »Juvenile Hell« erzählte von einer Hölle, die nicht loderte. Es heulten keine Sirenen, niemand schlitzte Gesichter auf. Das Leben war rough, aber die Erkenntnis allein erzählte keine Geschichte. »Wir dachten uns: ›Verdammt, was zum Teufel ist los?‹ Wir waren Kinder und haben die Sache nicht so ernst genommen, als wir es hätten tun sollen. Es war peinlich, weil wir dachten, wir wüssten, was wir machen«, sagt Prodigy im Interview mit Vice. Der Reality Check sah anders aus: kein Vertrag, keine Kohle, Gelächter. Ohne Producer begannen Mobb Deep von vorn, bauten Beats und schwörten sich ein. Jede Zeile müsste eine Geschichte erzählen. Jede Geschichte sollte wahr sein. »Wir entdeckten, dass wir einen Sound hatten, der nicht da draußen war. Unser Lebensstil, die Geschichten aus unserem Viertel, niemand hat sie erzählt«, so Prodigy.

Mobb Deep – The Infamous LPWebshop ► Vinyl 2LP Über Umwege landen sie bei Loud Records, dem dritten großen Label neben Def Jam und Bad Boy an der Ostküste. Matty C, ein Producer und Manager, mit dem Mobb Deep ihre ersten Songs aufnahmen, steckt das Demotape mit »Shook Ones, Pt. II« dem Loud-Boss Steve Rifkind zu. »Er wollte sofort ein Treffen ausmachen. Zwei Tage später waren wir in seinem Büro«, erinnert sich Prodigy. »Und obwohl Puff Daddy uns einen Deal anbot, unterschrieben wir bei Loud.« Plötzlich ist genug Kohle da, um ein Studio zu mieten. Q-Tip produziert neben Havoc die Beats, die Feature-Liste füllt sich mit Raekwon, Nas und Big Noyd. Am 25. April 1995 erscheint »The Infamous«. Mit der Platte fackeln Mobb Deep die Hölle nicht nur ab. Sie pulverisieren das Ding. Prodigy und Havoc ziehen sich die Kapuzen ins Gesicht und verziehen sich in die dunklen Ecken ihrer Hood, um aufzuräumen wie zwei Uzis beim Drive-by. »Rock you in your face, stab your brain with your nose bone«, rappt Prodigy auf »Shook Ones, Pt. II«. Dem Track, der für immer mit dem Jahr in Verbindung stehen wird, in dem sich Hip-Hop die Sturmmaske überstreift. Und Mobb Deep den Laden mit einem Überfallkommando aus 16 Tracks auseinandernehmen.


Die Musik von Artis findest du im Webshop von HHV Records.

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