Music Interview | verfasst 25.06.2010
Souljazz Orchestra
Polyrhythm Progression
Beats und tiefen Grooves konnte das kanadische Sextett The Souljazz Orchestra bereits mehrfach überzeugen.
Text Peter Hagen , Fotos Philippe Lafrenière
60-souljazzorchestra12009-www.hhv-mag.com

Das Atomic Café in München ist an diesem warmen Dienstagabend Ende Mai sehr gut besucht. Es ist keine Absicht, dass es weit über 30 Grad in der beliebten Location im 1960er- Jahre-Stil hat. Die Klimaanlage war kurz vorher kollabiert. Man könnte jedoch meinen, dass es den modernen Afrobeat-Polyrhythmen der kanadischen Kapelle The Souljazz Orchestra ganz gut ins Konzept passt. Ihre schweißtreibenden Grooves treiben die Temperaturen und das euphorische Publikum nur noch mehr nach vorne.
Mit ihrer aktuellen Scheibe »Manifesto« ist das Kollektiv aus Ottawa für wenige Konzerte in Europa. Wie es fast immer der Fall ist, spricht die von ihnen gespielte Musik nur ein kleines Publikum an, das sich in der Materie zwischen Fela Kuti, James Brown und Mulatu Astatke auskennt. Für den Live-Auftritt des flotten Sechsers sind alle offenkundig sehr dankbar. Tobias Kirmayer, Betreiber des angesehenen Labels Tramp Records, realisierte diese Veranstaltung. Der innovative und dynamische Sound durchdringt den Raum und hält was er auf den Schallplattenveröffentlichungen versprach. Bereits 2006 schlugen die Kanadier mit ihrem Album »Freedom No Go Die« nicht nur wegen ihren sozialkritischen Botschaft und der Kritik an der Bush-Administration voll ein. Ihr Energie-geladenes Konzept, Elemente der 1960er Jahre zwischen Weltmusik und Funk auf ein neues Level zu hieven, machten sie schnell in Liebhaberkreisen bekannt. International konnten sie fleißig Referenzen und Anerkennung sammeln, als sie neben etablierten Künstlern wie The Dap-Kings, The Quantic Soul Orchestra, K-OS, Saul Williams, Dele Sosimi (Egypt 80), Etta James oder Radiohead die Bühne teilten. So verkörpern sie seit dem Jahr 2002 den Faktor †ºmulti†¹ wie kaum eine andere Band. Sie sind multi-gender, multi-kulturell und multi-lingual. Der aktuelle Hype um analog-eingespielte Grooves der kleinen Renaissance authentischer Funk, Soul und Afrobeat-Sounds kommt ihnen gerade recht – vor allem weil sie diesen Vibe mit ihrem Weltmusik-Einfluss bereichern können. Philippe Lafrenière, Drummer und Mastermind der Gruppe beantwortete die Fragen.

Ihr wurdet im Jahr 2002 gegründet. Wie habt ihr zusammen gefunden?
Philippe Lafrenière: In Ottawa gab es zu dieser Zeit einige hippe Jams. Vor allem in der Mercury Lounge traf man sich zu guten Sounds. Wir lernten uns dort kennen und merkten sofort wie viele musikalische Gemeinsamkeiten wir hatten. So begannen wir bald zusammen zu proben, zu komponieren und zu musizieren.

Die Basis eurer musikalischen Mixtur liegt im Afrobeat und flirtet gerne mit Funk und Soul aus den 1960er Jahren. Würdest du sagen, dass Künstler wie die Antibalas oder The Dap-Kings als Pioniere den Weg für solchen Sound geebnet haben?
*Philippe Lafrenière:
Um ehrlich zu sein, kannten wir diese Musiker gar nicht. Jedoch sind wir vom Ansatz sehr ähnlich. Wir spielten jedoch alle vorher in verschiedenen Bands, die bevorzugt Jazz, Pop, Afrobeat und Funk aus Nigeria und Ruanda nachspielten. Wir waren also mit afrikanischen Polyrhythmen schon einige Zeit vertraut. Mit Funk und Soul sind wir aufgewachsen. Da lag es nahe das alles zu vermischen. Wir sind uns bewusst über die Roots, aber nicht beschränkt auch neue Wege zu gehen.

International habt ihr großartige Kritiken für eure Definition von Afrobeat bekommen. War es überhaupt das Ziel eine Art neue Formel zu generieren?
Philippe Lafrenière: Wir wollten schon immer unser eigenes Ding machen und unseren eigenen Stil entwickeln. Wir sind zufrieden damit etwas Einzigartiges und Persönliches geschaffen zu haben mit Respekt vor der Vergangenheit. Es freut uns natürlich dass das einigen Leuten gefällt.

Viele moderne Funk-Combos sprechen darüber, dass der Rhythmus in der Mitte des Sounds stehen muss. Ich denke ihr habt eine andere Philosophie. Die majestätischen Bläser sind sehr dominant…
Philippe Lafrenière: Definitiv. Für uns muss die Musik mehr als nur einen guten Beat haben. Wir versuchen ständig neue Grooves mit Tiefe und Substanz zu entwickeln.

Mitte der 1960er Jahre gab es einen offensichtlichen Einfluss der afrikanischen Highlife-Polyrhythmen auf den amerikanischen Funk. Denkst du, dass das der historisch wichtigste Punkt für den Austausch an sich war? Das Genie von James Brown und Fela Kuti basiert doch darauf…
Philippe Lafrenière: Die Wurzeln liegen einfach in Afrika. Und: In den 1960er Jahren waren der Austausch über den Atlantik einfach intensiv. Darauf kann man heute noch aufbauen.

Findest du die musikalische Vielfalt, die Afrika bietet, immer noch für zu wenig entdeckt und ausgeschöpft?
Philippe Lafrenière: Sicherlich. Es gibt sehr viel mehr als nur Fela Kuti und Afrobeat. Die Medien reduzieren das doch nur auf diese eine wichtige Figur. Wir beschäftigen uns gerade sehr mit ägyptischem und äthiopischem Jazz, mit großartigen Werken aus Ghana, Togo oder Benin.

Ganz neue Welten betretet ihr auf dem Stück Dub We
Philippe Lafrenière: Ja wir versuchen immer neue Richtungen einzuschlagen. Das ist eine Kooperation mit Horace Andy und Ashley Beedle für die nächste Ausgabe der »Inspiration Information«-Reihe. Reggae und Afro-Funk in einem Mittelweg – wir finden das spannend.

Ihr seid fünf Männer und eine Frau in der Band. Marielle, wie überlebst du das eigentlich?
*Marielle Rivard: * Keine Ahnung! Es ist gar nicht so schlecht. Wir sind wie Geschwister. Wir lachen viel miteinander. Vielleicht ist das die Erfolgsformel.

Ihr seid viel unterwegs und spielt weltweit viele Gigs. Wie wichtig ist es euren »Earthquaking Sound« live auf der Bühne zu spielen und eure Musik zu verbreiten?
Philippe Lafrenière: Wir wollen natürlich so viel Menschen wie möglich mit unserer Musik erreichen. Wir lieben es auch zu reisen und Leute und Kulturen kennen zu lernen. Es gibt ja auch nichts Besseres als auf der Bühne zu stehen.

Kanadier sind dafür bekannt, dass sie multikulturell, liberal und open-minded sind. Ist das in eure Musik auch eingeflossen?
Philippe Lafrenière: Unsere Musik reflektiert natürlich unsere Umwelt. Wir haben auch viele Freunde aus verschiedenen Kulturen. Das fließt sehr mit ein.

Man hört an Eurer Musik deutlich heraus, dass ihr von den 1960er Jahren sehr inspiriert seid. Gib es auch aktuelle, moderne Musik die euch bewegt?
Philippe Lafrenière: Viele aktuelle Musik ist sehr von Computern beeinflusst. Digitale Instrumente, Beats usw. Ich will die menschliche Komponente in der Musik hören und fühlen. Handgemachtes ist mir lieber. Aktuell mögen wir Nostalgia77, Quantic oder auch die neue Heliocentrics-Kollaboration mit der Jazzlegende Mulatu Astatke.

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