Music Interview | verfasst 28.02.2011
Virgo Four
Wiedergeboren
Die Karriere von Merwyn Sanders und Eric Lewis ist reich an Kuriositäten, Missverständnissen und verpassten Gelegenheiten. Nun stehen Virgo Four plötzlich im Zentrum des Interesses. Florian Aigner unterhielt sich mit Merwyn Sanders.
Text Florian Aigner
581-virgo20112quer-www.hhv-mag.com

Die Karriere von Merwyn Sanders und Eric Lewis ist reich an Kuriositäten, Missverständnissen und verpassten Gelegenheiten. Nachdem sich das Duo die Namen M.E. und Ace & The Sandman zurechtgelegt hatte, benannte Trax-Boss Larry Sherman das Duo auf deren erster Veröffentlichung auf Trax eigenmächtig und mit unternehmerischer Schlitzohrigkeit in Virgo Four um – wohlwissentlich, dass damit Verwechslungen mit Marshall Jeffersons gleichnamigem Projekt vorprogrammiert waren. Ihr Debütalbum erschien 1989 in kleiner Auflage über Radical Records, in Madchester wurden also im Sommer der Liebe und bunten Pillen nicht das Duo, sondern Kollegen wie Kevin Saunderson oder Adonis zu Popstars. 21 Jahre später veröffentlichen die geschätzten Kollegen von Rush Hour das Album erneut und auf einmal herrscht Einigkeit: Virgo ist eines der besten und wichtigsten House-Alben aller Zeiten. Das war vorher nicht allen klar, vor allem aber nicht Sanders und Lewis selbst. Die gehen in den gut 20 Jahren, die seither verstrichen sind, nämlich ehrlicher Arbeit nach und sind sich kaum bewusst, dass außerhalb der Stadtgrenzen mehr als eine handvoll Leute je von ihnen gehört hat. Da die beiden aber nie aufgehört haben, Musik zu produzieren, gelingt Rush Hour gleich der nächste Coup. Anfang dieser Woche erschien Resurrection, ein auf 5 Vinyls ausgedehntes Vermächtnis 30 zuvor unveröffentlichter Tracks, die in etwa in der Zeitspanne 1985 bis 1992 entstanden sind und das schwindelerregende Qualitätsniveau des – rückblickend – legendären Debütalbums halten. Florian Aigner unterhielt sich mit einem bestens gelaunten, völlig unprätentiösen Merwyn Sanders über Resurrection, Ron Hardys Chicago, die Eigenarten von Larry Sherman, Sternzeichen, Geduld und den Sex Appeal analoger Aufnahmetechnologien.

Du hast mal erwähnt, dass ihr tonnenweise unveröffentlichtes Material auf Tape gebunkert habt, wie habt ihr die 30 Tracks, die schlussendlich auf Resurrection gelandet sind denn ausgewählt?
*Merwyn Sanders *: Als ich Christiaan (Macdonald) von Rush Hour das erzählt habe, hat er mir wohl nicht geglaubt, dass es so viele sein würden. Er kam dann nach Chicago und ist die Tapes mit Eric gemeinsam durchgegangen. Es war ziemlich lustig. Eric und ich sind unseren alltäglichen Pflichten nachgekommen und Christiaan hat den ganzen Tag gewühlt. Morgens war er noch total motiviert, wenn Eric dann von der Arbeit nach Hause kam, lag Christiaan dann völlig platt auf der Couch, immer noch irgendwelche Tape-Knöpfe drückend und sich Notizzettel machend. Wir hatten die meisten Tapes einfach nur durchnummeriert, also versuchte Christiaan entweder den Tracks einen Namen zu geben, vor allem, wenn sie Vocals hatten oder aber sich gewissenhaft die Nummer und Stelle aufzuschreiben. Er hatte sich ungefähr 50 aufgeschrieben, die wir dann gemeinsam nochmals auf 30 reduzierten.

»Wir hatten immer gedacht, dass wir diese Sachen, wenn wir sie denn einmal veröffentlichen würden, neu einspielen und aufnehmen würden. Wir haben uns schließlich doch dagegen entschieden, um den Geist der Aufnahmen nicht zu zerstören. Gerade diese Rohheit macht wahrscheinlich ihren Charme aus, das wollten wir nicht zerstören.« (Merwyn Sanders) Du hast auch mal bestätigt, dass die meisten eurer frühen Tracks ohne Sequencer live eingespielt wurden. Trifft das auch auf das Material auf Resurrection zu?
Merwyn Sanders : In der Tat! Wir haben uns einfach nie einen Sequencer gekauft. Auf In A Vision haben wir aber beispielweise die sich wiederholende High Note Pattern über die Drum-Machine eingespielt. Wir haben also die Drum-Machine ab und zu als Sequencer-Ersatz benutzt, aber immer nur für einzelne Stellen innerhalb eines Tracks. Wir ordneten einige Keyboardtasten der jeweiligen Drum-Sequenz zu und spielten über dieses Gerüst den Rest dann live ein, häufig in improvisierter Form. Sogar die Drum-Sequenz haben wir quasi live verändert anstatt die einzelnen Abschnitte vorzuprogrammieren. Wir taten so, als würden wir irgendwo auftreten, der Raum war abgedunkelt und Eric hatte diese echten Verkehrslichter aus Chicago – diese Atmosphäre hat uns sehr inspiriert. Genau so haben wir auch auf Resurrection gearbeitet. Die meisten Tracks sind noch vor unserer ersten Veröffentlichung als Virgo Four entstanden. Der Grund warum wir so viel Material haben, dass bis jetzt verschollen war, war auch, dass wir schon lange bevor wir Musik veröffentlichten, schon jede Menge aufgenommen haben. 1981 oder 1982 haben wir bereits mit dem Moog Opus 3 Keyboard herumexperimentiert, wir hatten kaum Equipment, was auch einer der Gründe ist, warum wir klangen wie wir klangen. Oder sollte ich sagen »klingen«? Heute benutzen wir auch Logic und Cubase, aber: We still love the old way! It’s just more fun!

Wurden die Tracks für Resurrection denn gemastert?
Merwyn Sanders : Ja, alle. Man muss aber bedenken, dass das Qullenmaterial von einem 4-Spur-Rekorder stammt, weswegen das Material natürlich nicht wie heutige Produktionen klingt. Das machte die Sache zunächst etwas kompliziert. Wir hätten selbst nicht gedacht, dass wir einmal Platten rausbringen würden, die auf einem 4-Spur-Rekorder aufgenommen wurden. Wir hatten immer gedacht, dass wir diese Sachen, wenn wir sie denn einmal veröffentlichen würden, neu einspielen und aufnehmen würden. Wir haben uns schließlich doch dagegen entschieden, um den Geist der Aufnahmen nicht zu zerstören. Gerade diese Rohheit macht wahrscheinlich ihren Charme aus, das wollten wir nicht zerstören. Das ist ein bisschen so wie damals, als jeder ein Tape von Jamie Principles Your Love wollte und wenn du es endlich bekommen hast, war es schon so abgenutzt, dass die Soundqualität richtig mies war. Aber das spielte keine Rolle! Hoffentlich können wir dieses Gefühl mit Resurrection auch transportieren.

Habt ihr eigentlich in den letzten Jahren auch an neuer Musik gearbeitet?
Merwyn Sanders : Wir haben noch vor den Resurrection-Aufnahmen Musik gemacht und auch danach nie aufgehört – und zwar nicht nur House oder allgemein elektronische Musik. Wer weiß, vielleicht gibt es in 20 Jahren ein zweites Resurrection, dann mit Aufnahmen die wir seit den frühen Neunzigern gemacht haben (lacht). Wir sind das ja mittlerweile gewöhnt. Christiaan sagt schon die gleichen Sachen, wie damals Larry (Sherman): »Ich mag das neue Material nicht, das verkauft sich nicht, das passt nicht in den Zeitgeist, etc.« Ich sage jetzt einfach mal voraus, dass in 20 Jahren jemand die Frage stellen wird, ob wir nach Resurrection im Jahr 2011 neue Musik aufgenommen haben. Dann werden wir das gleiche tun wie heute und die nächste Retrospetive einfach Born Again nennen. We’ll be senior citizens putting out House Music!!!

Ihr habt beide einen sehr musikalischen Background. Gab es mal Überlegungen eure House-Produktionen mit ungewöhnlichen Elementen zu schmücken?
Merwyn Saunders: Oh ja, ständig. Ich wollte andere Stilrichtunge einbauen, mit einem Chor arbeiten, dem Chicago Youth Symphony Orchestra und so weiter. Ich habe bei den Grammys immer dieses Bild vor mir, dass da mal ein ziemlich unbekannter Act auftritt, mit einem ganzen Orchester, einem Chor, Live-Band und elektronischen Instrumenten und da dann eine Killer-Performance hinlegt. Einige sind nahe an diese Vorstellung rangekommen, Janet Jackson mit ihren housigeren Stücken oder C&C Music Factory mit A Deeper Love, aber die waren zu dem Zeitpunkt eh schon ziemlich groß. Vielleicht schaffe ich das ja eines Tages noch. We just need to find that one track that crosses over or crosses the line, that HUGE HIT!

Wurden von den neueren Sachen denn auch etwas veröffentlich bisher?
Merwyn Saunders: Ja, ich habe vor ungefähr fünf Jahren eine Single über Trax/Casablance veröffentlicht, die sich Elevator House Music nannte. Larry (Sherman) wollte Tracks haben, die nach Larry Heard klangen. Im Nachhinein hätte ich wohl zu ihm sagen sollen: »Äh, wie wär’s denn mit ein paar Tracks die nach Virgo Four klingen?« Aber zu dem Zeitpunkt hatten wir ja noch gar nicht auf dem Schirm, wie unsere Tracks 2010 wieder einschlagen würden. Anyway, er mochte den Track, der nach Larry Heard klingen sollte nicht, dafür aber einen anderen. Ich erinnere mich noch genau an die Situation. Farley Jackmaster Funk war bei Larry, weil er irgendetwas besprechen wollte und wir waren gerade dabei den Track fertig zu machen. Ich habe auf dem Track mit Van Christie zusammen produziert, Traysee J Leonard hat darauf Saxofon gespielt. An jenem Tag fragte mich Van dann, wie der Track eigentlich heißen sollte und das erste was mir einfiel war: Elevator House Music. Farley mochte den Track auch und hat sich sehr über den Titel amüsiert. Er gab mir seine Nummer, aber wir haben nie etwas in Angriff genommen bis jetzt. So, wo waren wir (lacht)? Ach ja, ich habe auch Sachen für ein Orchester geschrieben, Eric hat Weihnachtslieder komponiert, ich würde gerne wieder mehr Gospel machen – so viel, was man musikalisch gerne verwirklichen würde, aber die Verpflichtungen des Alltags stehen dem halt einfach oft im Weg.

»Wir haben so viel unveröffentlichte Musik, sowohl solo als auch zusammen. Und jetzt hat sich unsere Musik quasi von alleine zurück in das öffentliche Bewusstsein geschoben, ohne unser Zutun. Ein Zeichen Gottes, wenn du mich fragst« (Merwyn Sanders) Waren andere Prioritäten auch der Grund dafür, dass es solange gedauert hat, bis es zu diesem Virgo-Comeback kam? Oder dachtet ihr, dass sich eh keiner mehr für eure Musik interessieren würde?
Merwyn Sanders: Beides! Klar hatten wir andere Prioritäten, aber wir hatten wirklich absolut keine Ahnung, dass die Leute unser Debütalbum derart lieben, gerade auch außerhalb Chicagos. Ich freue mich beispielsweise auch immer noch total darüber, wenn du sagst, dass es so etwas wie einen »Virgo-Sound« gibt. Ich muss auch betonen, dass wir immer weitergemacht hätten, Musik zu produzieren, auch wenn kein einziges Plattenlabel je etwas von uns veröffentlicht hätte. Wir können gar nicht, wir haben keine Wahl. Selbst wenn wir nicht zusammen sind, arbeiten wir immer an Musik. Wir haben so viel unveröffentlichte Musik, sowohl solo als auch zusammen. Und jetzt hat sich unsere Musik quasi von alleine zurück in das öffentliche Bewusstsein geschoben, ohne unser Zutun. Ein Zeichen Gottes, wenn du mich fragst. Kurz bevor Christiaan uns kontaktiert hat, hatte ich schon zu Eric gesagt: »Komm lass uns unsere Musik verschenken.« Uns geht es wirklich nicht ums Geld oder Verträge, sondern nur um die Musik. Wir dachten, so lange es auch nur einen Menschen glücklich macht, sie zu hören, sollten wir es tun. Natürlich will man als Musiker damit auch seinen Lebensunterhalt finanzieren, aber das kommt ganz von alleine, daran glaube ich als Christ. Du gibst und dir wird gegeben werden! Wir haben unsere Karriere nie forciert und immer gewusst, dass es Musik für ein Nischenpublikum ist, obwohl wir auch einige Sachen gemacht haben, von denen wir dachten und immer noch denken, dass sie groß werden könnten. Das Lustige ist, dass Eric zu Larry (Sherman) gesagt hat, dass das, was jetzt passiert ist, passieren würden. Es hat halt nur 20 Jahre gedauert (lacht).

Apropos Larry Sherman: Ihr habt euch ja eigentlich M.E. genannt, wurdet dann aber von ihm dazu gezwungen euch in Virgo Four umzubenennen, weil er dachte, damit die Käufer zu erreichen, die bereits Fans von Marshall Jeffersons uns Adonis’ gleichnamigem Projekt waren. Seid ihr darüber heute immer noch unglücklich?
Merwyn Sanders: Ich persönlich schon, ja. Zunächst einmal, mag ich diesen ganzen Horrorskop- und Sternzeichen-Kram überhaupt nicht (Virgo = Jungfrau, Anm. d. Verf.). Ich weiß, dass das in den 1970er Jahren so ein »black thing« war. You know, »what†˜s yo†˜ sign« kinda†˜ thing. Außerdem war das eben Larrys Name und nicht unserer. Ich kann mit dem Namen leben, Eric wohl auch, er ist uns mittlerweile relativ egal. Whatever works, you know. Wir haben auch darüber nachgedacht uns nur noch V4 zu nennen, aber das verkompliziert alles vermutlich nur noch mehr. Heute gibt es ja immer noch ständig Verwechslungen, ob wir denn nun Virgo oder Virgo 4 heißen.

Hat Marshall Jefferson dieses Namensfiasko eigentlich jemals kommentiert?
Merwyn Sanders : Nein. Wir kannten von den ganzen Jungs aber eigentlich auch nur Adonis. Ich denke, dass es ihm wahrscheinlich egal ist. Er dachte wahrscheinlich auch, dass da Larry dahintersteckt und hätte uns dementsprechend wohl auch nichts zu sagen. Der Name ist für ihn wohl ohnehin Vergangenheit, er hat ja danach unter zahlreichen anderen Namen Musik produziert.

Wie würdest du euer Verhältnis zu Larry beschreiben? Er scheint ja ein sehr spezieller Zeitgenosse gewesen zu sein…
Merwyn Sanders : Ja, er war in der Tat sehr unkonventionell. Klar, auf der geschäftlichen Ebene, sind einige Dinge vorgefallen, die uns nicht passten. Aber auf der menschlichen Ebene, sind wir sehr gut mit ihm ausgekommen. Larry hat Eric manchmal mit den Studiengebühren geholfen oder mich mit Aufgaben bei Trax betraut, wenn ich in meiner College-Zeit Geld brauchte. Wir hingen auch bei ihm zu Hause rum und spielten Nintendo. Er wusste irgendwie bei jedem Thema Bescheid. Wenn er auch nicht immer Recht hatte: wir fragten viel und lernten viel von ihm. Ich erinnere mich noch daran, als wir unseren Vertrag unterschrieben. Er bestand darauf, dass wir das Kleingedruckte durchgehen und er wies uns auf wichtige, rechtliche Dinge hin. So schäbig manche seiner Geschäftspraktiken, laut vieler Betroffener auch gewesen sein mögen: er hätte uns all das auch gar nicht erklären müssen. Wenn er einfach davon ausgegangen wäre, dass wir das alles wissen, hätte er uns völlig über den Tisch ziehen können. Aber das hat er nicht getan.
Ich war übrigens der, der ständig mit Larry diskutiert und Streitgespräche geführt hat, Eric hielt sich da eher raus. Es waren eher solche Sachen, wie die oben besprochene Namensproblematik, oder dass er einfach das Intro von einem Track wegschneiden ließ, weil er es für überflüssig hielt – ohne uns darüber in Kenntnis zu setzen. Das war’s aber eigentlich schon. Eric hat sogar ein Haus von Larry gekauft. Wir persönlich sind also cool mit Larry. Für die anderen Trax-Künstler kann ich nicht sprechen, weil ich da auch nicht weiß, was vorgefallen ist. Da ich auch so oft mit Larry rumhing, begann ich auf manche Sachen nicht als Betrug, sonder als Cleverness wahrzunehmen. Wenn man zum Beispiel in das Trax Warehouse kam, saß dort meistens ein Typ, der mit einem Hammer die Paper Labels aus alten Platten heraus hämmerte, damit Larry das gebrauchte alte Vinyl zum Pressen seiner eigenen Platten benutzen konnte. Er konnte also eine Platte für 25 oder 50 Cent pressen lassen, die zwar nicht so gut klang, wie andere, aber die Leute kauften sie trotzdem. Weil zu dem Zeitpunkt auch keiner wusste, wie lange sich House Music halten würde, war das durchaus smart von Larry.
Was mich manchmal nachdenklich stimmt, ist der Vorwurf, dass Larry die Naivität junger, schwarzer Kids für seine finanziellen Interessen ausgenutzt habe. Ich bin da innerlich etwas zerrissen, zwischen solchen Vorwürfen und Erics und meinen Erfahrungen. Er hat uns manchmal sogar als seine Söhne bezeichnet, so seltsam das auch klingen mag.

» Wenn man zum Beispiel in das Trax Warehouse kam, saß dort meistens ein Typ, der mit einem Hammer die Paper Labels aus alten Platten heraus hämmerte, damit Larry das gebrauchte alte Vinyl zum Pressen seiner eigenen Platten benutzen konnte.« (Merwyn Sanders) Wo wir gerade in Chicago sind. Das Chicago der 1980er Jahre ist zu solch einem Mythos für House-Heads auf der ganzen Welt geworden. Gibt es einige besondere Erinnerungen oder Geschichten, die du mit uns teilen willst?
Merwyn Sanders : Naja, heute geht man irgendwohin und alle sehen gleich aus und benehmen sich gleich. Es geht immer nur ums Saufen und Abschleppen, die Musik ist sekundär. Bei euch drüben ist es nicht ganz so schlimm, aber ich gehe hier eigentlich gar nicht mehr nachts raus. Früher ging es hier darum, anders zu sein. Ob Preppy oder Punk – es ging um das Tanzen und natürlich um die Musik. Often dance circles would form and there would be a group »jackin†˜ it up« while everybody formed a circle around them to watch! Das gibt es heute nicht mehr. Die Art wie zu House Music getanzt wurde, war so speziell, du musst es gesehen haben, um es zu glauben. Deswegen war es auch so lustig für mich als Madonna Vogue rausgebracht hat und die Öffentlichkeit dachte, dass es etwas völlig Neues wäre. Dabei war das ganz schön zahm im Vergleich zu dem was in Chicago schon zehn Jahre zuvor auf den Tanzflächen abging. Es war alles so emotional. Die Leute schrien, johlten, manchmal heulten sie sogar vor Freude. Manche Typen fingen an zu bellen, so aufgedreht waren sie. Ich weiß noch als Jamie Principle im Mendel auftrat, es war verrückt. Die Energie damals…

Du warst in der Music Box, im Powerplant und im Warehouse. Hand aufs Herz, welches war denn nun der beste Club Chicagos damals?
Merwyn Sanders : Für mich persönlich tatsächlich die Mendel Catholic High School. Eric und ich waren ja etwas jünger und dementsprechend nicht ständig dort. Insgesamt würde ich sagen Music Box, Warehouse, Powerplant – in dieser Reihenfolge. Ich war größerer Ron Hard- als Frankie Knuckles-Fan, deswegen ist die Music Box meine Nummer Eins. Aber Mendel war, wie gesagt, eher unser Stammclub. Eric ging dort zur Schule, deswegen kamen wir oft für umsonst rein. Es gab zwei Floors, auf den Main Floor passten gut 1.000 Leute und auch der Floor darunter war für 700 bis 800 Leute konzipiert. The crowd was huge! Weil es eine katholische High School war, gab es keinen Alkohol oder Drogen, stattdessen ging es ums socializen und die Musik. Those were the days!

Viele der alten Legenden sind in letzter Zeit wieder wesentlich präsenter in Europa. Woran liegt das?
Merwyn Sanders : Ich glaube nicht an Zufälle, ich denke es liegt daran, dass ihr unsere Musik momentan einfach mehr zu schätzen wisst als die Amerikaner. Die meisten Jugendlichen hier hören Hip Hop. Chicago House und die Legenden von damals kennen hier nur die Älteren. Die wiederum sind mittlerweile alle verheiratet und haben Kinder. Und wenn sie doch mal rausgehen, wollen sie nur die alten Sachen hören. Deswegen ist es für die ganzen Legenden, wie du sie nennst, in Europa einfacher neue und andere Musik zu spielen.

Gibt es eigentlich auch einige jüngere Produzenten, die du gerne hörst?
Merwyn Sanders : Wow, ich fühle mich echt schlecht, mir fallen gar keine Namen ein. Einfallen tun mir gerade nur Leute aus Chicago, die ich kenne, wie Maurice Joshua, Vince Lawrence oder Van Christie. Oh Mann, ich sollte wirklich öfter rausgehen (lacht). Hey, hilf du mir doch! Ich will immer mit anderen Leuten zusammenarbeiten, aber irgendwie klappt das nie. Ich wünschte ich könnte.

Deine All-Time Top 5 in Sachen House?
Merwyn Sanders : Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, aber ich würde folgende nennen: Mr. Fingers’ Can You Feel It, Marshall Jeffersons Move Your Body, Jamie Principles Your Love, Ten City’s Devotion und Crystal Waters’ Gypsy Woman. Es gibt noch so viele andere, aber ich denke, das sind Tracks, die House definiert haben, wie wenige andere. Alle Tracks, die nach diesen kamen, haben Elemente daraus übernommen. Ich könnte an dieser Stelle beispielsweise auch C&C Music Factory’s Pride nennen, aber ich glaube ohne Ten City und Devotion hätte es auch kein Pride gegeben.

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Halbjahresrückblick 2019
50 best Vinyl Records so far
Was ist denn musikalisch 2019 überhaupt schon passiert? Woran sollte man sich als Vinyl-Liebhaber erinnern? Und welche Schallplatten wurden denn ungerechtfertigt übersehen? Diese 50 Schallplatten verraten es euch.
Music Liste
Polnischer Jazz
Eine Einführung in 10 Schallplatten
Die polnische Jazzszene gilt als eine der wichtigsten und kreativsten in Europa. Sie changiert heute zwischen oberflächlichen Konventionen und versteckten Brüchen. Eine kleine Spurensuche.
Music Essay
Frauen des Jazz
We Insist Female
Frauen im Jazz sind noch immer keine Selbstverständlichkeit. Das muss sich ändern. Denn schon in der Vergangenheit haben Musikerinnen den Jazz maßgeblich geprägt und auch die Zukunft liegt in ihren Händen.
Music Kolumne
Records Revisited
Lootpack – Soundpieces: Da Antidote! (1999)
Der erste Wurf: »Soundpieces: Da Antidote!« hob das noch junge Westküsten-Label Stones Throw vom Kreis der Auskenner in den Kult-Olymp. Jetzt wird der Underground-Klassiker 20 Jahre alt.
Music Essay
Britischer Jazz
On The Hot Spot
Der Jazz auf den Britischen Inseln steckt 2019 im Generationenumbruch. Neue Talente von Manchester bis London revidieren festgefahrene Konventionen und loten selbstbewusst die Grenzen des Genres aus. Warum gerade jetzt?
Music Kolumne
Records Revisited
Joy Division – Unknown Pleasures (1979)
Mit ihrem Debütalbum »Unknown Pleasures« verhalfen Joy Division der introvertierten Aggression des Post-Punk zum großen Durchbruch und galten fortan als traurigste Band der Welt. Sind sie auch 40 Jahre später noch so düster?
Music Porträt
Àbáse
Magische Momente
Inspiriert von Fela Kutis Afrobeat, Blue Note-Jazz und einer lebensverändernden Erfahrung in Brasilien, vereinen Àbáse mit ihrer neuen EP »Invocation« die beste aller Welten. Wir hatten die Gelegenheit mit Szabolcs Bognar zu sprechen.
Music Essay
Cool Japan
Warum japanische Musik ein Revival feiert (Teil 2)
Seit geraumer Zeit stehen Reissues japanischer Alben aus den Achtzigern hoch im Kurs. Warum, erforscht unsere zweiteilige Serie »Cool Japan Forever«. Teil zwei widmet sich dem experimentellen Sound der japanischen »Bubble Economy«.
Music Essay
Cool Japan
Warum japanische Musik ein Revival feiert (Teil 1)
Seit geraumer Zeit stehen Reissues japanischer Alben aus den 1980er Jahren hoch im Kurs. Warum, das erforscht unsere zweiteilige Serie »Cool Japan«. Wir fangen mit den Anfängen elektronischer Musik in Japan an.