Music Porträt | verfasst 07.03.2011
Amos Lee
Untypischer Top-Seller
Mission Bell, das vierte Album des amerikanischen Singer/Songwriters Amos Lee, landete überraschend an der Spitze der Billboard-Charts.
Text Michael Ernst , Fotos Harper Smith
647-amoslee20111-www.hhv-mag.com

Vor kurzem sorgte Amos Lee für eine handfeste Sensation in den US-Charts. Der 32-jährige Singer/Songwriter aus Philadelphia verfügt über eine tolle Soulstimme und schreibt gute Songs zwischen Soul, Gospel, Folk, Rock und Country. Dennoch wurde er bislang sowohl in den USA als auch in Europa eher als Insider-Tipp gehandelt, und keineswegs als Künstler, der sich aus dem Stand an die Spitze der amerikanischen Billboard Top 200 Album Charts setzten könnte. Genau das hat er aber Anfang Februar mit seinem vierten Album Mission Bell geschafft. Auf Platz zwei folgte mit Samuel Beam ein weiterer Americana-Künstler mit dem neuen Album seines Iron & Wine – Projektes. Beam ist übrigens zufällig auch als Gastkünstler auf Lees Mission Bell vertreten. Ganz schön Americana-lastig, die Spitze der US-Charts, könnte man meinen. Aber die Plätze drei bis fünf wurden dann schon eher erwartungsgemäß von Nicki Minaj, einer Grammy-Compilation und Bruno Mars belegt. Außerdem war der Erfolg zugleich mit einem Minus-Rekord für die Plattenindustrie verbunden. 40.478 verkaufte Exemplare von __Mission Bell: genügten, um die Spitzenposition zu erlangen. Und in der Folgewoche rutschte das neue Album von Lee auch gleich auf Platz 26 der Charts ab. Trotzdem bleibt das natürlich ein Riesenerfolg für Amos Lee. Und verdient hat er eine Topplatzierung mit Mission Bell ohnehin.

»Vermutlich könnte man mich einen †ºSinger/Songwriter†¹ nennen, da ich Gitarre spiele und singe. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mehr oder weniger Singer/Songwriter bin als irgendjemand, der Pop- oder R&B-Songs schreibt.« (Amos Lee) In der Ruhe liegt die Kraft
Lee betont, dass er sich für die Arbeit an diesem Album viel Zeit gelassen habe. »In der Vergangenheit habe ich manche Songs zu schnell aufgenommen, sofort nachdem ich sie geschrieben hatte. Bei diesem Album habe ich mir die Zeit genommen, alle Songs genau in Augenschein zu nehmen. Ich befand mich nicht auf einer Konzertreise, war auch durch sonst nichts abgelenkt und voll bei der Sache. Ich habe viel über die Songs und deren Arrangements nachgedacht. Und darüber, mit welchen Leuten ich arbeiten wollte. Auch die Songauswahl ist dieses Mal etwas präziser ausgefallen, so dass eine gewisse Kontinuität auf diesem Album gegeben ist.« Aufgenommen hat Lee das Album in Tucson, Arizona, mit tatkräftiger musikalischer Unterstützung von Joey Burns, der das Album auch produzierte, und John Convertino. Die Jungs von Calexico verleihen einigen der Songs ihren rauen und melancholischen Wüstensound. Gelegentlich erklingt sogar das unverkennbare Spiel des Calexico-Trompeters Jacob Valenzuela. »Wir hatten uns vor einigen Jahren bei einem Open-Air-Konzert in Wien kennengelernt. Damals hatte ich im Vorprogramm von Calexico gespielt, und wir blieben in Kontakt«, erinnert sich Lee. »Ich habe ihnen ein paar der neuen Songs geschickt, und sie standen darauf. Daraufhin habe ich sie aufgesucht und die Platte mit ihnen aufgenommen. Sie sind großartig und offen für alles Mögliche. Ich komme gewiss eher aus einer R&B-Ecke, aber auch darauf konnten sie sich gut einlassen. So wie ich es gut fand, wenn sie ein paar Moll-Akkorde, Latino-Rhythmen und Atmosphäre einbrachten.«

Streifzug durch die Genres
Lees Musik streift auf dem neuen Album mehr Genres als je zuvor. Neben dem Soul- und Folk-Charakter, der auf seinen früheren Alben dominierte, treten auf Mission Bell nun auch etwas deutlicher Gospel- und Country-Elemente in den Vordergrund, Calexico-Wüstensand inklusive. Gastauftritte von Willie Nelson und Lucinda Williams lenken die Aufmerksamkeit zusätzlich in Richtung Country & Western, aber Lee betont zu Recht: »Ich denke bei diesen Künstlern nicht in erster Linie an Country, sondern zunächst daran, dass beide großartige Songschreiber sind. Genres fand ich schon immer eher verwirrend. Vermutlich könnte man mich einen †ºSinger/Songwriter†¹ nennen, da ich Gitarre spiele und singe. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mehr oder weniger Singer/Songwriter bin als irgendjemand, der Pop- oder R&B-Songs schreibt.« Anfang März kommt Lee für zwei Clubgigs nach Deutschland. Und im Sommer werden voraussichtlich ein paar Festivalauftritte folgen. Dabei wird er auch hier wieder neue Fans gewinnen. Und vielleicht reicht es mit dem nächsten Album auch in Deutschland für eine Spitzenposition in den Albumcharts. Vorausgesetzt, dass es dann überhaupt noch Tonträger gibt.

Das Album Mission Bell von Amos Lee findest du bei hhv.de: LP
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