Music Kolumne | verfasst 15.06.2011
Aigners Inventur
Mai 2011
Irgendetwas stimmt diesen Monat nicht. Was sich im Mai zur Kaffeefahrt verabredete, war im Schnitt älter als der AC Mailand. Und das ausgerechnet im Monat nach Goblin. Quo vadis, Mai?
Text Florian Aigner

Kool G Rap - Riches, Royalty & RespectFind it at hhv.de: LP | CD Anyway, beginnen wir mit einem meiner Lieblingsopas. Kool G Rap dürfte historisch gesehen einer der unterbewertetsten Rapper aller Zeiten sein. Umso tragischer, dass er seinen chirurgisch präzisen, atemlosen Flow mittlerweile durch aktuellere Akzentuierungstaktiken ersetzt hat. So rutscht dem Queens-Original auf Riches, Royalty, Respect mehr als einmal eine arg forciert südstaatlerisch betonte Vokalkette aus dem Rachen und auch in Sachen Geschwindigkeit passt sich K-G-R einige Male zu oft an komtemporäre Swag-Standards an. Davon abgesehen ist Riches, Royalty, Respect aber ein ziemlich kompromiss- und humorloses Album für die Straßenköter mit klassizistischer Instrumentierung. Sehr solide, aber ich schmeiß jetzt – so verbittert das auch klingen mag – trotzdem Wanted: Dead Or Alive ein.
 

Large Professor & Neek The Exotic - Still On The HustleFind it at hhv.de: LP | CD Ebenfalls über Fat Beats erschien vor einigen Tagen eine Kollaboration, die in der Napster-Ära für Furore gesorgt hatte, heute aber nur noch Timbs-Träger Baujahr 85 und älter aufhorchen lassen dürfte. Neek The Exotic lässt sich vom großen Large Professor ein Album auf den Leib schneidern, das sich ganz und gar dem New York’schen Sound um die Jahrtausendwende widmet. Das Problem dabei: Still On The Hustle will gar nicht unbedingt retro sein und klingt deswegen um einiges angestaubter als das, was beispielsweise Roc Marciano seit 1-2 Jahren so treibt.
 

Vast Aire - OX 2010 - A Street Odyssey Find it at hhv.de: LP | CD Vast Aire als Reimklaus mit Down-Syndrom-Flow zu diffamieren, ist in Mode gekommen als es absehbar wurde, dass dieser (genau wie sein Kollege Vordul) dem durch das immer noch phänomenale The Cold Vein aufgebauten Druck nicht standhalten würde. OX 2010: A Street Odyssey ist, auch wenn uns der Titel dies suggerieren will, natürlich auch wieder nicht die adäquate Fortsetzung jenes Def Jux-Klassikers, aber ein gut produziertes Post-Boom-Bap-Statement, das sich weder in ohrenkrebsigen Art-Rap-Experimenten verliert, noch zu offensichtlich zitiert. Und ich mag einfach wie dieser ungelenke Teddybär nach Silben ringt.
 

Edo G - A Face In The CrowdFind it at hhv.de: CD Selbiges gilt für Edo G., wobei dieser freilich wesentlich galanter über Kick und Snare marschiert – auch in fortgeschrittenem Alter, wie er unlängst auf A Face In The Crowd nachweisen konnte. Wie sich das gehört, beginnt Edo mit einem schnieken Premo-Beat, gefolgt von einigen Detroit’ismen, eleganten Vocal-Samples, drei, vier Aussetzern und mindestens zwei Interludes zu viel. Unterm Strich aber eine saubere Angelegenheit, was zu mindestens zu 70 Prozent Herrn G-Punkts wunderbar unprätentiösem Auftreten geschuldet ist.
 

J Rawls - The Hip-Hop AffectFind it at hhv.de: LP | CD J Rawls ist die bessere Version der People Under The Stairs. Yeah, I said it. Während mich letztere mit ihrem BBQ-Jazz-Hop in den letzten Jahren nur noch langweiligen, bleibt Rawls auf seinen, an sich auch immer gleich klingenden, Beats irgendwie immer etwas spannender als das Duo aus L.A. Auf The Hip Hop Affect lädt sich Rawls wieder die echte Schule ein, kollaboriert mit anderen Triple Threats wie Diamond D und Kev Brown und wechselt gekonnt zwischen dudeligen Jazz-Samples und elegantem Sofa-Bap. Über den schlechtesten Sex-Vers aller Zeiten auf Ya Friends In The Way breiten wir angesichts dessen gönnerhaft den Mantel des Schweigens aus.
 

DJ Premier - Beats That Collected Dust Volume 2Find it at hhv.de: LP Und weil die 10er die neuen 90er sind, gräbt nun sogar einer der großen Dominatoren dieser Ära im Archiv und teilt, bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr, ein Dutzend unveröffentlichte Beats mit uns. Die Rede ist von einem gewissen DJ Premier, die Resterampe hört auf den Namen Beats That Collected Dust und auch wenn hier keiner etwas in der Gewichtsklasse Mass Appeal, NY State Of Mind oder Livin Proof finden wird: it’s P-P-P-P-Premier, DJ P-P-P-P-P-Premier, goddamnit.
 

Madlib - Medicine Show #9Find it at hhv.de: CD Problematischer ist Nittyville, Madlibs Projekt mit Frank Nitt (ja, der Typ von Frank-N-Dank). Warum? Weil Genosse Nitt für seine eh schon immer eher rudimentären Reime hier fast allesamt die Madlib-Beats gepickt hat, die dieser vermutlich unter dem Stichwort »Dilla-Pause-Clones-To-Be-Deleted« archiviert hat. Das macht für Nitts grobschlächtige Strip-Aufforderungen durchaus Sinn, nur muss man sagen, dass Madlib es hier nicht schafft, die gleiche Magie zu erzeugen wie der seelige Herr Yancey. Während dessen funktionale Club-Banger immer eine ungeheure Dynamik zwischen Kopf und Bein erzeugten, funktioniert Madlibs ansonsten so geschätzter Skizzen-Stil auf Nittyvillle nicht.
 

David Vangel - Breadth ControlFind it at hhv.de: LP | CD Weiter mit den komplexen Soundcollagen von David Vangel. Der kombiniert roughe Drumpatterns, die bei Endtroducing genau hingehört haben, mit ausladenden Flächen. Mir ist der wiederkehrende, fast schon an Arcade Fire erinnernde Folk-Pathos auf voller Länge zu viel, aber bei wem es eher mehr sein darf, wird an Breadth Control seine helle Freude haben.
 

Amon Tobin-IsamFind it at hhv.de: LP | CD Apropos Wall Of Sound: Der Großmeister der klaustrophobischen Raumfüllung ist zurück. Amon Tobins Isam dröhnt wie schon der Vorgänger amorpher als seine Frühwerke, funktioniert aber im Gegensatz zu Großtaten wie Permutation oder Supermodified eigentlich nur als Gesamtkunstwerk inklusive virtuoser Visualisierung. Zuhause hingegen artet das Dechiffrieren dieser unklassifizierbaren Soundberge zu häufig in Arbeit aus.
 

Battles - Gloss DropFind it at hhv.de: LP | CD Inwieweit Tyondai Braxtons Verlassen der Band den Nerd-Groovern von Battles geholfen hat, sich zu entkrampfen, haben die Kollegen von Pitchfork schon ad infinitum abgehandelt. Deswegen nur so viel: ja, Mirrored war ein besseres Album als Glass Drop es ist, aber die Art und Weise wie diese Prog-Streber aus wahnwitzigen Kunsthochschulen-Darbietungen immer wieder housige Grooves herausschälen und diese dann genau so lange isolieren wie sie interessant bleiben, ist schon klasse. Da lenken die Vocal-Beiträge vom eigentlichen Spektakel sogar eher ab. Ich freue mich auf die Remixes und verlange an dieser Stelle einen Beitrag von Actress. Das tue ich zwar prinzipiell immer, aber hier wäre das ein Traum.
 

Gang Gang Dance - Eye ContactFind it at hhv.de: LP Eine andere Privatdozenten-Band habe ich hingegen nie richtig verstanden. Gang Gang Dance waren uns Akademikerschnöseln in ihrem Pound’schen Zitierwahn zwar sympathisch, aber oft auch eher unhörbar. Und so oft das die Kollegen von der schreibenden Zunft jetzt auch wieder in Bezug auf Eye Contact verneinen wollen: sie sind es immer noch. So ambitioniert es auf dem Papier klingt fernöstliche und afrikanische Melodien mit Zomby-Synths, der Entrücktheit von The Knife, britischem Subbass und Tortoise’schen Riffs zu kombinieren, so unausgegoren wirkt das Endprodukt. Aber das gibt ja wieder keiner zu.
 

Boxcutter - The DissolveFind it at hhv.de: LP Den Snobismus abgelegt hat hingegen Boxcutter, der sich auf The Dissolve so melodiös und funky zeigt wie noch nie. Ähnlich wie kurz davor Squarepusher wird hier frickeliges Kraftmeiern durch luftige Future Boogie-Nummern ersetzt, Vocals nicht mehr systematisch zerschossen und Prince, 2-Step und 4×4 nicht mehr nur durch ein Prisma betrachtet. Ein richtiger Schritt!
 

Planningtorock - WFind it at hhv.de: LP Überrascht es wirklich jemanden, dass gerade jetzt, wo die drei Buchstaben DFA synonym geworden sind mit geschmackssicherem discoidem Hipster-House, James Murphy eine Platte veröffentlichen lässt, die mit wenigen Ausnahmen so gar nicht in die Bassdrum-dominierte Phase des Labels passt? Eben. Planningtorocks W ist ein experimenteller Brocken, der sich von Eno, über Ultravox, Arthur Russell und Blondie bis hin zu Fever Ray zitiert, ohne sich jemals eine Millisekunde Funktionalitätsgedanken zu machen. Natürlich ist das in seiner Verkopft- und Bemühtheit anstrengend, zugegebenermaßen aber auch wirklich schlüssig.
 

Spatial - SpatialFind it at hhv.de: LP Wechseln wir rüber in das Post-Everything-Brit-Bass-Camp. Spatial ist einer dieser Produzenten, die das hypnotische Potential von Techno mit gebrochenen britischen Beats paarten und britischer Bassmusik hiermit das Fett absaugten. Vor kurzem erschienen nun dessen Vinyl-Only-Tracks auf einem schlicht Spatial betitelten Silberling. Latecomers, get on it!
 

LV - RoutesFind it at hhv.de: LP Eine ähnliche Zielgruppe dürfte Routes ansprechen, eines dieser Alben, das so quintessentiell London ist und dennoch auch in unseren Breitengraden fasziniert. LV hat sich hierfür den Vokalisten Joshua Idehen eingeladen, der ab und an auftaucht und mal kryptische, mal unfassbar komische Sachen ins Mikro haucht. Während Idehen LVs Ideen gut ergänzt und Routes um eine weitere Facette erweitert, ist LV der eigentliche Star des Albums. Egal, ob hektische UK Rave-Banger, Garage Lamentos, Wonky-Ish oder Grime – der Kerl kann alles und v.a. führt er die mannigfaltigen Stränge der britischen Basskultur auf Albumlänge so gekonnt zusammen wie wenige vor ihm. Ein großartiges Album.
 

Surgeon - Breaking Time Während die britische 2-Step/Garage/Jungle/Grime/Dubstep/D&B-Chose schon viel zu oft erzählt wurde, fristet der britische Techno in der Rezeption und Verarbeitung immer noch eher ein Mauerblümchendasein, einigen Lobpreisungen des Hardwax-Camps und der Widererstarkung ehemaliger Fackelträger wie Luke Slater, Regis oder Surgeon zum Trotz. Hierbei ist es interessant zu beobachten, dass Surgeon auf Breaking The Frame, seinem ersten Album seit einer halben Ewigkeit, noch am ehesten den hochtourigen Sound der British Murder Boys-Ära hochhält, diesen aber durch ambiente Flächen aufbricht und in einem wahnwitzigen Harfeninferno in der Albummitte kulminieren lässt. Schön zu sehen, dass sich Autorentechno und 135bpm auch 2011 nicht widersprechen müssen.
 

Bruno Pronsato - Lovers Do Das schöne an der Minimal-Implosion ist ja, dass sie die übliche reinigende Wirkung hatte und sich (fast) nur noch die wirklich Guten trauen mit diesen pedantischen Klackerdrums und Micro-Figürchen zu arbeiten. Bruno Pronsato minimal zu schimpfen ist hierbei zwar der erste Denkfehler, aber immerhin fußt Pronsatos expressiv-jazziger Habitus auf einer sehr reduzierten Basis. Deswegen müssen diese Tracks auch so lange sein, Pronsato braucht Zeit um aus sanft klopfenden Drumtools kleinteilige Figuren zu schälen, die wild und dennoch kontrolliert durch diese 12-minütigen Erzählungen mäandern. Lovers Do ist dann auch am ehesten das, was man von Isolée vor We Are Monster erwartet hatte. Das ist immer noch ein großes Kompliment.
 

Paul Kalkbrenner - Icke WiederFind it at hhv.de: LP Uff, jetzt wird’s schwierig. Von Feingeist-Pronsato zu Bratzen-Paul. Wobei dessen Truppenatzentum und Leihenschauspiel-Handicap eigentlich viel asseliger ist als die Musik, zu der sich diese ganzen ekligen G-Star-Nasen mittlerweile Jägermeister statt Pillen geben. Aber zur Musik: Icke wieder versucht Berlin Calling 2 zu sein, verzichtet dabei aber auf die ganz großen Gesten. Hört man all das kontextfrei, muss man sagen, dass es schon wesentlich verheerendere Techno-Ausläufer in die Tankstellen-Auslagen geschafft haben als dieser melodiöse, Euphorie und Melancholie geschickt verbindende Openair-Sound. Jetzt nix für mich, aber auf Kalkbrenner einzuprügeln, ist halt auch sooooo 2009.
 

DJ Harvey - Locussolus...The AlbumFind it at hhv.de: LP Wer sich nach dem bloßen Erwähnen des K-Wortes nun reinwaschen will: Kein Problem, der Säulenheilige des balearischen Eklektizismus und Messias der Kredibilität hat nach einem Vierteljahrhundert im Dienst ein erstes richtiges Album gemacht. Wobei, streng genommen ist Locussolus eher eine Compilation der von DJ Harvey über das kleine Label International Feel veröffentlichten Maxis der letzten zwei Jahre. Wer die nicht gehört hat: natürlich gibt Harvey hier auch den croonenden Sektenführer, es fällt aber auch auf, dass er es sich zum Ziel gemacht hat, seine exponierte Stellung für vermeintliche No-Gos auszunutzen: so reanimiert Harvey beispielsweise Electroclash-Standards und singt ein, zwei Mal nur knapp an der Vox-Travel-Romantik vorbei. Und warum? Weil er Harvey und Locussolus trotz einer gewissen Unfokussiertheit ein guter Arbeitsnachweis ist.
 

Massimiliano Pagliara - Focus For InfinityFind it at hhv.de: LP Dass Harvey einer der Helden von Massimo Pagliara ist, wusste man auch schon vor Focus For Infinity, der ersten Langspielrille des Italieners. Die steht ganz im Zeichen der frühen Cosmic-Ära, in der man sich nicht vor übermächtigen Synthesizern, niedrigen Tempi und einer Prise Herzschmerz fürchtete. Pagliara ergänzt die serienmäßig eingebauten Moroder- und Carpenter-Plugins unaufdringlich mit feistem Roland-Rattern, DFA-Basslines und ausformulierten Songs. Solide, wenn auch wenig überraschend.
 

Tiger & Woods - Gin NationFind it at hhv.de: LP Eher bei Boogie- und Pop-Platten aus den 80ern bedienen sich hingegen Tiger & Woods, jenes mysteriöse Edit-Duo also, das nun mit Through The Green ein ganzes Album voll mit scharf gechoppten Samples und repetitiver Hysterie vorlegt. Das funktioniert prächtig, erinnert mal an die Sample- und Filter-Manie der French-House-Ära, mal an Boogie auf Steroiden und in den besten Momenten sogar an Soundstream, weil das Duo ein ausgesprochen gutes Gespür für tragende Loops und deren Weiterentwicklung hat.
 

Big Strick - Detroit HeatFind it at hhv.de: CD Das Beste habe ich mir unterdessen für den Schluss aufgehoben. Big Strick, jener Sympathikus also, den Kollege Okraj vor geraumer Zeit interviewte, hat nach einigen Verzögerungen nun endlich Detroit Heat veröffentlicht, ein Album, das in seiner stoischen Magie am ehesten familienintern mit Omar S, oder, in geringerem Ausmaß, mit Rick Wilhites Analag Aquarium zu vergleichen ist. House und Techno wie sie in der hier dargebotenen Intensität und Instinktivität wohl immer noch nur aus Detroit oder Chicago kommen können. Das mag ein unfassbar klischeehafter Satz sein, aber wer meint, diesen nach Detroit Heat immer noch ironisch brechen zu müssen, hat wenig bis nichts verstanden.
 

Gene Hunt - Chicago Dance Tracks 2Find it at hhv.de: LP Und wem haben wir Leute wie Omar S oder Big Strick zu verdanken? Jawohl, Menschen wie Larry Heard, Marshall Jefferson oder Lil Louis. Nachdem ich letzten Monat bereits unkontrolliert über Teil 1 der von Gene Hunt zusammengestellten Reihe Chicago Dance Tracks ejakuliert habe, schweige ich an dieser Stelle bezüglich Teil 2. Nur so viel sei gesagt: Jack! Jack! Jack!
 

So das war’s für heute, ich geh weiter den MVP feiern.

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Floating Points
»Sowas bringt mich auf die Palme!«
Floating Points mag das Wort »Crush«. Es sei einerserseits zärtlich, andererseits stehe es für langsame Gewalt. Sein neues Album heißt »Crush« und es bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld. Wir trafen ihn zum Gespräch.