Music Interview | verfasst 19.12.2006
Audio88
»Ich bin ja keine Religion!«
Der Text, oder das Wort, im Zentrum der Musik. Audio88 bohrt sich mit seinen Gebilden aus Metaphern und Gleichnissen tief unter die Haut seiner Zuhörer. Wir trafen Audio88 auf einem Balkon im Prenzlauer Berg…
Text Sascha Leutloff
Audio99

Worin liegt der Schwerpunkt in deiner Musik?
Audio88: Ich bin schon sehr auf den Text fokussiert, die Musik ist da untergeordnet. Ich habe zwar schon 6 Alben produziert, mache demzufolge auch Beats, nicht nur für mich, auch für andere Leute, aber nicht auf einem hohen musikalischem Level. Bei größeren Auflagen machen andere Produzenten mit, um musikalische Vielfalt zu gewährleisten. Als ich angefangen hab, bin ich davon ausgegegangen, dass sich die Leute die Texte lieber anhören als durchzulesen. Die ersten CDs sind musikalisch totaler Ramsch.

Hast du geplant, Texte zu veröffentlichen?
Audio88: Nein. Ich glaube die Sachen wirken anders, wenn ich sie vortrage, als wenn man sie lesen würde. Ich glaube ich müßte dann anders schreiben, da ich im Moment viele Sachen auf Wortklang schreibe und denke, dass die Wirkung beim nur Lesen nicht dieselbe ist.

Wie schreibst du?
Audio88: Ich mach mir übers Schreiben keine Gedanken. Ich höre keine Beats beim Schreiben. Ich schreibe fast alles in der U-Bahn und auch meist in einem fort, ohne etwas beabsichtigen zu wollen. Ich setze mich jetzt nicht hin und will über dieses oder jenes Thema sprechen oder zu einem bestimmten Beat schreiben. Wenn man etwas produktives macht und damit nach außen geht, wirkt man immer irgendwie auf Leute; positiv oder negativ. Ich glaube nicht, dass ich so einen großen Einfluss habe. Zum Beispiel setze mich jetzt nicht hin und schreibe etwas, um damit was zu verändern. Ich glaube nicht, dass das so funktioniert. Ich werde mir da nichts vormachen, von wegen »ich bin auf einer Mission«.

Aber es ist doch trotzdem etwas, was raus muss?
Audio88: Ja schon, aber nicht geplant. Ich hab halt immer ein Notizbuch dabei und wenn etwas entsteht, schreib ich es auf. Auf der ersten Zeile aufbauend schreibe ich auch dann gleich einen ganzen Text. Der wird dann im Nachhinein auch nicht mehr bearbeitet.

Was war der Anstoß zum Schreiben?
Audio88: Mit 16 Jahren habe ich angefangen zu Freestylen, habe aber nie Raps geschrieben. Nachdem die Lust zum Freestylen vergangen ist, habe ich halt den ersten Text geschrieben und der hatte dann halt diese Form. Es war jetzt aber nicht in der Absicht, etwas anderes zu machen um anders zu sein. Das hat so für mich einfach am besten funktioniert.

Ist es besser, Dinge in eine Metapher zu packen, als sie direkt zu sagen?
Audio88: Ich hab ja an mich einen künstlerischen Anspruch. Warum soll ich ein Lied mit 20 Parolen aufnehmen: Esst kein Fleisch, macht keinen Krieg, schlagt nicht eure Kinder. Ich bin ja keine Religion! Daher finde ich die Metapher besser. Aber ich glaube, dass es ein Gegensatz ist zwischen Metaphern und der direkten Ansprache.

Manchmal ist die Metapher auch direkter.
Audio88: Ja, wenn man denkt die Metapher zu verstehen oder etwas darin sieht, dann setzt man sich ja direkt damit auseinander. Das ist besser, als wenn man etwas auf ein Schild schreibt.

Das wirkt auch nicht mehr auf die Leute. Wenn man „Rauchen tötet“ auf eine Schachtel Zigaretten schreibt, interessiert das ja auch keinen.
Audio88: Ja, das denke ich auch.

Veränderst du deine Texte im Prozess der Songentwicklung?
Audio88: Nein, da muss sich das Instrumental unterordnen. Natürlich kann man Pausen einbauen, aber ich fange jetzt nicht an Takte zu zählen: 16 Bars auf 16 Takte, nach 4 Zeilen die Hook, dann kommt die Bridge, dann wieder 16 Bars. Ich kann auch nicht verstehen, wie man so arbeiten kann. Trotzdem gibt es Leute, die das toll machen. Jedoch weiß ich nicht, wie Form über Inhalt stehen kann, oder Form über Aussage. Man kann die Form natürlich perfektionieren und eine Message rüberbringen. Ein Beispiel diesbezüglich ist Sage Francis. Trotzdem denke ich, daß man durch eine Form immer eingeschränkt wird.

Wirst du Live auftreten beziehungsweise auf Tour gehen?
Audio88: Schwierig. Ich trete in Januar in München auf, krieg aber nicht den Arsch hoch.

Wie war die Resonanz bei den bisherigen Auftritten?
Audio88: Überraschend gut, ich war sehr erstaunt. Man muss sagen, ich selbst tu mich ziemlich schwer, meine Texte auswendig zu lernen. Das liegt vielleicht daran, dass sich einerseits meine Texte nicht Reimen aber andererseits die Textmenge einfach riesig ist. Die Texte liegen rum, werden aufgenommen und sind dann auch vom Tisch. Außerdem hört man beim Selbstproduzieren sein Zeug ja auch permanent, so dass ich auch manchmal einfach keine Lust habe, die Songs auswendig zu lernen.

Hast du den Anspruch, von deiner Kunst zu leben zu müssen?
Audio88: Nein, weil dann wäre ich ja unter dem Zwang, produktiv sein zu müssen. Im Moment entsteht meine Produktivität aus sich selbst heraus, weil das, was raus kommt, auch raus will. Wenn sich die Produktionskosten decken und man sich mal hier und da ein neues Mikrofon leisten kann, ist das schon okay. Außerdem muss man, um von der Musik leben zu können, größere Stückzahlen absetzen als ich es tue.

Wie läuft denn das aktuelle Album?
Audio88: Wir haben bisher noch keine Abrechnungen mit den Shops gemacht, weil die CD noch nicht so lange draußen ist. Auf meiner eigenen Website geht das Ding ganz gut weg.

Ist die Website deine größte Plattform?
Audio88: Zum Teil. Zusätzlich gibt es noch eine MySpace-Seite und die Webseite von Himalaya-Pop. Die CD steht noch bei hhv.de, Offbeaters und Vinylkingz.

»Heftig.com haben toll geschrieben und zwar, dass man vor dem Genuss des Albums nicht kiffen sollte. Da hab ich mir den Typen, der darüber geschrieben hat, super vorstellen können, wie er im Badezimmer seinen Eimer geraucht hat, dann die CD gehört hat und dachte: »Ey, das geht mir jetzt auf die Eier!«« (Audio88) Gibt es in der Presse Reaktionen zu deinem Album und wie sind die?
Audio88: Durchweg positiv. Flashmag und Mkzwo haben beide eine Review geschrieben. Heftig.com haben toll geschrieben und zwar, dass man vor dem Genuss des Albums nicht kiffen sollte. Da hab ich mir den Typen, der darüber geschrieben hat, super vorstellen können, wie er im Badezimmer seinen Eimer geraucht hat, dann die CD gehört hat und dachte: »Ey, das geht mir jetzt auf die Eier!« Wie gesagt, die Resonanz war nicht so groß, aber durchweg positiv. Reviews gab es sogar aus Japan!

Stell ich mir schwierig vor, gerade wenn man die Sprache nicht versteht.
Audio88: Die Japaner sind ziemlich offen. Die haben sich ja schon in den 10er und 20er Jahren die ganzen expressionistischen Stummfilme aus Deutschland angeguckt. Ich fand das einfach schräg. Die haben sich dann halt den ganz komischen Kram gegeben, den sich nicht mal die Deutschen gegeben haben. Ich glaub da gibt es auch eine recht große Szene.

Ist dein politischer Ausdruck rein musikalisch? Bist du auch außerhalb politisch engagiert?
Audio88: Ja, aber nicht organisiert. Ich geh zu Anti-Nazi-Aufmärschen, bin jedoch nicht bei Peta oder Antifa. Vereine haben in meinen Augen etwas komisch-hierarchiches, auch wenn man in den linken Kreisen versucht, das zu leugnen.

Bist du Berliner?
Audio88: Nein. Geboren wurde ich in Leverkusen. 1992 bin ich nach Cottbus umgesiedelt und seit ca. 2,5 Jahren lebe ich in Berlin.

Fühlst du dich wohl in Berlin?
Audio88: Ja. Definitiv.

Hast du auch vor, länger hier zu bleiben.
Audio88: Ja. Ich hab ja keine wirklichen Perspektiven. Ich studiere Germanistik und Philosophie, was in der Regel zu einem Taxifahrerjob führt, aber ich hab ja gar keinen Führerschein. Von daher ist Berlin ideal, weil man sich hier mit einem Job über Wasser halten kann. Mir gefällt es hier. Meine Familie ist in der Nähe, ich wohne mit meiner Freundin zusammen. Außerdem glaube ich nicht, dass nach dem Studium ein Jobangebot kommt: »Ey, willst du nicht nach Saarbrücken kommen hier arbeiten?«. Das halte ich für unwahrscheinlich.

Vorbilder?
Audio88: Schon Sage (Francis). Slug (von Atmosphere) früher, aber er hat in meinen Augen ganz stark nachgelassen. Sole von Anticon kommt da noch hinzu.

Machst du dir die Mühe und liest die Texte von den Leuten?
Audio88: Bei vielen Künstlern probiere ich das. Bei manchen, wie zum Beispiel bei Dose (One von Anticon), sind die gerappten Texte einfach schwer zu verstehen, so dass man da zwangsweise zur geduckten Version greifen muss.

Wo siehst du deine Einflüsse?
Audio88: Musikalisch von Leuten mit denen ich zusammen Musik mache: Mnemotrauma, Kid Kabul etc. Für mich selbst war Anticon schon sehr prägend, aber natürlich auch »Klassiker« wie Wu-Tang oder Mos Def. Im Moment immer mehr elektronische Musik.

Bist du auch Musiksammler?
Audio88: Ich kauf mir schonmal eine Platte, doch meine Sammelleidenschaft ist mehr auf Filme fokussiert. Ich nehme die vom Fernsehen auf VHS auf und bin inzwischen auch schon bei über 1000 Stück angekommen.

Was war der letzte gute Film den du gesehen hast?
Audio88: »Dear Wendy« von Thomas Vinterberg. Es geht um ein kleines Dorf in einem pseudo-wildwesternhaften Setting, wo eine Gruppe Jugendlicher einen Klub mit Waffen gründet und sie sich so langsam in ihre Waffen verlieben. Das Buch zum Film ist von Lars von Trier und das ganze ist schon sehr Amerika-kritisch.

Die Musik von Audio 88 du bei hhv.de.
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