Art Porträt | verfasst 30.11.2012
Ronald Wimberly
Comics sind wie Hip Hop
Ronald Wimberly verschränkt in seinem Comic »Prince Of Cats« Shakespeare und Hip Hop auf besondere Art und Weise. Wir stellen haben mit dem amerikanischen Zeichner gesprochen und stellen ihn und sein Werk vor.
Text Björn Bischoff
Es ist ein sauberer Schnitt. Worte fallen nicht. Tybalt stirbt. Immer und immer wieder. Zahlreiche Adaptionen von Shakespeares vielleicht berühmtestem Stück lassen ihn über Romeos Klinge springen. Der westliche Kulturbetrieb müht sich an dieser Geschichte seit Jahrhunderten ab und kann ihr doch kaum etwas hinzufügen. Ronald Wimberly schafft das – mit einem Comic. Und Hip Hop.
Der amerikanische Zeichner rückt mit Tybalt in »Prince Of Cats« den Gegenspieler von Romeo nach vorne und schiebt die Liebesgeschichte beiseite. »Ich habe Tybalt gewählt, weil er mir zu Beginn als der mysteriöseste Charakter erschien. Er war der vorhersehbare gewaltsame Kerl, aber warum? Ich wollte ihn menschlicher machen. Mich hat Mercutios Beschreibung inspiriert. Es war die Andeutung einer tieferen Geschichte, als sie das Stück präsentiert.« Doch alleine die Verschiebung der Perspektive macht dieses Stück noch nicht so herausragend, sondern wie Wimberly die Sprache einsetzt. »Es gibt Teile, die ich direkt aus Shakespeares Stück genommen habe. Ich wollte das Original samplen, um eine andere Geschichte zu erzählen – so wie zum Beispiel Mtumes ›Juicy Fruit‹ in Biggie Smalls ›‹, außer dass mein gesampletes Material direkt auf das Original verweist auf eine metatextuelle Art.« Die Arbeiten an »Prince Of Cats« begann Wimberly bereits vor vier Jahren, doch in der Zeit beendete er auch zwei weitere Werke. Eine Adaption von Ray Bradbury’s »Something Wicked This Way Comes« war eines davon und dessen Titel geht wiederrum auf eine Zeile aus »Macbeth« zurück. »Comics sind eine Form der Literatur, aber sie sind auch ziemlich offensichtlich eine Form der visuellen Kunst.« Älter als die geschriebene Sprache sind Bilder, die allerdings wieder auf Sprache und Buchstaben verweisen. Das ist beste Theorie des Mediums Comic, wie sie einst Zeichner Scott McLoud ausführte.

»Letztendlich sind das alles Zeichnungen. So gesehen sind Comics wie Hip Hop. Im Hip Hop hast Du einen Sound, den jemand eingefangen hat, auf einer Platte auf den Turntables, aber der Emcee bringt diesen dann wieder zu einer freien Form von Sound und Sprache«, so Wimberly. »In dieser Analogie sind in Comics die geschriebenen Wörter die Turntables und die Zeichnungen die Rhymes des Emcees.« Shakespeares »Romeo und Julia« gibt dabei aber mehr her als nur eine Kulisse, sondern Wimberly verknüpft Story, Sprache und Bild perfekt. »Viele Dinge haben mich Shakespeare wählen lassen. Ich mag die Sprache. Die Form und die Poesie haben mich beeinflusst. Da schwingt Comic als Medium schon mit. »So gesehen sind Comics wie Hip Hop. Im Hip Hop hast Du einen Sound, den jemand eingefangen hat, auf einer Platte auf den Turntables, aber der Emcee bringt diesen dann wieder zu einer freien Form von Sound und Sprache.« (Ronald Wimberly) Es hat strikte Grenzen und darin musste ich Freiheiten finden«, sagt Wimberly. Doch es ist mehr als die bloße Form. »Die Charaktere erinnern mich an Leute, die ich kenne. Ich war an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich eine Epiphanie hatte.« Das bedeutet wortwörtlich eine Erscheinung des Herren. Aber Wimberly meint das nicht, mehr sowas wie eine Erkenntnis, die allerdings tiefer geht. »Mir wurde die Fragilität des Lebens bewusst und die lebendige Qualität von jugendlicher Leidenschaft.«
Die Farben schlagen in »Prince Of Cats« je nach Szene und Stimmung perfekt um und auch durch die Größe der Panels bringt Wimberly einen ziemlich starken Rhythmus in seine Geschichte. Er lässt die jugendliche Leidenschaft atmen. Auf einen einzigen Song als Soundtrack mag Wimberly sich auch nicht festlegen. »Es gibt einfach zu viele angemessene Tracks, aber einer davon wäre auf jeden Fall »The Message« von Grandmaster Flash.« Vielleicht schlägt in Wimberlys Sprache manchmal durch, dass seine Mutter ihn auf eine Privatschule schickte, doch was macht das schon? 1979 geboren, sah er Ende der Achtziger im Fernsehen »Ran« – eine Adaption von Shakespeares »King Lear« des japanisches Regisseurs Kurosawa. Ein paar Jahre später bekam er ein Tape mit Kirchenmusik in die Finger. Darüber hatte jemand »Enter The Wu- Tang« aufgenommen. Und »Prince Of Cats« ist da das logische Stück, das zwischen diesen Welten eine Verbindung schafft.

»HipHop ist ein flexibler Begriff. Wenn ich darüber spreche, dann meine ich damit eine bestimmte Tradition, eine Kultur, die in New York City in den Siebzigern entstand und immer noch in ein paar Gegenden der Welt lebt«, sagt Wimberly. Es geht nicht um das Produkt, Hip Hop ist nichts, wo sich jemand reinkaufen kann. »Es ist Genialität, die Fähigkeit, das Leben wertvoll und kostbar zu machen, ganz gleich, was Deine Voraussetzungen sind. Es geht darum, Straßenlaternen zu nutzen, um den Turntables Strom zu geben, und neue und radikale Formen des Ausdrucks zu finden, trotz der wirtschaftlichen Unterdrückung. It’s a god damn party!« Wimberly arbeite vor ein paar Jahren mit Percy Carey an »Sentences: The Life of MF Grimm«, auch so ein Comic, der zwischen Autobiographie und Hip Hop liegt. Er fügt bei seinen Arbeiten eigentlich nur zusammen, was sowieso zusammengehören sollte. Tybalt wird vom Gegenspieler zur tragischen Hauptfigur, die an ihrer Leidenschaft zerbricht. Er muss sterben in dieser Geschichte. Aber es war noch nie so bitter wie hier.

Mehr Infos findet ihr auf der Website von Ronald Wimberly
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