Music Kolumne | verfasst 20.02.2013
Hyperton
Februar 2013
Hyperton ist der monatliche Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Wir treffen eine kleine Auswahl an aktuellen Schallplatten und schauen mal nach, was die anderen Gazetten so schreiben.
Text Sebastian Hinz, John Luas, Grashina Gabelmann

Haftbefehl - Blockplatin LPFind it at hhv.de: CD Haftbefehl spaltet die Gemüter. Die Presse hingegen sieht sich in ihrer Meinung zu seinem neuen, dritten Album »Blockplatin« geeint: »entweder man liebt ihn oder man hat keine Ahung von guter Rapmusik.« So einfach ist das. Zunächst ist man allerorten zunächst fasziniert von der neuartigen Sprache, die er selbst, wie auch sein zweites Album, »Kanackiş« (sprich: Kanackisch), nennt. Das Jetzt Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet der Problematik gleich mal einen ganzen Artikel. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung jubelt Autor Daniel Haas: »Türkisch, Arabisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, alles wird verwurstet und haftiisiert, das heißt in den Mahlstrom einer genial nuschelnden Abkürzungsrhetorik eingespeist«. Und die taz zieht gleich: »Haftbefehl gebraucht dabei die Stilmittel Übertreibung und Selbstironie so zielführend, wie das nicht einmal die Spezialisten für groteske Inszenierungen vom Berliner Label Aggro hinbekommen haben.« Wo mir die Faszination für eine neue Sprache und ihre Einbettung in eine Welt der »Azzlacks«, »Chabos« und »Babos« noch verständlich erscheint, und auch diese als Aufstiegsutopie in einem Frankfurt am Main der heutigen Zeit angelegte und auf ein popkulturelles Verweissystem zurückgreifende Fiktion der Fiktion durchaus seinen Reiz hat, empfinde ich gerade das Ironische bei Haftbefehl als zu schwach. Die Abgrenzung der erzählten Wirklichkeit von der tatsächlichen Wirklichkeit ist mir einfach nicht absolut genug, um dann in einem Spiel der gegenseitigen Verschränkung ironisch wirken zu können. Haftbefehls Kunst sagt so nichts über die Welt, sondern erzählt (wenn auch auf kluge Art) schlicht eine Geschichte. Eine Geschichte, dessen Plot mich einfach nicht interessiert. Wie auch immer: Nicht zu erkennen, dass es sich hierbei »nur« um eine Geschichte handelt, führt dann eben schnell dazu, dass sich die Überhöhung in der Kunst von Haftbefehl in einer Überhöhung des Künstlers in der »journalistischen« Kritik wiederfindet. Der, der dem »stagnierenden Genre des Straßenrap neues Leben einhauchte«, »derjenige, der deutschen Straßenrap aus dem Tiefschlaf riss« wird in seinen Leistungen einfach nicht genug gewürdigt. »Haftbefehl wird immer auch unverstanden bleiben und manche werden seine Musik auch immer scheiße finden.« Da muss ich mir doch glatt eine Träne verdrücken. Übrigens: Den lustigsten ersten Satz in einer Review zu »Blockplatin« hatte laut.de: »Der Versuch, einem Haftbefehl-Werk auf der inhaltlichen Ebene zu begegnen, ist wenig sinnvoll.« Hah! Nur wenn man dann Cro im Folgesatz als Gegenbeispiel heranzieht, gerät man leicht vom Regen in die Traufe. (Sebastian Hinz)

tocotronic leben wollenFind it at hhv.de: 2LP | 7Inch Tocotronic haben ihr zehntes Album veröffentlicht und das findet natürlich mehr als bei jeder anderen vergleichbaren Veröffentlichung deutschsprachiger Gitarrenmusik traditionell in den Feuilletons statt. Auch auf »Wie wir leben wollen« ist das Dirk von Lotzow’s lyrischem Talent geschuldet, doch scheint die Kritiker vor allem zu beschäftigen, ob zum zwanzigjährigen Bandjubiläum sich eigentlich einmal so etwas wie ein Ankommen, ein Verweilen einstellt: »Nach der Kapitulation: endlich angekommen?«, fragt der Rolling Stone zur Vorstellung des Albums im Berliner Lido und die FAZ titelt: »Sind Sie im Reinen mit sich selbst, Tocotronic?«. Dirk von Lotzow beantwortet dies auf dem neuen Album mit: »20 Jahre sind eine lange Zeit, als lebender Leichnam glaub ich daran, the show must go on« Die Neue Zürcher Zeitung zeigt sich dabei dankbar, dass von Lotzow niemals in »bloße Ironie« flüchtet und findet das Album nicht zuletzt wegen der existentiellen Themen ergreifend: »›Wie wir leben wollen‹ klingt wie ein selbstbewusstes Monument, das siebzehn (!) Titel umfassende Werk pendelt zwischen Verweisen auf die eigene Geschichte und akuter Dringlichkeit« Neben der dem Jubiläum geschuldeten Selbstreferenzialität, geht es ansonsten um die anachronistische Produktionsweise. Während die NZZ befindet: »weil die Stücke mit einem alten Vierspurgerät aufgenommen wurden, ist ein besonders warmer und umgreifender Klang entstanden. Zwischen Joy Division, Gun Club, Beach Boys und Nashville wird keine Gross-Referenz ausgelassen.« Der Musikexpress weiß, dass während der Aufnahmen die Beatles und Beaches Boys gehört wurde und vergleicht die Session mit Produzent Moses Schneider mit der »Sympathy For The Devil«-Session der Rolling Stones. Die TAZ schwärmt derweil über die Wall of Sound, die »Musik und Texte in Watte packt«. Das Blatt resümiert treffend: »›Wie wir leben wollen‹ entwickelt Dialektik aus Wärme und Distanz, die von den Texten und ihrer Mischung aus Apokalypse und Zärtlichkeit weitertransportiert wird.« Und schließlich führt Malte Abraham in der Jungen Welt die von Tocotronic zum Album aufgestellten 99 Thesen treffend weiter, wenn er unter Nummer 33 vermerkt: »Das Ende des Retro durch Retro«. (John Luas)

Darkstar - News From Nowhere LPFind it at hhv.de: 2LP | CD The Londoner duo Darkstar turned trio with their latest album as James Young and Aiden Whalley were joined by vocalist James Buttery who, as Mark Pytlik writes for Pitchfork »…appeared to position Darkstar at the forefront of a generation of dance acts looking to marry vocals and textured dance sounds in a novel and original way.« Factmag recognizes this »successful marriage of vocals« with Buttery’s smooth-as-butter falsetto and his seamless integration on the LP that makes him part of the band’s dreamscape-soundscape rather than a front-man on his own. What exactly is this said soundscape? Labeling and categorizing is an often times painful process listeners go through to try and make sense of what it is they are listening to but with »News from Nowhere« this is a hard task. The trio’s move from their label Hyperdub to Warp seems to be a helpful indicator though: The Guardian claims that the group has »left dubstep for a hazy sound« – a rather hazy observation. CMJ recognizes a turn from »U.K. Grime and garage to American indie rock« and Pitchfork claims that »…Darkstar got soft. Not soft soppy but soft sonically.«. What most reviews can agree on is that Darkstar is treading in »Animal Collective territory«. BBC, The Quietus and Pitchfork all use the same song to prove Darkstar’s sonic similarity to Animal Collective; »And then there’s »Amplified Ease«, a studiously shambolic and very likable sing-song which, as an aside, I’m pretty sure is scientifically traceable to Animal Collective.«. The general consensus is wrapped up beautifully almost poetically by Wyndham Wallace at The Quietus: »It’s unsettling, in other words, but addictive, a sleeping tablet that brings on vivid, disturbing yet always awe-inspiring dreams. It celebrates the transformation of fear into thrill through the knowledge and safety of resolution, like being pushed off a skyscraper and discovering wings.« (Grashina Gabelmann)

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