Music Interview | verfasst 29.04.2013
Kendrick Lamar
Den Ausgleich schaffen
Als Retter des Westküsten-Hip-Hop gefeiert, sagt Kendrick Lamar’s Album »good kid m.A.A.d city’s« etwas über den aktuellen Stand des Hip Hop aus. Wir sprechen mit Lamar über Vergangenheit und Gegenwart des Rap und die Bedeutung von Compton.
Text Grashina Gabelmann , Fotos Jeff Forney / © Universal Music , Übersetzung Julia Hinz
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Als Retter des Westküsten-Hip-Hop gefeiert, sagt Kendrick Lamar’s Albumerfolg »good kid m.A.A.d city’s« etwas über den aktuellen Stand des Hip Hop aus. Scheinbar gibt es ein Publikum, das nach etwas anderem suchte, etwas vermisste und womöglich konnte Lamar diesen Rap-Fans nun gerecht werden. Sein Album ist ein autobiographisches Konzeptalbum, welches den treffenden Untertitel »A Short Film by Kendrick Lamar« trägt, da es mithilfe von naturalistischen Sketchen, Gebeten, atmosphärischen Beats und selbstreflexiven Texten die nichtlineare Geschichte von Lamar’s Compton erzählt. Wir als Zuhörer bekommen die vielen Stimmen in Lamar’s Kopf zu hören und damit werden alle Bereiche von Komödie bis Tragödie effektiv und überzeugend abgedeckt und ein unvergleichlicher Blick auf das Leben eines Jungen in Compton wird geschaffen – eine Geschichte die so sehr mit einem bestimmten Ort verwoben ist und es dennoch schafft alle geographischen Grenzen zu durchbrechen. Wir sprechen mit Lamar über Vergangenheit und Gegenwart des Rap, Konzept oder Freestyle und die Bedeutung von Compton in der Welt des Hip Hop.

Nas sagte einmal, dass Freestyle Bullshit ist. Wenn du kein Konzept hast, bist du kein guter Rapper. Stimmst du dem zu?
Kendrick Lamar: Ein Teil von mir stimmt dem zu. Ich mag Freestylen. Ich mag es, Leute rappen zu hören über woran immer sie auch denken, aber ich mag ebenso Leute, die Alben machen und Konzeptplatten. Es ist ein Geben und Nehmen. Ein bisschen von beidem.

Gibt es eine neue Ehrlichkeit im Hip Hop, durch die der Ausdruck von Schwäche erlaubt ist, wie auf deinem Track »The Art of Peer Pressure«?
Kendrick Lamar: Es fühlt sich definitiv so an, als gäbe es eine neu gefundene Ehrlichkeit im Hip Hop. Hip Hop wurde von Menschen gemacht, die ihre Wahrheiten erzählten und sich selbst audrückten. Das habe ich auf meinen Alben auch gemacht und setze damit fort, was die frühen Stadien des Hip Hop hervorbrachten, Rapper die sich selbst ausdrückten, von NWA bis Big Daddy Kane.

All diese Gerapppe über Bitches, Cars und Bling ist nicht verschwunden, aber es gibt jetzt auch viel anderes Zeug da draußen. Was denkst du, woher das kommt?
Kendrick Lamar: Ich denke, der Wandel geht von den Leuten aus. Die Leute haben keine Lust mehr so was zu hören. Es ist nichts falsch daran; in den frühen Tage des Hip Hop ging es immer darum mit dem was man hatte zu prahlen, wie gut du im Rappen warst und wie viele große Goldketten du hattest. Das war Hip Hop, aber dann kommt mit der Zeit ein Punkt wo es einen Ausgleich braucht. Das ist es was die Leute wollen – einen Ausgleich und hoffentlich kann ich diesen Ausgleich schaffen.

Compton ist ein mythischer Ort im Hip Hop. Kannst du die kulturelle Wichtigkeit von Compton für diejenigen beschreiben, die damit nicht so vertraut sind?
Kendrick Lamar: Ich würde sagen Compton ist der Geburtsort des Gangsta-Rap. All die Künstler von Dr. Dre, NWA bis Snoop haben aktuell über die Realität in ihren Raps gesprochen. Es gibt dort eine große Gangkultur mit Bloods und Crips. Es ist wirklich eine verflixte, verflixte Stadt basierend auf Zugehörigkeiten. Man muss einfach wissen wie man sich in dieser Stadt bewegt. Wenn man Compton mit nur einem Wort beschreiben müsste, es wäre »unberechenbar«.

Warst du jemals frustriert über den Stand des Hip Hop?
Kendrick Lamar: Ja, ich war frustriert. Nicht so sehr über den Stand des Hip Hop, sondern mehr über mich selbst, der ich versuche meine eigene Sprache und Nische zu finden, in der Lage zu sein über das zu reden worüber ich reden will und trotzdem akzeptiert zu werden. Das ist es was die Frustration auslöst.

»In Compton kennt mich jeder noch als K. Dot. Es hat sich nichts verändert. Dort bin ich immer noch bloß ein Kind.« ( Kendrick Lamar) War »good kid m.A.A.d city« ein Weg mit der Frustration umzugehen?
Kendrick Lamar: Das war es definitiv. Zu der Zeit als mein Album herauskam wusste ich, dass ich in der Lage bin so zu denken, wie ich es schon Jahre zuvor wollte, bevor diese Art von Musik und Sound als ein großer, ehrlicher Sound wahrgenommen wurde. Es ging eigentlich darum, dass die anderen aufholten.

Für dein Album gingst du in dein altes Viertel zurück. Warst du in Lage Dinge zu verstehen, aus denen du 2004 keinen Sinn schöpfen konntest?
Kendrick Lamar: Ja, definitiv. Ich war viele Male zurück und bin jetzt in der Lage zu diesen realen Orten zurückzukehren und zurückzublicken, nachdem ich diesen langen Weg zurückgelegt habe – das ist eine positive Veränderung. Es ist eine tolle Sache all die Kids zu beeinflussen, die in den Parks rumhängen, in denen ich auch rumhing.

Ist merkwürdig zurückzugehen? Sagen die Leute, du hättest dich verkauft oder so was?
Kendrick Lamar: Nicht in meinem Viertel- das bekomme ich da nicht zu hören. Jeder kennt mich noch als K. Dot. Es hat sich nichts verändert. Dort bin ich immer noch bloß ein Kind.

Wie kamen die Sketches für dein Album zu Stande?
Kendrick Lamar: Jeder einzlene Sketch bezieht sich auf reale Personen in realen Stituationen. Ich brachte meine Jugendfreunde und Eltern ins Studio und ließ sie vor dem Mikrofon in Erinnerungen Schwelgen und nahm Stücke daraus. Ich wollte kein Schauspieler nehmen, dass hätte die ganze Sache kitschig gemacht. Ich wollte, dass es so klingt, als wenn jemand die ganze Zeit ein verstecktes Mikrofon in meinem Leben hatte.

Ist der sprichwörtliche Rap-Lifestyle, so wie man sich ihn vorstellt?
Kendrick Lamar: Um diese Frage zu beantworten muss ich wahrscheinlich mindestens noch ein oder zwei Jahre warten um diesen Lifstyle wirklich zu kennen. Momentan weiß ich es nicht, ich bin noch ziemlich bei mir.

Wohin wolltest du zwischen »Section.80« und »good kid a.A.A.d city?
Kendrick Lamar: Ich habe versucht mich zu fokussieren, herauszufinden was ich werden wollte. Ohne diesen Fokus wäre ich jetzt nicht hier. Es war eine ziemlich ernste Zeit, meine Ziele zu schärfen und dieses Album zu machen war eines der Ziele.

Keiner der Artikel über deine Musik verweist auf DJ Quik als Einfluss, obwohl er solch ein wichtiger Westküsten- Gangstarapper ist. Ist das was, was die Journalisten übersehen haben, oder war er nicht wichtig für deine Entwicklung als Künstler?
Kendrick Lamar: Er war definitv ein Bezugspunkt. Er hatte unglaublich viel Einfluss auf die Stadt, machte Tonnen von Geld und brachte einige Klassiker heraus. Jeder sieht nur NWA aber DJ Quik war genauso groß – vielleicht nicht auf dem Mainstreamlevel, aber er ist ein sehr großer Einfluss.

Das Album »good kid m.A.A.d city« von Kendrick Lamar findest du bei hhv.de 2LP 2CD CD
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