Music Essay | verfasst 14.10.2013
Pusha T
Es kommt auf den Tony an
Pusha Ts erstes Solo-Album erscheint elf Jahre nach »Lord Willin’«. Viel Zeit im schnelllebigen Musik-Geschäft und trotzdem ist Pusha T gefragter denn je. Doch was macht das Phänomen Pusha T so faszinierend?
Text Philipp Kunze
Pushat

Rapper lieben Tony Montana. In unzähligen Tracks verweisen sie auf Al Pacinos Rolle in »Scarface«. Viel Rapper nutzen die Bilder vom Aufstieg und Fall des Drogenbosses, um ihre eigene Geschichte auzuschmücken. Sie glorifizieren Montanas Weg zum Erfolg, der ihn über Leichen und Berge von Kokain gehen lässt. Von Nas, Raekwon bis zu Chief Keef, Gucci Mane und French Montana: Sie alle zitieren Brian Da Palmas Spielfilm. R&B-Sänger Future hatte 2011 einen Song, der »Tony Montana« hieß – als »Scarface« gedreht wurde, war Future noch gar nicht am Leben. Tony ist überall. Er ist Teil der Popkultur und Zitat in vielen bereits geschriebenen Rap-Fiktionen. Nun wandelt Rap-Musik mehr als jede andere Kunstform zwischen dem Anspruch zu unterhalten und der Forderung, dass in den Texten die »Wahrheit« erzählt werden solle. Bei manchen Rappern überwiegt der erste, bei anderen der zweite Anspruch. Pusha T beansprucht für sich selbst, in seinen Texten die »Wahrheit« zu sagen. Gerade ist sein neues Album »My Name Is My Name« erschienen, von dem Pusha sagt, dass es ein sehr persönliches Album sei; gegenüber dem Complex Magazin stellte er klar, »my whole rap game is based of the truth«. Doch auch in Pushas Texten fällt häufig der Name Tony. Nur handelt es sich dabei eben nicht um Tony Montana (abgesehen von Pushas Freestyle zum Future-Song). Pushas Tony ist Anthony Gonzalez, ehemaliger Manager von Clipse. Am 6. Oktober 2011 wurde Anthony Gonzalez zu 32 Jahren Haft verurteilt. Er bekannte sich schuldig innerhalb von 5 Jahren rund eine halbe Tonne Kokain, rund 800 Kilogramm Marihuana und einige Kilos Heroin vertrieben zu haben. Während viele Rap-Kollegen aus Filmen wie »Der Pate« oder »Scarface« ihren eigenen Blockbuster zusammenkleistern, scheint Pusha nur die Tür zum Nebenzimmer aufmachen zu müssen, um seine Geschichten erzählen zu können.

Keine AKAs, keine Alter-Egos
An diesem Unterschied, heruntergebrochen auf die zwei unterschiedlichen Tonys, lässt sich vielleicht festmachen, warum Pusha T auch nach elf Jahren seinen Reiz nicht verloren hat bzw. sein neues Album eines der am heißesten erwarteten Alben des Jahres ist (wobei ich die Kanye-Komponente hier mal außer Acht lasse). Man will stets mehr und mehr von Pusha, weil man die Quelle förmlich sprudeln sieht. Diese Giftigkeit, die Galle, die er spuckt. Dieser hin- und hergerissene Mann, der auf »Alone In Vegas« rappt, »the self righteous drug dealer dichotomy/I’m drawing from both sides, I am siamese«. »Aber eben das spuckt Pusha nicht: den wilden Hip-Hop-Shit. Hip-Hop ist nur die Ausdrucksform; das eigentlich Wilde ist der Ursprung, der Quell der Vergangenheit, die Pusha weder ganz abgelegt noch komplett aufgearbeitet hat.« Den inneren Widerspruch zu denken, sich selbst gerecht zu werden, aber gleichzeitig immer noch mit einem Fuß im weißen Puder zu stehen – für Pusha lässt er sich nicht auflösen. Und so bleiben seine Raps scharf, als hätte er sie sich mit einem Messer von der Zunge geraspelt und seine poetischen Bilder blühen in den dreckigen Farben von Virginia Beach. Denn Pusha sucht: » Malice found religion, Tony found the prison, I‘m still tryina find my way out this fucking kitchen« heißt es in einem Freestyle. Während andere Rapper bereits die perfekte Fiktion für ihre Kunstfigur geschrieben haben, die keinen Raum für Entwicklung lässt, hört man Pusha weiter zu. Weil er nicht entwirft sondern wiedergibt, weil die künstlerische Entwicklung nicht aufhört, da sie untrennbar mit dem privaten Leben verknüpft ist. »My Name Is My Name is telling you« sagt Pusha T den Kollegen von Noisey und macht eine lange Pause, »by now you should know Pusha T, you not getting anything else from me«. Du bekommst von Pusha T nichts anderes als Pusha T. Sein Geburtsname mag Terrence Lavarr Thornton sein, doch jetzt ist Pusha T sein Name. Weder gibt es einen anderen Namen, noch einen Unterschied zwischen dem Menschen und dem Künstler. Pusha T ist Pusha T. Keine AKAs, keine Alter-Egos.

Natürlich kann auch diese Selbstdarstellung als Kunstkniff gesehen werden. Denn die Frage ist berechtigt: Der Typ hängt mit Kanye West in Paris rum, was will der uns noch den verlorenen Koks-Dealer unterjubeln? Die Antwort liegt in der Perspektive, die Pusha einnimmt: »He looks enormous success in the face and he turns it away because he still feels like he speaks for the underdog« zitiert Complex Pharrell, Kindheitsfreund und Mastermind hinter »Hell Hath No Fury«. Kanye West, Macher hinter Pushas zweitem Frühling, wiederum schrie auf einer Listening-Party zu »MNIMN« besoffen wie eine 16jährige, Pusha sei der letzte, der noch diesen »wild Hip-Hop-Shit« spucke. Aber eben das spuckt Pusha nicht: den wilden Hip-Hop-Shit. Hip-Hop ist nur die Ausdrucksform; das eigentlich Wilde ist der Ursprung, der Quell der Vergangenheit, die Pusha weder ganz abgelegt noch komplett aufgearbeitet hat. Und dieses Zusammenspiel aus Pusha Ts Zeilen, von denen einem jede einzelne ans Bein springt, als wäre man Barfuß im Kobra-Käfig unterwegs, und dem Ursprung, der eben nicht Fiktion sondern Realität ist, lassen Pushas Musik wirken, wie sie wirkt: eindringlich. Nicht Filme zeigen Pusha, wie es auch laufen kann: Pushas älterer Bruder (also nicht Malice) wurde schon mit 19 drogenabhängig. Nicht Tony Montana ist Pushas Tony. Pusha findet Held und Antiheld in seinem Alltag und er wird mit dem Messer zwischen den Zähnen und dem Beat des Jahres unter den Füßen in unsere Zimmer springen, um uns von ihnen zu berichten. Deshalb gibt es auch elf Jahre nach »Lord Willin‘« kaum einen anderen Rapper, der einen so in seinen Bann zieht.

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