Music Kolumne | verfasst 16.01.2014
Vinyl-Sprechstunde
Actress' »Ghettoville«
In unserer Kolumne diskutieren zwei Personen eine auf Vinyl veröffentlichte aktuelle Schallplatte. Sprechstunde haben diesmal unsere beiden Autoren Florian Aigner und Philipp Kunze. Sie erörtern Actress’ möglicherweise letztes Album.
Text Florian Aigner, Philipp Kunze
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Kunze: Habe mir gerade einen Nikotinflash von der ersten Zigarette des Tages abgeholt. Ich glaube, das sind gute Vorraussetzungen für Actress.
Aigner: Bei mir heute leider kein »can’t feel my face«: keine Betäubung gekriegt, real warrior shit! [Der Kollege kommt frisch von einer Wurzelbehandlung].
Kunze: Tja, »Ghettoville«. Das Ganze ist so robust und in sich abgeschlossen, dass ich da gar keinen eigenen Vibe reindrücken kann. Alter, wie soll man darüber reden?
Aigner: Megaschwierig, weil das alles so autistisch ist. Ich find das ja generell schon nicht so bockig wie »R.I.P«. Klar, Tempi gibt‘s noch mehr als sonst, aber generell holen uns da ja auch mal noch Drumpatterns ab, auf denen auf 2 und 4 was los ist.
Kunze: Bockig bedeutet bei Actress halt, dass man die Hörner spürt, aber null anpacken kann. Weil man nicht weiß wo. Deshalb retten mich die Geschehnisse auf 2 und 4 auch des öfteren – sonst würde mich das einfach überfahren.

Aigner: »Forgiven« als Empfangskommando ist halt auch wieder ganz kurz vor pathologischem Sadimus, ey.
Kunze: »Forgiven« als Empfangskommando ist eher als würden Stefan Effenberg, Mario Barth und Boris Becker einen abholen. Kein Bock mitzukommen!
Aigner: Ich toleriere keine Mario Barth-Punchlines bei diesem Thema.
Kunze: Okay. Also mir ging es beim ersten Mal hören so, dass mich erst »Time« wirklich abgeholt hat.
Aigner: Krass, warum holt dich das ab? Das ist megasperrig.
Kunze: Wie da dieser Ton, irgendwo zwischen Xylophon und Gameboy aus der Hölle, ständig um die Ecke lugt, man aber nicht weiß, wer jetzt wirklich der hundsgemeine Bastard in dem Song ist. Könnte auch dieses Schleichen sein, oder dieses Ding, dass da hinten stolpert oder eine Kassette einlegt.

»Die Hits-Not-Hits pimmeln so in der Peripherie rum und das Zentrum ist Headfuck-Gedudel.« (Florian Aigner) Aigner: Der eigentliche Hit Hit Hit aber: »GAZE«. Alter, »GAZE«! »Gaze« ist halt sowas von ein Top 3 JunoCloneAdvisor-Track des Jahres. Solche Sachen wie »Purple Splazsh« oder »Gaze« sind halt deswegen so geil, weil er da uns anpackt und nicht immer so liederlich wegaalt.
Kunze: Ich finde Actress aalt überhaupt nicht weg. Glitschig ist das nicht. Das ist mehr, als würde UPS klingeln und mir einen fetten Findling ins Wohnzimmer stellen. Der wäre dann da. Die ganze Zeit. Wenn ich aufwache. Und ich wüsste nicht, was ich mit dem machen soll. Aber mit der Zeit würde ich bemerken: Der hat schon was.

Aigner: Das kommt auch daher, dass z.B. »Skyline« ein 5-Minuten-Interlude ist. Generell macht das Actress besser als alle anderen: solche ganz komischen, viel zu langen Interludes. Und die sind dann auf einmal das Zentrum des Albums. Das war auch irgendwie schon immer so. Die Hits-Not-Hits pimmeln so in der Peripherie rum und das Zentrum ist Headfuck-Gedudel.
Kunze: Ich kann mich halt nicht entscheiden, ob ich das so cool finde. Würde man hier 5 Tracks rausschmeißen, wäre das Album der Übershit. Und dann kommt plötzlich so ein Song wie »Image« um die Ecke und ich frage mich: Wo kommt der Funk plötzlich her?
Aigner: Der Funk kriegt immer nur zwei Minuten. Dann fängt er danach mit »Don’t« eine Man Make Music-Maxi an, hört aber halt einfach mal direkt auf, wenn wir die Kickdrum nicht mehr abwarten können.
Kunze: Stattdessen R&B-Sample.
Aigner: Ja, statt Kickdrum dann halt Kodein als nächstes. Der Typ spinnt. Dieses Triplet aus »Image«, »Don’t«, »Rap« ist völlig loco.

Kunze: Ist halt ein Actress-Album. Könnte aber auch ein Soundcloud-Stream von einem Typen sein, der genau den richtigen Sachen folgt. Actress schlägt einem doch mit jedem neuen Track mit einem hämischen Lachen die Tür wieder vor der Nase zu! Und ich bin das Mädchen im Blümchenkleid, das vor der Tür steht, verknallt, ohne zu wissen warum, und kann nicht einsehen, dass ich immer wieder abblitzen werde.
Aigner: Drama! So wie übrigens »Grey Over Blue«! Boah, das ist halt wie gemacht für eine achtminütige, grobkörnige Close-Up-Orgie in Öl verendeter Pinguine. Like Bergmann-Identity-Clusterfuck-Drama. Man, man, da macht der Tate-Modern-Kontext auch irgendwo wieder Sinn…
Kunze: Jetzt arte mal nicht aus mit den Bezügen! Bergmann und tote Pinguine müssen reichen.

»Und ich bin das Mädchen im Blümchenkleid, das vor der Tür steht, verknallt, ohne zu wissen warum, und kann nicht einsehen, dass ich immer wieder abblitzen werde.« (Philipp Kunze)
Aigner: Ach, es ist einfach so kalt! Und eigentlich auch fast immer schon so gewesen. Und damit auch so gar nicht »Detroit«, obwohl das im Zweifelsfall ja schon immer die Rettungsreferenz für Journalisten gewesen ist in Sachen Actress.
Kunze: Das ist überhaupt keine Stadt. Wurden eh alle mit der Dampfwalze dem Erdboden gleich gemacht.
Aigner: Generell ist das von der Attitüde her auch am meisten Rap, sei es über die Titel, die gescrewten Anleihen oder diese Trap-Persiflage-Töne in Rims…
Kunze: …die Samples in »Corner«, »Rap« und »Rule«. So, und in welcher Situation hört man so ein Album?
Aigner: Nicht in der Bahn.
Kunze: Warum nicht in der Bahn, das wäre doch der übliche Anwendungsbereich für so etwas?
Aigner: Ne, Bahn ist ignoranter Rapscheiß, das habe ich dir doch schon so oft erklärt, haha.
Kunze: Haha, ja stimmt. Ich höre ja auch keine Musik mehr in der Bahn. Will ja meine Umwelt wieder stärker wahrnehmen.
Aigner: Also ich sag mal spießig: Auf Vinyl, vermutlich auf dem Sofa, sehr wahrscheinlich mit Kopfhörern. Aber lass‘ mal morgen hierzu 2k14 zocken.
Kunze: Auf keinen Fall! Das wird Verwurschtlung pur bei mir: 3hunna Turnovers!
Aigner: Ich baller’ dir da dermaßen 30 Punkte im vierten Viertel rein, weil du Neurosen entwickelst, von denen du jetzt noch gar keine Ahnung hast.
Kunze: Mindestens werde ich hektisch, unausgeglichen und versuche mich immer Isolations-mäßig in die Zone zu krampfen…
Aigner: Ach so, mein Fazit: Actress ist der Allergeilste. Das hätte ich zwar auch gesagt, wenn das Album scheiße wäre, aber so macht es noch mehr Spaß.
Kunze: Mein Fazit: Ich spüre, dass hier etwas ist, zu dem ich unbedingt dazu gehören will. Irgendwas ist hier auf jeden Fall auf einem anderen Level. Aber wenn ich true zu meinem Pop-Herz bin, dann hätte Actress hier ruhig ein bisschen weniger oft zeigen müssen, was für ein verquerer Typ er ist.
Aigner: Fair.
Kunze: Und hier noch mal Actress’ Herangehensweise bildlich zusammengefasst.
Aigner: Hahaha, Schlusswort/GIF, ganz klar!

»Ghettoville« von Actress findest Du bei hhv.de als Dreifach-LP und 5-LP-Box
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