Music Essay | verfasst 11.02.2014
The Fine Line
»Love Is To Die« von Warpaint
In »The Fine Line« nehmen wir eine Textzeile, einen Wortfetzen und suchen in ihm und von ihm ausgehend nach einer Geschichte. Manchmal ist es nur eine Anekdote, aber manchmal eine ganze ungeahnte Welt. Es ist ein schmaler Grat.
Text John Luas
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»Love Is To Die / Love Is Not Die / Love Is To Dance«
- Warpaint »Love is to Die«

Viel Kritisches ist gesagt wurden über das zweite, selbstbetitelte Album von Warpaint in den letzten Wochen. Doch während sich die meisten Kommentare um die Ästhetik der Gitarren-Band aus Los Angeles drehten, die den einen wie Post-OK Computer Paranoid Androids daher kommt und den anderen zu monoton ist, wurde einer der interessantesten Momente des Albums dabei übersehen.

»Love is to die, love is to not die, Love is to dance«. Mit dieser Zeile bringen Warpaint so etwas wie einen popmusikalischen Archetypen auf den Punkt, entschlüsseln eine Formel. Es ist der Chorus eines Liedes – und zugleich die Lösung eines Liedes – das zuvor lyrisch in die Enge getrieben wurde. Emily Kokal murmelt sich zunächst von »I found a way/To look towards this day/But it all hooked up« zu:

»This could only go one way
I’m not alive, I’m not alive without you
I’m not alive, I’m not alive without you«

Die monotone, brüchige Energielosigkeit mit der sie dies singt hat etwas entwaffnendes, ehrliches. Während alles um sie herum etwas Größeres, Energetischeres will (allen voran die unruhige Hi-Hat des Schlagzeugs, die gleich zu Beginn schon mal voran prescht), bleibt ihre Stimme der Soundsituation entfremdet, transportiert die lyrische Ausweglosigkeit.

Die Auflösung, die dann im Chorus folgt, ist deshalb so einprägsam, da durch eine Tonartänderung eine eigene, vom Rest unberührte Einheit geschaffen wird. »Love is to die, love is to not die, love is to dance« wirkt beinahe wie ein, aus einem anderen Track importiertes Sample. Das ist zum einen einer Gitarren-Band geschuldet, die doch immer lieber R’n’B oder Trip Hop sein wollte, schafft aber zugleich diesen Moment der Erlösung, der so alt ist wie die Popmusik.

LET’S DANCE als Lösungsformel. Das ist vielleicht einer der schwerwiegensten Gründe, warum Menschen sich überhaupt der Popmusik zuwenden. Denn zwischen »I’m not alive« zu »Love is to Dance« liegt nur ein Tonartwechsel und der lässt dich alles vergessen, was zuvor passiert ist. Das Tanzen ist dabei weniger ein »I’m happy just to dance with you«, denn da ist kein YOU und WE in diesem Tanzen. Es ist ein Abwenden von der Welt, ein Introvertierung, die das DU schon nicht mehr duldet. Damit ist Warpaint’s »Love is to dance« schon eher lyrisch verwandt mit »Having trouble telling how I feel but I can dance, dance, dance« (Lykke Li), mit »Just Dance, gonne be okay« (Lada Gaga) und mit »Alors on danse« (Stromae). In letzterem gibt es zwar auch ein WIR, aber eines, was eigentlich immer nur das ICH meint, das WIR quasi schützend vor sich hält.

Während die meisten Lieder dieser Art vor allem dadurch bestechen, das sie ihre eigene Abgründigkeit verbergen, da die Instrumentierung stets die lyrische Introvertiertheit aufhebt, sie gar soweit kaschiert, bis sie unter anderem Namen durchgeht, gelingt Warpaint mit »Love Is To Die« ein Song, der dies umkehrt und sich schließlich selbst die zappelnde HiHat der energielosen Stimmgewalt von Emily Kokal ergibt.

MONTHLY PEAK: CALIFORNIA
Hier geht’s weiter:
Monthly Peak – California
Step Brothers – Brüder im Geiste
Gonjasufi – »Sonst verschluckt Hollywood deinen Arsch«

Das Album »Warpaint« von Warpaint findest du bei hhv.de 2LP
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