Music Bericht | verfasst 06.06.2014
Flying Lotus, Captain Murphy & Thundercat
Live am 1.6. in der Live Music Hall in Köln
Thundercat. Flying Lotus als Flying Lotus. Und Flying Lotus als Captain Murphy. Alle an einem Abend. Es war ein Spagat zwischen höherer Musikmathematik und einfachem Bruchrechnen.
Text Philipp Kunze
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Wer schreibt hier eigentlich für euch über Musik? Ein Typ, der sämtliche Vorurteile über den weißen Mann erfüllt, der über Takte, die nicht vier unter dem Bruchstrich stehen haben, denkt sie seien taktlos. Darf man inkompetent nennen, für diesen Artikel gerne aber unter ›volksnahe‹ Berichterstattung verbuchen. Denn wie oben beschrieben fühlte nicht nur ich mich, als Thundercat vergangenen Montag in Köln mit seinem Bass machte, was er nun mal mit seinem Bass macht: unfassbare Akkordabfolgen abzupfen, dass man Augen und Ohren kaum glauben mag. Aber an diesem Abend kam er nicht bei mir an – und ich war alles andere als alleine bei meiner kurzen Raucherpause.

Woran also hat‘s gelegen, dass Thundercat einige nicht einnehmen konnte, die davor zu Recht von seinen großartigen Alben schwärmten? An der Live Music Hall, einer von Köln größten Veranstaltungsorten. Zu groß, um sich darin auf Jazz einzulassen vielleicht. Thundercat wirkt in einem kleinen Gig mit Sicherheit viel stärker. Wenn man ihm in sein sympathisch weiches Gesicht mit dem verschmitzten Grinsen gucken und vor allem wenn man mit offenem Mund seinen Fingern folgen kann, wie sie über die Saiten galoppieren.

Der gemeinsame Nenner
Und so kam es, dass Flying Lotus, ja auch nicht gerade als Scott Storch verschrieen, an diesem Abend mit einem vergleichsweise einfachen Sound die Beine des Publikums erlöste, die davor hilflos in Fisch-An-Land-Geschwindigkeit einknickten. Flying Lotus, einfacher Sound: dass so etwas mal geschrieben werden würde. Aber eben nur vergleichsweise! Zuerst trat er als Captain Murphy auf und Captain-Murphy-Songs sind dafür bekannt, in ziemlich kurzer Zeit ziemlich viel Geräusch abzusondern.

Das funktionierte live großartig. Dann legte FlyLo als FlyLo auf, die Band verabschiedete sich. Und hier machte er eine entscheidende Sache genau richtig: Er verschleierte erst gar nicht, dass es jetzt endgültig vorbei war mit Sounds aus sichtbaren Instrumenten. Nein, er betonte sogar, dass jetzt Laptop-DJ-Zeit war, dass es digital wurde. Natürlich darf der gute alte Bertolt Brecht nicht fehlen, wenn FlyLo hinter einem Vorhang aus Video-Projektionen spielte. Denn wo Brecht den Vorhang bei Umbau-Aktionen oben ließ, um das Publikum daran zu erinnern, dass sie sich im Theater und nicht in der realen Welt befanden, da ließ ihn Flying Lotus unten, um den Zuschauer an die Digitalität des Dargebotenen zu erinnern. Eine Digitalität, die nicht versuchte mehr zu sein als das. Und so (der gute alte Brecht ist inzwischen schon wieder abgezischt) das Publikum voll in der Digitalität aufgehen lies.

Die Menschen tanzten oder starrten einfach nur die Leinwand an. Dahinter sah man Flying Lotus‘ Silhouette. Die ist anscheinend weniger Bescheiden als der FlyLo aus Fleisch und Blut und scheute sich nicht vor pathetischem Gestus. Es fehlte manchmal nur ein Eisberg und eine Martin-Margiela-Maske, um nicht komplett Yeezus zu gleichen. Aber FlyLo hatte Bock zu entertainen. Natürlich nicht, ohne dabei ganz zu verleugnen, was auch er ist: ein Jazzer. So brach er jeden Trap-Drop ab, kurz bevor er ein Drop sein konnte, um wieder in stotternden Klangwelten zu zerfließen. Was Flying Lotus da machte, war wieder mal höhere Mathematik – aber in den richtigen Momenten stand halt die Vier im Nenner.

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