Music Kolumne | verfasst 26.06.2014
Vinyl-Sprechstunde
Lana Del Reys »Ultraviolence«
In unserer Kolumne diskutieren zwei Personen eine auf Vinyl veröffentlichte aktuelle Schallplatte. Heute erfahrt ihr, wieso Lana Del Rey niemals Miley Cyrus oder Britney Spears sein wird, und warum das auch noch schlecht für ihr Album ist.
Text Florian Aigner, Philipp Kunze
Vinyl_sprechstunde_lana-del-rey-ultraviolence

Aigner: *Ich geh’ schnell duschen, für Lana. Dann können wir eigentlich.
*Kunze:
Lana mag’s gar nicht geduscht! Verstaubt aber parfümiert müssen sie sein, die Männers.
Aigner: Während ich mich nun also dementsprechend in Paniermehl winde und danach mit Scotch beträufele: erklär‘ unseren Lesern doch mal bitte, warum wir (also Du) uns in diesem Monat nun doch für Lana del Rey und gegen How To Dress Well entschieden haben.
Kunze: Lana ist spannender. An How To Dress Well hätten wir uns doch beide angekuschelt, ihn mit Ginobili verglichen und deshalb gleich hoch 2 lieb gehabt und überhaupt. Lana hat mit »Video Games« Popmusik neues Leben eingehaucht und ist jetzt irgendwie nur noch ein kitschiges Kühlschrankbild aus Stiefeln und Lippenstift. Aber vielleicht geht ja doch was auf »Ultraviolence«…
Aigner: Ich gehe da so gleichgültig ran, dass ich mir nicht einmal Sorgen mache über den Umstand, dass da einer von den Black Keys die ganze Zeit reingepfuscht hat.
Kunze: Das passt doch auch! Black Keys passen da soundtechnisch ganz toll. Davon erhoffe ich mir, dass Lana wieder zurück zu diesem Sound aus Blues meets Country meets Kanye West findet und nicht komplett in Autobahnraststätten Rock’n’Roll verfällt.
Aigner: Ja, aber das ist so krass, weil man doch bei »Video Games«in den ersten Wochen echt dachte, dass die zumindest so etwas bleiben könnte wie das, was FKA Twigs gerade ist.

Kunze: Solange das bei Lana del Rey, wie in den ersten Takten von »Cruel World«, so seicht instrumentiert ist, funktioniert das für mich immer noch. Schwierig wird’s dann wenn die Und-Jetzt-Alle-Chöre ausgepackt werden und alles laut wird.
Aigner: Also »Cruel World« ist halt wieder so Nancy Sinatra in der Lee Hazlewood-Phase. Das kann man eigentlich halt echt nicht scheiße finden.
Kunze: Warst du schon beim Refrain?
Aigner: Nö.
Kunze: Eben.
Aigner: Aber sie hat mir schon Süßigkeiten angeboten.
Kunze: Nachher bietet sie dir noch Bourbon an, natürlich. Und schwupps musst du dir vor einem dreckigen Spiegel das Gesicht waschen und sautraurig in deine eigene Visage gucken, weil die Truckerbraut gerade an einer Überdosis abgenippelt ist, was die dann auch noch geil findet.
Aigner:: Abtöööööörn!
»Wenn es doch viel traurigere echte Beispiele gibt, deren tatsächlichen Verfall man minutiös auf TMZ verfolgen kann. Da kommt Lana nicht mit.« Kunze: Mich kotzt diese Selbstmord-Romantik bei Lana Del Rey so an. Auch dieses ganze Life-Fast-Die-Young-Glorifizieren, als sei sie 16. Die will einem eine Welt verkaufen, die es nicht mehr gibt, aber schonmal gab. Das langweilt mich hart.
Aigner: Das stimmt, aber warum nehmen wir das Roger Sterling nicht übel, aber ihr schon?
Kunze: Weil Roger Sterling keine Typisierung, sondern vielschichtig ist. Lana Del Rey ist eine Karikatur.
Und schon im ersten Song bestätigt sich, was mich immer weiter von der Del Rey weggetrieben hat: Das semantische Feld ihrer Songs ist so beschränkt. Wild, Free, Red Dress, Bourbon, Gone, Famous. Sowas.
Aigner: Oh, »crazy« darf man nicht vergessen. Das ist am meisten zu kotzen. Die eigene Self-Awareness crazy zu sein. Wer sagt so etwas noch von sich nach dem 18. Geburtstag?
Kunze: Viel zu viele, das weißt du doch. Das ist ganz nah an Leuten, die davon reden, dass sie gestern die ganze Nacht rumphilosophiert hätten.
Aigner: Ihihihihi, rumphilosophieren.
Kunze: »Filled with poison, blessed with beauty« singt sie jetzt – für mich klingt das alles nicht mehr ehrlich. Das sind alles so Sehnsuchtsfantasien eines verwöhnten Görs in einer Villa zwischen Swimming Pool und Polly Pocket.

Aigner: Ich habe neulich wieder Fever Ray gehört. Da singt die Karen einfach mal so wie sie sich mit einem Typen über Spülmaschinen-Tabs unterhalten hat und das dann wunderschön war. Weißte, solche Einsichten fehlen mir halt so krass.
Kunze: Jaha! Ich finde, damit hast du so hart einen Punkt getroffen, der mich oft in Texten aus allen Bereichen stört und bei Del Rey besonders extrem ist: Nicht in der Lage zu sein, zwischen Liebe und Hass, Drama und Romanze, das Universum rund um Spülmaschinen-Tabs zu finden. Sie singt halt »love and hell are never enough«, kann aber differenzierter selbst nicht denken. Del Rey sucht das Gefühl in den großen Gesten und macht so aus dem, was Seele sein könnte nur ein beschissenes Blockbuster-Gefühl.

Aigner: Allein die Titel der ersten fünf Songs: » Shades Of Cool«, »Brooklyn Baby«, »West Coast«, »Sad Girl«, »Pretty When You Cry«. Ich habe No-Limit-Mixtapes gehört, die thematisch differenzierter waren. – Oh Gott, eben sang sie, dass ihr Freund Gitarre spielt und sie Federn im Haar hat. Ich will hier nicht sein, Philipp.
Kunze: Ich denke bei vielen Songs echt: ha, das könnte mich jetzt packen, dass schwingt gut, die Stimme hat Tiefe etc. Aber dann muss sie immer auffahren: Fanfaren, Wasserfälle…
Aigner: Mir geht auch dieses ekelhafte Lolita-Kokettieren so auf den Sack. »They say I’m too young to love you« – am Arsch.
Kunze: Ja, alles so krampfig. Sie wäre so gerne Lolita, so gerne im David Lynch-Universum, ist aber eigentlich nur ne Schnalle bei KFC.
Aigner: Wenn es doch viel traurigere echte Beispiele gibt, deren tatsächlichen Verfall man minutiös auf TMZ verfolgen kann. Da kommt Lana nicht mit; diese Disney-Club-Sozialisation, dieses Miley/Britney-Level an absoluter Leere, das erreicht sie nie.
»›Ultraviolence‹ will die Legende, suhlt sich im Kitsch der Vergangenheit und schafft es damit in der Gegenwart völlig belanglos zu sein.« Aigner: Ich finde das musikalisch übrigens nicht verwerflich, aber es ist so schwierig sich darauf zu konzentrieren, weil alles an diesen Songs »hier« und »ich« schreit.
Kunze: Was gefällt dir?
Aigner: Hm, also einfach, dass das für den Kontext in dem das stattfindet – also dem größten denkbaren überhaupt – musikalisch echt erträglich ist. Natürlich wird das nie wieder so charmant und reduziert sein wie »Video Games«, aber dieser Black-Keys-Typ hat das gut gemacht; diese Throwback-/Wüsten-Licks, das passt.
Kunze: Ja, genau das passt! Wenn dazu jetzt noch mehr Blues anstatt Pathos käme, dann hätte das ja was.
Aigner: Wie die Gitarre in »Sad Girl« da noch so subtil nachheult, das finde ich ganz gelungen.
Kunze:: Ja, »Sad Girl« ist ein gutes Beispiel, wie’s funktionieren könnte: mehr Hauchen im Refrain, weniger Arie, das täte der Musik gut. Zu oft geht Del Rey in den Refrains die entscheidende Oktave zu hoch und knallt zu viele Gesangsspuren untereinander.
Aigner: Gut, wir müssen ja eh: »Fucked My Way Up« jetzt….Ach komm, dann fängt sie schon wieder direkt von ihren Diamonds and Pearls zu säuseln, nennt dich Drachen und schon ist das alles wieder eine Bennetton-Werbung aus den 90ern.
Kunze: Tz, Del Rey ey, ich könnte grantig werden, wenn ich mir vorstelle, wie sie selbst beim Sex versucht den gefallenen Engel zu spielen und immer so schmachtend und leidend drein guckt und so tut, als würde sie sich aufopferungsvoll hingeben, dabei ist alles bei irgendeinem Teenie-Komplex hängen geblieben
Aigner: Hahahahaha, oh Gott ey!
Kunze: Was?
Aigner: Das war graphisch. Und on point. Ich habe nix mehr zu sagen. Tragisch, alles, irgendwie.

Kunze: Komisch, oder? Braucht sich echt schnell auf das Album. Ich dachte, dass da mehr zu sagen wäre; vielleicht auch zu diskutieren. Aber dafür fehlen die Räume. Alles zu eindimensional und aufgeblasen…
Aigner: …alles immer so bedeutungsschwanger hier. Wenn sie wirklich so upgefuckt wäre, würde hier tatsächlich auch mal etwas passieren, musikalisch wie lyrisch. Aber das ist Lookbook-Eskapismus par excellence.
Kunze: Jep, sie denkt halt, sie wäre der weibliche James Dean. »Ultraviolence« will die Legende, suhlt sich im Kitsch der Vergangenheit und schafft es damit in der Gegenwart völlig belanglos zu sein.

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