Music Interview | verfasst 29.09.2014
Kindness
»Geh' heim und hör' Daft Punk!«
»World, You Need A Change Of Mind«. Der Titel seines ersten Albums ist bei ihm immer noch Programm: Kindness will mit seiner Musik die Hörgewohnheiten der Menschen sensibilisieren.
Text Philipp Kunze
Kindness

Ein schmächtiger Junge mit kaum erkennbarem indischen Einschlag steht auf dem Pausenhof einer Schule in der englischen Kleinstadt Peterborough am Rand. Adam Bainbridge ist ein Außenseiter. Das ist inzwischen rund 20 Jahre her und Adam Brainbridge macht als Kindness Musik – populäre Musik. Er hat neben seinen eigenen Songs u.a. auch für Robyn und Solange produziert. Kindness will Musik machen, die viele Leute verstehen können. Aber nicht einfach so, nicht einfach, um Erfolg zu haben. Der Wunsch Popmusik zu machen kommt von der Identifikation mit den Außenseitern. Und von der Überzeugung, dass diese nicht nur gehört, sondern auch verstanden werden können.

Ob es nun Coversongs sind, oder die Samples, die er benutzt: Kindness will jene in die Mitte rücken, die sonst nur von einem Kreis von Eingeweihten gesehen wurden oder Gefahr laufen, vergessen zu werden. Egal ob Funk, Soul, Jazz, oder House, die Siebziger oder die Achtziger, Kindness hebt mit seiner Musik die Bedeutung der jeweiligen Akteure hervor und macht deren Ideen mit seinem Soundentwurf auch Hörern zugänglich, die sich sonst keinem dieser Genres gewidmet hätten.

Seine Vorliebe für Musik, die außerhalb des Horizonts von Radiohörern liegt, fängt bei Kindness schon damals an, eben als kleiner Junge in Peterborough. »Meine Mutter ist Inderin. Wenn man von der ethnischen Herkunft her als Außenseiter in einer weißen Kultur aufwächst, tendiert man dazu, von den Dingen angezogen zu sein, die dich zum Außenseiter in dir führen.« Mit Dingen meint Kindness vor allem Musik, black music im Speziellen.

Heute ist Adam Brainbridge immer noch schmächtig, er hat lange Haare, ein weiches Gesicht, kleidet sich elegant und wirkt insgesamt androgyn. Durch die Vorurteilsbrille gesehen, ist er nicht der Typ, von dem man denkt, dass er in seiner Jugend Timbaland gehört hat. Doch genau das hat er. Im Interview redet er über seine Beziehung zu Rap und R&B. Und natürlich über Popmusik, seine Art von Popmusik und was er damit erreichen will.

Du bist als Musikliebhaber bekannt. Deine Beziehung zu Rap ist aber nirgendwo festgehalten. Ich habe dich neulich in einem Basecap mit dem Logo von Top Dawg Entertainment drauf gesehen
Kindness: Ja, ich hing kürzlich mit denen in Los Angeles ab.

Mit Schoolboy Q und…
Kindness: …nein, mit den Produzenten. Sie haben an Schoolboy Qs Album gearbeitet und ich durfte bei einigen Mixing-Sessions dabei sein. Tatsächlich war das in Dr. Dres Studio, das war also ziemlich toll.

»Das Publikum ist intelligent und kultiviert. Es wird die Hörer freuen, wenn sie wie Erwachsene behandelt werden«. (Kindness) Du bist also eine der Produzenten auf »Detox«? Gibt es da ein paar Geheimnisse, die du jetzt vielleicht preisgeben möchtest?
Kindness:(lacht) Nein, nein, nein. Ich behaupte nicht, dort dazuzugehören. Ich hatte nur das Glück zur richtigen Zeit in Los Angeles zu sein. Aber ich habe Hip Hop und R&B immer gemocht. Ich denke sie bilden immer noch das Rückrat meiner DJ-Tätigkeit. Ich liebe es, 90er R&B als DJ aufzulegen – nur leider passiert das nicht allzu oft.

Mit Kelela hast du auf deinem neuen Album auch eine Vertreterin des modernen R&B, die dem R&B gleichzeitig zu frischem Wind in der Gegenwart verholfen hat, als auch die Einflüsse aus den Neunzigern betont…
Kindness: …Kelela ist ein perfektes Beispiel für jemanden, der durch und durch Musik ist. Und gesanglich ist sie auf einer Welle mit den Ideen, die von Aaliyah und Brandy und Janet Jackson und all den anderen wichtigen Sängerinnen dieser Ära kamen. Was die Leute aber nicht wissen, ist, dass Kelela auch alle Standards von Jazzmusik kennt. Diese Art von Vielseitigkeit finde ich sehr ansprechend.

Wie hat deine Faszination für R&B angefangen?
Kindness: Ich weiß nicht, welche Schallplatte es genau war, aber es waren Leute wie Rodney Jerkins [Anm. d. Verfassers: produziert unter dem Alias Darkchild] und Timbaland. Damals haben diese Leute angefangen, ganz andere Drum-Produktionen einzubauen. Diese Art von Synkopen in Popmusik zu hören, war wirklich inspirierend. Das war für mich ein Moment, in dem Popmusik sein Publikum nicht bevormundete, sondern sagte, »das wird sehr anspruchsvoll, es wird schwierig dazu zu tanzen, es wird nicht wirklich radiofreundlich, aber, wenn wir erst einmal genug dieser Alben in den Charts haben, wirst du es irgendwann lieben«. Ich bin immer aufgeregt, wenn so etwas in der Musik passiert.

Wünscht Du dir aktuell, Popmusik zu verändern?
Kindness: Ja, natürlich. Aber die Sache, die mich beschäftigt, ist, dass es heute viel schwieriger ist, einen komplett neuen Sound zu finden. Und das einzige, was ich tun kann, bis ich herausgefunden habe, wie dieser klingen könnte, ist es, mehr Komplexität in die Popmusik zu bringen. Weil ich denke da genau so wie Rodney Jerkins: Das Publikum ist intelligent und kultiviert, also wenn du ihnen etwas Komplexes gibst, werden sie es hören und es wird ihnen gefallen, dass sie wie Erwachsene behandelt werden.

Nun ist die Hörerschaft aber selten erwachsen und ›intelligent‹ und ›kultiviert‹ nicht unbedingt die Eigenschaften, die ich der Großzahl an Musikkonsumenten zuschreiben würde.
*Kindness: Ich weiß nicht, ob das stimmt. Es geht nur um Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Der Track »Latch« von Disclosure zum Beispiel: ich mag zwar die Sachen, die Disclosure beeinflusst haben, denen von Disclosure vorziehen, aber ich denke, dass die Drum-Programmierung des Tracks sehr weird für eine Popplatte ist. Und ich denke, man muss nur lange genug die Aufmerksamkeit des Mainstreams auf solche Dinge lenken, bist die Leute solche drum swings akzeptieren können. Und ich denke, das ist eine gute Sache.

»Taxi-Fahrer, geh’ heim und hör’ dir was von Daft Punk an!« (Kindness) Du denkst also, dass Fans von Katy Perry auch Fans von Kindness werden könnten, wenn genug Menschen auf deine Musik aufmerksam werden?
Kindness: Ich glaube, dass Katy Perry-Fans absolut für diese Möglichkeit in Frage kommen. Ich meine der Track mit Juicy J – man hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich wäre. Und das ist mein Lieblingstrack, der in letzter Zeit erschienen ist. Und ich dachte mir: Ich bin ein großer Fan von Three 6 Mafia, und wenn man mir 2004 gesagt hätte, dass einer von denen einen Track mit Katy Perry machen würde, hätte ich es nicht geglaubt.

Wo wir von der Zusammenarbeit von Juicy J and Katy Perry reden: Welche Rolle spielt ethnische Herkunft für dein Schaffen?
`Kindness:* Aaaaaahm (lacht), wie kamst du jetzt von Katy Perry dahin?

Ich gebe zu, der Übergang war holprig bis unglücklich. Aber das Thema wollte ich unbedingt noch angesprochen haben und unsere Zeit wird knapp.
Kindness: Ja, ich denke auch, dass es relevant ist. Ich meine, ich denke, es ist interessant, dass es 2013 keine einzige Nummer-1-Single eines schwarzen Typen in den USA gab. Aber gleichzeitig hat die black music so viele der Songs beeinflusst, die auf Platz 1 waren. Und das ist der unangenehmste Teil davon.

Dir ist es folglich wichtig zu betonen, wenn deine Einflüsse aus der black music kommen?
Kindness: Für mich ist es noch komplizierter. Ich komme aus einem gemischtrassigen Hintergrund. Ich weiß, dass sich neben mir noch eine Menge andere britisch-indischer Kinder sehr zu Hip Hop und R&B hingezogen fühlten. Einfach weil: das kann unseres sein! Irgendwie. Dieses Zugehörigkeitsgefühl ist also für mich sehr kompliziert. Wie Rasse und ethnische Identität dabei eine Rolle spielen, wie die Hörer Musik wahrnehmen, ist etwas, über das ich viel mit Freunden und Kollaborateuren spreche.

Welche Rolle kann deine Musik dabei spielen, solche Beschränkungen einzureißen?
Kindness: Ich denke, vielleicht, und wenn es nur die… ach, wer weiß! Das kann nicht der bewusste Grund dafür sein, warum ich die Musik mache, die ich mache. Aber ich denke, es ist ein Teil meiner fortwährenden Beschäftigung mit Musik, dass ich Musik Leuten zugänglich machen will, die sonst niemals Jimmy Jam & Terry Lewis oder den frühen Chicago House gehört hätten. Neulich hat mir in Los Angeles ein Taxifahrer über diese Sache erzählt, die sich EDM nennt. Und ich sagte, »oh, ich bin sehr glücklich, dass du Dance Music magst. Was für Dance Music hat dich sonst noch inspiriert?«. Und er sagte: »Nein, nein, ich meine die Singles, die so herauskommen.« Und ich meinte so, »und was ist mit Daft Punks ›Homework‹, das war ein gamechanger?! Und er so: »Was soll das sein?«. Ich will also sagen: »Taxifahrer, geh’ heim und hör’ dir was von Daft Punk an!« Und wer weiß, vielleicht beeinflusst es ihn, selbst eine großartige Platte zu machen.

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