Music Kolumne | verfasst 28.01.2015
Vinyl-Sprechstunde
D'Angelo's »Black Messiah«
In unserer Kolumne diskutieren zwei Personen eine auf Vinyl veröffentlichte aktuelle Schallplatte. Heute ziehen unsere Kolumnisten vor D’Angelos erstem Album seit 15 Jahren den Hut – und zucken mit den Schultern.
Text Florian Aigner, Philipp Kunze
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Kunze: Ich höre gerade die ersten Songs und gucke mir dazu YouTube-Videos bestehend aus Eric Cantonas scheissgeilsten Toren und übelsten Tritten an. Und überraschenderweise passt genau diese Mischung zu der Musik der ersten Tracks von »Black Messiah«.
Aigner: Das wäre ja jetzt auch direkt der Einstieg für das Zeitlosigkeitsargument hier. D’Angelo wollte ja kontemporär sein, von der Message her, aber er klingt auch zu Cantona-Clips geil. Vielleicht sogar geiler als auf ‘nem Ferguson-Riot.
Kunze: Der hat da auch tatsächlich die fünfzehn Jahre seit »Voodoo« dran gearbeitet?
Aigner: Ich weiß auch nicht so genau, der hatte ja mehr Dämonen zu besiegen als Pinkman.
Kunze: Juhu, lass’ mal erstmal die Gossip-Ecke abklappern! War D’Angelo zwischendurch mit Doherty zusammen?

Aigner: Gerne, Gossip, das finde ich bei D’Angelo auch richtig gut. Weil das so ein ernster Typ ist und dann wird er zum Proto-Meme wegen eines verdammten Videos und geht danach nur noch Batshit.
Kunze: Ja? Was ist denn passiert? Sex, Drogen und schlechtes Haar? Schütteres gar?
Aigner: Boah, alles halt. Also am geilsten eigentlich: Er hat Angie Stone gewemmst. Und geschwängert. Das war für mich immer wie in dieser Curb-Folge: Wer so aussieht wie D’Angelo und Angie Stone schwängert, dem muss man vertrauen. Und dann gab es da noch ’nen Autounfall. Und Braunes, mein ich.
Kunze: So viele Fehltritte also. Freut mich, weil mich das immer so ein wenig ankäst, dass sich D’Angelo so als spiritueller Meister darstellt. Tut er doch, oder?

Aigner: Ja klar, ein bisschen so der männliche Erykah Badu, in allem. Und eigentlich hat er das halt auch richtiger gemacht als die Erykah Badu. Auf diesem absoluten Okayplayer/Neo-Soul-Ding einfach mal in der Blüte abgeschmiert und jetzt wissen das alle wieder zu schätzen.
Kunze: Gut ja, dann auf auf und ran ans Album. Ich komme – erwartungsgemäß – nicht auf all die Distortion am Anfang klar.
Aigner: Hm, also alte Meschen würden jetzt sagen: Philipp, das sind ganz klare »There’s A Riot Goin On«- Zitate.
»Das Aufregendste am Album ist vielleicht, dass ich nicht weiß, ob ich eine Duftkerze anzünden soll oder doch, ob der Message wegen, hier und da mal eine Fackel und dann etwas bewirken…« Kunze: Mir wurscht. Aber obwohl mir das am Anfang musikalisch nicht zusagt, finde ich es bemerkenswert, dass da trotz der Wüüerkrjajrkkkrrrkkrck-Gitarren zu Beginn des Albums dieser unwiderstehliche Groove durchbricht, der eigentlich immer zu daneben ist, um ihn als Groove zu bezeichnen. Großartig. Erst bei »Sugah Daddy« fühle ich mich dann so, wie ich es mir vom D’Angelo-Hören erwarte: als wäre ich in der Sauna, mein Oberlippe leckend, meinen Bürzel wahrnehmend. Und das obwohl ich eigentlich mit Jeans unter einer Decke liege und mein Bauch vom Hohes C ganz aufgebläht ist.

Aigner: Gut, alle überbieten sich im Prince-Referenzen mitzählen, aber ohne Strichliste macht das Album noch viel mehr Spaß. Also erzähl uns doch ruhig nochmal was von deinem Bürzel…
Kunze: Für meinen Bürzel ist »Black Messiah« verwirrend. Zuckt immer mal wieder auf, aber eine fließende Erektion mit einer wohligwarmen Lendengegend stellt sich nicht ein. Dafür ist der Sound dann doch zu kantig an einigen Stellen. Auch an den Stellen, wo das Album am »soulfulsten«, am wärmsten klingt, spürt man eine Kälte. Vielleicht finde ich bislang auch das Aufregendste am Album, dass ich nicht weiß, ob ich eine Duftkerze anzünden soll oder doch, ob der Message wegen, hier und da mal eine Fackel und dann was bewirken…
Aigner: … das ist glaube ich das Dilemma von Erykah Badu seit 20 Jahren. -
Hörst du ihm zu? Weil ich merke immer: ich höre bei D’Angelo nie auf die Lyrics, es sei denn ich zwinge mich.
Kunze: Genau so geht es mir auch. Deswegen kann es mir ja passieren, dass ich von Duftkerzen umringt im Schwimmbad hänge, obwohl der mich dazu auffordert, verdammt nochmal auf die Straße zu gehen. Was ich eine gute Sache finde.
Aigner: Ich auch.
Kunze: Holt dich was so richtig ab?
Aigner: Ich finde, dass das hier ein Album ist, das es dem Hörer leicht macht, obwohl es strukturell macht, was es will, obwohl da diese Distortion ist und das Schaumbad neben der Fackel.

Kunze: Mhm, obwohl es einem nur so leicht vorkommt, weil es so vertraut klingt. Es klingt halt wie vor 15 Jahren…
Aigner: …ich finde fast, es klingt noch älter. Und dabei ist es schön, dass er konsequent darauf verzichtet, mit solchen Signify-ern wie Common das wirklich so komplett zurück ins Jahr 1998 zu reißen. So denke ich gar nicht mal so sehr, dass ich das schon mal gehört habe, weil die Posse fehlt.
Kunze: Himmel ja, zum Glück fehlt die Posse.
Aigner: Für unsere Pointenquote ist das natürlich tödlich hier.
Kunze: #schaumbad… Ich bin aber halt nicht euphorisiert oder hingerissen…
Aigner: …aber wohlig weich massiert.
Kunze: Ich sitze halt einfach drin, bin etwas verwirrt darüber, wie sich mein Bürzel fühlt, aber denke im Großen und Ganzen… äh, nichts… blase Schaum durch die Gegend. Das war dann aber sicher nicht in D’Angelos Sinne?!
Aigner: Ne. »1000 Deaths« bildet da vielleicht ein bisschen die Ausnahme, aber selbst da: Meine Waden bleiben Pudding, da gehe ich nicht gegen Five-0 demonstrieren. Wobei man das auch nicht überpolitisieren sollte: »Black Messiah« ist kein Album von Public Enemy, egal was er da in den Liner Notes auch schreibt.
»Scheiße, wenn es nichts zu kritisieren gibt, aber gleichzeitig auch keine Corollas gesmashed werden. Also blöd für uns hier, die die Zeilen vollmachen sollen.« Kunze: Sorry, müssen hier kurz unterbrechen. Meine Nachmieterin kommt nochmal vorbei.
Aigner: Äh, ok. Ich merke schon mal an: Scheiße, wenn es nichts zu kritisieren gibt, aber gleichzeitig auch keine Corollas gesmashed werden. Also blöd für uns hier, die die Zeilen vollmachen sollen. Ich glaube so als Privatier ist das Album wirklich all das, was ich von einem D’Angelo-Album 2015 wollen würde. Ich ziehe den Entertainment-Joker: Lieber Philipp, erkläre unseren Lesern doch abschließend bitte noch, warum du, obwohl »Black Messiah« ein wunderschönes Album ist, in zwanzig Minuten dein mentales Schaumbad verlassen wirst und mit platzender Halsschlagader doch lieber 8 Mal hintereinander diesen Young Dolph Track hören wirst?

Kunze: Haha, warte, ich muss erstmal wieder Anschluss finden. Hier waren gerade Tochter und Mutter (!) und haben meine Wohnung vermessen. Jetzt ist es halt so: Nach Kontakt mit einer Mutter passt mir D’angelo viel besser als Young Dolph.
Aigner: Klar.
Kunze: Ich glaube, unser Problem ist, dass »Black Messiah« klingt, als hätte man »Voodoo« einfach laufen lassen, dazwischen halt so ein paar Trials und Tribulations seitens D’Angelo, aber ansonsten fühlt sich das Album an wie ein Zeit einsaugendes Ereignis, bei dem man sich einfach denkt: Hands down, der Typ, plus die Questloves und Pino Palladinos, er hat es wieder getan. Wieder dieser unnachahmlich versetzte Rhythmus, das Falsett, das auf den Refraingepfeife und dafür dem Song einen trällern. Aber es ist für mich halt auch hier und da »schubidua seifenblase« und wenn das nicht D’Angelo wäre, hätte ich dem schon gesagt, dass er mal eine Schippe hätte drauf legen können. Mal raus aus der Komfortzone. Aber der Dude steht einfach da, guckt seinen Schniedelwutz an und grinst schelmisch und lässt es sich gut gehen mit seinem wohlgebauten Körper und diesem schon wieder wohlgebauten Album. Man kann hier immer fein Hütchen ziehen, aber jep, es werden halt keine Corollas gesmashed.
Aigner: OK, vielleicht haben wir doch ’ne Kolumne jetzt. Ich habe hier einfach nichts, woran ich mich reiben könnte, aber halt in a good way. Das ist so komplex, dass es nicht beliebig ist, aber auch nicht so verkopft, dass es sich anfühlt wie ein post-marxistisches Eldridge Cleaver-Traktat. Ein idealer Kompromiss eigentlich.

Kunze: Reibungslos im Schaumbad, so wird das nichts mit der besseren Welt, von der D’Angelo träumt.
Aigner: Ach, eigentlich will er doch vor allem unity. Und mehr unity als im Schaumbad…

»Black Messiah« von D’Angelo findest Du bei hhv.de als 2LP und CD
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