Music Essay | verfasst 11.03.2015
The Moving Still
Kelelas »A Message«
Kelela ist mit das Interessanteste, was R&B derzeit zu bieten hat. Mit »A Message« ist es der Sängerin aus L.A. gelungen, den bildlichen Ausdruck für das zu finden, was ihre Musik so faszinierend macht.
Text Philipp Kunze
Kelela
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Man schaut von unten auf einen leicht bekleideten Frauenkörper. Bauch und Brüste füllen den Bildschirm aus – aber das Video zu Kelelas »A Message« soll keine Fleischeslust ansprechen. Denn Kelela gaukelt nicht vor, dass Haut auf einem Bildschirm nur diesen kleinen, fiesen Schritt entfernt ist, fast berührbar, aber nur fast. Kelela betont, dass ihr Körper für den Betrachter virtuell bleibt. Sie setzt ihn in Szene als wäre er das Avatar des eigenen Körpers; wenn er sich bewegt, wirkt es, als würde die Bewegung nur simuliert.

Der Lichtkegel der Taschenlampe wandert dann weiter. Sucht den Körper ab, schleicht abwärts zur Scham, doch findet nichts, woran er haften bleiben könnte. Umhüllt in weiß vor einem schwarzen Hintergrund wirkt dieser Körper, als bestünde er nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus 3D-Gittern. Das ist kein Körper, der atmet, der riecht, der schwitzt. Das ist ein steriler Gegenstand in einem animierten Raum.

»You don’t even see me, are you even breathing?«, fragt das lyrische Ich im Song ihren Ex. Die Frage richtet sich gleichzeitig an den Betrachter, den Gaffer mit der Taschenlampe. Doch er kann sie nicht sehen: Er sieht nur eine Frau, die nicht der Dingwelt angehört, sieht ihr künstlich erzeugtes Abbild; sein Blick verliert sich in einem Objekt in einer virtuellen Welt. Atmest du noch, dort wo du eigentlich bist?

Kelela verwandelt sich in eine Göttin; eine Verwandlung die nur die Flucht ins Virtuelle ermöglicht hat. Am Ende transformiert sich die Sängerin schließlich komplett in eine Anime-Figur. Diese explodiert, Augäpfel werden zu Nippeln, aus einer Figur werden zwei. Sie umarmen sich, werden von einander weggerissen, versuchen sich zu greifen, doch ihr Griff entgleitet zu erst. Ganz am Ende umklammern sich schließlich doch die Arme. »Girlfriend« hallt zu diesem Videoframe nach. Im Moment der Umklammerung löst sich das Wort »Girlfriend« von dem Präfix »Ex-«. Es ist der Moment, der den Wunsch des lyrischen Ichs ausdrückt.

Im Text geht es um den Verlust eines Liebhabers. Der Verlust der Liebe ist in »A Message« fast ausschließlich der Verlust eines Körpers. Das Video dreht sich deshalb um Körperlichkeit. Dem Betrachter (dem »Ex«) bietet das Video einen Körper an, den er nicht begreifen und niemals fühlen kann: Erst sieht er nur blutleer aus, dann wird er es wirklich. Kelela verwandelt sich in eine Göttin, wird unerreichbar; eine Verwandlung die nur die Flucht ins Virtuelle ermöglicht hat.

Das Video stellt den Körper ins Zentrum von Liebe. Doch er flüchtet sich in eine Welt, in der kein Geruch, kein Geschmack und keine Berührung möglich sind. Der finale Entschluss des lyrischen Ichs über diesen Verlust hinwegzukommen lautet: »I’ma let your body go«. Der Abschied vom Körper als Selbstermächtigung.

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