Music Kolumne | verfasst 16.03.2015
Vinyl-Sprechstunde
Kendrick Lamars »To Pimp A Butterfly«
To stream a masterpiece: in einer Sondereil-Edition der Vinyl-Sprechstunde nehmen sich unsere Kolumnisten Kendrick Lamars neuem Album an. Es gibt Vorbehalte, am Ende aber auch eine gemeinsame, eindeutige Meinung.
Text Florian Aigner, Philipp Kunze
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Kunze: Zunächst: Findest du »To Pimp A Butterfly« als nächsten Schritt so mutig? Ich bin mürrisch, weil das alle als »so gewagten Schritt« darstellen; keine Vorab-Tracks für Club/Radio bla bla bla. Aber eigentlich empfinde ich so ein »Black Power«-Album von Kendrick Lamar als überhaupt nicht mutig, sondern beinahe berechnend. Ist doch klar, dass das 2015 ballert: die Straßen sind wieder genauso hot wie die Strip Clubs.
Aigner: Stimmt ja auch eh nicht wirklich. »I «ist ja mit drauf. Und »The Blacker The Berry« ist halt die typische Street- Single dazu. Und bitte, »I« ist der beliebigste Scheiß, den Kendrick Lamar je gemacht hat. Da geht mir auch diese Scheinheiligkeit allerorts auf den Sack. Ich erhoffte mir da wirklich mehr Subversität vom Rest als von Kendrick Lamars »I Need A Dollar«. Aber ey, erster Track bei mir vorbei: fett. OK, »For Free« fickt direkt Leben. Da wird in einem nun wirklich geil dreisten Jazz-Dudel-Kontext ja an Blackness alles aufgefahren was es zu verhandeln gibt. Junge, Junge.

Kunze: Auf jeden Fall eine Kampfansage. Gleichzeitig ist es für mich eine krasse Armutserklärung, wie alle direkt komplett ausrasten müssen. Etwas Spoken Word und Free Jazz auf einem Rap-Album dieser Größenordnung und direkt gibt es keine gegenwärtige Messlatte mehr. Unberechenbar ist das nicht. – Und irgendwo avantgardistisch auch nicht.
Aigner: Avantgarde ist ja auch für mich überhaupt nicht das, was Kendrick Lamar ausmachen würde.
Kunze: Mir ist das einfach von der Grundvoraussetzung zu einfach: wie schnell man im Rapgame revolutionär sein kann. Da will ich relativieren, bevor ich dann auch nur noch sabbere. Man muss schon erwähnen, dass der Kontext verdammt armselig sein muss, wenn wegen eines Covers und ein paar grimmiger Lines vorab ein Album direkt diesen Stellenwert eingeräumt bekommt.

»Kohärenz im Rap-Game ist 2015 halt auch revolutionär.« Aigner: Bin ich voll bei dir, aber das erste Album war auch schon einen Scheiß von revolutionär. Aber kohärent. Und Kohärenz im Rap-Game ist 2015 halt revolutionär. Oder ein The Roots-Album, das man schon 254 mal zuvor gehört hat. »King Kunta« zum Beispiel, das klingt als hätte er bei DJ Quik einen aus dem Archiv bestellt und ungeniert Santana das Gitarrensolo spielen lassen. Das ist nicht Avantgarde – und das ist auch gut. Avantgarde hat im Rapkontext ohnehin seit »The Cold Vein« und »Madvillain« kaum funktioniert. Ich hatte ja die gleiche Reaktion auf Good Kid M.a.a.d City. Habe dem Braten monatelang nicht getraut und heute: so nah am Classic wie es überhaupt noch geht.

Kunze: Ist halt aber auch Wahnsinn, wie ein bisschen Okayplayer-Instrumentierung in Zeiten von 808s überall in dein Gesicht rein gleich alles so brutal aufwerten.
Aigner: Das ist ein guter Punkt: Musikalisch ist das überhaupt null neu, klar.
Kunze: Dem Dada-Rap rund um Migos hätte so mancher Rap-Fan im Sinne der Kunst da einen viiiel höheren Stellenwert geben müssen.
Aigner: Das geht hier halt echt nur schwer, Adenauer State of Mind.
Kunze: Bei Rap scheint für viele immer das das Beste zu sein, was am ehesten nach dem besten Rapalbum der Vergangenheit klingt.

Aigner: Ich überlege die ganze Zeit, welches das passendste Rap-Album wäre, so als Vergleich.
Kunze: »Like Water For Chocolate« mit Eazy-E statt Common?
Aigner: Und vermutlich ist es halt wirklich so etwas wie »Like Water For Chocolate«, aber das will jetzt natürlich keiner mehr wahr haben, weil sich ja selbst Deutschland von Common getrennt hat.
Kunze: Ha, gleichzeitig!

Aigner: Warum macht Kendrick Lamar das besser als alle anderen? Dieses Zeitlose?
Kunze: Weil er als einziger noch erzählen und gleichzeitig flowen kann. Und beides besser als jeder andere (außer Drake höhöhö)? Vielleicht auch, weil er der einzige Rapper ist, der liest, ohne dabei direkt seine Dick-Power zu verlieren?
Aigner:Hahahaahah, Dick-Power!

»Hier besteht so eine schöne Hin- und Hergerissenheit zwischen situativer Inbrunst und reflektierender Schlauheit. Das zwischen diesen Polen Großartigkeit entsteht, ist doch kein Wunder.« Aigner: Mich macht ein bisschen fertig, dass der im echten Leben ja nur 140 Zentimeter groß sein soll. Das ist alles so staatstragend hier und dann muss der sich seine Nikes in Frauengröße holen, das ist doch unfair.
Kunze: Du bist ein doofer Zyniker. Deshalb lass uns schnell ganz ernst wenigstens den Titel »literaturwissenschaften« – wenn die Zeit schon für die Texte nicht reicht. Weißte, für mich ist im Titel, »To Pimp A Butterfly«, schon das enthalten, weshalb ich die Politiknummer hier so unterstützenswert finde: Das ist Kritik am weißen Mann, ohne die Rolle des Schwarzen dabei zu vergessen. Der im TV über »Pimp My Ride« porträtiert wird, sich aber in der Unterhaltungsindustrie zu selten richtig dagegen wehrt, sondern vor allem durch viele Raptexte noch zu dieser Karikatur beiträgt. Und auf der anderen Seite der Verweis zu »Kill A Mockingbird«. Im Buch schafft es ja der Anwalt, Name vergessen, nicht, den farbigen Angeklagten vor dem Schuldspruch zu bewahren. Die rassistische Gesellschaft siegt.
Aigner: Und das ist im Rapkontext dann doch irgendwo revolutionär, weil – seien wir mal realistisch – im literarischen Sinne diese Empowerment-Platten und Bands entweder krass destruktiv und rebellisch oder naiv und utopisch waren. Kendrick Lamar ist da eher so bei Ellison, Baldwin und Lee. Das finde ich auch ungeheuer frisch.
Kunze: Genau das! Dass er eben nicht nur wie N.W.A Fronten aufbaut…
Aigner: …was jetzt nicht »Straight Outta Compton« und »It Takes A Nation« entwerten soll…
Kunze: ..sondern die Menschheit als Ganzes betrachtet. Ich finde es mega spannend, dass er einerseits dazu aufruft, das Weiße Haus zu stürmen, andererseits Liebe als finale Lösung anbietet. Da tanzen die Black Panthers auf LSD und in Tücher gehüllt einen Reigen in der grünen Natur. Dieses Quäntchen Hippietum… <3
Aigner: Das ist der Punkt, an dem du mir hier alles kaputt machen kannst, das weißt du, ja?
Kunze: Hier besteht so eine schöne Hin- und Hergerissenheit zwischen situativer Inbrunst und reflektierender Schlauheit. Das zwischen diesen Polen Großartigkeit entsteht, ist doch kein Wunder.

Aigner:OK, bin ich dabei. Und ich glaube deswegen ist es auch viel vielversprechender sich den Spex- und Pitchfork-Support damit zu erklären, als mit irgendwelchen Sound-Attributen. Kendrick Lamar wird vermutlich als erster Rapper in Echtzeit als Lyriker rezipiert. Das war vielleicht noch so bei Nas, aber »Illmatic« war halt nicht so explizit politisch, eher mit dieser krassen Mikro-Perspektive. Ich finde es fast notwendig, dass wir das in drei Monaten nochmal zur Sprechstunde bestellen.
Kunze: Selten wäre das angemessener als hier. Aber hey: das Konzept lebt ja von der Unmittelbarkeit, breh breh.
Aigner: Wir sind eh wahnsinnig das so on first listen zu besprechen, aber »Internet gonna Internet«.
Kunze: Bei mir verkackt gerade Spotify.
Aigner: Alle werden lachen, dass wir mit so erbärmlichen Spotify-Free-Accounts hier im digitalen Waffle House rumstrugglen.
Kunze: Musikjournalimus Zweifünfzehn gonna Musikjournalismus Zweifünfzehn.
Aigner: To Stream A Masterpiece.

Aigner: Zurück zur Musik: Man muss mal die Basslines hervorheben, finde ich. Westcoasting im ganz klassischen Sinne.
Kunze: Ja, der G-Funk wedelt zwischen der vermeintlichen Sperrigkeit locker-fröhlich die Palmen in Cpt.
Aigner: Das ist auch alles wieder so geil erzählt: Hood Tales mit Eichel-Politur und kurz danach Five-O und Barack Obama. Er kann es einfach.
Kunze: Wie vielseitig seine delivery halt auch ist. Mich nervt dieses Stimme verstellen ja oft genug bei ihm, aber hier macht das die Stimmung immer dichter.
Aigner: Und alter, Snoop Dogg, der seinen Lodi Dodi Flow rausholt. Das Album kann halt einfach wieder alles. Boah Snoop, 300 Hunna Flowliebe.

Aigner: Wer hat eigentlich produziert? Krass auch, dass das bei K.Dot schon fast keine Rolle mehr spielt.
Kunze: Weil es bei ihm nicht mehr das typische Rapper/Producer-Ding ist. Hier kann man nicht sagen, »Raps: meh; Beat: BEAT«, sondern er hat ein Musikstück als Gesamtwerk.

Aigner: 2 Pac-Outro, let’s go. … Ich – äh – hab eine Gänsehaut. Eben als er die Panthers runtergerattert hat und dann bei Michael Jackson ankam. Da will man sich ja als verkappter Soziologe ein Jahre lang mit beschäftigen.
Kunze: Störe mich gerade an 2 Pacs Doppelmoral in seiner Betrachtung von Reichtum. Aber die Heuchelei, selbst die hat Kendrick Lamar ja eindrucksvoll thematisiert auf dem Album.
Aigner: 2 Pacs Weltbild, diese ganze Verschwörungsparanoia, das ist ja glücklicherweise bei Kendrick Lamar viel differenzierter. Aber wie er da vor dem Gewicht von 2 Pacs Worten halt auch einknickt.

Kunze: Aaaah, jetzt die Erklärung der Raupe-Schmetterlings-Allegorie: Gänsehautentzündung. Und den Kreis zum »Good Kid« schließt er auch noch. Ich strample wie eine Schildkröte, die es auf den Rücken gelegt hat. Das Album ist umwerfend und im besten Falle kommt niemand nach dem Hören so schnell wieder in den normalen Trott.

Aigner: Fuck mayne, packt das in euren Kanon, Unis. Jetzt. Finally free, strampelnd, du against the world.
Kunze: Nobelpreisshit.

Das Album »To Pimp A Butterfly« von Kendrick Lamar findest du bei hhv.de auf CD und bald auch auf Vinyl.
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