Music Kolumne | verfasst 15.04.2015
Zwölf Zehner
März 2015
Willkommen im April . Doch vorher lassen unsere Kolumnisten vom Dienst den Monat März musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
Text Florian Aigner, Paul Okraj

01-PalmbomenFind it at hhv.de: 2LP Ein niederländischer Nerd im Exil von Los Angeles und einem Faible für Akte-X und analoge Geräte. Die Haare hat er auch noch schön, nicht ganz so akkurat wie Duchovny als Mulder, dafür abseitig schrullig wie Duchovny in Twin Peaks. Von Grundauf sympathisch also, dieser Palmbomen. Benennt dann auch auf seinem neuen Album jeden Track nach einem Charakter aus der von Chris Carter geschaffenen Lieblingsserie, exemplarisch sticht »Cindy Savalas« hier ganz besonders hervor. Aber wie klingt das Ganze? Nun, stellt euch vor, man schickt Larry Heard mit dem Kosmischen Schlüssel (Masters of the Universe, anyone?) auf Erholugsreise nach Nepal samt Zwischenstopp auf Goa, so klingt das. »In seiner new-agigen Schluffiness manchmal an das erste Maxmillion Dunbar Album und das ist in meiner Welt immer noch ein Ritterschlag« schreibt Kollege Aigner. In meiner auch.

Palmbomen IIs »Cindy Savalas« auf Youtube anhören

02-KelelaFind it at hhv.de: 3LP It speaks to the despair that I was experiencing at the time. The initial version of the song spilled out of us in about 25 minutes. Since then, it’s been like a sculpture that I’ve come to and refined over time, adding a lyric here, refining a melody there, adding a bridge, etc. It’s a process that is now finally complete with its release and I’m so happy that I finally get to share it with all of you. Sagt Kelela über »A Message«. Wir denken immer noch an Aaliyah und glauben langsam auch an Arca, der sich hier nicht arg weit weg von einer Styropor-Becher-Variante unseres geschätzen Terius bewegt.

Kelelas »A Message« auf Youtube anhören

03-KinkFind it at hhv.de: 12inch Leider sind auch wir zu jung, um den Summer of Love am eigenen Leib miterlebt zu haben. Auch mit The Prodigy verbinden wir keine ekstatischen Club- oder Festivalmomente, sondern ausgedehnte Fresskomapausen nach Muttis Mittagsschmaus und Hintergrundberieselung von Mola auf der Couch von Viva Interaktiv. Schwelgen wir aber nicht weiter in verpassten Erinnerungen, schließlich lassen sich die historisch besten Rave-Momente mit Kinks »Pocket Piano« im Breakbeat-Remix in diesem Jahr alle nachholen. Jungle, Acid und überschwengliche Pianosalven auf einem Track vereint. Nach fünf Jahren beschert Kink Running Back ein weiteres Tensnake-Momentum. Wer schlau ist ist, bucht im Sommer eine Woche Ibiza und eilt zu Papa Sven in die Messe. Gute Laune garantiert. Und Kink ist auch dabei, da führt kein Weg dran vorbei.

Kinks »Pocket Piano (Breakbeat Mix)« auf Beatport anhören

04-KendrickFind it at hhv.de: 2LP »Institutionalized« ist vielleicht der quintessentielle Kendrick Lamar Track. Musikalisch dem Erbe von Sly, George und Dre gleichermaßen verpflichtet, rappt Kendrick hier wieder multiperspektivisch, flankiert von Snoop Dogg im unvergleichlichen Lodi-Dodi-Flow, über die Zerreißprobe der afroamerikanischen Existenz – Peer Pressure, Image-Pflege, Heuchelei, Entwurzelung, Loyalität, Verblendung inklusive. Und wie immer bei Kendrick wirkt das trotzdem nicht wie eine dröge Soziologie-Vorlesung, sondern wie die konsequente Weiterentwicklung großer bis größter Storytelling-Momente der Rap-Historie.

Kendrick Lamars»Institutionalized« auf Youtube anhören

05-Future Ok, langsam aber zielstrebig kriecht sich Future in All White in Richtung purpurnes Firmanent – nicht nur visuell im dazugehörigen Video, sondern auch metaphorisch. Wie lange dessen Post-Ciara-Depression noch gut geht, ohne dass er Screw und Pimp C da oben bald die Hand schüttelt, ist nach »Codeine Crazy« eine immer dringlicher werdenden Frage. Gibt es da draußen keine Kardashian mehr, die unseren so eindrucksvoll identitätskriselnden Helden aus seinem Leid erlösen könnte?

Futures »Codeine Crazy« auf Youtube anhören
 

06-OctopusFind it at hhv.de: 12inch Anders als Future schwört DJ Octopus nicht auf purpurne Mischgetränke, sondern zieht purpurne Pillen vor. Für den Technotrack des Monats in den Zwölf Zehnern reicht das allemal. Angesiedelt irgendwo zwischen der Eleganz einer Underground-Resistance-Produktion, leicht versetzten Industrial-Anleihen, die im Hintergrund wabern, und trivialen aber dafür äußerst funktionalen wie dytopischen Carpenter-Akkorden tweakt »Purple Pills« unaufgeregt fünf Minuten vor sich hin. Nicht mehr, nicht weniger, wir sind dennoch zufriedengestellt.

DJ Octopus’ »Purple Pills« auf Youtube anhören
 

07-Kool Was es für eine Freude ist, wenn Kool Keith Bock hat, auch heute noch. »Für My Sons« hat sich Vadder Spankmaster beim notorische unterbewerteten Statik Selektah einen tiefenentspannten Throwback-Jugger, irgendwo zwischen Sugar Hill und Ignant Shit, bestellt und doziert über seine Vaterrolle für Tina Turner, Lisa Stansfield und ääääh Taylor Swift. Wie gewohnt tut er dies im Stehen auf das Metrum, Hater und deine Cousine gleichermaßen pinkelnd und wir geben die Hoffnung nicht auf, dass ihn Statik Selektah einfach drei Tage im Studio eingesperrt hat.

Kool Keiths »My Sons« auf Soundcloud ansehen
 

08-Tinashe Tinashe mögen wir, das dürfte bekannt sein. Und auch wenn »Just The Way I Like It« nicht diese Unmittelbarkeit vorheriger Hits hat: das hier ist ein Monster von einem EP-Track. Kollege Kunze sucht ständig den Propfen im Ohr, angesichts dieses fies schrabbelnden Sci-Fi-Leierkasten-Beats, der sich nur durch die konstrastierenden, schüchternen Gitarren-Licks als Nicht-Systemfehler identifiziert. Dazu säuselt Tinashe angenehm zurückhaltend über ihre persönlichen Vorlieben. R&B, dir gehts auch 2015 gut.

Tinashes »Just The I Like It« auf Youtube anhören
 

09-AakmaelFind it at hhv.de: 12inch Sommer, die Zweite: Mit einer gestandenen House-Ikone wie Sweet Pussy Pauline kann es die Sängerin auf DJ Aakmael »Swagga« natürlich nicht aufnehmen. Dieser Hybrid aus halb narrativer und halb gesungener Vortragsweise lässt dennoch kurz an der House-Historie liebster Pussy denken. Außerdem muss man in diesem Zeiten ohnehin für jegliche Gesangseinlage auf Dancetracks dankbar sein, gerade dann, wenn sie sich über die gesamte Tracklänge erstreckt. (Wir lieben Vocals!) Apropos Dancetrack: Auch ohne Gesangseinlage funktioniert »Swagga« dank dieser euphorisch aufgeschlagenen Keys uns Stringchops über die peitschenden Hi-Hats ganz vorzüglich. Das Gesamtpaket stimmt. Und ganz in Paulines Sinne liebe DJs in diesem Sommer: Work this pussy, you big, ugly, bean-eatin’ son of a bitch!

DJ Aakmaels »Swagga« auf Youtube anhören

10-strict Ach schön, diese Peace Edit Chose von Mr. Mitch nimmt immer bizarrere Züge an. Auf der glücklicherweise sogar auf Vinyl veröffentlichten Split-Maxi auf Gobstopper nimmt sich Mitch Dru-Hill an, was eine an sich schon fast nicht zu toppende Kombination ist, aber wenn ein gewisser Strict Face aus dem Alice Deejay Dorfdissen-Evergreen Better Off Alone ein eiskaltes Grime-Instrumental baut auf dem man ILoveMakonnen schief über die täglich empfohlene Wasserzufuhr croonen hören mag, dann wissen wir endgültig, dass Peace schon immer der bessere War war.

Strict Faces »Alice (Peace Edit)« auf Youtube anhören
 

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