Music Interview | verfasst 26.05.2015
Matthew Herbert
Auf der Suche nach dem Schock
Fast ein Jahrzehnt ist seit dem letzten Herbert-Album vergangen. Zwischenzeitlich politisierte sich der britische Produzent. Im Interview erklärt er, wie sich die Regierung stürzen lassen würde und welche Rolle Musik dabei spielen könnte.
Text Kristoffer Cornils
Herbert

Auf einer Platte von Matthew Herbert kann man hören, wie 3.000 Menschen in einen Apfel beißen. Für seine meist Sample-freie Musik bediente sich Matthew Herbert schon immer an den Sounds der physischen Welt. Auf einer anderen Platte machen die Organe des britischen Produzenten die Musik.

Nachdem er Ende der 1990er Jahre als Radio Boy den Produkten von Fast Food- und Kaffee-Konzernen Klänge entlockte, um Kritik am globalisierten Kapitalismus zu üben, konzentrierte er sich im vergangenen Jahrzehnt auf die experimentelle Musik, die er unter seinem vollen Namen veröffentlicht. Während »One Pig«, das dem Lebenslauf eines Schweines von der Geburt bis auf den Teller folgte, Kritik von Tierschutzorganisationen wie PETA hervorrief, basierte sein letztes Album »The End Of Silence« auf einem fünf Sekunden langen Video einer Bombenexplosion in Libyen und wurde mit Unverständnis und Ablehnung begrüßt.

Nachdem er im letzten Jahr sein Herbert-Pseudonym mit einer Reihe von Beiträgen zu seiner 1995 ins Leben gerufenen »Part«-12“-Serie fortführte, kehrt er nun mit dem ersten Herbert-Album seit fast einem Jahrzehnt zurück. Obwohl die hochenergetischen Big Band/Disco-Hybride auf »The Shakes« keinesfalls wie Protestsongs klingen, spiegelt sich in ihnen doch die Haltung eines Musikers wider, der sein Publikum durch Hinhören zum Umdenken bewegen möchte. Parallel zur Veröffentlichung von »The Shakes« hat Herbert sein lange Zeit inaktives Projekt Country X wiederbelebt, eine Internet-Community, die sich als virtuelle Nation versteht. Im Interview erklärt Herbert den Gedanken hinter Country X, wie sich die Regierung stürzen lässt und welche Rolle Musik dabei spielen könnte.

Du hast vor Kurzem Country X wiederbelebt. Was war die ursprüngliche Idee hinter dem Projekt?
Matthew Herbert: Ich denke, wir müssen Grenzen neu denken. Bürger eines Landes zu sein, ist eh ein Akt der Fantasie. Es gibt keinen Unterschied zwischen dir und mir. In Zeiten wie diesen braucht es eine Art Schock für das System. Ein Teil unserer Verantwortung als Künstler ist, dreiste, absurde oder andersartige Lösungen, Provokationen oder Erschütterungen zu erdenken.

Kannst du die politische Struktur von Country X näher erläutern?
Matthew Herbert: Nun, das ist ein schwieriges und interessantes Problem… Also ich könnte, denke aber, dass weiße, heterosexuelle Männer aus der Mittelklasse – manche von ihnen kahl (zeigt mit einem Grinsen auf seine Geheimratsecken) – die anderen sagen, was zu tun und was zu denken ist, eines der großen Probleme dieser Welt darstellen. Eine sinnvolle Alternative muss Menschen in einer anderen Art und Weise involvieren, muss eine gemeinsame Erfahrung bieten und viele verschiedene Strukturen sein. Es ist nicht mein Land, ich bin nicht sein König. (lacht)

Fast ein Jahrzehnt verstrich, seit dem du das Projekt im Jahr 2006 ins Leben gerufen hast, und vieles ist seitdem geschehen. Unser Vertrauen in die Möglichkeiten, die das Internet zur Verfügung stellt, wurde erschüttert. Wie siehst du das Projekt in diesem veränderten Kontext?
Matthew Herbert: Ich meine, es ist aktueller denn je. Ich denke, der Nationalstaat wird im Moment wirklich in Frage gestellt. Wir müssen vereinte Lösungen haben, müssen gemeinsam handeln. Die Schwierigkeit ist, dass die Menschen sich machtlos fühlen. Die Menschen können die Verbindung zwischen denen, die sie wählen, wirklicher Veränderung und den Dingen, die sie wollen, nicht nachvollziehen.

Internet-Communities und kollektive Intentionalität können sehr leicht unterwandert werden; entweder durch diejenigen, die die Infrastrukturen bereitstellen oder durch diejenigen, die es verwenden. Wie würdest du das verhindern?
Matthew Herbert: Gute Frage: Wie mit Dissens umgehen? Was passiert, wenn die Mehrheit schwarze Menschen rauswählt? Ich denke, ein Teil dessen, was es heißt, Mensch zu sein, ist, komplex sein. Eine politische Partei sollte in der Lage sein, unterschiedliche Meinungen zu haben und Veränderungen zuzulassen. Eine der größten Schrecken in Amerika ist, dass für Republikaner eine Art Checkliste gibt: Sie müssen Pro-Israel, Anti-Abtreibung, Pro-Gewehre, natürlich Christ sein usw.

Es basiert auf einem binären System.
Matthew Herbert: Ja, es ist der totale Wahnsinn! Die Idee von einem amerikanischen Bürger, der so oder so aussieht und klingt und dieses und jenes glaubt, ist absurd. Die Welt ist immer weniger so. Das Internet ist da nicht anders. Es ist wie eine Karte des menschlichen Gehirns. Es gibt liebevolle, freundliche Teile, dunkle, beschissene, perverse sexuelle und dann gibt es die nützlichen. Ich denke, das ist, was Country X sein muss, um erfolgreich zu sein: Es muss Unterschieden erlauben, zu bestehen.

In einem Interview hast du gesagt, dass du die »die Regierung stürzen, das kapitalistische System ändern und Frieden bringen« willst. Das ist zwar nicht hundertprozentig ernst gemeint, aber wie könnten wir das erreichen, hypothetisch gesprochen?
Matthew Herbert: (lacht) Das ist, was ich tun möchte, aber ich halte mich nicht ernsthaft für eine Mischung aus Gandhi und Martin Luther King. Was den Sturz der Regierung anbelangt, das ist einfach. Alles, was es bräuchte, wäre ein Korruptionsfall. In diesem Sinne kann Musik – jetzt, wo wir alles aufnehmen und in Musik verarbeiten können – ein dokumentarischer Prozess sein. Geschichten, die zu kontrovers für eine Zeitung sind oder nicht in das öffentliche Bewusstsein durchdringen und aus einer absurden Richtung wie einem Stück Dance Music kommen, könnten schockieren. Das ist, was wir brauchen: Schocks. Das ist, wie du die Regierung zu Fall zu bringst: indem du irgendwo ein Mikrofon anbringst.

Mit Blick auf dein neues Album: Kannst du dir vorstellen, dass ein Song wie »Strong« von UKIP verwendet werden könnte?
Matthew Herbert: Ich glaube nicht, dass UKIP so funky sind. (lacht) Der Faschismus – UKIP ist noch nicht ganz faschistisch, aber eine abgeschwächte Form davon – vereinnahmt Dinge, die nicht für ihn konzipiert wurden und verwendet sie zu seinem Vorteil. Vielleicht also. Aber ich hoffe, dass die Texte so eindeutig sind, dass es für UKIP schwierig sein würde, das zu tun. Alles, was ich letztlich tun kann, ist meine Position klarzumachen. Allerdings wird diese korrumpiert und verdünnt, sobald sie an die Öffentlichkeit gerät.

»Das ist, wie du die Regierung zu Fall zu bringst: indem du irgendwo ein Mikrofon anbringst.« (Matthew Herbert) Das passierte vor allem mit Alben wie »One Pig« oder »The End Of Silence«. Hast du das Gefühl, du hast versagt?
Matthew Herbert: Nein. Ich denke, Künstler haben es einfach, weil sie leicht davonkommen und nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Du kannst etwas Tolles schaffen, das allen gefällt und dir denken: »Ich habe was Gutes gemacht!« oder alle hassen es und du erzählst dir: »Sie verstehen mich nicht. Ich bin meiner Zeit voraus!« Was ich tun möchte, ist zu provozieren oder aufzurühren. Wenn ich eine Reaktion erhalte, fühlt es sich deshalb an, als hätte ich einen Nerv getroffen. Ich denke, das Schlimmste, was mit »The End Of Silence« geschah, war, dass es eine Menge Leute ignorierten. Das ist für mich viel schlimmer, weil es auf eine Art von Taubheit gegenüber dem Gehörten hindeutet, dem Geräusch von sterbenden Menschen. Mir geht es um einen Dialog.

Aber als Produzent stößt du auf ein Problem, wenn du in den Dialog treten willst: Zwischen dir und dem Publikum steht ein Medium.
Matthew Herbert: Ja, aber das Album hat Songtitel, Artwork, Videos und wir spielen Live-Shows. Musik existiert nicht im luftleeren Raum. Der Kontext hat einen Einfluss auf die Musik.

Was sowohl bedeutet, dass du den Dialog nicht kontrollieren kannst.
Matthew Herbert: Nein, aber deshalb sollte ich Vertrauen in die Arbeit haben. Auf meinem Album »Bodily Functions« gibt es einen Track, für den wir die Leute baten, uns Geräusche ihrer Körper zu schicken. Ungefähr 60 oder 70 Personen sendeten uns Kassetten und DATs. Das Publikum ist bereits in der Musik. Der Dialog findet vorher statt, er wird ein Teil des Prozesses. Mir ist klar, dass eine CD ist ein fester Gegenstand ist, aber ich glaube, dass der Prozess ist viel flüssiger als das ist. Zumindest für mich.

Die Musik von Matthew Herbert findest du bei hhv.de.
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