Music Kolumne | verfasst 14.10.2015
Vinyl-Sprechstunde
Wandas »Bussi«
Was ist das mit Wanda? Warum zieht die Band so viele Menschen in ihren Bann? Unsere beiden Kolumnisten haben sich Wandas zweites Album angehört und versucht, eine Antwort darauf zu finden.
Text Florian Aigner, Philipp Kunze
Wandasprecht

Aigner: Ok, vielleicht zu Beginn: ich fühle mich hierfür so qualifiziert wie Rushdie für Drake Lyrics. Mein letztes entzipptes Album in iTunes war »The Documentary 2«. Was erwartet mich hier?
Kunze: Finde ich gut, dass wir direkt mal die Claims abstecken. Also du bist der, der Gitarren nur kann, wenns Future Islands sind. Und ich bin der, der aller Gegenwehr zum trotz, sich von Wandas Debüt voll einnehmen hat lassen. Und habe mich aufs zweite Album gefreut.
Aigner: Genau. Oder Springsteen. Oder halt irgendwas, was ich anders assoziiere, also aus einem Skatevideo oder so.

Kunze: Vielleicht sollten wir also erstmal klären, warum mir das erste Album so gefallen hat. Weil normalerweise ist bei mir ja das letzte entzippte Album auch Young Thugs neustes Mixtape. Aber Wanda hat mich angesteckt. Ich habe dich ja damals ins Boot holen wollen, zum Schnaps trinken und Schunkeln. Was denkst, warum war die Nachfrage für so etwas wie Wanda so hoch?

Aigner: Das Schunkeln ist glaube ich genau der richtige Ansatz. Weil Wanda das nochmal so anders codieren für alle, die sonst zu cool sind für Schunkelbedürfnisse. Aber da kommt da dieses Schmä-Ding dazu und schon ist man nicht mehr ganz so hyper geschmäcklerisch. Alle Menschen wollen doch irgendwie ein bißchen Karneval, aber das zugeben ist schwierig. Nur mit Wanda, da ist das leicht.

Kunze: Mhm, die Erfüllung eines Bedürfnisses, für das sich die meisten abgeklärten Musikhörer sonst zu stolz sind. Und ich habe das da halt auch direkt voll ausgelebt. »Es werden zu wenig Dinge gemacht, zu dem man naiv sein darf. Es werden nur Dinge gemacht, zu den man dumm sein darf. Oder Dinge gemacht, zu den man schlau sein muss.« Vielleicht ist es eine Sehnsucht nach Rock n Roll. Nach echten Gefühlen, echtem Schweiß und echten Rotweinzähnen. So als Antithese zur hyperkomplexen, virtuellen Welt. Und zur allgemeinen Abgeklärtheit. Wanda kam da plötzlich mit so einer sturm und drängerischen Überschwänglichkeit.

Aigner: Aber das finde ich ok, weil die ja geilerweise wirklich aufrichtig pathetisch sind und nicht ganz so hyperintellektuell verbaut wie die deutschen Songwriter. Und solche simplen Sachen, die klingen wie Gloooooria auf österreichisch, ich glaube das kann ich auch einigermaßen fühlen.

Kunze: Gut, und da kommen wir zu den Texten. Ich fand auf dem Debüt diese aufs mindeste reduzierten Texte stellenweise richtig geil. Da hat man gemerkt, dass der Sänger in Wien Sprachkunst studiert hat. Die waren brutal einfach und dadurch poetisch. Zu skandieren, »Ich will zum Himmel fahren so schnell und bequem wie es geht« und danach unvermittelt einen Hund einzuführen, der Rico heißt, den man bitte einschläfern soll: großartig!

Aigner: Kommt halt auch hinzu, dass der Sänger so wunderbar narzisstisch wahnsinnig ist, dass das auch diese Schwanz-Raus-Pose hat, die damals halt auch funktioniert hat. Und dann kamen diese ganzen Thees Uhlmanns, die viel zu clever für wirkliche Gefühle waren. Da gibts kein Schwitzen, nur Frösteln. Und das finde ich so kacke an dieser ganzen Hamburger Schule, da werden keine Schwänze rausgeholt.

Kunze: Kommst du mit dem Schwanz rausgehole auch wegen dem Süddeutsche-Artikel?
Aigner: Kann sein, der war toll. Wobei: Die Thesen waren scheiße, aber die Pointen zum Habitus der Band waren nett.
Kunze: Weil die Diskussion ob das jetzt Brüderle-Rock ist, ist eigentlich der beste Weg Wanda kaputt zu machen. Wie es eigentlich eh unverträglich ist Analyse auf Wanda anzuwenden. Aber einem Musiker 2015 Machotum vorzuwerfen, ist halt ne harte Keule.

Aigner: Ja, ich finde es auch völlig daneben über Inzucht zu diskutieren wegen »Bologna«. Hallo? Darum gehts doch null.
Kunze: Ne, da ging’s ja auch eher eben um den Habitus. Dieses dann doch versteckt intellektuelle Schamanenprediger-Ding, so nach dem Motto: »Komm, Baby, ich bin dein Führer, ich nehme dich mit auf eine Reise.«
Aigner: Ich glaube das finde ich fantastisch, dass überhaupt jemand mal in den Verdacht gerät, ein ekelhafter Chauvi zu sein.
Kunze: Toll, dass du das toll findest. Darf man ja eigentlich nicht. Nicht in unserem Metier, wir müssten es ja besser wissen.

Aigner: Ich glaube diesen literarischen Frontmannschuft, den gibt es zu wenig mittlerweile oder er wird direkt vom Spex-Diskurs kaputt analysiert.
Kunze: Womit das Thema abgehakt wäre. »Das geht dann doch in Richtung DJ Ötzi.«
Aigner: Ich finde im Rockkontext diese Messias-Pose einigermaßen erfrischend, da hat sich ja seit Grunge kaum mehr jemand richtig rangetraut.

Kunze: Und scheinbar lechzen die Leute nach dieser Pose. Warum, das ist ein anderes Thema. Zurück zu den Texten. Wie gesagt, auf »Amore« haben die mich abgeholt. Dieses Mal, nach dem ersten Hördurchgang, erstmal abgestoßen. Weil ich fand, das 1»,2,3,4 ich find’s so schön bei dir« und »Uwijuhiwuji Amore« einfach eine Karikatur ihrer Selbst ist. Das geht dann doch in Richtung DJ Ötzi.

Aigner: Aber das fand ich jetzt schon fast wieder Punk. So »Hey-Ho Let’s Go«. Auf dem Rummelplatz statt im Moshpit.
Kunze: Auch das finde ich DJ Ötzi. Aber war hier bei Wanda ja auch nur ein erster Eindruck
Jetzt finde die Texte inzwischen wieder toll.
Aigner: Ich habe gerade »Ein Stern« über die Melodie von »Gib Mir Alles« gesungen. Ging.
Also ich muss ja sagen: ich kann mir das glaube ich trotzdem nicht anhören, ohne mich nach zehn Minuten waschen zu wollen. Bei aller theoretischen Wertschätzung.

Kunze: Das finde ich jetzt mega verwirrend. Theoretisch: ja, gefühlt: nein?
Ich finde Wanda fühlt man entweder, oder man lässt es gleich.
Aigner: Ne, ich glaube das Gefühl, das die mir geben reicht mir einfach für drei Minuten. Aber die drei Minuten sind gut.
Kunze: Und was passiert dann? Return of Abgeklärtheit?
Aigner: Dann merke ich halt einfach, dass ich da falsch bin.
Kunze: Ist es dieses, uuwääh, da tanzen jetzt Neon-LeserInnen super qwuazy in ihrem WG-Zimmer dazu rum, und knutschen endlich für einen Abend mit Thomas rum, aber es ist nicht schlimm, es passiert nichts weiter, keiner verliebt sich, aber man ist einfach mega inbrünstig im Moment und so?

Aigner: Ne, das geht eigentlich sogar, ich denke da echt gar nicht so sehr dran, wer das sonst noch gut findet. Ich komme da halt einfach nicht für eine dreiviertel Stunde rein. Vielleicht auch weil ich mich auch null nach WG-Parties zurücksehne.

Kunze: Das ist doch interessant: Für alle, die da nicht mehr drin stecken, und derer gibts ja einige, hält Wanda halt so einen krassen Nostalgie-Faktor bereit. Ich glaube, da gehts echt um eine Sehnsucht nach »Einfachheit«.

Aigner: Vielleicht ist Wanda dieses erste Bier das man auf der WG-Party nahm, noch voller Hoffnung, dass es toll wird da und bei Song 3 denkt man: naaaa.
Kunze: Für die Mehrheit ist Wanda jedes Bier, das man auf der WG-Party trinkt und dann morgens Arm in Arm über Brücke nach Hause taumelt und sich Rausch im Gesicht-mäßig via letzter Zigarette den goldenen Schuss setzt und dann in dreckigen Klamotten ins Bett fällt.

Aigner: Das ist fair und immerhin schöner als Brüderle. Hast du denn ein neues »Bologna« gefunden?
Kunze: Ne, absolut nicht. Die Hymnen hatte das Debüt, aber »Bussi« kann man viel besser am Stück hören, finde ich das bessere Album. »Nimm’ Sie Wenn Du Brauchst« ist ne Ausnahme. Ziemlicher Hit.

Aigner: Ich glaube für mich der ultimative Austro-Klischee-Turn-Up: »Andi Und Die Spanischen Frauen«. AAAAAAAANDEEEEEEE!

Kunze: Jaha, verstehe ich. Da Andeeeee, dor Andeee!
Aigner: DA ANDEEEEEEEEEEEEE! Toll, das wird mein Tune, hahahaha. Und Erasmus-Girls in Wien werden zu »Das Wär Schön« drei Liter Tränen weinen. Toll.

Kunze: Ja, so eine sich windende Mischung aus Freuden- und Trauertränen. Voll toll.
Aigner: Ich glaube das Album funktioniert für mich assoziativ eher als Tag nach der Schunkel-Party. Wie sich da alle dann emotional in ein Wanda Album reinkriechen. Und das ist gut, ich glaube Musik, zu der man naiv sein darf, wird zu wenig gemacht.

Kunze: Es wird allgemein zu wenig gemacht, zu dem man naiv sein darf. Es werden nur Dinge gemacht, zu denen man dumm sein darf. Oder Dinge gemacht, zu den man schlau sein muss.
Aigner: Genau. Das ist dann der Grund warum man hier »Atemlos« unterstellen will, aber man erkennt, dass »Bussi« halt nicht die schreckliche Funz ist, mit der du nix zu tun haben willst, sondern deine liebste Mitbewohnerin, der es am Sonntag ganz schlecht geht für vier Stunden.

Kunze: Auf jeden Fall hat’s selbst für dich was mit relativ starken Emotionen zu tun. Und das finde ich schön und rar, vor allem unpeinlich vermittelt. Deshalb finde ich Wanda gut und wichtig. Hoffe jetzt nur, dass die keine Arschis sind.

Aigner: Ok, Moment zum Schluss noch: Ich glaube ich kann das doch länger als 15min. Gerade beim »Alarm!« Mitsingen erwischt

Kunze: Ey, hier sind Gitarren und trotzdem schreibt hier der emphatischste Aigner eva. Nuff said über Wanda.

––––––––––––––
Anm. d. Red.: Nur wenige Stunden nach dieser Sprechstunde hat Kollege Aigner mindestens drei Songs vom Album, die er schwungvoll zitiert und bereits mehr als fünfmal gehört hat und Kunze hat auch seine Hymnen gefunden.

»Bussi« von Wanda findest Du bei hhv.de LP und Doppel-LP+ 7inch
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DJ soFa
Die Einmaligkeit von Sounds
Mit den von ihm kuratierten »Elsewhere«-Compilations richtete der Belgier DJ soFa in jüngster Zeit den Scheinwerfer auf zu Unrecht übersehene, aktuelle Musik. Daneben ist er passionierter Schallplattensammler. Ein Gespräch.