Music Essay | verfasst 11.11.2015
Records Revisited
IAM's »Ombre Est Lumiere«, 1993
IAM sind weit mehr als Frankreichs dienstälteste und erfolgreichste Rap-Formation. Sie sind die großen Poeten des französischen Rap, die historische Verbindung Europas zur arabischen Kultur und ein erinnerndes Gewissen.
Text Jens Pacholsky
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Deutschlands Pop-Weise Diedrich Diederichsen ließ 1994 kein gutes Haar an IAMs zweiten Album. Der sonst so versiert theoretisierende und intellektualisierende, damalige Chefredakteur des Popkulturmagazins Spex sah in »Ombre Est Lumiere« nichts weiter als eine »Mischung aus religiösem Wahnsinn und Science Fiction«. Sie verzerre das bekannte Five Percentertum ins Comichafte.

Hätte sich Diederichsen die Herkunft der sechs MCs, Musiker und Tänzer sowie die soziale Situation der nordafrikanisch verwurzelten Menschen in Frankreich angeschaut, hätte er eigentlich massenweise Futter für weniger selbstgefällige Denkanstöße gehabt.

Musik zur Lage der Nation
Denkt man an die sozialen Konflikte in Frankreich, denkt man als erstes an die brennenden Banlieues im Jahr 2005. Geht man popkulturell weitere zehn Jahre zurück, landet man bei Mathieu Kassovitz’ Film »Hass«, der so beeindruckend wie desillusionierend die Trostlosigkeit der Banlieue-Jugend in Schwarz-Weiß-Bildern einfing. Interessantes Detail an diesem Film: die am Anfang von »Hass« eingespielten Krawalle waren echte Aufnahmen aus dem Jahr 1993. Damals tötete ein Polizist in einem Polizeirevier den 16-jährigen Zairer Makomé Bowole. Bowoles Hände waren zum Zeitpunkt seiner Tötung an einen Heizkörper gefesselt. Die Todesursache: Schuss in die Schläfe.

Rassismus, soziale Ausgrenzung, Vorurteile und Chancenlosigkeit bestimm(t)en den Alltag vieler Jugendlicher – nicht nur aber sehr häufig – mit Migrationshintergrund. Wenn die Marseiller MCs von IAM auf Titeln wie »Vos dieux ont les mains sales«, »Fugitif« und »Une femme seule« über religiösen Hass und soziale Kälte, zerbrochene Familien und den alltäglichen Rassismus sprechen, hat das weder etwas comichaftes, noch etwas mystisch verzerrendes. Vielmehr spiegelt sich in dringlicher, ungeschönter Form die Wahrhaftigkeit eines Lebens von Ausgegrenzten, die den bequemen, priviligierten (weißen) Feuilletonisten so ungeheuerlich überzogen erscheinen mag, wenn sie ihre Texte zu Rotwein und Adorno-Lektüre zusammentippen.

Der fehlende Link
Was Diederichsen als diese vordergründige «Mischung aus religiösem Wahnsinn und Science Fiction« sah, hat bei IAM zwingende Notwendigkeit. »Es blieb IAM nur der poetische und mystifizierte Weg über den so genannten »Pharaoism«. Trotz der gesetzlich fixierten Trennung zwischen Staat und Kirche ist dem katholisch dominierten Frankreich von allen Religionen der Islam am stärksten ein Dorn im Auge. Das mag unter anderem daran liegen, dass die Religion vor allem von jenen Menschen praktiziert wird, die nach dem zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien ins Land geholt wurden, um die Wirtschaft anzukurbeln. Es ist die Religion ehemaliger Sklaven. Das klingt vertraut und äußerst aktuell – nicht nur in Frankreich. Bereits Anfang 1990er Jahre waren weite Teile des weißen Frankreichs von offen islamophoben Tendenzen durchzogen. Wer Gehör finden wollte (politisch, medial, ökonomisch), hielt sich besser fern von eindeutig muslimen Querverbindungen.

Die damals sechs Mitglieder von IAM, die selbst Wurzeln aus Algerien, Italien, Spanien, Madagaskar und La Réunion mitbrachten, wollten ihre eigene Geschichte jedoch nicht verleugnen. So blieb ihnen der poetische und mystifizierte Weg über den so genannten »Pharaoism«. Wie Andre Prevos 2001 in seinem Essay »Islamic Hip Hop vs. Islamophobia« erläutert, war dieser im ägyptischen Mystizismus verankerte Ansatz für IAM der Versuch, ihre eigene kulturelle Identität aufrecht zu erhalten, ohne offen in die weit verbreitete Islamophobie hinein zu laufen. Diese hätte bei einer eindeutigeren Referenzierung der muslimischen Wurzeln nicht nur schiefe Blicke eingebracht, sondern auch die Zensur aufs Programm gerufen.

So sorgte die »Mischung aus religiösem Wahnsinn und Science Fiction«, dem Diederichsen zudem fehlende Selbstreflexion vorwarf, auf »Ombre Est Lumiere« nicht nur für eine einmalige musikalisch-cineastische Dichte, wie sie kurze Zeit später ihre Five Percenter-Kollegen des Wu-Tang Clan entwickelten. Er brachte dem auf zwei CDs und 40 Songs epochalen Werk auch erzählerisch eine ungeheure epische Tiefe mit beeindruckender sozio-politischer Relevanz und Aussagekraft.

Die Musik von IAM findest Du bei hhv.de
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