Music Essay | verfasst 20.01.2016
Jahresrückblick 2015
Am Ende der Echtzeit
Die Welt fühlte sich 2015 zunehmend realer an. Ganz im Gegenteil die Pop-Musik: Sie war so künstlich wie nie zuvor. Wir blicken auf ein Jahr, in dem das Unechte zur Gewohnheit wurde und nur noch eines so richtig echt blieb: die Sehnsucht.
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1 Das Leben hinter den Masken
Drake war wirklich nicht der Erste, der mit der Eleganz einer vom Gegenwind gebeutelten Mülltüte einen Tanz hinlegte. Auch wenn seine stockigen Schunkel-Moves vor wohltemperierten Ambilight-Background im Video zu »Hotline Bling« das Jahr 2015 dominierten, findet sich ein Vorläufer im vorangegangenen: Als die Future Islands im März 2014 bei Talk Show-Host David Letterman ihren Song »Seasons«, vorstellten, sorgte das nicht etwa deshalb für Gesprächsstoff und Begeisterung, weil die musikalische Leistung herausragend gewesen wäre. Was hingegen die Gemüter erregte, waren die Gummigelenk-Moves von Sänger Samuel Herring. Wie bei Drake ging es rechts runter, links runter und der Kopf schien zu machen, was er wollte. Zusätzlich holte Samuel Herring noch alle Feuerzeug-in-the-air-Pathos-Gesten der Rockgeschichte raus. Da schwollen die Halsadern an, bis sie kurz vorm Platzen waren. Dazu die Vocals: Gutturales Growlen nah am Death-Metal-Gekehle. »Buddy, come on!«, schrie Letterman überwältigt, noch bevor der letzte Ton verklungen war. Überraschung, Begeisterung, Sprachlosigkeit über so viele echte Gefühle. Eine Kapitulation vor dem authentischen Ausdruck.

Auf Drakes »Hotline Bling«-Video wurde anders reagiert. Breiter zum einen, denn die inszenierte Awkwardness ist in mehr als einem Jahr aus dem Late Night-Dunkel ins Spotlight geschliddert. 2015 hörte Pop großflächig damit auf, sich um Authentizität und Echtheit zu scheren. Womöglich, weil die Welt um uns so echt wurde, dass es weh tat. Vor allem aber wurde auf »Hotline Bling« reagiert wie auf Drake immer reagiert wird: Mit Memes, Memes und noch mal Memes. Drake weiß das, und vielleicht sogar legt er es darauf an. Das Video zu »Hotline Bling« wurde um ein Vielfaches erfolgreicher als der eigentliche Song, der es nicht einmal auf den ersten Platz der Billboard Hot 100-Charts schaffte. Spott, Häme und der Fremdschamgenuss über so viel artifiziellen Quatsch.

Gegeneinander gehalten könnten die beiden Videos bis auf den überdrehten Tanzstil ihrer Protagonisten unterschiedlicher kaum sein. Auf der einen Seite die Überdosis Authentizität des Future Island-Sängers, auf der anderen abgeklärte slickness Drizzys. Dabei allerdings fußt der emotionale-Erpressungs-Rap von Drake womöglich auf mehr genuinen Gefühlen als Samuel Herrings keuchendes Körperpathos. Beide schaffen es jeweils im selben Zug, echt und unecht in einem zu sein. Ein Paradox.

Was sich bei den Future Islands Anfang 2014 erstmals sichtbar abzeichnete, gipfelte im letzten Jahr mit Drake – und nicht allein ihm. 2015 hörte Pop großflächig damit auf, sich um Authentizität und Echtheit zu scheren. Womöglich, weil die Welt um uns so echt wurde, dass es weh tat.

Denn wann sprechen wir eigentlich von Realität? Vor allem dann, wenn wir über die schlimmen Dinge des Lebens reden. 2015 waren das ganz schön viele, auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Die schlechten Nachrichten hörten nicht auf, sie wurden nur noch schlimmer. Es gab vor ihnen und ihren Konsequenzen kein Entrinnen. Eskapismus schien deswegen keine Option mehr.

Pop stemmte sich weder dagegen noch verflüchtigte es sich. Stattdessen tanzte es vor glatten Neonwänden, und seufzte: »You used to call me on my cell phone«. Es reicht nicht mehr, gehört zu werden und zu hören. Es muss gesehen werden. Pop braucht seine Bilder, schrieb auch Diedrich Diederichsen in seinem Mammutwälzer »Über Pop-Musik« und es fällt schwer, dem zu widersprechen. Je mehr die Welt jedoch von Bildern geprägt wird, desto mehr wird Pop von ihnen abhängig. Je mehr diese Bilder manipuliert und verdreht werden können, desto unechter wird »Pop-Musik«. Ob sie will oder nicht.

Die Körper treten deshalb in den Vordergrund. Es sind nur keine echten mehr. Sie behaupten es auch nicht. Sie werden inszeniert und sie mutieren.

In einem anderen Aufsehen erregenden Video des Jahres 2015 ist ein weißer Schluffi zu sehen, der um einen Rolls Royce tanzt. Seine ganze Erscheinung ist mehr als bizarr: Braids, Grillz, schamhaariger Nackenbart, weites Shirt und enge Jeans, die Füße stecken in Yeezy-Merch. Post Malone legte im Februar mit »White Iverson« den Raktenstart des Jahres hin. Nicht etwa, weil er ein Klischee ist – sondern weil er alle Klischees auf einmal ist. Ein zum Leben erweckter tumblr-Account aus der Trailer Park-Zone des Internets. »White Iverson« dreht sich zu einem Drittel um die Basketball-Leidenschaft Post Malones, zu einem Drittel um den titelgebenden Spieler, reproduziert zu einem weiteren Drittel hedonistische Rap-Klischees von »Bitches« und »Weed« und hat im Gesamten keine nennenswerte Message.

»White Iverson« sagt hingegen sehr viel darüber aus, wie unwichtig es geworden ist, die Codes bestimmter Subkulturen mit Leben zu füllen, sprich die im Rap immer schon wichtige realness zu verkörpern. Post Malone ist das Gegenteil von Authentizität. Er ist alles andere als echt. Die schwammigen Gefühle, die in »White Iverson« durch eine leere Ästhetik gepresst wurden, allerdings schon. »It makes me happy«, singt Post Malone und bleibt in seinen genius.com-Annotationen zum Song eine Erklärung darüber schuldig, was genau ihn eigentlich glücklich macht. Hauptsache Gefühl. Drake hingegen drückt in »You & The 6« ein umso authentischeres Problem aus, dass ihm nämlich die gelebte Authentizität abgesprochen wird: »I used to get teased for being Black / And now I’m here and I’m not Black enough«. Post Malone hingegen muss sich, anders als Eminem zu seinen Zeiten, kaum dafür rechtfertigen, dass seine Karriere die white fruit of Black roots ist.

2 Vom Absonderliche zum Normalzustand
Künstler wie Drake und Post Malone schauspielern sich selbst. Hinter der Maske ließ es sich 2015 leichter leben, zumal kaum noch jemand nach dem fragt, was dahinter liegt. Schrecken, Begeisterung – das alles weicht schneller als zuvor der Gewöhnung. Als die Future Islands im April 2015 zu David Letterman zurückkehrten, um ihren Song »The Chase« zu performen und Samuel Herring ein ähnliches Pathos an den Tag legte, wirkte das nicht mehr außergewöhnlich. Kein »Buddy, come on!« von Letterman, sondern nur noch ein lapidares »There you go!«. Danke für die Showeinlage, jederzeit wieder – ruf uns nicht an, wir melden uns bei dir. Das Absonderliche war plötzlich zum Normalzustand geworden, die Überraschung blieb folglich aus.

Drake und Post Malone sind Jahrzehnte und eine gründliche mediale Umwälzung von der Behauptung Chuck Ds entfernt, Rap sei »CNN for Black people«. Zwar gibt es die alte Schule noch, sie muss aber immer kunstfertiger werden, um mithalten zu können. Während Kendrick Lamar oder Vince Staples die Lebensumstände der schwarzen Community auf ihre Art massentauglich verdichten und Haftbefehl selbst vom Feuilleton für seine (vermeintlich) authentische Gossenprosa gefeiert und auf post-strukturalistische Machtanalysen hin gedeutet wird, sind übersteigerte Kunstfiguren von Kollegah bis Money Boy und seinen etlichen Epigonen die Lieblinge der deutschen Mittelschicht jüngeren Alters.


Money Boys Karriere begann treffender Weise in der scripted reality des Privatfernsehens sowie als YouTube-Viral und beschäftigt eine riesige Zielgruppe, von der nicht immer ganz klar ist, wie ironisch oder aufrichtig sie den aufgedunsenen Österreicher wirklich abfeiern. Zumal der 34-jährige Sebastian Meisinger selbst wohl kaum noch wissen kann, wo seine Persona aufhört und die eigene Identität anfängt. So distanziert und ironisch sich Money Boy gibt: Er verwächst umso enger mit seiner Rolle. Wie bei Future Island macht die bloße Wiederholung das Absonderliche zum Normalzustand, wie bei Post Malone wird das Fremde irgendwann zum Eigenen. Was auch immer hinter Mbeezys Maske liegt, wird langsam von ihr aufgesogen. Denn solange irgendwo ein videofähiges Smartphone in der Nähe ist, dreht Meisinger den Swag auf. Es ist immer ein videofähiges Smartphone in der Nähe.

Die uns umgebene Technik ist mittlerweile dermaßen in unser Leben integriert, dass Holly Herndon nicht zu Unrecht behauptet, der Laptop sei vielleicht das intimste Instrument unserer Zeit. Vor gar nicht allzu langer Zeit sah das ganz anders aus. Cher machte Mitte der 1990er Jahre Autotune bekannt, weil sie ihre eigene Stimme scheiße fand. Zu einer Zeit, als artifizieller Eurodance Hochkonjunktur hatte, passte sich das ästhetisch ein, zwischen ihr und ihrem Publikum aber klaffte das Uncanny ValleyUncanny Valley
Eine Studie, die u.a. gezeigt hat, dass Menschen völlig künstliche Figuren anziehender und akzeptabler finden als Figuren, die zunehmend realistischer werden.
kilometerweit auf. Autotune bedeutete für Cher die Flucht vor der Realität des eigenen Körpers und für ihr Publikum einen kleinen Schock. Heutzutage kommt ein Future, der über sehr reale Themen rappt, gar nicht mehr ohne ihn aus – das absonderliche Markenzeichen ist zu seiner Essenz geworden. Bei Post Malone fällt sie überhaupt nicht mehr auf.

Anders Kendrick Lamar, der im Finale von »To Pimp A Butterfly« einen kongenialen Kompromiss wählt und in ein Zwiegespräch mit 2Pac eintritt, das gleichzeitig (selbst-)verklärend wie ernüchternd ist. 2Pac ist tot, er kann nicht antworten. Es ist eine bizarre, vollkommen künstliche Situation. Das gemeinsame Lachen von Kendrick Lamar und dem Idol ist ein schmerzhaft post-dramatischer Einschnitt in eine Platte, die ihre Melodramatik aus der harschen Alltagsrealität bezieht. »What’s your perspective on that?«, lautet Lamars letzte Frage an Pac, sie bleibt unbeantwortet. Die Vergangenheit schweigt sich über die Zukunft aus. Was Allen Iverson für Post Malone ist, das ist das Gespenst 2Pac für Kendrick Lamar: Das unerreichbare Ziel einer sehr echten Sehnsucht. Pop hat 2015 also aufgehört, Antworten auf simple Fragen zu liefern. Manchmal antwortet sie gar nicht mehr.

Selbst im authentizitätsangereicherten Punkrock lieferten mit The World Is A Beautiful Place & I Am No Longer Afraid To Die und Self Defense Family zwei Bands neue Alben ab, die eigentlich keine Bands mehr sind, sondern sich als lose Kollektive mit rotierender Besetzung verstehen. Das bietet keine Identitätsfläche mehr.

Die ehemals fixen Identitätsflächen schmelzen und verflüssigen sich. Es gab 2015 viel Wasser zu hören, etwa auf Holly Herndons Album »Platform« oder in den Lyrics von Kelela. Das Fluide ist auch der Modus, in dem sich every critic’s darlings Arca und Jesse Kanda bewegen. Ähnlich die Musik von zum Beispiel Lotic, der sich zwar durch Sampling eindeutig in queere, von people of colour geschaffene Traditionen einreiht, sich ästhetisch aber nicht verschubladen lässt. Instrumental Grime war eines der Buzzwords des Jahres, es handelt sich um einen ziemlich diffusen Begriff. Eine definitorische Käseglocke, unter deren Rand es durchsickert. Genres, Subkulturen und ihre Codes sind keine Bezugssysteme mehr, sondern nur noch Referenzpunkte. So wie etwa Post Malones Braids und Grillz auf eine schwarze Hip Hop-Kultur verweisen und seine Hose auf eine weiße Hipsterigkeit. Ein ganzheitliches Bild kann das eigentlich nicht ergeben und doch tanzt dieser Typ am Ende der Echtzeit melancholisch um einen geliehenen Rolls Royce.

3 Körper, Haltungen und Körperhaltungen
2015 spielten sich die dringendsten Identitätskonflikte am Körper ab. Zumeist in einem Bereich, in dem soziales Konstrukt mit vermeintlicher biologischer Realität aneinander reiben: Wenn sich Björk für das Cover von »Vulnicura« eine Vagina in die Brust einbauen lässt, ist das eine konfrontative Ansage an überholte Konventionen in Sachen Gender. Ihr könnt mich zwar an- und sogar durch mich hindurchsehen, ihr seht mich aber nicht. Viel zwiespältiger zeigt sich indes die jüngere Generation. » Kelela betont, dass ihr Körper für den Betrachter virtuell bleibt«, schrieb Philipp Kunze an dieser Stelle in seinem Essay zu ihrem Video »A Message« . Ähnlich FKA Twigs’ Video zu »M3LL155X«, in welchem sie als aufblasbare Gummipuppe dem male gaze begegnet. Indem sich die Körper verflüssigen und völlig entäußern, treffen sie essentielle Selbstaussagen, die nicht selten allgemeine Verhältnisse auf den Punkt bringen. Twigs allerdings ging noch einen Schritt weiter und inszenierte einen Werbefilm für Google Glasses als Kunstprojekt – oder umgekehrt? Der Unterschied liegt in der (Körper-)Haltung: Die Björk-Mutantin auf dem »Vulnicura«-Cover steht aufrecht und konfrontativ da, das Cover von »M3LL155X« trifft zwischen Abwehrhaltung und Selbstaufgabe keine Entscheidung. Ein paradoxes peekaboo: Ihr könnt mich zwar an- und sogar durch mich hindurchsehen, ihr seht mich aber nicht.

Noch schwieriger wurde die Frage der Haltung beim Kollektiv PC Music. Während auf der einen Seite stilisierte Figuren wie QT schon per Namen auf so wenig Speicherplatz wie nur irgend möglich zusammengestaucht werden, ist die Musik kaum mehr als der Jingle für die hauseigene Merch-Abteilung. QT ist weniger Mensch oder Musikprojekt als vielmehr Maskottchen des eigenen Energiedrinks. SOPHIE veröffentlichte sein Debütalbum »Product« statt rein als immateriellen Datei-Download gleich als Produktpalette, deren Angebot – das u.a. einen im eleganten Schwarz gehaltenen Doppeldildo enthielt – angeblich sofort ausverkauft war. Der Clou: Derweil PC Music das Artifizielle und Abstrakte zelebrieren, ist das immer an sehr echte Dinge gebunden, von denen zumindest einige erhältlich waren, wie etwa der Energy Drink. Bei anderen wiederum handelt es sich um genau das, was dem Meta-Genre Vaporwave seinen Namen verlieh: Vaporware. Objekte, die zwar existieren – allerdings nur in der Theorie. Hauptsache, ein Fetisch wird getriggert.

Dass PC Music eigentlich ein großer Marketing-Coup von Red Bull seien, bestritten SOPHIE und A. G. Cook ausgerechnet gegenüber dem Authentizitäts-vernarrten Rolling Stone unter der vielsagenden Headline »PC Music Are for Real«. For real sind sie in ihrer Begeisterung für ihr Tun genauso wie Post Malone, wie bei dem kann die Überdosis von Codes den Kapitalismus jedoch höchstens spiegeln, nicht aber ihn kritisieren. Deutlich wurde das in der Kollaboration von PC Music und dem Major-Label Columbia. Der Generalvorwurf des Ausverkaufs wurde 2015 kaum noch erhoben, im Falle von PC Music wäre das sowieso müßig gewesen: Ausverkauf ist bei ihnen zum erklärten (künstlerischen) Ziel geworden.

Wie kann eine authentische, echte Haltung noch klingen oder aussehen? Brauchen wir vielleicht doch wieder Protestsongs? Sollten wir uns nicht vereinnahmen lassen? Das sind Fragen, über die Daniel Lopatin aka Oneohtrix Pointer Never in unserem Interview nur müde schnaufte. Lopatin schert sich einen Scheiß drum, ob ihn jemand wegen seiner Verbindungen zu Red Bull kritisieren könnte. Mit seinem diesjährig erschienenen Album »Garden Of Delete« stellt er außerdem den Mythos vom rebellischen Ausbund von Authentizität in Frage: Grunge wird von Lopatin als fabrizierte Lüge enttarnt, die solange wiederholt wurde, bis sie fester Teil der Realität wurde. Er will die Lüge zurückerobern, um sie zu enttarnen. Das ist die Zuspitzung dessen, worum es bisher ging: Das Inauthentische wird dermaßen überzogen, dass es wieder zum Spektakel wird. Letterman soll wieder ein erregtes »Buddy, come on!« schreien, statt gütlich »There you go!« zu brummen.

Wo Lopatin sich zynischer Manipulation hingibt, versucht Holly Herndon es anders anzugehen. Als »Trägersignal«, also eine Art trojanisches Pferd, versteht sie ihre Musik und fungiert selbst als solches: Obwohl ihr Gesicht auf dem Cover zu sehen und von außen allein ihr Name auf ihrem zweiten Album »Platform« zu lesen ist, verweist die Platte über zahlreiche Features auf eine Vielzahl anderer Personen und Ideen. Eine positiv formulierte Antwort auf die Übervernetztheit unserer Tage und nichtsdestotrotz eine Haltung. Eine, die das Gute zu sehen oder besser noch sichtbar zu machen versucht. Unecht wirkt das höchstens, weil wir von Realität meistens dann sprechen, wenn wir von den schlimmen Dingen des Lebens reden.

Haltung nahm Holly Herndon auch im Video zu »Home« ein, das ähnlich nah am Exzess operiert wie die Future Islands bei Letterman oder »Hotline Bling«: Über sechs Minuten starrt Herndon direkt in die Kamera, setzt sich und vor allem ihrem Publikum einer Überdosis Intimität, soll heißen Authentizität aus. Obwohl es keine (physische) Nähe zwischen uns gibt, meinen wir sie doch zu spüren. Wie bei einem Skype-Gespräch allerdings, in welchem sich die Redenden zwar ansehen, nie aber einander in die Augen schauen können. »It feels like you see me«, singt sie, »When you look at me/You’re somewhere else« Kelela. Das ist die (schlimme) Realität der Kommunikation mit Pop-Stars, auf einen Nenner zusammengestrichen: Obwohl es keine (physische) Nähe zwischen uns gibt, meinen wir sie doch zu spüren. »It makes me happy«, sang schließlich auch Post Malone und was ihn da eigentlich glücklich macht, das ist ziemlich egal.

Dem gegenüber aber steht das Verlangen nach Einfachheit und Echtheit, ob es der Analog-Hardware-Fetisch im Techno ist oder der anhaltende Vinyl-Boom, in dessen Rahmen gerne vom »warmen« Sounds des Mediums gesprochen. Warm wie ein lebendiger, echter (Klang-)Körper. Auch die »Lügenpresse«-Schreie des (selbsterklärten) deutschen Packs entspringen der Verzweiflung, keine simplen Antworten mehr zu bekommen, die es in einer komplizierten Welt wie unserer zwar nie gegeben hat, die aber in einer weniger komplexen medialen Situation auf vermeintliche Wahrheiten zugespitzt werden mussten. Propaganda-Blogs, Verschwörungstheorien, obskure YouTube-Kanäle haben deshalb Hochkonjunktur, weil sie genau das versprechen: Simple Antworten mit Wahrheitsanspruch. Zu Kendrick Lamars »What’s your perspective on that?« lassen sich dort reihenweise Repliken finden.

Authentizität mag in unserer kapitalistisch durchdrungenen Gesellschaft eine Währung sein. Pop zeigte uns im letzten Jahr jedoch, dass auf der Rückseite der Medaille kein Wert notiert ist. Es gibt nichts mehr hinter der Maske. Wer bleibt denn nun er selbst – Sebastian Meisinger oder Money Boy? Hatte Diedrich Diederichsen noch 2014 geschrieben, dass es beim Popstar »unentscheidbar [sei], ob der Protagonist eine wirkliche oder eine erfundene Figur ist«, muss das nach 2015 revidiert werden: Wirkliche und erfundene Figur sind miteinander verschmolzen, flüssig geworden. Am Ende der Echtzeit wird das Selbst aufgegeben. Damit erst wieder Aussagen über das Selbst getroffen werden können. Es sind lediglich keine einfachen, simplen Antworten. Weil wir in keiner einfachen, simplen Welt leben.

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R Plus Seven
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Music Review | verfasst 13.11.2015
Oneohtrix Point Never
Garden Of Delete
Bei Oneohtrix Point Never kommen Erhabenes und Beknacktes bestens miteinander klar. Auch auf »Garden Of Delete«, seinem tollem, neuem Album.
Music Review | verfasst 11.05.2016
Anohni
Hopelessness
Für ihr/sein erstes Album als Ahnoni hat sich Antony Hegarty mit Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never zusammengetan.
Music Review | verfasst 11.08.2017
Oneohtrix Point Never
OST Good Time
Oneohtrix Point Never zeichnet sich verantwortlich für den Score zu »Good Time«. Dafür gab es den Preis für den besten Soundtrack in Cannes.
Music Review | verfasst 30.05.2018
Oneohtrix Point Never
Age Of
Auf seinem neuen Album als Oneohtrix Point Never, »Age Of«, macht Daniel Lopatin jetzt Pop. Jetzt können wir alle einpacken.
Music Interview | verfasst 09.11.2015
Oneohtrix Point Never
Lügen aus dem Käseladen
Wären wir das Boulevard würden wir hier einen Aphex Twin-Diss ankündigen. Sind wir aber nicht und haben es jetzt trotzdem irgendwie getan. Daniel Lopatin über Soundcloud und Vinyl, Red Bull und seinen eigenen, speziellen Käseladen.
Music Liste
Guts
Picks 10 latest Vinyl Records
Guts ist eine Institution im französischen, ach, im europäischen Rap. Mindestens. Soeben wurde seine Platte »Paradise For All« wieder aufgelegt. Die Gelegenheit ihn darum zu bitten, 10 Schallplatten zu picken, die ihn aktuell mitreißen.
Music Liste
16 Records from Russia
Selected by Michail Stangl
FIFA WM startet in Russland, das Passwort für ВКонтакте vergessen: es wären beinahe triste Wochen geworden. Aber nur beinahe. Hilfe kommt aus dem Boiler Room. Und plötzlich hat alles doch noch einen Sinn.
Music Liste
Legowelt
12 Essentials
Danny Wolfers aka Legowelt zu begreifen – schier unmöglich. Eine Liste mit 12 seiner essentiellen Stücken zu erstellen – ebenfalls, unzählige Releases unter unzähligen Pseudonymen. Wir mussten es dennoch mal versuchen.
Music Liste
Martyn
Picks 10 latest Vinyl Records
Mit »Voids« präsentiert Martyn in diesen Tagen sein fünftes Album. Sein erstes für Ostgut Ton. Aus diesem Anlass ist er durch unseren Webshop gegangen und hat 10 Schallplatten ausgewählt, die ihn derzeit besonders beschäftigen.
Music Kolumne
Aigners Inventur
Juni 2018
New Kanye, new Pusha, new Rocky, Gzuz auch noch! Ziemliche Aufstellung das. Unser Kolumnist ballert trotzdem 51. Und da er den ganzen Spaß hier alleine macht, hat er den Spielstand stets im Kopf: hellwach, never stoned af, unser Aigner.
Music Interview
Leon Vynehall
Für Oma, Forever Ago
Leon Vynehall geht mit »Nothing Is Still« auf ganz persönliche Spurensuche in seiner Familiengeschichte. Auf dem Debütalbum für Ninja Tune erzählt er, wie seine Großeltern in den 60er-Jahren von Großbritannien nach New York einwanderten.
Music Liste
The Bug
Picks 10 latest Vinyl Records
Kevin Martin ist ein aufmerksamer Beobachter der aktuellen Strömungen. Seine Musik lebt von Details und stilistischer Aufgeschlossenheit. Nachzuverfolgen an seiner Auswahl von 10 aktuellen Lieblingsplatten.
Music Bericht
Schwesta Ewa
Vom Rotlicht ins Zwielicht
Die Realität hat Schwesta Ewas realness übertrumpft. Vorläufig verurteilt wegen Körperverletzung, Steuerhinterziehung und neuerdings auch wegen Verleumdung anklagt: Ihr Beef mit dem Gesetz nimmt kein Ende.
Music Kolumne
Boards Of Canada
Music Has the Right to Children, 1998
Nostalgie als Zukunft: Boards of Canada boten mit ihrem Debütalbum »Music Has the Right to Children« eine Blaupause für zahllose Downtempo-Künstler und bauten aus Vintage-Synthesizern einen melancholisch-irritierenden Klassiker.
Music Interview
Kamaal Williams
Zurück zum rawen Shit
Gemeinsam mit Yussef Dayes veröffentlichte er vergangenes Jahr mit »Black Focus« einen Fan-Liebling. Jetzt ist Henry Wu aka Kamaal Williams solo zurück. Seine Musik ist von vielen Stilen inspiriert. Von nichts mehr aber als vom Glauben.
Music Liste
Benedek
Picks 10 latest Vinyl Records
Nicholas Benedek ist ein Tausendsassa. Seine Musik klingt nach seiner Heimatstadt Los Angeles. Sie ist eine Mischung aus West Coast G-funk und Lo-fi-House. Er hat unserem Sortiment 10 aktuelle Lieblingsplatten entnommen.
Music Porträt
Gzuz
Wieso? Weshalb? Warum?
»This shit ain’t for fun«. Stimmt nicht ganz. Für den Konsumenten ist es das weiterhin, Gzuz verkauft und verkauft. Das kann man finden wie man will. Man sollte sich nur fragen: Warum?
Music Liste
Bluestaeb
Picks 10 latest Vinyl Records
Detailverliebter Eklektizismus kontra instrumentale Monokultur: Das zeichnet Bluestaebs Beats aus. Und das zeichnet auch die 10 Schallplatten aus, die er aktuell am meisten feiert.
Music Kolumne
Records Revisited
Guru – Jazzmatazz Vol.1 (1993)
Das Genre-Crossover war die große Verbeugung des Gang Starr MC vor den Jazzwurzeln der Rap-Musik. Es war jedoch auch eine verpasste Chance und ein Anachronismus in einer sich rasant wandelnden Hip-Hop-Welt.
Music Liste
Courtney Barnett
Picks 10 latest Vinyl Records
Auf ihrem zweiten Soloalbum »Tell Me How You Really Feel« schickt sich Courtney Barnett an, sich einen Platz neben den ganz Großen zu reservieren. Dort, wo ihre Picks Cate Le Bon und Torres schon sitzen und Joni Mitchells Platz gesetzt ist.
Music Kolumne
Aigners Inventur
Mai 2018
Auch bei Aigner ist die Future female: die Highlights diesen Monat kommen fast ausschließlich von Frauen. Kein Platz also eigentlich für Bierbongs und lecker im Speckmantel verpackte Mediokrität. Aber muss halt. Die Inventur.
Music Porträt
Knekelhuis
Wandern zwischen Welten
New-Wave-Nostalgie, Techno-Ahnenforschung und melancholische Dancefloor-Kracher: Das Amsterdamer Label Knekelhuis gräbt längst beerdigte Klänge aus und erweckt sie wieder zum Leben – nicht nur mit Reissues, sondern auch mit neuer Musik.
Music Porträt
New Record Labels #36
Glitterbeat, Hypermedium, Isle Of Jura und Rhythm Section International
Jeden Monat stellen wir euch Labels vor, die neu bei uns im Shop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Glitterbeat, Hypermedium, Isle Of Jura und Rhythm Section International.
Music Interview
DJ Koze
Soulful und ein bisschen kaputt
DJ Koze: vielleicht House-Musik-Deutschlands letzter wahrer Eklektiker! Vielleicht der nächste kredible Pop-Produzent des Landes. Ganz sicher ist er einer der besten Gesprächspartner, die man sich wünschen kann.
Music Porträt
Pierre von Helden
Hinter die Mauern der Klischees
Deutsch-Rap sieht oft sehr, sehr ähnlich aus. In den Videos und was die grafische Gestaltung der Alben anbelangt. Ein Leipziger Künstler schickt sich an, das zu verändern.
Music Essay
Bubblegum & Kwaito
Südafrikas fast vergessene Musik
Zwei neue Compilations lassen ein fast vergessenes Südafrika erklingen. Wir sprachen mit DJ Okapi, der für beide Zusammenstellungen mit nach der Musik gesucht hat. Über ein bewegtes Land – damals und heute.
Music Kolumne
Aigners Inventur
April 2018
Kennt sein Passwort fürs UGHH-Forum noch auswendig und weiß, was in Zukunft die NTS-Sets dominieren wird: unser Kolumnist Florian Aigner. Ganz klar der Mann also, dem du vertrauen solltest.
Music Kolumne
Vinyl-Sprechstunde
Roc Marciano – RR2: The Bitter Dose
Roc Marciano ist zurück, geändert hat sich nicht: Drums, die dir die Zähne ausschlagen, Samples fürs Seelchen, und Reim-Skills für die Ewigkeit. Unsere Autoren fühlen sich zu Hause.
Music Kolumne
Records Revisited
The Streets’ Original Pirate Material, 2002
Mike Skinner wollte mit seinem Debüt ein echtes englisches Hip-Hop-Album machen, das auf US-Klischees verzichtet. Herausgekommen ist ein äußerst präzises Porträt des Lebens britischer Millennials zwischen 9 to 5 und Binge Drinking.
Music Essay
Jazz aus Japan
Vom Importschlager zur Innovation
Gleich zwei neue Compilations widmen sich dem Jazz aus dem Land der aufgehenden Sonne. Dort musste das Genre einen langen Weg hinlegen, bevor es sich von seinen Vorbildern befreien und etwas Ur-eigenes schaffen konnte.
Music Liste
12 Disco Music Records
with Sleazy Cover Artwork
Mit dem Disco-Revival kamen auch die alten, aufreizenden Plattencover zurück. Wir möchten diesen schmalen Grat zwischen Altherrengeilheit und kultiger Ästhetik würdigen, auf dem sich Sleazy Cover immer bewegen.
Music Kolumne
Aigners Inventur
März 2018
Er hat es alles schon gesehen: Männer-Wampen, deprimierte Stones Throw-Has-Beens, Free-Jazz-Weitwichsen. Vielleicht ein härterer Job als bei der chinesischen Internet-Zensur-Behörde zu arbeiten. Wer weiß das schon?
Music Essay
Kendrick Lamar & »Black Panther«
Black Future Month
Kendrick Lamar hat sich für den Soundtrack zu »Black Panther« verantwortlich gezeigt und ist vielleicht jetzt, wo Diversity verkauft werden soll, damit sie niemand tatsächlich leben muss, wichtiger denn je zuvor.
Music Kolumne
Records Revisited
Digable Planets – Reachin’ (A New Refutation of Time and Space) (1993)
Digable Planets besprachen auf ihren Debütalbum ein Thema, das nicht unbedingt auf Rapalben zu finden ist: weibliche Selbstbestimmung und Pro-Choice. Und zeigen, dass sich seit 1993 eigentlich nichts geändert hat.
Music Kolumne
Vinyl-Sprechstunde
Suba – Wayang
»Komm, das ist dieses Geräusch, das klingt als würden 500 Frösche gleichzeitig laichen.« Unsere Biologie-Expertenrunde im Talk über das neueste Release auf Vladimir Ivkovics Offen-Label.
Music Kolumne
Records Revisited
Sun Kil Moon – Ghosts Of The Great Highway (2003)
Die Reissue von »Ghosts Of The Great Highway« erschien die Tage. Es ist eines der besten Gitarrenalben des 21. Jahrhunderts, obwohl oder vielleicht gerade weil es die maßlose Selbstübersteigerung Kozeleks erstmals in voller Blüte zeigt.
Music Interview
Palmbomen II
Fake Memories
Palmbomen II reist in seiner Musik mit altem Equipment in eine neue Welt. Eine Welt, die es nicht gibt. Aber als Hörer meint man sich an sie erinnern zu können. Verwirrend? Gut, dass wir den Mann sprechen konnten.
Music Interview
Wolf Müller & Niklas Wandt
Trommelkunde
»Wie geil kann alles sein. Aber vor allem: wie geil kann es noch werden?«. Es wird im Folgenden sehr geil – oder sau langweilig. Kommt jetzt ganz auf den jeweiligen, natürlich immer geschätzten, Leser an.
Music Liste
Jóhann Jóhannsson
10 Essentials
Um Jóhann Jóhannsson zu trauern heißt also einerseits, sich an ihn zu erinnern. Sich an Jóhannsson zu erinnern heißt aber auch, das Versprechen anzunehmen, das er mit seiner Musik abgelegt hat.
Music Kolumne
Aigners Inventur
Februar 2018
Der Mann mit dem härtesten Job der Welt ist zurück: Aigner schlägt sich für die erste Inventur des Jahres mit Reizdarm durch die Spotify-Hölle, umgeben von Hollister-Modeln, die Midlife-Crisis vor den Augen. Stehen wir es durch, togezer!
Music Kolumne
Vinyl-Sprechstunde
Rhye – Blood
Lieder über die Liebe, sinnliche Coverbilder nackter Frauen: Rhye sind nach vier Jahren zurück mit einem neuen Album. Es kommt ganz unschuldig daher, am Ende könnte aber James Franco dahinter stecken.
Music Porträt
New Record Labels #35
Death Is Not The End, Lullabies For Insomniacs, Mainrecords & Meakusma
Jeden Monat stellen wir euch Plattenlabels vor, die neu bei uns im Webshop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Death Is Not The End, Lullabies For Insomniacs, Mainrecords und Meakusma
Music Liste
Tribal, Voodoo, Folklore
10 aktuelle Platten von weit weg
Deutschland im Januar: Jahresanfangsmüdigkeit, Schneeregen, Heizungsluft. Man möchte woanders sein. Unsere Liste geht direkt einen Schritt weiter, GANZ woanders hin. Hier sind 10 aktuelle Platten wie sie exotischer kaum klingen könnten.
Music Liste
Ausklang | 2017
Die essentiellen Platten des Dezember
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Music Essay
Jahresrückblick 2017
Fourth World Problems
Fourth World Music: etliche Alben, Compilations und Reissues widmeten sich 2017 dem Thema. Offenbar gab es in diesem Jahr eine hohe Nachfrage nach Utopie. Aber handelt es sich bei dem Phänomen nicht vielmehr um eine bittere Realität?
Music Interview
Torky Tork & Doz9
Der Kandinsky-Code
Torky Tork und Doz9 waren zum dritten Mal gemeinsam im Urlaub, um ein Album aufzunehmen. Oder waren sie es nicht? Egal, die Formel ist die gleiche. Und frag nicht, warum du nur Vierecke siehst.