Music Kolumne | verfasst 03.02.2016
Vinyl-Sprechstunde
Heute: »0,9« von SSIO
SSIO ist ein Barbar in seinen Texten. Und trotzdem haben ihn alle gerne; und zwar Menschen aus den verschiedensten sozialen Schichten. Unsere Autoren sind dem Phänomen im Gespräch über »0,9« auf den Grund gegangen.
Text Florian Aigner, Philipp Kunze
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Aigner: Also die brauchbarste These, die ich dafür habe, weshalb alle SSIO lieben: Er ist Peak Will Ferrell und »0,9« ist Step Brothers. Das ist dieser Cockslap-Humor, der aber auch dem Intellektuellen reingeht, weil er halt so geil vorgetragen ist.

Kunze: Ich habe auch eine These, sie unterscheidet sich von deiner: Ich glaube SSIO kommt bei so vielen unterschiedlichen Menschen so gut an, weil er bei all dem Rumgedödle einer der reifsten Rapper Deutschlands ist. Weil Kindsköpfigkeit Reife nicht ausschließt. Weil SSIO weiß, was er ist – und was nicht. Und das perfekt ausschöpft. Das gibt es in diesem Kosmos von Möchtegerns und Ich-mach-jetzt-mein-Erwachsenen-Album nicht oft.

Aigner: Das ist ja nicht arg weit weg von Will Ferrell.
Kunze: Du meinst wegen Selbstakzeptanz? Wegen dieser Uneitelkeit?

Aigner: Akzeptanz und uneitel, ja. Und Rap hat ja ein größeres Eitelkeitsproblem als die Bundesliga.

Kunze: Dir ist dazu passend doch auch nach dem letzten Video aufgefallen, dass die so der Shady-Hochphase ähneln. Die lebte ja auch von Klaumauk und absoluter Uneitelkeit.
Aigner: Genau. Ich glaube, das habe ich von den Shitlers geklaut, diese Cartoonhaftigkeit der Videos, das ist großartig.
Kunze: Auch sein Verhältnis zu Xatar. Wie er sich da am Anfang des Videos zu »0,9« über ihn lustig macht, indem er den bekifften Lobby Boy für Xatar hält. Das war ja auch immer das Nette zwischen Eminem und Dr.Dre: Dass der harmlose Pausenclown dem harten Straßenhund so kindisch auf die Eier geht.
Aigner: Ja, die Videos waren ja von Anfang an unglaublich (KOALABÄREN!!!!), aber jetzt hat das wirklich diesen MTV-Golden-Era Anspruch, das finde ich krass.

Kunze: Shit ja, Koalabären. Seitdem will ich sein Freund sein. Ich schäme mich aber vor SSIO, weil ich so ein dünnschultriger Hänfling mit ungepflegtem Haupthaar bin. Das findet der nicht geil. Und bei SSIO finde ich geil, was er geil findet, weil er ein Sympath ist (soweit ich das beurteilen kann).
Aigner: Ja, glaube ich auch. Aber das ist ja das Tolle hier: Auch dieser Straßenaspekt ist hier so relatable, dass man sich eben mit 18er Bizeps nicht ausgegrenzt fühlt.

Kunze: Weil er (der Straßenaspekt) nicht überzeichnet ist. Wenn dann ist er ins Ordinäre und nicht ins Glamouröse überzeichnet. Macht ja keiner mehr. Zu sagen, »ich fahr im SL herum, das Ganze quasi als Penisverlängerung« ist ja die Antithese zum Rap-Talk-101. Das Bemerkenswerte bei SSIO ist doch, dass er so abgrundtief prekär in seinen Texten rüberkommen will: Mit Big-Mac-Rest zwischen den Zähnen dicke Frauen bumsen. Aber keiner findet das bei ihm eklig, sondern charmant.

Aigner: Weil »Paradontose von Rockstar-Cola« halt einfach so ein gutes Bild ist, wie soll man das denn nicht geil finden?
Kunze: Haha, ja natürlich. Aber es ist halt auch diesen Spitzbübische. Ich habe da bei aller dargestellten Maskulinität immer das Gefühl, dass er sich auch mit Frauen in einen Kitzelkampf verwickeln lässt. Und er sie gerne hat und sie ihn.

Aigner: Da kann er zwischendurch noch so oft die Steifheit seines Glieds betonen, wenn dann so auf Metrosexualität geschissen wird wie hier, dann ist das doch eine Riesenbefreiung. Da wird nicht rasiert, da packt man einfach Gel ins Schamhaar. Das findet vielleicht auch die Generation McFit einfach auch erleichternd, wenn da einer ist, der einem sagt: Es ist okay morgens nicht erstmal 20 Minuten Augenbrauen zu zupfen.

Kunze: Wenn das jetzt aber jeder andere rappen würde, käme das nicht so rüber. Weil keiner so einen humorvollen Abstand zu der eigenen Person hat wie SSIO. Ich finde nämlich schon, dass dieses ganze Höhlenmenschgehabe nicht funktionieren würde, wenn da nicht so was Verschmitztes dahinter stecken würde. Und Humor bedeutet Intelligenz. Und die spürt man halt in dem ganzen Affenzirkus zwischen Bonn 17 und Burger King und das macht’s für mich so reizvoll.

Aigner: Ja eben, aber das Verschmitzte ist doch auch so explizit in den Texten, dass der die danebensten Sachen sagen dürfte, weil er mit allem dieser frische Koalabär bleibt. Es ist halt auch so wichtig, dass die Delivery so ist wie sie ist. Dieses Angeasselte, das kommt so geil über diesen Streber-Bap. »Mit SSIOs Musik verhält es sich genau wie mit dem Bumsen.« Vergleiche mal Haftbefehls »Skit« von »Kanackis« mit SSIOs »Go Pro«, das veranschaulicht SSIOs Stärke sehr gut. Das Spielerische bei SSIO und bei Hafti dieses verbitterte deutsche Ressentimentloch. Dass SSIO da gut gelaunt drübersteht ist auch irgendwie bittersüß, weil er ja auch vom Aussehen her immer in die Gangsta-Ecke gepackt wird. Und am Ende gewinnt aber SSIO weil die Trulla vom Arbeitsamt seinem Charme erliegen wird, Haft hingegen wird aus dem Laden geschmissen und kriegt Hausverbot, nur weil er herkommt wo er herkommt.

Kunze: Genau, jep! SSIO will ich immer über den Kopf rubbeln für seine Spitzbubigkeit. Ich in der Rolle der Mama: »Du kleiner Schlawiner, so was sagt man aber nicht!« Dann kann ich mir aber ein Lachen nicht verkneifen und muss mich gleichzeitig ärgern, was für eine schlechte Mama ich bin und mich erfreuen wie lieb ich diesen Tunichtgut habe.

Aigner: Und allein ein Titel wie »Bitte keine Anzeige machen«, das ist doch einfach so dermaßen angekommen in der Selbstverständlichkeit eines Riesenbabies, toll. Dazu kommt, dass Puff und Fast Food halt auch Leitmotive sind, die leicht zugänglich sind.
Kunze: Hmm, klar für Dummbatzen. Aber SSIO ist ja nicht Dummbatzen-exklusiv.

Aigner: Ne, eben nicht, weil alles selbstironisch ist. Für Sex bezahlen hält ein Givenchy-Shindy ja für ein Armutszeugnis. Und Fast Food ruiniert die Bauchmuskeln. Dass er mit so einer Tom Gerhardt-Thematik tatsächlich eine Nische besetzt im undergecutteten Deutschrap, das ist brilliant.

Kunze: Glaubst du, dass SPEX-Leser den deshalb geil finden, weil unhip sein jetzt wieder hip ist?
Aigner: Das ist dieses Will Ferrell-Ding, ich sag’s dir.

Kunze: Da ist SSIO für die Popkultur-Kids halt die verspätetet Vertonung des Normcore-Hypes.

Aigner: Glaube ich wohl, ja. Aber unhip ist halt auch nur in diesem Kontext hip. Also für deine schmale Brust gibt es immer noch keine Rap-Karriere. Weil dann ist das wieder zu Tumblr.
Kunze: Ja, ich glaube, er ist so anziehend für Popkultur-Kids, weil er eben nicht Popkultur ist, nicht Tumblr, nicht politisch, nicht post-modern. Es ist doch einfach unglaublich schwer, 2016 Urlaub fürs Gehirn zu kriegen, ohne, dass dieser Urlaub gleich komplett dumm ist (»Dschungelcamp« schauen). Bei SSIO klappt’s: Hirn aus, stumpfsinnig trotzdem nicht.

Aigner: Und es ist auch so ein demokratischer Ansatz: Hier ist Rap nicht exklusiv, sondern eine riesige geile Polonaise für alle, mit Ja-Chips-Flatrate.
Kunze: Dann wäre das tatsächlich die einzige Polonaise, an die ich mich anhängen würde. Eigentlich das größtmögliche Kompliment.

Aigner: Es macht einfach Spaß. Heulsusenpisse auf Eunuchensitten zu reimen, ist das Beste überhaupt. Ich fand die LOL-Line-Dichte auf »BB.U.M.SS.N« zwar höher, aber das ist ja auch gar nicht so unglaublich wichtig wenn man die besten Beats in Deutschland hat, DJ Heroin und Wandl mal ausgenommen. Musikalisch ist das ja wirklich unfassbar durchgeplant und auf Corporate Identity poliert. »0,9« ist ein ziemlich optimales Album geworden. Aber sehr »BB.U.M.SS.N. 2«, nochmal kann er das nicht machen.

Kunze: Ja, es macht Spaß. Es ist laut, ultra clean produziert, aus einem Guss und dazwischen findet man bei jedem Durchgang neue Spaßmacher (»Mischung aus nachdenklich und Schlägerei«; »…deiner hört sich Sergej (sehr gay) an wie ein Fan aus Russland«).

Aigner: SSIO hat jetzt schon zweimal ein Album gemacht, das sich so universell und soziale-Schichten-unabhängig gut anfühlt wie »FIFA« daddeln with ze Homies.
Kunze: Ja, und das zu ebendieser Beschäftigung noch den perfekten Soundtrack liefert.
Aigner: Auch das noch.

Kunze: Ist echt auch ein Album, das man am Besten teilt. Das macht doch zusammen noch mehr Spaß als alleine. Boahr, jetzt haben wir ihn entschlüsselt: MIT SEINER MUSIK VERHÄLT ES SICH GENAU WIE MIT DEM BUMSEN! Wahnsinn, ›mind blown‹.

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