Music Kolumne | verfasst 06.06.2016
Aigners Inventur
Mai 2016
Auch in diesem Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut…ach ne, ist ja gleich EM. Und deswegen ist dieses Mal alles anders. Platten werden Nationen und Aigner arbeitet sich einmal von A nach F.
Text Florian Aigner

james blake colour album Find it at hhv.de: 2LP Wir beginnen mit Gruppe A und Gastgeber Frankreich. James Blakes musikalische Rebellion ist mittlerweile in etwa so subversiv wie Pogbas Minion-Verbrechen, aber »The Color In Me« ist zu diesem Zeitpunkt vermutlich das Album, das pragmatisch am meisten Sinn macht – perfekt in dem was es tut und dabei doch viel langweiliger als vor sechs Jahren. So erreicht man die Endrunde mit Coachella-Werbung auf der Trainingsjacke und Intro-Logo auf dem Gesäß, aber die Ultras brüllen zurecht nach einem neuen CMYK und echter Liebe, James. Wie Frankreich ohne Benzemayne, Ribz und Na$$ri fühlt sich das hier an.
 

Max Graef & Glenn Astro - The Yard Work Simulator Find it at hhv.de:CD | 2LP Max Graef und Glenn Astro machen derweil ein Album wie die Schweizer-Nati: mit Attitüde, aber schlussendlich doch irgendwie neutral, korrekt, ohne zu langweilen und sobald ausgebüchst wird, mahnt der Balkanhüne an der Seitenlinie die jungen Alpen-Fuccbois zu mehr Disziplin im Stellungsspiel. Achtelfinal-Kurs auf Autopilot, aber für mehr fehlt vielleicht einfach noch der Größenwahn.
 

sepalcure folding Find it at hhv.de: 2LP Weiter mit Sepalcure, denen die zweifelhafte Ehre zukommt, hier in einen Topf mit Rumänien, Albanien, der Slowakei und Ungarn geworfen zu werden: notorisch unterbewertet, aber schlussendlich doch wieder nur Kanonenfutter für die großen Jungs. Wie auf »Folding Time« R&B, House und beinahe anachronistischer Post-Dubstep zusammengerührt werden, ist nur etwas für Komplettisten, die auch die albanische Startelf auswendig können.
 

Skepta – Konnichiwa Find it at hhv.de: CD Gruppe B, Skepta, England, Big Tings wa gwan. Und dann wird es doch wieder nur das Viertelfinale, obwohl alle Anlagen da sind, hart über die Flügel geflext wird, aber aus Unsicherheit erneut zu sehr auf die anderen Großen geschielt wird um das Spiel mal endlich an der gebährfreudigen Hüfte zu packen. Aber egal, wer mit »Shut Up« und »Lyrics« schon vor Beginn zwei Kandidaten in der Elf des Turniers geparkt hat, darf erhobenen Hauptes nach Hause fahren.
 

radiohead pool Find it at hhv.de:2LP | 2LP Radiohead mit Russland zu vergleichen ist fast schon zu billig, aber hier anachronistische Weltmachtsfantasien und Alphamännchentum als Aufhänger zu benutzen, würde dem Scheitern Thom Yorkes als Frontmann nicht gerecht. Ohne wirklich etwas dafür zu können, macht mich dessen Krächzen und Jaulen mittlerweile unweigerlich so aggressiv wie Fabio Capellos Brillenzurechtgerücke. Capello ist weg, Thom immer noch da. Die Welt ist ungerecht.
 

Kaytranada - 99,9% Find it at hhv.de: 2LP Kaytranada ist Wales. Weil Wales noch übrig blieb. Und vielleicht auch ein bißchen weil alle so damit beschäftigt sind deren Geheimfavoriten-Status zu betonen, dass davon eigentlich keine Rede mehr sein kann. »99,9%« ist ein okayes Album, Wales ist eine okaye Mannschaft. Kaytranada hat Vic Mensa, Wales Gareth Bale. Kann beide nicht leiden. Ging ja doch jetzt.
 

Pantha Du Prince - The Triad Find it at hhv.de: 2LP Gruppe C, auf ihrem Weltmeisterthäng. Wenn »This Bliss« Pantha Du Princes Sommermmärchen war und er sich mit »Black Noise« den WM-Titel gesichert hat, dann ist »The Triad« ein Andre Schürle Selfie und eine Oliver Bierhoff BWL-Vorlesung zugleich. Manieriert und ein bißchen narzisstisch ist er geworden, dieser Hendrik, seine Ausführungen zu einem Album für das sich der Vergleich mit Mario Götzes vergangener Saison geradezu aufdrängt, sind so bedacht weltmännisch, dass man sich fast schon an Metzelders durchdesignten Lokalpolitikersprech erinnert fühlt. Und das ist das Problem: Pantha fühlt nicht mehr, Pantha macht alles nur noch nach System.
 

Bacao Rhythm & Steel Band - 55 Find it at hhv.de:CD | 2LP Unprätentiös, ein bißchen hemdsärmelig, zwischen Weltklasse und Relegation: die Bacao Steel Rhythm Band deckt ein Spektrum ab wie Polen und die Ukraine, das Kronjuwel »Pimp« wird direkt eingangs ins Sturmzentrum gestellt, in der Hoffnung, dass dahinter mit rustikaler Tymoschtuk-Grätsche Auflösungserscheinungen nicht weiter ins Gewicht fallen. »55« ist eine ehrliche Sache, Schwächen werden gekonnt minimiert und ein Lewandoski kann ja ab und an schon ausreichen.
 

Anohni - Hopelessness Find it at hhv.de:LP | LP Anohni wäre anschließend eine einfache Geschichte: man könnte die Gendertronics mit der Doppelqualifikation von Irland und Nordirland einmal durchdeklinieren, Alice Schwarzer und Heribert Bruchhagen gleichermaßen glücklich machen und vielleicht noch etwas von Nordirlands Qualifikation faseln (Sensation! OMG! Herz! Echtheit!) und fertig. Weil das aber für ein Politikum wie Antony Hegartys von Hud Mo und Oneohtrix Point Never begleitete Transformation zu Anohni irgendwie daneben wäre, versuche ich es an dieser Stelle mal metaphernfrei: so sehr ich Hopelessness als Konzept schätze, so sehr bin ich mittlerweile davon überzeugt diese Stimme am liebsten doch unplugged und schutzlos hören zu wollen.
 

Mark Pritchard - Under The Sun Find it at hhv.de: 2LP Gruppe D, eröffnet von Mark Pritchard, diesem iniestaesken Streber-Bot. Macht jetzt zum ersten Mal ein Album unter eigenem Namen und tiki-takat uns mit kunstvollstem Ambient unters Sauerstoffzelt. »Under The Sun« ist ergo Spanien, weil Pritchard eigentlich auch schon lange drüber sein müsste, aber nach kurzer Auszeit doch wieder ohne zu schwitzen ins Halbfinale schlafwandelt.
 

Trus'Me - Planet 4 Find it at hhv.de: 2LP Trus’mes »Planet 4« darf mit Kroatien Vorlieb nehmen, nicht nur weil Herr Wolstencroft auf Facebook so penetrant damit nervt seine Urlaubsfotos aus den sonnigsten Ecken der Welt mit uns zu teilen, sondern auch weil Album Nummer Vier ähnlich hakelig ausfällt wie die Quali von Kroatien. Schön aber, dass Trusme sich kurz vor Ende der regulären Spielzeit nicht zu schade ist Leberhaken und Handkantenschläge zu verteilen, auf die selbst Manzukic stolz wäre. Schade, dass Detroit bei der EM nicht berücksichtigt werden kann, über den Vergleich hätte sich Trus’me sicher mehr gefreut.
 

karate andi turbo Find it at hhv.de:CD | 2LP Karate Andi ist Tschechien weil: Meth. D’uh. Würde Pavel Nedved noch spielen, könnte man sich sicherlich noch eine schöne Metapher für die überragende Produktion aus den Geräten von Die Achse zusammenspinnen, für Andis Texte hingegen bleibt Jan Koller der Referenzrahmen. Subtil wie ein Penistor, Alter.
 

Lone - Levitate Find it at hhv.de: 2LP Unberechenbar, die BPM-Zahl perfekt synchronisiert mit Fatih Terims durchschnittlichem Ruhepuls und so viele Ideen, dass es jederzeit eskalieren könnte: Lones Neue ist die türkische Nationalelf. Das ist stellenweise brachial und selbstzerstörerisch, aber auch aufregender als ein taktisch geprägtes (respektive in Ableton autogesyncetes) 0:0.
 

chance the rapper coloring book Gruppe E und die Frage: hat eigentlich irgendjemand gerade mehr Hypebeast-Rückenwind als Chance The Rapper? Ah richtig, Belgien. Deren Übertalente wird der große Wurf nun bekanntermaßen nicht nur zugetraut, man könnte meinen die Weiterentwicklung von »Acid Rap« (aka der WM 2014) zu »Coloring Book« (jup, EM 2016) wäre ein Selbstläufer. Läuft noch nicht alles rund, aber wenn es läuft, dann ist hier der Himmel das Limit.
 

Stabil Elite - Spumante Find it at hhv.de: 2LP Bißchen peinlich, bißchen geil: Stabil Elite sind die Squadra Azzura light, anstatt deine Freundin direkt in der Halbzeit wegzuknattern, spendieren sie mit hochgekrempeltem Anzughosenbein Rose für alle, während sich Gigi Buffon im VIP-Bereich die für sein Alter viel zu perfekten Haare zu Boys, Boys, Boys frisiert. Hans-Werner Gauleiter findet sowas daneben, würde aber auch gerne so geil aussehen im hautengen Leibchen.
 

Jessy Lanza - Oh No Find it at hhv.de: 2LP Jessy Lanza mit Schweden zu Vergleichen führt fast zwangsläufig zu Blödkopfigkeiten, weil man dann solche Sachen schreiben müsste wie: »Oh No« ist brav und barsch zugleich, diszipliniert und trotzdem nicht systemisch gefangen, weil da immer jemand mit Pferdeschwanz ist, der den Unterschied machen kann. Das ist ohnehin Blödsinn, denn: Lanza hat gar keinen Pferdeschwanz mehr und außerdem ist Madame mindestens genau so sehr Spielertrainer wie Zlatan himself. Blöd nur wenn der Rest der Mannschaft (also in Jessys Fall Herr Greenspan) immer nur auf Sicherheit bedacht ist.
 

Flume - Skin Find it at hhv.de:2LP | 2LP In Gruppe F lässt sich Flume den akkuratesten Scheitel stehen seit CR7, mit dem Unterschied, dass ich bei dem sogar verstehe warum so oft mit dem Prädikat Schönling hantiert wird. Dass Flumes M-U-S-I-K auf Skin aber mindestens so geleckt daherkommt wie jedermanns Lieblingsgockel, ist dann schon eher ein Problem. Klar, das ist erste Liga, Gruppensiegerscheiß, aber auch erstaunlich identitätsfrei und in seiner Konstruiertheit ähnlich uninspirierend wie dieses Ronaldo-Biopic. Vielleicht muss den Hugo Almeida auch einfach mal nur zum Kurze trinken ausführen.
 

post malone august Ach was würde sich Alaba freuen über diesen Vergleich. Nu-Bieber-Spezi Post Malone droppt sein erstes Mixtape und nach einer unantastbaren Quali (»White Iverson«, wir schämen uns immer noch nicht) und jeder Menge Hoffnung folgt: ein wohlplatzierter Ellbogen in die Fresse und das unvermeidliche, sang- und klanglose Aus in der KO-Runde. Hätte man ahnen können, trotzdem irgendwie ein bißchen traurig.
 
julianna barwick will Find it at hhv.de: LP Ich weiß nicht was ich lieber hätte: dass Julianna Barwick Lars Lagerbäcks Co-Trainerin bei Island wird und die beiden die gesamte Konkurrenz zur meditativen Aufgabe soufflieren oder aber dass Lagerbäck für den Nachfolger des (natürlich wieder sehr guten) »Will« nach Brooklyn reist, für Julianna Walgesänge intoniert und Field Recordings aus Island mitbringt. Hach, dieser Juni, der wird spitze.

 

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Ausklang | 2017KW32
8 essentielle neue Platten
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Music Liste
Ausklang | 2017KW22
8 essentielle neue Platten
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Music Porträt
New Record Labels #29
Arjunamusic, Flash Forward, Unknown Precept, Yerevan Tapes
Jeden Monat stellen wir euch Labels vor, die neu bei uns im Shop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Arjunamusic, Flash Forward, Unknown Precept und Yerevan Tapes.
Music Porträt
KitschKrieg
Wenn sie weint, wird's ein Turn Up
Am Tiefpunkt haben KitschKrieg den Kopf leer gemacht. Und somit letztendlich Platz fürs Gefühl geschaffen. Mit diesem haben sie deutschsprachigen Rap, R&B und verwandte Spielarten in eine neue Stimmung getaucht.
Music Liste
Ausklang | 2017KW21
8 essentielle neue Platten
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Music Liste
Ausklang | 2017KW20
8 essentielle neue Platten
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Music Essay
Records Revisited
Amon Tobin – Bricolage, 1997
Der brasilianische Soundtüftler Tobin sprang am Ende des vergangenen Jahrtausends ganz schön brutal mit den Genres um, die ihm am Herzen lagen. Und ebnete ihnen so den Weg in die Zukunft.
Music Liste
Retrogott
12 Jahre in 12 Punchlines
Zwölf Jahre sind inzwischen seit »Unprofessionelle Musik« vergangen, dem Debüt des Retrogott gemeinsam mit Hulk Hodn. Zeit für einen Überblick: eine Werkschau in 12 Punchlines.
Music Liste
Ausklang | 2017KW19
8 essentielle neue Platten
Hunderte neue Releases, jede Woche. Davon viele sehr gut – und bereits von diversen Portalen vorgestellt. Wir präsentieren: die unvorgestelltesten, besten Releases der Woche. Ab vom Schuss, leicht daneben und tierisch geil: der Ausklang.
Music Porträt
Der Täubling
Stören, verstören und zerstören!
Die Einladung erfolgt, in dem er einem die Türe vor der Nase zuschlägt. Man sollte sie annehmen: Heute falsch sein, heute mal die Fantasie tatsächlich nicht steuern. Der Täubling öffnet Deutschrap in Richtung des Grotesken.
Music Kolumne
Records Revisited
Talking Heads – Remain In Light (1980)
Auf ihrem vierten Studioalbum schufen die Talking Heads und ihr Produzent Brian Eno eine neue Fusion aus Afrobeat, Funk und Rock. »Remain in Light« wurde zum frühen Überklassiker der 1980er Jahre.
Music Porträt
New Record Labels #28
Blue Tapes, Night Tide, Utopia
Jeden Monat stellen wir euch Labels vor, die neu bei uns im Shop vertreten sind und/oder deren Entdeckung sich lohnt. Die Auserwählten diesmal: Black Pearl, Blue Tapes, Night Tide, Utopia
Music Kolumne
Aigners Inventur
April 2017
»Damn.« ist wie Durant im Rucker Park, Actress gerade nochmal gut gegangen: Unser Kolumnist Aigner hat sich durch die Release im April gehört und weiß jetzt vor allem, welche Art von Musik er mit etwas mehr Talent selbt gemacht hätte.
Music Interview
Tropical Drums of Deutschland
Track by Track mit Jan Schulte
»Die rocken den Afrika-Style auch hart auf der Rückseite des Albums« oder »Rüdiger Oppermann war auf jeden Fall so ein esoterischer New Age-Harfenspieler«. Wir haben mit Jan Schulte seine neue Zusammenstellung besprochen – Track für Track.
Music Porträt
El Michels Affair
Wu-Chronicles
Acht Jahre nach »Enter The 37th Chamber« ist es für Leon Michels und El Michels Affair an der Zeit, die Shaolin-Kammer aus bombastischen Bläser-Sets und cinematoskopischer Mehrdeutigkeit wieder zu betreten. Ein Rückkehr im Zeichen des Wu.
Music Kolumne
Records Revisited #23
Squarepusher – Hard Normal Daddy (1997)
Squarepushers zweites Album war ein Schlag ins Musikverständnis seiner Fans. Zugleich ist es eine Antithese zur damals vorherrschenden Loungigkeit der elektronischen Musik. Denn hier ist Jazz mehr als nur schmückender Hochkulturverweis.