Music Kolumne | verfasst 22.06.2016
Records Revisited
John Coltrane - Giant Steps (1960)
Auf dem Weg vom Bebop zum Free Jazz. Das 1959 aufgenommene »Giant Steps« füllt eine Lücke in der Geschichte des Jazz und ist gleichzeitig ein Riesenschritt in der künstlerischen Entwicklung des Ausnahmemusikers John Coltrane.
Text Jan Paersch
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Das Jahr 1959 war ein entscheidendes Jahr in der Karriere von John Coltrane. Nicht nur nahm der Ausnahme-Saxophonist, der er schon damals war, mit Miles Davis »Kind of Blue« auf, das innerhalb weniger Jahre zum meistverkauften Jazz-Album aller Zeiten werden sollte. Auch unter eigenem Namen produzierte er Bahnbrechendes.

Nach vier Jahren als Mitglied in Miles’ legendärem erstem Quintett hatte John Coltrane genug von der Arbeit als Sideman. Nur zwei Wochen nach den Aufnahmen zu »Kind Of Blue« traf der damals 32-jährige den Toningenieur Tom Dowd, der später als Produzent der Allman Brothers bekannt werden sollte. Für Coltranes erstes Album als Leader für Atlantic Records begab man sich in das labeleigene Studio in New York City. Erstmals konnte er ausschließlich Eigenkompositionen auf einem Album realisieren.

Sheets Of Sound
Die Besetzung von »Giant Steps« ist aus heutiger Sicht weniger spektakulär als bei anderen Aufnahmen aus dieser Zeit. Die Rhythm Section stammt noch aus Tranes Jahren bei Prestige Records: Paul Chambers am Kontrabass und Art Taylor am Schlagzeug. An Stelle von Miles Davis’ Pianisten Red Garland ist der junge Tommy Flanagan zu hören, der sich innerhalb von nur drei Jahren in unzähligen Sessions zu einem der gefragtesten Sidemen der New Yorker Szene entwickelt hatte. Keiner der vier spielt hier auch nur einen falschen Ton, doch liegt der Fokus auch nur auf dem Leader. Dessen kräftiger, durchdringender Ton drückt dem Album von der ersten Sekunde an seinen Stempel auf.

»Giant Steps« ist zunächst weniger zugänglich als die frühen Werke John Coltranes, die sich eher an herkömmlichen Song-Strukturen orientierten. Auch »Kind Of Blue« ist dank seiner minimalistischen Klangfarben deutlich ohrenschmeichelnder.

Das Studium der Soli-Transkriptionen des Titelsongs zählt zu den wichtigsten Übungen für jeden jungen Jazz-Saxophonisten. Und doch ist »Giant Steps« viel mehr als eine technische Meisterleistung. Mit dem Begriff »Sheets of Sound« hatte ein Kritiker den neuartigen, improvisierten Stil von John Coltrane beschrieben. »Giant Steps« ist die konsequente Weiterentwicklung dieses Ansatzes. Noch immer machten Hochgeschwindigkeits-Arpeggios den Sound des Mannes aus, der in der High School in Hamlet, North Carolina mit dem Altsaxophon begonnen hatte. Noch immer verblüffte er mit einem komprimierten Spiel und hunderten von Noten in einer Minute. Doch nun gab es nicht mehr so viele schnelle Sechzehntel; das Thema eines Songs begann, eins mit den Soli zu werden. Am radikalsten ist dies im zweieinhalbminütigen »Countdown« zu hören, das nach einem kurzen Schlagzeug-Intro eigentlich nur aus einem einzigen, rasend schnellen Lauf Coltranes besteht. Mit »Giant Steps« begann Coltrane, sich vom Bebop abzuwenden. Der Einfluss von Miles Davis, der ihn vom Modal Jazz bis hin zum Free Jazz tragen sollte, machte sich bemerkbar.

Die schwierigste Akkordfolgen im Jazz überhaupt
Für jeden aufstrebenden Saxophonisten konnte die Herangehensweise an Improvisation schon nach dem Opener nicht mehr dieselbe sein. Der Titeltrack enthält die vielleicht schwierigste Akkordfolge im Jazz überhaupt – eine harmonische Komplexität, die ihresgleichen suchte, als das Album im Januar 1960 veröffentlicht wurde. Aber es ging nicht bloß um Geschwindigkeit. Coltrane selbst fürchtete, er klänge zu akademisch und hob hervor: »I’m trying more and more to make it sound prettier«. Und schöner als auf »Naima« hat der Saxophonist nie geklungen. Die Ballade, die er für seine damalige Frau schrieb, zählt zu seinen populärsten Kompositionen, und ist Coltranes Fortsetzung von »Kind Of Blue«.

Ein halbes Jahr nach den ersten »Giant Steps«-Sessions versammelte sich das Miles Davis Quintet im Dezember 1959 noch einmal im Studio – wohlgemerkt ohne Miles, den Trompeter. Wynton Kelly am Klavier und Jimmy Cobb am Schlagzeug ersetzten Flanagan und Taylor bei der Aufnahme einer empfindsamen Komposition mit einer unglaublich klaren, lyrischen Melodie, die nur von einem kurzen Piano-Solo unterbrochen wird.

Das Studium der Soli-Transkriptionen des Titelsongs zählt zu den wichtigsten Übungen für jeden jungen Jazz-Saxophonisten. Und doch ist »Giant Steps« viel mehr als eine technische Meisterleistung. »It was like he was possessed when he put that horn in his mouth«, schrieb Miles Davis in seiner Biographie über Coltrane, der 1967 mit nur 40 Jahren an Leberkrebs verstarb. Diese Besessenheit ist jedem Ton von »Giant Steps« anzuhören, auf dem der Tenorsaxophonist als einer der ersten bewies, dass sich Geschwindigkeit und Sensibilität nicht gegenseitig ausschließen.

Soeben ist die Vinylbox »The Atlantic Years In Mono« von John Coltrane erschienen. Darin ist auch »Giant Steps« vertreten. Du findest die 6LP-Box bei hhv.de. Eine umfassende Auswahl an Schallplatten von John Coltrane findest du außerdem bei uns im Shop. Schau doch mal rein.
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