Music Liste | verfasst 07.09.2016
Jan Jelinek
10 All Time Favs
Wir fragen Musiker nach 10 Schallplatten, durch die sie geformt, gebessert und gebildet wurden und bitten sie diese Auswahl zu kommentieren. Diesmal nimmt sich der Produzent Jan Jelinek der Aufgabe an.
Text , Fotos Michał Bukolt
Jan_jelinek_by_michael_bukolt

Wenn Jan Jelinek sich nicht selbst neu erfindet, dann eben andere Personen. Mittlerweile ist auch den letzten klar geworden, dass es Ursula Bogner wohl nie gegeben hat und die über Jelineks eigenes Label Faitiche veröffentlichten Alben der Synthie-affinen Apothekerin wohl nur ein weiteres Projekt des Produzenten mit den vielen Pseudonymen ist. Wie vielseitig interessiert der Berliner ist, bewies bereits sein Debütalbum »Loop-Finding Jazz Records«, das 15 Jahre nach Erscheinen als eine der wichtigsten elektronischen Platten des zugegeben noch jungen Jahrhunderts gehandelt wird. Introspektive, zum Teil selbstvergessene Spulenmusik reibt sich an krachiger Sample-Kunst – nicht umsonst gab Jelinek einem anderen seiner zahlreichen Projekte den Titel Gesellschaft Zur Emanzipation Des Samples.

Jazz schließlich war immer ein Eckpunkt Jan Jelineks experimenteller, dubbiger Techno-Produktionen und Klangkunstwerken. Auch sein neues Album »Schaum«, welches gemeinsam mit dem japanischen Vibraphonisten Masayoshi Fujita über Faitiche erscheint und auf eine gemeinsame LP und zuletzt eine EP aus dem Jahr 2013 folgt, weist zwischen den verspulten Loops der beiden Spurenelemente von Jazz auf. Das aber ist nur eine Referenz im sich ständig erneuernden Kosmos Jelineks, wie ein Blick auf seine zehn Lieblingsplatten beweist. Sampledelischer Hip Hop reicht sich hier friedlich mit Post-Punk aus der Thatcher-Ära und radikalminimalem Detroit Techno die Hände. Eine – alphabetisch sortierte – Auswahl, so vielfältig und überraschend wie die Musik Jelineks selbst.

Jon Appleton ‎– The World Music Theatre Of Jon Appleton 1 – »The World Music Theatre of Jon Appleton« by Jon Appleton, Folkways, 1974

Aus dem Bereich der Musique Concrète ist Jon Appleton mein Lieblingsproduzent. Ganz anders als die Pariser Schule um das GRM Studio hat Appleton in seinen Collagen auch Popkultur mit eingebunden. Und albern kann es bei ihm auch werden. Das macht ihn schon fast zum Genre-Exoten.

David Behrman ‎– On The Other Ocean 2 – »On the Other Ocean« by David Behrman, Lovely Music, 1977

Ich glaube, es war Gordon Mumma, der in einem Interview gesagt hat, dass er das Titelstück bei seiner Hochzeit spielen ließ. Das war vermutlich eine gute Entscheidung: Kein anderes Stück schafft es, so wunderschön und gleichzeitig frei von Kitsch zu sein.

De La Soul ‎– 3 Feet High And Rising 3 – »3 Feet High and Rising« by De La Soul, Tommy Boy, 1989

Konzept-Sampledelica-HipHop, der Johnny Cash mit den Detroit Emeralds vereint und daraus wahre Hits entstehen lässt. DIE Platte meiner Jugend. Netter HipHop von netten Menschen – genau das kann man der Platte aber auch vorwerfen.

Devo ‎– Q: Are We Not Men? A: We Are Devo! 4 – »Q: Are We Not Men? A: We Are Devo!« by Devo, Virgin, 1978

Zugegeben: Nicht alle Titel auf dieser Platte sind Hits. Aber Stücke wie »Uncontrollable Urge« oder »Mongolid« sind großartig. Devo schaffen es, schrillen Artpunk mit der plumpen Eingängikeit eines Abiturfeierhits zu versöhnen. Daran sind schon andere untergegangen, wie zum Beispiel auch die B52s. Aus einer Zeit, als Brian Eno noch interessante Platten produzierte.

Eric Dolphy ‎– Out To Lunch! 5 – »Out to Lunch!« by Eric Dolphy, Blue Note, 1964
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Eine der Platten, die wachsen – je öfter sie man hört. Der eleganten Zickigkeit von Dolphy gelingt der Kunstgriff, aufzureiben ohne zu nerven. Schon mal »Gazelloni« beim Autofahren im Stadtverkehr gehört? Plötzlich wird der Stress der Rushhour zum hippen Event.

Terrence Dixon ‎– Minimalism II 6 – »Minimalism II« by Terrence Dixon, Background, 2000

Vielleicht die konsequenteste Minimal Techno Platte. Radikale Einfachheit und das für Dixon so typische Gefühl für den alles absorbierenden Loop machen die Platte so eigenständig, das es sich vom Genre Minimal Techno schon wieder verabschiedet und für etwa ganz Eigenes, Nichtalterndes steht. Leider ist Dixon eine der tragischen Figuren aus dem Business: völlig zu unrecht stand und steht er immer im Schatten seiner Detroiter Kollegen.

Robert Drasnin ‎– Voodoo Exotic Music From Polynesia And The Far East 7 – »Voodoo Exotic Music From Polynesia And The Far East« by Robert Drasnin, Tops, 1959

Natürlich muss auch eine Exotica-Platte dabei sein. Ich liebe den Fabelweltkitsch von Martin Denny, Les Baxter und Arthur Lyman. Aber es stimmt was die Kritiker sagen: Kennst du eine Exotica-Platte, dann kennst du alle. Deswegen habe ich mich an dieser Stelle für Robert Drasnin entschieden, der die Welt der künstlichen Papageiengesänge zwar auch nicht verändert, aber mit einer Hard-to-find-Orchidee bereichert.

Marine Girls ‎– Beach Party 8 – »Beach Party« by Marine Girls, Whaam! Records, 1981
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Melancholisch-minimalistischer Pop von Tracy Thorn, Gina [Hartman] und Jane Fox auf dem wunderbaren Cherry Red Records Label [dort erschien 1987 bzw. zuletzt 2014 eine Neuauflage der LP, Anm. d. Red.]. Man hört der Musik die bleierne Zeit der Thatcher-Ära an, was mich nicht davon abhielt, sie zu zum Soundtrack meiner jugendlichen Sommerbaggerseewelt zu machen.

Ennio Morricone ‎– Giù La Testa 9 – »Giù la Testa« by Ennio Morricone, Cinevox, 1971
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Ja, eine Platte von Morricone gehört unbedingt auch in die Top-Ten-Liste. Dabei scheitern Morricone Platten in ihrer vollen Länge oft: Zuviel Variationen eines Themas haben schon das großartigste Arrangement zermürbt. Deswegen entscheide ich mich für »Giù la testa«: Eine Platte, die diese Problematik gut löst und nebenbei auch noch den alles überragenden Gesang des Titelstücks aus dem Ärmel zaubert.

Ramp ‎– Come Into Knowledge 10 – »Come Into Knowledge« by Ramp, Blue Thumb Records, 1977

So wie Morricone ist auch Roy Ayers eine der großen Konstanten meines Lebens. Müsste ich einen Altar errichten, würden wohl die Gesichter dieser Beiden das Altarbild zieren. Ramp ist das gelungenste Werk aus dem Ayers-Ouvre: Minimalistische Arrangements, wundervolle Instrumentierungen und ein fast schon spirituell-repetitiver Gesang. Neben den beiden großen Hits sind sieben weitere Stücke versammelt, die erst später zu leuchten beginnen.

Die Musik von Jen Jelinek findest du bei hhv.de.
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