Music Kolumne | verfasst 16.11.2016
Records Revisited
Autechre – Tri Repetae, 1995
Das dritte Album von Autechre ist ein Werk in mehreren Dimensionen. Es ist Befreiungsschlag, Meilenstein und Neudefinition eines ganzen Genres. Nicht zuletzt hat es eine ganze Generation nachfolgender elektronischer Musiker geprägt.
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Über das in Sheffield gegründete Label Warp Records kann man sich mittlerweile streiten. Was die Gründer Steve Beckett, Rob Mitchell und Robert Gordon in den 1990er Jahren ihren Künstlern ermöglichten, sucht in seiner entspannten Abrissmentalität jedoch seines Gleichen.

Dem gefeierten Techno-Produzenten Aphex Twin gönnten sie auf der (ersten) Höhe seines Aufstiegs 1994 das antithetische »Selected Ambient Works II«. Squarepusher durfte ein paar Jahre später seinen Trademark Drum & Bass gegen verfrickelte Jazz-Experimente eintauschen. Und Autechre? Die hatten die Markenbildung der Intelligent Dance Music zwischen 1992 und 1994 ordentlich vorangetrieben und der grassierenden Ambientwelle Substanz verabreicht. Nur um ein Jahr später mit »Tri Repetae« ohne große Geste alle Brücken hinter sich abzufackeln.

Nach dem Genre ist vor dem(selben) Genre
Im Rückblick ist dieser jähe Wandel eigentlich nur verständlich und gleicht einem Befreiungsschlag, der Autechre den bestehenden Genres enthob und dadurch alles ermöglichte, was folgen sollte.

Seit Anfang der 1990er Jahre hatte sich um Labels wie Warp, Rephlex, Reflective und Skam eine starke musikalische Szene herausgebildet, die sowohl die Detroiter Wurzeln des Techno verinnerlicht hatten, als auch weite Synthesizerflächen des Ambient und 80s Pop umarmten. Es gab eine große Ambient-Bewegung, die mit den Jahren immer mehr ins Esoterische und auch Kitschige abdriftete. Und es gab eben die ominöse Intelligence Dance Music, deren Kernvertreter wie The Black Dog und B12 Mitte der 1990er Jahre jedoch immer mehr an die Grenzen ihres weitergedachten Detroit-infizierten Ambient Technos kamen. Für Rob Brown und Sean Booth, den zwei Köpfen hinter Autechre, zeichnete sich sicherlich diese Sackgasse ab. Und die beiden Mancunians sind nicht gerade dafür bekannt, sich mit Dingen aufzuhalten, zu denen alles gesagt ist. Dass sie mit »Tri Repetae« ihre Zuschreibung als Vertreter des IDM abschüttelten, muss dabei noch nicht einmal intendiert gewesen sein. Wahrscheinlich waren sie einfach nur gelangweilt.

Wahrscheinlich waren sie einfach nur gelangweilt. Die Ironie dieses Wandels ist, dass »Tri Repetae« die zweite Welle an IDM-Musikern einläutete. Das Album gilt als Meilenstein des Genres (bzw. seiner Weiterentwicklung). Die Auswirkungen von »Tri Repetae« ließen sich seitdem auf Labels wie City Centre Offices, Merck, Schematic und Toytronic deutlich hören. In einem Interview mit dem goon Magazin monierte Autechre-Kumpel Chris Douglas (aka O.S.T.) 2004 sogar genervt, dass die vielen IDM-Musiker sich noch immer an »Tri Repetae« abarbeiten würden, ohne jedoch dessen Klasse zu erreichen.

Strukturwandel
Den musikalischen Wandel, den Autechre einläuteten, spiegelt sich dabei sowohl klangtechnisch als auch strukturell in den zehn Titeln des Albums wider. Autechre ließen die klassische, repetitive Techno-Formel von Intro, graduellem Aufbau bis zum Breakdown oder Finale hinter sich. Anstelle der geradlinigen Struktur setzten sie eine organische Weiterentwicklung. Der Lauf der Tracks fußt zwar noch immer auf repetitiven Elementen, die jedoch häufig über die Spielzeit einer Metamorphose unterworfen werden. Diese organische Bewegung wird – ganz im Sinne des Albumtitels – zusätzlich durch 3er-Signaturen unterstützt, die innerhalb der 4/4-Taktung zu einer Art Phasing führen. Das Ergebnis ist ständiges Verschieben der Soundkonstellationen und Elemente gegeneinander.

Die Tracks auf »Tri Repetae« fließen. Sie bleiben ungreifbar und entbehren meist einer Klimax oder eindeutiger Anhaltspunkte. Die strukturelle Bewegung findet vielmehr innerhalb der Klänge statt – eine Ebene tiefer.

Neue Klangbilder
Und als wäre der Strukturwandel nicht genug, unterzogen Autechre selbst das Klangbild einem Paradigmenwechsel. Die überbordenden, organischen Flächenklänge des Ambient und IDM erster Generation, die stets in einer Art LSD-Hippie-Sentiment verankert waren, fehlen auf »Tri Repetae«. Sie weichen einem industrielleren, minimaleren Sound, der sich sowohl aus der zweiten Welle des Detroit Techno als auch den reduzierten Produktionen des Hip Hop speist. »Tri Repetae« zeigte bereits das zukünftige Potential in Sean Booths und Rob Browns Köpfen. Mit dem Album konzentrierten sich die beiden Musiker erstmals auf das, was in den folgenden Jahren ihr herausragendes Trademark werden sollte: Sounddesign an den Grenzen des Dechiffrierbaren. Seit 1995 haben sich die beiden ständig gewandelt. Eines haben sie mit jedem weiteren Album jedoch immer beibehalten – Sounds zu entwickeln, die man so bislang noch nicht gehört hat. Mit »Tri Repetae« hatte vor 21 Jahre dieses Aufbohren des Klangs in seine mikroskopischen Strukturen begonnen.

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