Music Bericht | verfasst 22.11.2016
Le Guess Who?
Ja, rate wer!
Wir haben in diesem Jahr das Le Guess Who?-Festival in Utrecht präsentiert. Und weil es schon so heißt wie es heißt, ist hier ein kleines Ratespiel. Welche Künstler haben wir gesehen?
Text Philipp Kunze , Fotos Melanie Marsman
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Utrecht, Holland. Das Land ein einziges Wohnzimmer, warm beleuchtet, Kuscheldecken und Lebkuchen. Die Frauen sind gut gelaunt, kernige Gesichter mit roten Gartenarbeitsbäckchen, stets die Thermojogginghose parat, ziehen sich bei Wind und Wetter Gummistiefel an und radeln los. Kommen aus dem Supermarkt mit der Tasche voller Smoothies, treffen die Nachbarin, verstehen sich blendend mit ihr, unterhalten sich mit kräftiger Stimme über ihre kleinen, blonden, wohlgenährten Sohnemänner. Die Welt findet hier nicht statt. Man backt, legt sich auf die Couch, deckt sich zu und guckt einen absurden Actionfilm, in dem der ganze Planet in Ressentiments gärt. Ein aufgeblähter Clownsgockel mit einem Toupet zieht zwei Revolver, drückt ab, alles löst sich im Krieg auf.

In diesem Idyll soll ein Festival stattfinden. Eines, dessen Line-Up kontemporärer kaum sein könnte: Le Guess Who?, die zehnte Ausgabe, Jubiläum.

Es passt zur Stadt, dass die erste Musik, die wir hören, Kirchenglocken sind. Neben klassischen Stücken spielt die polnische Glockenspielerin des Utrechter Dom zur vollen Stunde auch Stücke von Leonard Cohen.

Zehn Gehminuten vom Dom entfernt befindet sich das TivoliVredenburg. Das Gebäude ist keine fünf Jahre alt, komplett verglast, nach den Brückchen, den Bächchen, dem Pflasterstein des Städtchens baut es sich gewaltig vor einem auf. Fünf Säle beherbergt es, überall Stufen, Rolltreppen, hoch und runter, dort endet eine auf dem einen Stockwerk, dort überspringt sie eines, man fühlt sich am Anfang wie in einer unmöglichen Figur des Mathematikers Roger Penrose.

Unser erstes Konzert des Wochenendes: Drei junge Damen in Gewändern sitzen auf einer kleinen Trage aus Holz. Eine der Schwestern schlägt mit ihrem Flip-Flop auf ein rundes Ding in einer Plastikbox, das vornehmlich weiße Publikum streichelt sich das Kinn. Wir fahren zwei Rolltreppen runter, ein ganz anderes Bild: alle stehen, viele tragen Cargo-Shorts, die vielleicht eindrucksvollste Drohgebärde für ein anstehenden Mosh-Pit, die man sich vorstellen kann. Auf der Bühne nun: vier Frauen, die Sängerin trägt die Haare streng zurück nach hinten, dazu schwarze Bluse, schwarze Hose, hohe Absätze; sie bewegt sich wie eine Spinne, eine Kralle, ein Ungeheuer, wie eine dämonische Sucht: sie ist furchtbar und anziehend zugleich. Dann zieht sie ihre Schuhe aus und tritt auf die Menschen, die sie anbeten.

Wieder hoch in einen Saal, der aussieht wie ein Audimax. Wir gucken auf drei Menschen herunter. Links spielt eine Dame Cello, in der Mitte sitzt ein junger Mann mit Schal und Scheitel an einem kleinen Holztisch vor Elektronik, rechts vorne kniet ein Mann in Kleid und Perücke, ein Schenkel bis zur Pobacke entblößt. Er »singt« mit der Stimme eines gefolterten Bugs Bunny: »I don’t wanna fuck you anymore«, dann grunzt er noch und quiekt, vor dem purpurroten Vorhang im Hintergrund signalisieren fließende Lichter die Landebahn für Eulen, die niemals ankommen. Alle drei auf der Bühne befindlichen Personen trinken wie die Wahnsinnigen Dosenbier.

Wenn man Festival sagt, denken die meisten direkt an: Dixis, Zelte und würdeloses Petting auf tot getrampeltem Gras. Das hier ist ganz anders. Auf den Toiletten riecht es nicht anders auf den Fluren, keiner kotzt, kaum jemand knutscht rum, alle Konzerte beginnen auf die Minute pünktlich.

Das erste Konzert des Folgetages ist spät und ganz unten im Tivoli angesetzt, ganz einem Kater angemessen. Im großen Saal steht eine kleine Frau auf der Bühne hinter einem Keyboard und sortiert ihre Textblätter, während sie betont Verpeiltes von sich gibt. Die kleine Frau sieht immer so aus, als würde ein paar Meter von ihr ein Kräutertee ziehen, ihre Stimme ist unglaublich klar.

Wieder ganz hoch, langsam auf der Rolltreppe, draußen die nächtliche Stadt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt immer noch mit einer warmen Ausstrahlung, man kann sie nur verdächtig finden. Wir erreichen den Club »Pandora«. Im Bühnennebel und blauen Licht erkennt man zwei Silhouetten, eine am Controller, die andere an der E-Gitarre. Ihr Sound stampft auf alle Kekse, zerreißt die Kuscheldecken, bricht das erste mal mit der heilen Welt hier. Wenn Ketamin bewerbenswert wäre: so müsste der Spot aussehen. Das ist Musik für programmierte Aasfresser, für Raben aus Stahl, bitterböse Dronen drücken einen giftigen Himmel auf eine ausgebrannte Skyline. Auf der Empore des Clubs hält sich eine spargeldürre Frau am Geländer, sie tanzt um ein achtfaches Langsamer zur Musik, in Zeitlupe fällt ihr Kopf in den Nacken, sie ist eine schwarze Birke und schwingt ihre knochigen Äste um die Brüstung. Gleitet am milchglasigen unteren Teil des Geländers an ihm entlang, sehnsuchtsvoll, als trenne es sie vor dem letzten verbleibenden Rest mütterlichen Liebe in ihrer Welt aus Kristallen und dreckigem Pulver. Wenn Ketamin bewerbenswert wäre: so müsste der Spot aussehen.

Und so geht das Le Guess Who? weiter. Im anderen Club-Floor legt ein DJ den weißesten Sound des Festivals auf, obwohl sein Moniker etwas anderes hätte vermuten lassen. In allen sechs Sälen und anderen Locations in der Stadt ab 17 Uhr simultan Konzerte. Ein alter Mann im Hoodie, der singt wie eine trunkene, zahnlose, obdachlose und ägyptische Gnom-Dame auf einer Etage, ein alter Mann im Hawaiihemd im anderen, er bittet seine Keyboarderin ihren Finger in seine Cola zu stecken: »it makes the coke magic for me«. Auf der einen Ebene eine hektische Kanadierin, die mit ihren Maschinensound auf Bauchwände hämmert, während ihre Stimme an Bauchnabeln leckt, auf der anderen ein Wuschelkopf mit Säbel, der Schlangenmensch-Breakdance macht.

Am Ende ist in Utrecht viel Welt. Das Line-Up des Le Guess Who? sucht seines gleichen, Musik von überall, Musik jeder Spielart, experimentell und aufregend. So sind wir am Ende hin und weg, abgedriftet, auf irgendeiner der Rolltreppen, in irgendeinem der Säle, ganz im Sound und den Bildern die er zu entwerfen vermag.

Und das in einer Stadt, die so wenig zum Träumen einlädt, weil hier ohnehin alle zu schlafen scheinen.

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