Music Kolumne | verfasst 20.12.2016
Jahresrückblick 2016
Top 20 Compilations
Unter Plattenliebhabern sind Compilations jetzt nicht das »Coolste«. Schließlich hat ja jemand anderes die entscheidende Arbeit gemacht: in den verdammten Crates gediggt. Manchmal aber eben derart gut, dass kein Weg an ihnen vorbeiführt.
Text Florian Aigner, Philipp Kunze, Kristoffer Cornils

7th Plain - The Chronicles IFind it at hhv.de: LP Luke Slater war in den letzten Jahren so ridikulös überpräsent, dass Ostgut Ton seinem The 7th Plain-Alias gleich ein Sublabel gönnte, das er sogleich mit einer 20 Jahre umfassenden Werkschau inaugurierte. Geistige Heimat Detroit, Sehnsuchtsziel irgendwo outer space und unterfüttert mit Chords, so wohlig und zeitlos wie eine kryonische Konserve. Sieben Cuts und ein Ken Ishii-Cameo für den Morgen nach der Einführung des Erde-Mars-Express. Kristoffer Cornils
 

Alain Neffe - An Introduction Into The Insane World Of Alain NeffeFind it at hhv.de: LP Alain Neffe ist der ungekrönte König der belgischen DIY-New Wave-Szene, aber der Dude ist auch so ein Querkopf, dass ihm die Krone wohl eh dauernd vom Kopf fallen würde. Er war in unzähligen Projekten tätig, »An Introduction To The Insane World Of Alain Neffe« verschafft einen Überblick. Ob als Bene Gesserit (mit seiner Frau Nadine), Pseudo Code, Subject, Cortex oder Human Flesh: immer ein Schritt voraus und zwei neben der Spur. Philipp Kunze
 

Jeremy Underground - Jeremy Underground presents BeautyFind it at hhv.de: 2LP Jeremy Underground wird in dieser Liste zweimal auftauchen, einmal mit »Beauty«, einer herzblutigen Zusammenstellung fast schon karikaturesk wohlfühliger Obskuritäten zwischen Boogie, Soul, Brazil, Disco und Afrobeat aka all das wofür man die DJ Sets des Franzosen liebt. Oh, außer House, aber dafür hat der neue Lieblingssidekick von Motor City Drum Ensemble an anderer Stelle gesorgt. Florian Aigner
 

More Better Days Chee Shimizu darf sich für den japanischen Markt schon länger durch die Diskographie von Better Days wühlen und seine Compilations und Edits dann für uns Europäer zu schweinischen Preisen für gefühlt 30 Minuten verfügbar machen. Aber was sind schon 50 Euro, wenn der aggregierte Marktwert der auf »Avant-Wave« und »Nice & Mellow« (an den Titeln arbeiten wir noch, Chee) versammelten Raritäten irgendwo zwischen Mittelklassewagen und Doppelhaushälfte pendelt? Aber auch ohne Kapitalanlagenonanie ist zumindest der verschrobenere erste Teil (»Avant-Wave«) für einen der drei hier schreibenden vielleicht die beste Compilation des Jahrzehnts. Florian Aigner
 

Various Artists - Boom Box - Early Independent Hip Hop, Electro And Disco Rap 1979-82Find it at hhv.de: 3LP | CD Die Digging-Apostel von Soul Jazz greifen hin und wieder daneben, meistens aber mitten auf den Nerv von Zeiten, die schon längst vergessen scheinen. »Boombox – Early Independent Hip Hop, Electro and Disco Rap 79-82« förderte ungeahnte Querverbindungen und unerhörte Namen zutage, machte vor allem aber eins: brutal Bock auf Block-Cruising mit der Boombox im und auf Anschlag. Kristoffer Cornils
 

Christophe Lemaire - Can't You Hear Me?Find it at hhv.de: 2LP Der ein oder andere fühlte sich dieses Jahr von Afrika-Compilations übersättigt. Aber »Christophe Lemaire presents: Cant’ You Hear Me?« war zu anders, um es zu ignorieren. Psych- und Surf-Rock, Funk, geölte Motorräder, gefletschte Zähne, Musik, die man nicht satt haben kann, weil sie dafür viel zu hunrig klingt. Philipp Kunze
 

 Sound Of Durban Vol. 1 Derweil ein Produzent wie Black Coffee mit seinem Reihenhaus-Deep-House von Südafrika aus über die Welt bummelt, werden in der Heimat schlecht gepresste Es gepoppt und im Minutentakt ein dystopischer Banger nach dem anderen produziert. Gqom (sprich: GAUMENKNACKS-omm) ist seit geraumer Zeit der schallende Konsenskrach der Townships. Erst mit »Gqom Oh! The Sound Of Durban Vol. 1«, einem dazugehörigen Mixtape und einer Mini-oku aber wurde das bisher nur auf Honest Jon’s-12”s versteckte Phänomen der Weltöffentlichkeit auf die Teller geschoben. Bitte, bitte mehr davon und eine Flasche Wasser obendrauf. Kristoffer Cornils
 

Infrastructure FacticityFind it at hhv.de: LP Als Function vor zwei Jahren gemeinsam mit Ed Davenport sein Label Infrastructure New York von, tja, Berlin aus wiederbelebte, war das nicht nur für Komplettisten eine gute Nachricht. Mit Campbell Irvine und Post Scriptum etwa wurden einige Newcomer gezüchtet und alte Hasen wie Efdemin, Rrose oder Steve Bicknell meldeten sich spätestens für »Infrastructure Facticity« an. Die Techno-Compilation als Erzählbogen mit Industrial-Untertönen und Ambient-Einsätzen? Klingt zuerst stinkordinär und innovationsarm, vielleicht sogar ist es das. Besser aber gelang es in den letzten Jahren selten.Kristoffer Cornils
 

V.A. - Message From The IslandsFind it at hhv.de: LP Während die meisten Listen sich für »Digital Zandoli« stark machen werden, plädieren wir für den Soca-Soul auf »Message From The Islands«. Immer knappe 7 Zoll von der Assoziationshölle Pauschalurlaub entfernt, findet man hier mit »The Dealer« unter anderem einen Klassiker in den Sets der Future Times / Mood Hut – Connection. Zwangsoptimismus in dein Gesicht, 2016! Florian Aigner
 

The Microcosm: Visionary Music Of Continental Europe 1970-1986Find it at hhv.de: 4LP In Zeiten explosiver Rhetorik kann selbst inwendige Stille nach Revolution schmecken. Mit »The Microcosm: Visionary Music Of Continental Europe 1970-1986« schmiss Light In The Attic nach ihrer großartigen New Age-Compilation aus dem Jahr 2013 ein weiteres Nervensedativum im Längstformat ins Rennen um die nachhaltigste Chakrenöffnung. Diese allerdings kam mit mehr Stars und Post-Minimal daher als der US-zentrierte Vorgänger. Trotzdem: Das in sich ruhende Zentrum einer viel zu schnell kreiselnden Welt lag 2016 genau hier. Kristoffer Cornils
 

Giegling - Mind Over Matter Die Verknappungskönige von Giegling hatten im Jahr 2016 ihren besten Run überhaupt, was weniger auf die hingewichste Traumprinz-12” und eher schon auf tolle Olin-Remix-Bündel oder eben doch das DJ Metatron-Comeback zurückzuführen ist. Bevor sie mit einer 8-fach-LP (lol?) von Prince Denmark Discogs in Tränen auflösten, kam mit »Mind Over Matter« eine relativ unaufgeregt eine definitive Werkschau heraus, auf welcher aufgerauter Emo-House zum Glück mal die Rückbank besetzte. Stattdessen am Steuer: Drone, Ambient, Electro in allen Wärmestufen von klirrkalt bis wohligwarm. Bizarr und doch wahr, so oder so essentiell. Kristoffer Cornils
 

Motor Ctiy Drum Ensemble - Selector 001Find it at hhv.de: 2LP Die größte emotionale Kompetenz unter den Discogs-Regenmachern legte in diesem Jahr Motor City Drum Ensemble an den Tag, der nach einer Vorab-12” im Selbstverlag eine ganze Reihe unerschwinglicher Secret Weapons aus der eigenen Plattentasche in die Öffentlichkeit wuchtete. »Selectors 001« ist ein Boiler Room-Set zum Selberbauen, es fehlte eigentlich nur noch die deppenfreundliche DJ-Anleitung auf IKEA-Niveau. Kristoffer Cornils
 

Music, Awareness & Solidarity Die beste Art, sich gegen alle Bob Geldorfismen in der karikativen Musikarbeit zu versperren, ist die des inklusiven Partizipationsangebots. Als könnten wir female:pressure für ihr wertvolles Engagement nicht schon dankbar genug sein, lieferte »Music, Awareness & Solidarity w/ Rojava Revolution« noch mehr Gründe für bedingungslose Liebe gegenüber einem Projekt, das nicht allein politisch alles richtig macht(e). Wer hier das Geld nicht locker sitzen hat, kann von seinen Tassen nicht das Gegenteil behaupten. Kristoffer Cornils
 

Music Of Morocco, From The Library Of Congress (Dust-to-Digital) Marokko bot in diesem Jahr einmal Luxuseskapismus (Oasis) und Outsider-Vibes im Game-Of-Thrones-Setting (Moga), öffnete aber auch abseits der Festivalverwertungsprozessionen seine Tore für die Welt. »Music Of Morocco, From The Library Of Congress« zeigte auf einer irrationalen Spiellänge von viereinhalb fucking Stunden, was neben den Master Musicians Of Jajouka oder dem leider verstorbenen Mahmoud Guinia noch so an Gnawa-related Trance-Angeboten zu haben ist. Wer Tanger darüber nicht wieder zum Sehnsuchtsort der Zukunft ernennt, hat so einiges nicht verstanden. Kristoffer Cornils
 

Jeremy Underground - My Love Is Underground 2 Wie oben angekündigt kann der Tschärremi auch House. Zum zweiten Mal versammelt Jeremy Underground« auf »My Love Is Underground« in erster Linie rares aus der Jersey House – Ära. Das klingt dann mal nach Mood II Swing, mal nach Kerri Chandler und Todd Edwards und nicht alles was hier stattfindet ist seinen teilweise absurden Preis heute auch noch wert, aber allein dafür, dass jetzt niemand mehr dreistellige Summen für das absolute – weil superweirde – »Mindsearch« mehr ausgeben muss, sollte man dem Franzosen beim nächsten 9-Stunden-Set eine Palette Schnaps ausgeben. Florian Aigner
 

Sky GirlFind it at hhv.de: 2LP Es begann mit Kollege Aigners Glück, endlich Karen Marks »Cold Café« auf Vinyl zu haben. Die Musik drum herum: joa, mal gucken, irgendwie soft. In den folgenden Monaten entwickelte sich »Sky Girl« dann zu etwas, das weit über diesen einen Song hinausgeht. DJ Sundae und Julien Dechery haben Musik gefunden, die weltfühlig ist, aber auch in anderen Sphären schwebt, intimer, D.I.Y- Folk, New Wave, alles vereint durch »the same longing sentiment«. Die Stücken reihen sich aneinander, als seien sie so für einander gemacht worden. Von vorne bis hinten ein Schatz. Philipp Kunze
 

Suso Saiz - Odisea Find it at hhv.de: 2LP Bei Music From Memory kann man sich darauf verlassen, dass sie sehr geschmackssicher die beste Musiker des jeweiligen Künstlers für ihre Retrospektiven wählen. »Odisea« präsentiert das Werk des spanischen Musik-Vordenkers und Multiinstrumentalisten Suso Saiz. Selten, dass man so wenig denken muss, um die Klänge eines Musik-Denkers genießen zu können. Hier klappt das – weil beim Hören nichts mehr klappen muss. Music For Air ohne Ports. Philipp Kunze
 

Various Artists - This Is Kologo Power!Find it at hhv.de: LP Als hätte das Label Sahel Sounds nicht schon mit den ernst dreinblickenden Fatou Seidi Ghali & Alamnou Akrouni und deren überirdischer »Les Filles De Illighadad« alles eingefahren, ging es mit »This Is Kologo Power!« auf der Landkarte ein Stück nach links Richtung Ghana, wo King Ayisoba neben Ayuune Sule eine Schar von Kologo-Playern um sich scharte. Die machten neben großartiger Musik vor allem eins: Bock, und nebenbei gesagt sogar Bock auf mehr. Drum-Circle-Partys und Pidgin-English für Zuhause, ein Obsessionsangebot auf lange Zeit. Annehmen, hingeben, rauszoomen, bitte. Kristoffer Cornils
 

Valgusesse: Estonian Radio Find it at hhv.de: LP Macht ja immer Spaß sich mit Ländern auseinanderzusetzen, zu denen man nicht viel mehr Bezug hatte als nicht da wo Borat herkommt. »Valgusesse: 8 Shiny Tracks From Estonian Radio« beschäftigt sich mit – äh ja – Estland und ist vor allem deswegen so spannend, weil hier stilistisch ebenso alles erlaubt ist wie auf »Sky Girl«. So steht fahrstuhliger Balearen-Boogie neben vorsichtigem Ballroom-Jazz, Zwitscher-Ambient neben Saxofon-Soul und mit dem fantastisch schulbandigen Kraftwerk-Cover »Seitse« ist hoffentlich schon die nächste Dekmantel-Hymne gefunden. Florian Aigner
 

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Records Revisited
Talk Talk – Spirit Of Eden (1988)
»Spirit of Eden« erzählt vom Erschöpfungszustand eines Jahrzehnts, von einer Schöpfungslust ohne revolutionäre Inhalte oder Genie dahinter. Vor 30 Jahren erschienen, gilt das Album als Meilenstein der Popmusik. Wieso eigentlich?
Music Kolumne
Aigners Inventur
September 2018
Nebenkostennachzahlungen bei Eminem, Instagram-Tutorials von Travis Scott, Tapetenanalyse mit YG: mal wieder keine Ahnung was der Aigner hier macht, aber dank Djrum hört die Inventur dann doch irgendwann auf ihre niedrigen Instinkte.