Music Kolumne | verfasst 20.01.2017
Vinyl-Sprechstunde
The xx – I See You
The xx sind zurück und zwar jeder Einzelne von ihnen. Das hört man stark. Ein Problem, finden unsere Kolumnisten. Sie finden aber auch: The xx sind bereit für das ganz Große. Aber das das gefühlt Kleine war halt früher so toll an denen…
Text Florian Aigner, Philipp Kunze
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Aigner: Plump, plumper, das: Gab es jemals eine Daseinsberechtigung für The xx?
Kunze: Die Daseinsberichtigung für The xx war MySpace. Ich hatte damals auch ein Profil. Schwarz-Weiß-Foto, rauchend, und im MySpace-Player lief »Crystalized«, ich hoffte, ein melancholisches aber sexuell umtriebiges Großstadt-Mädchen würde mich anschreiben. Dafür war das da. Aber so oder so: das Debüt war doch fantastisch!

Aigner: Also ich finde ja irgendwie: The xx sind Ryan Gosling. Das erste Album war »Drive«, das hier »La La Land«. Und wie gut das erste Album bzw. »Drive« waren: hey, eigentlich keine Ahnung, aber es hat in die Zeit gepasst.
Kunze: Kannst du das ausführen? Warum hat’s so gut in die Zeit gepasst?
Aigner: Kultursoziologenwichtigtuerei, aber: das erste Album von The xx ist so genau der Übergang von Y zu Z, Generationen-wise. Und das ist jetzt voll Z. Die ganzen Tropical-EDM-Zitate, nur halt eleganter als das andere machen.
Kunze: Und wie passte der Sound in diesen Übergang? Augen zu und hoffen, dass es kein Alptraum wird?
Aigner: Ja, damals war das ja schon angsty, aber halt tumblr-angsty. Angst straight vom Hood By Air Runway, Angst directed by Roman Gavras, weißte, so die schöne Angst irgendwie.
Kunze: Die schöne Angst, weil man sie noch kultivieren konnte? Im Gegensatz zu der Angst heute, die zu echt ist, um sie zu kultivieren..
Aigner: Das war ja auch so eine Luxusangst. Diese typische Studentenpseudoangst. Wir können es uns leisten ein monochromes Leben zu führen, weil eigentlich ist alles ja noch ok.
Kunze: Ja, Angst, mit der man sich geschmückt hat. Jetzt hängt sie einem lästig an der Schürze. Trifft auch auf die Niedergeschlagenheit zu, die allgemeine Müdigkeit.
Aigner: Jep. Aber das jetzt ist so ein we’re fucked, aber vielleicht helfen ja Rihanna-Melodien, den Brexit zu tanzen – wird schon irgendwie alles trotzdem neon.

Kunze: Uff, ja. Ich fand halt auch auf »The xx« so schön, wie es wirkte, als würden die drei sowas wie eine verschwommene Person unter einem schwarzen Tuch sein. Jetzt erkennt man jeden einzelnen Akteur so stark.
Aigner: Fuck, du hast so Recht! Das könnte das größte Problem überhaupt sein! Vielleicht helfen ja Rihanna-Melodien, den Brexit zu tanzen – wird schon irgendwie alles trotzdem neon.
Kunze: Die Vocals zu sehr nach außen gestülpt, aber vor allem muss sich Jamie xx einfach mehr zurückhalten.
Aigner: Aber Jamie xx ist ein verdammtes Genie. Ein glattes Genie, aber schon überhaupt eins.
Kunze: Jamie xx ist das Problem, Alter! Beziehungsweise: Er ist für die Band die Lösung, wenn sie jetzt auf Altersvorsorge machen wollen. Aber, wenn sie eine Identität behalten wollen: ist er das fucking Problem.
Aigner: Okay, wirkt schon ein bisschen so: Coexist hat nicht funktioniert, told y’all, wir machen das jetzt so wie ich sage.
Kunze: »Performance« ist ein Beispiel dafür, wie das klingen kann, wenn Jamie xx seine neuen Skills einfach mal im Köfferchen lässt.
Aigner: Aber der Song ist halt auch so direkt für die o2-Arenen da draußen.
Kunze: Ja stimmt schon, »Handylichters raus, yo!«

Aigner: Auf »Replica« finde ich das irgendwie schlüssig, als Kompromiss. Da ist die »Far Nearer« Steel-Drum-Line bisschen verwaschen in der instrumentalen Hook versteckt und der Rest ist wieder viel MySpace-Rotwein. Aber auch da: ALLES was The xx jetzt machen, funktioniert völlig mühelos im Format-Radio, ohne aufzufallen.
Kunze: Was ja nicht verkehrt ist.
Aigner: Eben! Gibt ja kaum etwas schwierigeres als gute Popmusik zu produzieren für alle.
Kunze: Ich finde überhaupt, dass hier sehr ehrlich und ohne Umschweife Pop gemacht wird. Da soll erst gar nicht mehr irgendwelchen 19-jährigen vorgegaukelt werden, dass das jetzt etwas besonderes ist, mit dem man sich von Freunden mit schlechterem Musikgeschmack abheben kann. Das ist einfach ganz unverfroren für alle. Das ist einfach straight up für »Grey’s Anatomy« und Coachella und überhaupt, da braucht keiner iiiiirgendwas anderes von denken.
Aigner: Ich respektiere das auf technischer Ebene krass. Aus so einem Joy Division-Habitus heraus schlüssig in die Rolle des Dompteurs übergehen zu können, ohne völlig lächerlich zu wirken: Königsdisziplinshit.

Kunze: Aber fühlen tu’ ich’s nicht. Aber du hast Recht, das wirkt null ekelhaft oder lächerlich.
Dazu ist es einfach zu gekonnt – und zu geradeaus.
Aigner: Wobei die ersten Harmonien von »On Hold« schon etwas ekelerregend Adele-ig sind. Aber dann droppt der Beat und es ist irgendwie ok.
Kunze: Ich finde »On Hold« schon absolut zum Kotzen. Aber das will ja alles nichts anderes als Adele sein. Und deswegen finde ich es okay. Seid halt Adele, macht euer Ding, ihr macht es gut, aber ich habe wieder eine Emotion mehr in meinem Leben verloren. Nicht so schlimm wie damals, als Lil Wayne angefangen hat zu Skaten, zum Glück.

Aigner: Fand ich auch, aber – hallo Rihanna – beim fünften Mal mutiert das schon ansatzweise zu einer muskulösen Rewe-Einkaufshymne. Such dazu mal Suppengrün, Junge! Also in den Playlist des Einzelhandels ist »I See You« potentiell das Album des Jahres. Lel. Am Pfandautomat »Test Me«? Emotions, sag ich dir!
Kunze: Wieder eine Herzensband an Merkel verloren. Danke Merkel!
Aigner: Hahahaha. Ich meine, es ist ja auch immer schwierig eine Nischenband gehen zu lassen, aber andererseits wäre dreimal dasselbe Album auch ein Garant dafür, dass wir uns jetzt darüber unterhalten würden, warum ein Ideen-Monstrum wie Jamie xx so faul ist im Bandkontext.

Kunze: Findest du nicht, dass man diesen auf so niederträchtige Weise gekonnt perfekt auf den Konsens abzielenden Scheiß eigentlich kacke finden MUSS?
Aigner: MÜSSTE. Aber wie gesagt: es ist auf perfide Art und Weise schlüssig, wie schon das Soloalbum von Jamie xx.
Kunze: Aber es bedient so ungeniert so…wie soll ich sagen…ja, »La La Land« halt: hier ist der Moment zum Mitlachen, hier der zum Mitweinen, da, jetzt tanzen wir zusammen, es ist ein dramatisches Leben, aber wir tanzen, und die Sterne, guck’, die Sterne sind doch immer da, kann das Leben traurig sein, so lange diese Sternchen so schön blinken über uns dort oben im Himmelszelte. Ein Album für den Neoliberalismus. Du musst Romy gehen lassen, Babe.
Aigner: Kristoffer Cornils hat sich ja in seiner Review für die Groove auf »we got carried away« [Zeile aus der Single »On Hold«] als Fazit bezogen. Ich finde das Gegenteil ist der Fall: das ist ein halbstündiges Dokument absoluter Reißbrett-Popdisziplin, ein musikalisches Assessment-Center, also ja, von mir aus neoliberal as fuck.
Kunze: Das macht das Album auch so unnahbar für mich. Die haben jetzt zwar einen Körper, aber der ist so perfekt durchgestylt. Früher konnte man zu denen ins im Jugendzimmer aufgestellte Zelt schlupfen. Heute muss man draußen bleiben, Anschmachten erlaubt, Anfassen nicht mehr.
Aigner: Ja, vielleicht ist dieser Disziplin-Vibe auch das Problem: man denkt doch jetzt nicht mehr, dass einer der beiden Vokalisten jeden Moment die Kontrolle über sich, die Musik und sein Leben verlieren könnte.

Kunze: Die Ebenen sind jetzt klar: die Popstars, wir Hörer. Das war auf dem ersten Album, klar, natürlich, völlig anders.
Aigner: Statt jetzt so bedeutungsschwer ins Leere zu glotzen machen die jetzt halt den Swayze-Gosling. Tanzen, mit Mimik. Und sind überhaupt bereit für das ganz Große. Dabei war das Kleine ja geil an denen.

Kunze: Es werden sich auf jeden Fall viele Teenies dazu das erste Mal auf einem Festival küssen. Das ist ja auch was Schönes und so.
Aigner: Joa, und so. Ist denn ein persönlicher Hit dabei?
Kunze: Nö, taugt mir PERSÖNLICH alles nix. Ich hoffe, sie machen damit jetzt ihren Anti-Altersarmut-Guwop und deshalb darauf nie wieder ein Album.
Aigner: Ich glaube auf der Umbrella/Wrecking Ball-Ebene, so in zwei-drei Monaten: »On Hold«. Als Erinnerung an 2009: »Replica«.

Kunze: Ne, weißte, ich glaube mir fällt noch was Wichtiges ein.
Aigner: Los!
Kunze: RiRi und Cyrus, da ist so klar, dass da einfach irgendwelche krassen Übercyborgs Überhits machen, die einen hin und wieder packen. Aber das funktioniert bei The xx nicht. Ich weiß nicht, ob es meine Schuld oder die von Romy ist. Ich behaupte jetzt mal, es ist Romys. Ihre Stimme gaukelt mir halt nach wie vor diese Intimität vor, dieses: diesen Song, den kennen nur wir zwei beide. Und dazu vergessen wir jetzt die Welt. Das Versprechen halten dann aber die Songs nicht. Deswegen kann ich weder an Intimität teilhaben noch an diesem Wir-Feiern-Jetzt-Halt-Alle-Mal-Mit-Der-Nötigen-Ironischen-Absicherung-einen-Überhit. Die Stärke von The xx war es, die Illusion von Nähe zu erzeugen. Die Perfektion jetzt lässt diese nicht mehr zu.

Aigner: Versteh’ ich voll, aber du musst Romy gehen lassen, Babe. Dann hat dieses Album zumindest semi-genießbare Momente. Wie ein Vater, der es kacke findet, dass seine Tochter jetzt doch Jura studiert und nicht experimentelles Theater (aka kein Vater jemals).
Kunze Also einfach zugucken und klatschen, wie ausgebildet gut die jetzt Musik machen, die Küken?
Fair.

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