Music Porträt | verfasst 02.02.2017
Sampha
Glaube an das Gegenteil
Nach Jahren als Erfüllungsgehilfe der großen Popmenschen hat Sampha nun seine Autobiografie fertig. Sie umfasst zehn Songs. Ohne den Tod wäre das Album nicht, was es ist. Vermutlich wäre es nicht einmal da.
Text Jennifer Beck
2017-sampha_02

Die Geschichte von Sampha Sisay hat einen Haken. Sie ist nicht so einzigartig, wie sie klingt. Londoner Geburtsurkunde, Musik im Blut, Sierra Leone im Stammbaum, Piano im Wohnzimmer, Bruder: Hip-Hop, Papa: Pavarotti, Mama: Disziplin – für die Bewerbung ums nächste große Pitchfork-Feature hätten sich die Songwriter Devonté Hynes alias Blood Orange und Sampha Sisay alias Sampha gegenseitig ihre Biografie ausleihen können. Stattdessen haben sie gemeinsam daran weitergeschrieben: »A Kiss Goodbye« erscheint im Januar 2015 und ist ein Life Changer von einem Song. Denn Hynes und Sisay haben neben der Story noch eine entscheidende Sache gemeinsam: die Stimme, um sie zu erzählen.

»Did it ever occur that you forgave yourself before I did?«, croonte damals einer, der noch nie Angst davor hatte, die großen Fragen zu stellen. Solange er sie selbst nicht beantworten musste. Als Songschreiber, Produzent, Sänger und Pianist atmete Sisay seinen Soul die längste Zeit in die Mikros der anderen, schliff massiv mit an den Mythen und Legenden – ohne jemals selbst eine werden zu wollen. Mit ihm im Rücken triumphierten Drake über Kanye (»Nothing Was the Same«), Kanye über Drake (»The Life Of Pablo«), Solange Knowles über ihre große Schwester (»A Seat At The Table«) und Frank Ocean über alle Genannten und sich selbst (»Endless«). Sampha Sisay war also schon immer da, wo die magic happens: in Rick Rubins Studiobungalow in Los Angeles, im Kleingedruckten, in Klammern, wo man sie eben findet, die Steigbügelhalter und Erfüllungsgehilfen der Visionen der Visionäre.

Ohne den Tod wäre das erste Sampha-Album nicht das, was es ist. Vermutlich wäre es nicht einmal da. Bevor Sampha Sisay ein Eintrag in Aubrey Drake Grahams BlackBerry wurde, hatte er noch nicht mal einen Namen. Unter dem Grime-Moniker Kid Nova hing der jüngste von fünf Brüdern dort ab, wo alle vergeblich abhingen, um entdeckt zu werden: Myspace. Was den Unterschied machte? Vielleicht war es die schlichte Tatsache, dass die Vorstellung, irgendwann seinen Namen auf einem Pappschuber zu lesen, noch nie ein Grund für ihn war, mit irgendwem irgendwo abzuhängen. Oder die, dass er Beats lieferte, die feinfühlig, sexy, soft und damit völlig unbrauchbar waren für den aggressiven Post-Millenial-Sound seiner Vorbilder aus der Roll-Deep-Posse. Als Sisay von seinem musikalischen Bruder im Geiste, dem Londoner Produzenten Kwes, angeschrieben wurde, saß er nicht nur in einer Doppelhaushälfte in Morden statt auf irgendeinem Bordstein am East-End. Er hatte seit zehn Jahren die Finger nicht mehr von den Tasten genommen, im Wechsel Cubase und »Lord-of-the-Mics«-DVDs inhaliert und mit dem Tod seines Vaters eine Verlusterfahrung eingesteckt, die dazu beitrug, dass seine Songs schon damals spannender waren als die verwandter Freestyle-Kids, weil sie offenkundig mit dem obersten Grime-Gebot brachen: keine Schwäche zeigen.

Im Hintergrundrauschen des The-xx-Debütalbums erschien Sisays erste EP »Sundanza« bei Young Turks. Die Ambivalenz aus maximalem Selbstbewusstsein und maximaler Verletzlichkeit der Kwes-Schule prägte das Werk. Dass Sisay maßgeblich am ersten Album des Londoner DJs und Produzenten SBTRKT beteiligt war und 2012 als Sänger und Keyboarder mit ihm auf Welttournee ging, dass er mit Drake in Toronto und mit Kanye West in Los Angeles und Italien arbeitete – weil sie gefragt hatten und nicht er. Und Alicia Keys supportete – weil sie gefragt hatte und nicht er – war vor allem aus einem Grund wichtig: Es gab Sampha Sisay den Glauben an sich und irgendetwas in dieser gottverdammten Welt zurück, dem er mit seinem letzten Kirchenbesuch zwei Jahre nach der Beerdigung seines Dads schon einmal, und daraufhin fast endgültig abschworen hatte. Denn wichtiger als alle Erfahrungen da draußen war jene, die er zu Hause ein zweites Mal machen musste. 20 Jahre nach ihrem Mann verlor Binty Sisay 2016 den Kampf gegen den Krebs und Sampha Sisay seinen letzten Kompass.

»You don’t know how strong you are«, singt er auf »Process«, der ersten Platte im ersten Schuber mit keinem anderen als seinem Namen darauf. Und es besteht kein Zweifel, von wem die Rede ist. Eine Harfenlaute zirpt noch um ihr Leben, während im Text längst die Engel flattern. Es geht um Fragen und den verpassten Zeitpunkt, sie zu stellen, darum, dass Verlassen nicht Verschwinden heißt, es geht um sie und um ihn also, und das ganze Universum dazwischen – im fliegenden Wechsel intoniert von Percussions, westafrikanischen Zupfinstrumenten und MacBook Pro. Der Tod habe ja auch etwas Gutes, lässt sich der Pressewisch zu »Process« zusammenfassen. Und, nicht ganz frei von Zynismus: Vielleicht ist in diesem Fall sogar etwas dran. Denn ohne ihn wäre das erste Sampha-Album mit Sicherheit nicht das, was es ist. Vermutlich wäre es nicht einmal da.

Es waren sicher nicht das beheizte Apartment und der Arsch voll Sonne, die Frank Ocean einen Song über Sierra Leone und Blood Orange ein komplettes Album über das vom Blutdiamantenkrieg zerfickte Land machen ließen. Es waren Verlust und die neuerliche Suche nach Heimat und Identität. Und bei aller Liebe zu Spice Girls, UK-Garage und Mike Skinner waren es am Ende die malische Sängerin Oumou Sangaré, Wassoulu und Stevie Wonder, die Sampha Sisay am stärksten zu »Process« inspirierten. Das Album ist eine Zeitschleuse, es ist die letzte Verbindung, die bleibt, und gleichzeitig der einzige Weg, um nach vorne zu blicken. Wenn von Sampha Sisays Glaube noch etwas übrig ist, dann ist es der Glaube an die Musik. Das klingt schwülstig und man kann wie Sisay ein genauso schwülstiges Wort dafür finden: »Spiritualität«. Oder es einfach so sagen, dass es jeder versteht: »Process« ist die Flucht eines mindestens so talentierten wie gebeutelten Künstlers vor dem großen Scheißhaufen namens Leben. Wirklich einzigartig wird Sampha Sisays Musik aber erst, weil sie so klingt, als glaube er nach wie vor an das Gegenteil.

»Process« von Sampha findest Du bei hhv.de auf LP
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