Music Kolumne | verfasst 02.03.2018
Records Revisited
Digable Planets – Reachin’ (A New Refutation of Time and Space) (1993)
Digable Planets besprachen auf ihren Debütalbum ein Thema, das nicht unbedingt auf Rapalben zu finden ist: weibliche Selbstbestimmung und Pro-Choice. Und zeigen, dass sich seit 1993 eigentlich nichts geändert hat.
Text Jens Pacholsky
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Chuck D. von Public Enemy nannte Rap einst das schwarze CNN, die Geschichtsschreibung der schwarzen Community in den Vereinigten Staaten des 20. und 21. Jahrhunderts. Wie keine andere Musikform hat das Genre stets ein Abbild der gesellschaftlichen und inneren sozialen Zustände geliefert. Kein Geschichtsbuch erzählt die fortwährenden, alltäglichen Kämpfe der schwarzen Community in den USA besser, als die Rapalben der letzten knapp 40 Jahre aneinandergereiht.

Ein Wiedersehen mit den längst vergangenen Alben zeichnet zugleich ein Kontinuum. Digable Planets Debüt ist bei all musikalischen Entspanntheit und trotz weniger klarer Parolen hochpolitisch. Nimm Public Enemys »Fear Of A Black Planet« (1990), Ice Cubes »AmeriKKKa’s Most Wanted« (1990) und eine ganze Hundertschaft Rapalben von Ost nach West zwischen 1983 bis 2018 und du stehst mitten in black lives matter. Nimm Digable Planets »Reachin’ (A New Refutation of Time and Space)« und du findest hinter all den tiefenentspannten Jazzsamples und Raps die inneren Zerwürfnisse einer Nation. Digable Planets Debüt ist bei all musikalischen Entspanntheit und trotz weniger klarer Parolen hochpolitisch. Neben Verweisen auf die 5-Percenter-Bewegung finden sich Bekenntnisse zu Karl Marx, Erich Fromm und Jean-Paul Sartre – und damit Weltansichten, die auf der Gegenseite der seltsam konglomerierten Ideologie aus fundamentalistisch-christlichem Konservatismus und neoliberalem Tellerwäschergeschwätz in den Staaten stehen.

Am ausdruckstärksten offenbart sich dies in »La Femme Fetal«. Der Song ist starkes Statement für die Selbstbestimmung der Frau und Pro-Choice. Er ist eine klare Absage an Rassismus und die Heuchelei der konservativen Christen. Der Song ist State of Affairs von 1993, wie er es für 2018 ist.

Liberale gegen Konservative
Denn was aktuell in den USA passiert, ist nicht nur ein Rechtsruck mit rein rassistischer Grundintention. Es ist die gefährliche Machtergreifung einer radikal-christlichen – mehrheitlich weißen – Elite, die in den USA seit Jahrzehnten versucht, gesellschaftliche Progression aufzuhalten. An vorderster Front stehen dabei die Evangelikalen, die u.a. mit Mike Pence, Betsy DeVos und Paula Michelle White-Cain nach jahrzehntelangem Campaigning ihre Finger an den Abzug bekommen haben. Neben dem erklärten Ziel, wieder Gott in die Klassenzimmer zu bringen, ist ihnen seit eh und je das Thema der Abtreibung und der damit verbundenen Selbstbestimmung der Frau ein Dorn im Auge. Butterfly thematisiert diesen Kampf in »Le Femme Fetal« in feinstem Storytelling und erzählt zuerst aus der Sicht einer Freundin namens Nikki.

»You remember my boyfriend Sid that fly kid who I love?
Well, our love was often a verb and spontaneity has brought a third
But due to our youth and economic state, we wish to terminate
About this we don’t feel great, but baby, that’s how it is
But the feds have dissed me. They ignored and dismissed me
The pro-lifers harass me outside the clinic
And call me a murderer, now that’s hate
So needless to say, we’re in a mental state of debate«

Feminismus und Selbstbestimmung
Während dieses Thema von männlichen Rappern in der Regel verachtend der Frau zugewiesen und aus dem eigenen Verantwortungsbereich verbannt wird, setzt Butterfly ein empathisches Statement. Darin skizziert er nicht nur die aktuell erneut aufflammenden Diskussionen um Pro-Life vs Pro-Choice. Butterfly nimmt zudem einen äußerst feministischen Standpunkt ein, der klar die patriachalen und sozialen Machtverhältnisse bloßlegt.

»Hey, beautiful bird, I said digging her somber mood,
The fascists are some heavy dudes
They don’t really give a damn about life
They just don’t want a woman to control her body
Or have the right to choose
But baby that ain’t nothin’
They just want a male finger on the button
Because if you say war,
they will send them to die by the score
Aborting mission should be your volition
But if Souterand Thomas have their way
You’ll be standing in line
unable to get Welfare
while they’ll be out hunting and fishing.«

Mit den Verweis auf den seit 1991 im Supreme Court als Richter eingesetzten Clarence Thomas wird zugleich der andauernde Konflikt in den Gerichtshäusern der Staaten aufgegriffen. Der oft als konservativstes Mitglied des Supreme Court bezeichnete Thomas stand 1992 beim Fall “Planned Parenthood vs Casey”https://en.wikipedia.org/wiki/Planned_Parenthood_v._Casey auf der Seite der Abtreibungsgegner. In der Verhandlung wurde angestrebt,die Entscheidung Roe vs Wade zu begraben – der grundlegenden Rechtsprechnung des Supreme Court von 1973, die erstmalig landesweite Rahmenbedingungen für legale Schwangerschaftsabbrüche formulierte.

Hypocrisy is here to stay
Der Versuch scheiterte, doch 2018 stehen wir an einer ähnlichen Kehrtwende wie 1992. Mit dem Theokraten Mike Pence als Vizepräsident sowie einem zutiefst sexistischen Evangelikalen-Arschlecker an der Spitze des Weißen Hauses werden aktuell die Institutionen und Strukturen für Planned Parenthood und Pro-Choice demontiert. Trump versteht natürlich nur zu gut, dass die Gesetze schwer auszuhebeln sind. Deshalb arbeitet der 45. US-Präsident mit der Waffe, die ihm am besten liegt: Geld. Er dreht ungeliebten Programmen und Institutionen einfach den öffentlichen Geldhahn zu – und zeigt damit nicht zuletzt, wie brüchig das Sozialwesen ist. Denn Pro-Life wird gegenüber Pro-Choice sehr stark durch private Gelder von Multimilliardären finanziert. Auch daran hat sich nichts geändert, wie Butterfly bemerkt:

Digable Planets - Reachin'Webshop ► Vinyl 2LP »It has always been around,
it will always have a niche
But they’ll make it a privilege, not a right
Accessible only to the rich
Hey, Pro-lifers need to dig themselves
Because life doesn’t stop after birth
And for a child born to the unprepared
It might even just get worse
The situation would surely change
if they were to find themselves in it
Supporters of the H-Bomb,and fire-bombing clinics
What type of shit is that?Orwellian, in fact«

Verlierer sind, wie schon Butterfly sinniert, die Menschen ohne Einfluss, ohne Geld und ohne Perspektive. Ihnen bleibt nur der freundschaftliche Zusammenhalt und Stolz. Wenn er am Ende des Songs mit »Confrontations Across the nation / Your block / My block / Dreadlocks / What a shock / Land of the free / But not me / not me« ausfaded, ist dieses Verschwinden in die Unsichtbarkeit, ins Nicht-erhört-werden die perfekte Metapher für den Zustand einer Gesellschaft, an deren Machtstrukturen sich seit Jahrhunderten nichts geändert hat. Sehr wahrscheinlich hören wir diesen Hall auch in 25 Jahren wieder auf jedem neu veröffentlichten Rapalbum.

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