Music Review | verfasst 16.05.2018
A.A.L. (Against All Logic)
2012-2017
Other People, 2018
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Redaktion
Cover A.A.L. (Against All Logic) - 2012-2017

Nicolas Jaar hat viele Ambitionen, aber auch ein Problem. Seine Ambitionen äußern sich in der Verlaufskurve, die seine Karriere in relativ kurzer Zeit geprägt hat und die ganz nach dem Talk Talk-Modell von gefällig bis Avantgarde zu reichen scheint: Bekannt wurde der in New York lebende Chilene mit pluckerndem Deep House, mittlerweile macht er ausschweifende Electronica. NIcolas Jaars Problem allerdings ist, dass er nicht Mark Hollis ist. Seine Filmsoundtracks, das letzte Album: Ein bisschen Erstsemesteranstrengung ist seinen Releases noch anzuhören. Anders allerdings bei den elf Tracks, die Jaar mehr oder minder heimlich im Februar dieses Jahres ins Internet schüttelte und die ordentlich auf seinem Label Other People nachgelegt werden. Bei seiner Musik als A.A.L. (Against All Logic) geht es vor allem um eins: House. »This old house is all I have« begrüßt uns schließlich schon der erste Track desselben Titels, das Back Cover begrüßt uns ironisch mit »If you don’t know Jack about House, you’ll love this!«. Die Wahrheit ist allerdings, dass »2012-2017« selbst als lose Tracksammlung aus den titelgegebenden Jahren bestens zumindest in einer Hinsicht funktionieren wird: Als Grillbackgroundsoundtrack und zur Peaktime. Jaar hat auf den Tracks den Kunstanspruch ebenso wie die frühere Deep House-Neigung gegen Soul-Samples und Diven-Vocals eingetauscht, die Produktion sitzt astrein und nur gelegentlich will diese Musik mehr als bloß Spaß machen. Doch selbst dann funktioniert auch mal beides: »Cityfade« kommt mit Kinderchor, Piano-Loop und Rainer Maria Rilke-Cut-Up-Lyrik daher, ist aber irgendwo zwischen Kozes »Pick Up« und Krystal Klears »Neutron Dance« der vielleicht größte Sommerhitanwärter 2018. »Ein süßes Land / Im Himmel wuchs / Das sich mir entschloss / Das sich mir entschloss«, wird darin gesungen – gemeint ist vielleicht die House Nation, zumindest aber nur ein bescheidenes Gefühl von Zugehörigkeit. Das zeichnet A.A.L. aus: Hier wird nicht versucht, auf Krampf anders zu sein, sondern flockig gechillt. Womöglich also hat Jaar begriffen, dass aus ihm einfach kein Mark Hollis wird.

»2012-2017« von A.A.L. findest du bei hhv.de auf 2LP.
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