Music Review | verfasst 20.06.2018
Malör
Bali
Terz, 2018
Deine Bewertung:
9.0
Nutzer (1)
8.9
Redaktion
Cover Malör - Bali

Das Lied zur Lage also kommt aus dem Jahr 1985 und wäre das allein nicht schon schlimm genug, klingt es auch noch besser als das meiste, was heute protestieren will. Aber fangen wir von vorne an, das heißt vor fast dreieinhalb Jahrzehnten: Malör gründen sich Anfang der 1980er Jahre als funkiger Nebenarm des Chors Kölner Gewerkschafter. Unter der Leitung von Annegret Keller wurden einerseits die Tradition des klassischen Arbeiterlieds hochgehalten, andererseits neue musikalische Protestformen ausprobiert. 1985 erscheint die erste und einzige Platte mit zehn Songs, die schnell vergessen, dann irgendwo in der Discogs-Sphäre zum Kultklassiker ernannt und schließlich stückchenweise auf YouTube verteilt wird. 2018 hat das hauseigene Label des Kölner Parallel-Plattenladens nun zwei dieser Stücke auf 7" neu aufgelegt und zum Release-Tag am Record Store Day die Band sogar für ihren ersten Gig seit 1986 auf die Bühne getrommelt. Denn offensichtlich hat sich niemand von denen nach »Bali« verzogen, wie es einer der wenigen durchs Netz kursierende Songs in Aussicht stellt – aber auch gleich die Einsicht hinterherschiebt, dass das Heil unmöglich in der Flucht liegen kann. »Bali« ist ein Song über elitären Eskapismus, aber auch gelebte Solidarität, und packt 2018 damit in kaum mehr als vier Minuten tatsächlich besser den Nerv der Zeit als jedes Zeckenrap-Album es in 45 Minuten vermag. Dass darunter im Übrigen das feinste AOR-Balearen-Funk-Feeling diesseits von Prins Thomas’ Plattenschrank verströmt wird ist da eine genauso große Sahnkirsche wie das kleine »Unsichere Lied« auf der Flip, das buchstäblich die andere Seite der Medaille über schwebenden Orgel-, Flöten- und Saxofonklängen ausdekliniert. Zwei Lieder zur Lage also eigentlich, beide aus dem Jahr 1985. Mehr lässt sich über die bundesdeutsche Gegenwart eigentlich nicht sagen.


»Bali« von Malör findest du bei HHV: 7inch

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 14.09.2011
Zwanie Jonson
I'm A Sunshine
Gelbes Glück in Zeiten der Leuchtstofflampe! Zwanie Jonson übt sich in Melodienseligkeit und feilt an seinem lässigen Hochglanz-Pop.
Music Review | verfasst 12.10.2011
Lana del Rey
Video Games/Blue Jeans
Bevor es richtig losgeht und im Februar das Debütalbum erscheint, gibt’s jetzt die erste Doppelsingle von Lana del Rey.
Music Review | verfasst 11.11.2011
Dillon
This Silence Kills
Das überraschendste BPitch Control-Release des Jahres. Statt Electronica präsentiert Dillon beste Popmusik á la Feist.
Music Review | verfasst 16.11.2011
Feist
Metals
Was für eine Rückkehr. Leslie Feist erfindet sich neu und bleibt sich gleichzeitig treu.
Music Review | verfasst 21.11.2011
Yann Tiersen
Skyline
Ziemlich genau ein Jahr nach Dust Lane erschein nun Skyline, das neue Album des Franzosen Yann Tiersen.
Music Review | verfasst 06.05.2008
Gnarls Barkley
The Odd Couple
Album zwei nach der surrealsten Erfolgsgeschichte dieses Jahrtausends und all jene, die Gnarls immer noch mit einem aspirierten †˜K’…
Music Review | verfasst 29.04.2008
Santogold
Santogold
Erwartungshaltung is a bitch. Besonders wenn man nicht weniger als den ganz heißen Scheiß erwartet…
Music Review | verfasst 13.01.2012
Gotye
Making Mirrors
Gotye war einer der Shootingstar des letzten Jahres, einer, auf den sich Rocker und Popper, Igel und Hase gleichzeitig einigen konnten.
Music Review
Maisha
There Is A Place
Das britische Jazz-Sextett Maisha zeigt auf »There Is A Place« wie der Spiritual Jazz in die Jetztzeit zu transportieren ist.
Music Review
Vaudou Game
Otodi
Westafrikanische Musik ist in aller Ohren, Togo wird dabei oft ausgespart. Schade eigentlich. Peter Solo’s Vaudou Game sollte man hören.
Music Review
Mall Grab
How The Dogs Chill Vol.1
Der australische Überflieger Mall Grab hat etwas zu beweisen und deshalb mit Looking For Trouble ein eigenes Label gestartet.
Music Review
Carsten Erobique Meyer
Tatortreiniger Soundtracks
Die »Tatortreiniger Soundtracks« von Carsten Meyer sind jetzt erschienen. Sie zeigen, dass Soundtracks deutscher Fernsehserienetwas taugen.
Music Review
Roc Marciano
Behold A Dark Horse
Die Beats auf »Behold A Dark Horse« gehören zum Besten, was Roc Marciano bislang veröffentlicht hat. Es gibt aber auch Schwächen…
Music Review
Julien Dyne
Teal
»Teal«, das neue Album des Neuseeländers Julien Dyne, ist eine überzeugende Verarbeitung globaler Beats.
Music Review
Charles Bradley
Black Velvet
Vor genau einem Jahr starb Charles Bradley. Nun veröffentlicht Dunham mit »Black Velvet« eine Sammlung von Raritäten, Singles, Bonus Tracks.
Music Review
Bill Ryder-Jones
Yawn
Entgegen dem Titel ist »Yawn«, das vierte Album des ehemaligen The-Choral-GItarristen Bill Ryder-Jones, keineswegs zum Gähnen.
Music Review
Various Artists
JD Twitch presents Kreaturen der Nacht
Der Brite JD Twitch hat für »Kreaturen der Nacht« wirklich ein paar weniger bekannte Stücke aus dem West-Berlin der 1980er Jahre entdeckt.
Music Review
Dead Can Dance
Dionysus
Mit eindrucksvoller Seriosität streben Dead Can Dance auf »Dionysus« nach dem Transzendenten und bleiben ihren Anhängern nichts schuldig.
Music Review
The Gongs Gang
Gimme Your Love
Best Record Italy veröffentlicht die Single »Gimme Your Love«, die einzige Hinterlassenschaft der Band The Gongs Gang.
Music Review
Thom Yorke
OST Suspiria
»Suspiria« ist ein Klassiker. Auch sein Soundtrack wird kultisch verehrt. Ob Thom Yorkes Score für das Remake ähnliche Wellen schlägt?
Music Review
Jens Friebe
Fuck Penetration
Noch nie war er so explizit politisch, noch nie sang er so englisch: Über Jens Friebes neues Album »Fuck Penetration«.
Music Review
Kelly Moran
Ultraviolet
Für Warp eher ungewöhnlich: Kelly Moran entlock auf »Ultraviolet« dem präparierten Klavier unerhörte Klänge.
Music Review
Lucas Croon
Lucas Croon EP
Lucas Croon versteht was von seinem Handwerk. Das hat er bei Stabil Elite gezeigt und auch auf seiner Solo-EP wird das klar.
Music Review
Various Artists
Venezuela 70 Vol.2
Klänge, die am Ende Hoffnung machen: Soul Jazz Records legt den zweiten Teil ihrer Compilation-Reihe »Venezuela 70« vor.
Music Review
G.B. Beckers
Walkman
Günther Beckers ist eigentlich bildender Künstler, was in seinem Kunstverständnis Musik mit einschließt.
Music Review
Julia Holter
Aviary
Mit »Aviary« gelingt Julia Holter ein Album, um sich darin für alle Ewigkeiten zu verlieren.
Music Review
Oneness Of Juju
African Rhytms
Gut Ding will Weile haben: 1975 noch kein Hit lohnt es sich heute die »African Rhytms« von Oneness Of Juju wiederzuentdecken.
Music Review
Chris Bowden
Time Capsule
»Time Capsule«, das revolutionäre Debüt von Chris Bowden aus dem Jahr 1992, wurde nun – 20 Jahre out of print – wiederveröffentlicht.
Music Review
Kurt Vile
Bottle It In
Zwischen all den Banalitäten stecken die kleinen Wunder: Slacker Kurt Vile hat mit »Bottle It In« sein siebentes Album veröffentlicht.
Music Review
Army Of The Pharoahs
The Torture Papers
Das Debüt der Army Of The Pharoahs hatte seinen festen Platz im Hardcore Hip-Hop schon 2006 wegen der verdammt souveränen Texte verdient.
Music Review
Fatima
And Yet It's All Love
»And Yet It’s All Love« von Fatima ist die künstlerische Umsetzung einer romantischen Beziehung – mit allen Hochs und Tiefs.
Music Review
Jlin
Autobiography
Mit »Autobiography« hat Jlin die Musik zu einem Ballett von Wayne McGregor geschrieben und ist so vielfältig wie noch nie zuvor.
Music Review
Cat Power
Wanderer
Der Kampf ist vorüber: Auf ihren letzten Platten klang Cat Power nie so ausgeglichen, so ruhig und so beruhigend wie auf »Wanderer«.
Music Review
Ed Motta
Criterion Of The Senses
Der brasilianische Jazzsänger Ed Motta huldigt auf seinem neuen Album »Criterion Of The Senses« dem Adult Oriented Rock der 1980er Jahre.
Music Review
Marcos Valle
Nova Bossa Nova
Zwanzig Jahre nach Erscheinen klingt der Reissue von Marcos Valles »Nova Bossa Nova« zwar nicht zeitlos, aber klassisch und vielseitig.
Music Review
Various Artists
Studio One Freedom Sounds
Die Ausbeute an tollem Material, an das in regelmäßigen Abständen zu erinnern lohnt, bleibt bei Studio One auch mit dieser Compilation groß.
Music Review
Tim Hecker
Konoyo
Auf »Konyo« befasst sich Tim Hecker mit Raum, heißt mit dem Hiersein und dem Nichtmehr(da)sein. Es ist ein persönliches Album geworden.
Music Review
Janelle Monáe
Dirty Computer
Die Idee bleibt als Kopie erkennbar: Auf ihrem neuen Album »Dirty Computer« weiß Janelle Monáe dem High-End-Sound nichts hinzuzusetzen.
Music Review
Denzel Curry
TA1300
»TA1300«, das neue Album von Denzel Curry, ist Zeugnis der heutigen Entwicklung in den USA und konnte so nur im Jahr 2018 erscheinen.
Music Review
Richenel
Perfect Stranger
Sieht ein aus wie Prince, klingt auch ein bisschen so. Music From Memory veröffentlicht Material des Musikers Richenel.
Music Review
Aphex Twin
Collapse EP
Folge der Kinderstimme, und du wirst ankommen: Für einen »Collapse« macht Aphex Twin einem auf seiner neuen EP erstaunlich gute Laune.
Music Review
Various Artists
Testimony
Knekelhuis legt Zeugnis ab: Die Werkschau »Testimony« stellt die Künstler Sabla, Patrica Kokett, Maoupa Mazzocchetti und Job Sifre vor.
Music Review
Ital Tek
Bodied
Früher noch war Ital Tek seiner Zeit voraus, mit »Bodied« aber schafft er sich seine eigene. Sein sechstes Album ist sein bisher bestes.
Music Review
RAMZi
Phobiza »Amor Fati« Vol.3
Mit »Amor Fati« beschließt RAMZi nach zwei Jahren ihre »Phobiza«-Reihe. Es ist zugleich die konsequenteste Arbeit der Kanadierin.
Music Review
Nat Birchall meets Al Breadwinner
Sounds Almighty
Der britische Saxophnoist Nat Birchall hat sich für sein neues Album »Sounds Almighty« mit dem Dub-Produzenten Al Breadwinner zusammengetan.
Music Review
Umo Vogue
Just My Love EP
Umo Vogue entsprachen bei ihrer Gründung ganz dem Zeitgeist. Mit dem Erfolg wurde es leider dennoch nichts!
Music Review
Black Merlin
Oba Enka EP
Präzise produziert, tanzbar, clubtauglich, aber keine Zaubereri diesmal: Zur neuen »Oba Enka EP« von Black Merlin.
Music Review
SHXCXCHCXSH
SHULULULU
Mit »SHULULULU« bleiben SHXCXCHCXSH Meister ihrer Disziplin, des entrückten Erzählens im Techno.
Music Review
Polaroid
Senza Respiro
Dark Entries hat »Senza Respiro« der italienischen Postpunk-Band Polaroid, 1984 nur auf Kassette erschienen, auf Vinyl wiederveröffentlicht.