Music Review | verfasst 07.11.2018
Dead Can Dance
Dionysus
PIAS, 2018
Text Nils Schlechtriemen
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Redaktion
Cover Dead Can Dance - Dionysus

Für zwei Jahrtausende drehte sich das spirituelle Geschehen im antiken Griechenland um eine Reihe jährlich zelebrierter Initiationsriten, denen Philosophen wie Platon, Bürger und Sklaven, sämtliche Athener wie auch andere Menschen im Einflussbereich der attischen Demokratie beiwohnten: Die Mysterien von Eleusis. Einmal im Leben war die materiell aber auch physisch sehr aufwändige Pilgerreise nach Eleusis und das Durchlaufen der dortigen Zeremonien für die meisten Bewohner der griechischen Welt ein wichtiger Schritt ihrer persönlichen Entwicklung. Was genau dabei in den aufbäumenden Tempelanlagen des Telesterion vor sich ging, das die Jünger nach tagelanger Reise und genau festgelegter Fastenzeit erreichten, ist nur bruchstückhaft überliefert. Tanzende Priesterinnen in roten Gewändern, Schreie zwischen Erlösung und Entsetzen, Lichtspiele an endlos hallenden Säulengängen und ein wichtiges Sakrament gelten als gesichert: Das Trinken des Kykeons, eines Gemischs aus Wasser, Getreide und entheogenen Substanzen unbekannter Zusammensetzung. Dead Can Dance beschwören mit »Dionysus« Szenen dieser kultischen Ekstasefeste, denen der Gott von Wein und Wahnsinn immer wieder feierliche Gestalt gab. Doch anders als beim entrückenden »Anastasis« von 2012, klingt das Duo auf seinem neunten Studioalbum ebenso rituell wie reduziert und legt besondere Emphase auf perkussive Elemente, die man derart greifbar seit »Spiritchaser« nicht mehr gehört hat. War jenes noch von unterschiedlichen afrikanischen Traditionen beseelt, werden hier Einflüsse von Bulgarien über Griechenland bis Syrien und Iran in zwei Akten majestätisch vermählt. »Dance Of The Bacchantes« etwa tänzelt mit frenetischem Schlagwerk nebst zackiger Gesänge zwischen Drohkulisse und exotischer Sinnlichkeit, während »The Invocation« allmählich eine unaussprechliche mentale Grenze zu überwinden sucht. Selbst hypnotische Stücke wie »Liberator Of Minds« oder »The Forest« sind ganz von ihrer Rhythmik besessen, was der Produktion beinahe etwas Haptisches verleiht. Mit eindrucksvoller Seriosität streben Dead Can Dance weiterhin nach dem Transzendenten und bleiben ihren Anhängern dabei kaum etwas schuldig.

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