Books Review | verfasst 10.12.2018
Brüno & Hervé Bourhis
Black & Proud
Avant Verlag, 2018
Deine Bewertung:
7.0
Nutzer (2)
8.0
Redaktion
Cover Brüno & Hervé Bourhis - Black & Proud

Welches einstige Public Enemy-Mitglied ist heute Straußenzüchter? Auf welchem Sample basieren vermutlich 90 Prozent sämtlicher Jungle Tracks? Welche Soul-Diva bekam Ärger, weil sie auf dem Dealey Plaza in Dallas – am Tatort des Kennedy-Attentats – für ein Musikvideo blank zog? Und wie zur Hölle kam es dazu, dass Solomon Burke bei einer KKK-Versammlung auftrat?

Die französischen Comic-Künstler Brüno und Hervé Bourhis wissen es. Was sie nicht wussten, brachten sie irgendwie in Erfahrung. Beim Hören von Platten und Lesen von Liner Notes, im Austausch und im Nerd Talk– zunächst, so scheint es, für sich selbst. Weil ihr gemeinsam herausgegebenes, wunderschön editiertes Nachschlagewerk »Black & Proud« mit jeder Seite deutlich macht, dass ihr Fan-Herz noch Neugierde kennt und rhythmisch im Takt der Spielarten der sogenannten Black Music schlägt. Das Buch trägt den Untertitel »Vom Blues zum Rap«. Es thematisiert afroamerikanische Musik von 1945 bis 2015, vorrangig Blues, Soul, Funk und Hip Hop. Jazz klammern sie weitestgehend aus. Der, so erklären sie im Vorwort, würde eh ein eigenes Buch verdienen – und den gesetzten Rahmen deutlich überstrapazieren.

Der Rahmen sieht pro Jahr eine Doppelseite vor. Auf der linken Seite stellen Brüno und Bourhis stets ein wichtiges Stück Musik vor. Ein Album oder einen einzelnen Song, den sie ausführlicher unter die Lupe nehmen, inkl. originalgetreuer Illustration des Coverartworks. Auf der rechten Seite setzen sie es kurz in Bezug auf ein anderes Werk. Und nutzen den verbleibenden Raum für Anekdoten über andere Musiker, Songs, popkulturelle Strömungen und gesellschaftliche Entwicklungen, die sie als besonders erwähnenswert empfinden und anhand derer sie zeitgeistige und musikhistorische Zusammenhänge knüpfen – und mit gekonnten Illustrationen und Typographien äußerst ansehnlich aussehen lassen.

»Black & Proud« ist ein höchst infektiöser Lesestoff und Infotainment im Besten Sinne. Hier wird kein enzyklopädisches Wissen per Von-oben-herab-Gestus doziert, sondern Fandom bezeugt, einhergehend mit umfangreichem Anekdotenwissen, inkl. Mut zur Lücke. Dargeboten wird es in mit Enthusiasmus und meinungsstarken Bonmots, weswegen man sich beim Lesen sofort heimisch und einbezogen fühlt – nicht allerdings, wenn man (ursprünglich) schwarze Spielarten wie House und Detroit Techno als musikalische Wahlheimat hat. Diese Genres werden angerissen, aber derart stiefmütterlich behandelt, dass man es gleich hätte bleiben lassen können. Dennoch wird man bei der Lektüre immer wieder zur nächsten Seite verführt – und permanent mit Stichworten ausgestattet, die zur weiterführenden Recherche anstacheln.

Das Buch »Black & Proud« von Brüno und Hervé Bourhis ist bereits im Avant-Verlag erschienen: Book
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 06.03.2008
Erykah Badu
New AmErykah Part 1 - 4th World War
Durchatmen: Frau Badus viertes Album ist so viel mutiger und besser als der durchwachsene Vorgänger.
Music Review | verfasst 21.12.2012
Various Artists
Ancestors of Rap
»Ancestors of Rap« betreibt Ahnenforschung und macht sich auf die Suche nach den Wurzeln des Raps. Eine gelungene Compilation.
Music Liste | verfasst 10.08.2011
Twit One
DJ Charts
Die gemeinsame Platte mit Sylabil Spill ist gerade erschienen, die Platte mit Lazy Jones bereits fertig. Von der neuen Platte mit Hulk Hodn ganz zu schweigen. Nebenbei legt er auch auf. Und beackert in seinen DJ Charts ein weites Feld.
Music Porträt | verfasst 04.12.2012
Lefto
Worldwide Everything
Wenn der Begriff der World Music noch irgendeine Gültigkeit hat, dann ist das, was Lefto vertritt, World Music. Als der DJ aus Belgien auf Gilles Peterson traf, hatte er mit dem Kopf des Worlwide Imperiums die perfekte Blaupause gefunden.
Music Kolumne | verfasst 05.12.2012
Aigners Inventur
November 2012
Auch diesen Monat setzt sich unser Kolumnist vom Dienst wieder kritisch mit der Release-Flut auseinander, selektiert, lobt und tadelt. Any given month. Dieses Mal u.a. unter der Lupe: Captain Murphy, Roc Marciano, Karenn und Zombie Zombie.
Music Bericht | verfasst 05.07.2012
Erykah Badu
Live am 2.7.2012 beim Tollwood in München
Es ist voll und drückend und warm und großartig und sorgt für Erweckungserlebnisse ganz anderer Art: Unser Autor Björn Bischoff erlebt beim Münchener Erykah Badu Konzert die Show seines Lebens.
Music Kolumne | verfasst 01.12.2017
Jahresrückblick 2017
Top 50 Albums
Die musikalischen Statements wurden dieses Jahr nicht mit Ausrufezeichen gemacht. Sondern mit Kommata und Gedankenstrichen. Kaum große Mäuler, aber viel dahinter. Wenig Hits, viel Musik.
Music Review | verfasst 01.06.2007
Zeph & Azeem
Rise Up
Auf Zephs abwechslungsreichen Instrumentals macht Azeems Zunge Yoga: das Debüt des Duos aus San Francisco macht Spaß.
Music Review
Commodo
Rikers – 12"
Commodo ist einer der Protagonisten einer Szene, die dem Genre Dubstep wieder auf die Sprünge helfen wollen. »Rikers« zeigt wie.
Music Review
Pom Pom
Untitled II
Wer steckt hinter Pom Pom? Keine Ahnung. Doch eines wissen wir: »Untitled II«, soeben auf A-Ton erschienen, ist sensationell gut.
Music Review
Ry-Co Jazz
Dansons…Avec Le Ry-Co Jazz
Radio Martiko legt mit »Dansons…Avec Le Ry-Co Jazz« zwischen 1961 und 1966 entstandene Musik der Kongolesen Ry-Co Jazz neu auf.
Music Review
Purple Image
Purple Image LP
1968 war von afroamerikanischen Bands gespielter psychedlischer Rock eher die Ausnahme. Purple Image waren so eine Ausnahmeerscheinung.
Music Review
Hedvig Mollestad Trio
Smells Funny
Wer die Bands von Nels Cline oder Ava Mendoza schätzt, kommt an »Smells Funny«, dem sechsten Album des Hedvig Mollestad Trios kaum vorbei.
Music Review
Submersion & mon0
Unison // Einklang
»Unison // Einklang« von Submersion & mon0 ist ein überzeugendes Plädoyer dafür, dass man mit Weglassen sehr viel erreichen kann.
Music Review
Kali Bahlu
Cosmic Remembrance
Kali Bahlus »Cosmic Remembrance« aus dem Jahre 1967 ist eine kluge, verschlüsselte Parabel ihrer Zeit, die man nur im Rausch rafft.
Music Review
Foodman
Moriyama
Die Tracks auf Foodman’s »Moriyama« existieren in einem Reich, in dem weder Clubregeln noch Ambient-Ruheraum-Gepflogenheiten herrschen.
Music Review
Heinrich Dressel
Lost In The Woodland
Mit »Lost In The Wood« ist Heinrich Dressel ein dichtes Geflecht aus us Arpeggien, Akkorden, Melodien und Naturgeräuschen gelungen.
Music Review
As Longitude
That's When The Animals Turned Into Humans
As Longitude heißt das Projekt von Eva Geist und Laura ODL. Ihre Vinyl 12" »That’s When The Animals Turned Into Humans« ist nun erschienen.
Music Review
Mark Barrott
Nature Sounds Of The Balearics
Es darf wieder geschwooft werden: Zum neuen Album »Nature Sounds Of The Balearics« von Mark Barrott.
Music Review
Earl Sweatshirt
Some Rap Songs
Unkonventionell und abenteuerlich ist »Some Rap Songs«, das neue Album von Earl Sweatshirt, geworden.
Music Review
Positive Centre
Forever Optimum
Hypnotische Rhythmusstudien, die einen langsam aber unaufhaltsam verschlingen: zum neuen Album »Forever Optimum« von Positive Centre.
Music Review
Mytron & Ofofo
Ceremony
Tanzen und Träumen: ei nJahr nach ihrem Debüt veröffentlichen Mytron & Ofofo mit »Ceremony« ein weiteres Release auf Multi Culti.
Music Review
Dennis Young
Quest
In südkoreanischen Kellern schlummern Kassetten mit Ambient-Musik von Liquid Liquid’s Dennis Young. Mit »Quest« wird nun die erste publik.
Music Review
Filmico
In The Senses
»In the Senses«, das Debüt von Filmico, ist ein Soundtrack im Gedenken an die 1980er Jahre, mit Heroen wie John Carpenter als Vorbild.
Music Review
Roger Doyle
Oizzo No
Humor und »ernste« Musik schließt sich ja von vornherein aus. Roger Doyle hat schon 1975 mit »Oizzo No« bewiesen, dass das Quatsch ist.
Music Review
Process Blue
Process Blue
Process Blue kamen aus Dayton, Ohio, orientierten sich aber an dem Sound, der 1981 aus Großbritannien und Deutschland kam.
Music Review
Calender
It's A Monster
»It’s A Monster«, das einzige, vor 32 Jahren zum ersten Mal veröffentlichte Album von Calender, hätte leicht übersehen werden können.
Music Review
Pearls Before Swine
Balaklava
Unbequemer Klassiker von abgründiger Schlichtheit: Drag City legt »Balaklava«, das zweite Album von Pearls Before Swine, wieder auf.
Music Review
Risque
Starlight
Disco aus den Niederlanden. Von 1982. Süß wie Honig, kitschig wie Sternschnuppen. »Starlight« von Risque ist unverzichtbar.
Music Review
Céline Gillain
Bad Woman
Nicht vom Cover abschrecken lassen: »Bad Woman«, das Debüt der belgischen Musikerin Céline Gillain ist eine umwerfend gute Platte.
Music Review
Jorge Ben
Bem-Vinda Amizade
Es gab für Jorge Ben ein Leben nach »Mas Que Nada«. Und was für eins: sein Album »Bem-Vinda Amizade« darf jetzt wiederentdeckt werden.
Music Review
Philip Sanderson
On One Of These Bends
Digitale Träumereien, tribalistische Stimmungsmalerei: »On One Of These Bends« zeigt Musik von Philip Sanderson.
Music Review
Brötzmann / Leigh
Sparrow Nights
Im Widerspiel von Harmonie und Kakofonie wird auf »Sparrow Nights« von Peter Brötzmann und Heather Leigh ein Lied unserer Gegenwart gesungen
Music Review
Best Available Technology
Enginetics & Plasmalterations
Schicht auf Schicht moduliert Best Available Technology auf »Enginetics & Plasmalterations« seine Stücke und ist dabei besser denn je.
Music Review
Takehisa Kosugi
Catch-Wave
Wenn nur die Idee zählt, der Mut, dann gehört »Catch-Wave« von Takehisa Kosugi zu den besten musikalischen Werken der Avantgarde.
Music Review
Hieroglyphic Being & The Truth Theory Trio
Journey Through The Outer Darkness From The Inner Light
»Journey Through The Outer Darkness From The Inner Light« ist der achte (!) Release von Hieroglyphic Being im Jahr 2018 – und sein bester.
Music Review
Nels Jenstad
Ships/Moondog
Auf Fri Form sind mit »Ships/Moondog« jetzt zwei Stücke des Musikers Nels Jenstad veröffentlicht worden.
Music Review
Veronica Vasicka
In Silhouette
Seit 13 Jahren veröffentlicht Veronica Vasicka die Musik anderer. Nun ist erstmals eines ihrer eigenen Stücke veröffentlicht worden.
Music Review
Os Catedraticos
Ataque
Das erstmals 1965 veröffentlichte Album »Ataque« von Eumir Deodatos’ Os Catedraticos wurde bei Far Out wiederveröffentlicht.
Books Review
Brüno & Hervé Bourhis
Black & Proud
Das Buch »Black & Proud« spürt den Weg vom Blues zum Rap nach. Die deutschsprachige Ausgabe erschien vor kurzem im Berliner Avant-Verlag.
Music Review
Love Songs
Inselbegabung
Jeder der drei Tracks auf der neuen EP »Inselbegabung« von Love Songs schreit direkt: Kunst!
Music Review
Félicia Atkinson & Jefre Cantu-Ledesma
Limpid As The Solitudes
Félicia Atkinson und Jefre Cantu-Ledesma tun sich wieder zusammen. »Limpid As The Solitudes« versammelt Musik über bessere Zeiten.
Music Review
Pearson Sound
Rubble
Auf der Vinyl 12" »Rubble« sind gleich drei neue Tracks von Pearson Sound vertreten. Ein weiterer Vorgeschmack auf ein zweites Album?
Music Review
Garrett
Private Life II
Flächiger, verspielter, ein bisschen mehr Jazz liefert Dâm-Funk unter dem Pseudonym Garrett auf seinem Album »Private Life II«.
Music Review
Afro National
African Experimentals (1972-1979)
Die Musik von Afro National aus Sierra Leone kann nun auf »African Experimentals (1972-1979)« wieder nachgehört werden.
Music Review
Indio
Inca
Delsin legt drei Tracks von John Beltrans Indio-Projekt mit Sam McQueen und Seth Taylor sowie eine Solo-Produktion neu auf.
Music Review
Ric Kaestner
Music For Massage II
Auf »Music For Massage II« entschleunigte Ric Kaestner 1983 seine Musik so dermaßen, dass sie schwebt und nur so in der Luft liegt.
Music Review
Brown Sugar
I'm In Love With A Dreadlocks
Sie waren in den ausgehenden Siebzigern Pionierinnen des britischen Reggae. Soul Jazz widmet Brown Sugar eine Retrospektive.
Music Review
Mansur Brown
Shiroi
Für sein Debüt »Shiroi« hat der Gitarrist Manusr Brown den Pianisten Robert Glasper und den Bassisten Thundercat gewonnen.