Music Review | verfasst 13.12.2018
Brötzmann / Leigh
Sparrow Nights
Trost, 2018
Text Nils Schlechtriemen
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9.4
Redaktion
Cover Brötzmann / Leigh - Sparrow Nights

Peter Brötzmann scheint etwas ganz Besonderes in Heather Leigh zu sehen. Das deutsche Free-Jazz-Urgestein und die amerikanische Pedal-Steel-Improvisateurin haben in den vergangenen drei Jahren ein intimes musikalisches Verhältnis entwickelt, das schon auf den Live-Alben »Ears Are Filled With Wonder«, »Sex Tape« und »Crowmoon« wuchtige Blüten trieb. Zwischen kreischenden Alto-Exzessen und den grellen Tiefen des brötzmannschen Baritons mäandert Heather Leigh mit ihrer Gitarre auch auf »Sparrow Nights« durchs Gewölk ausufernder Improvisationen. Zwar liegt hiermit nun das erste Studioalbum des Duos vor, doch machen alle Stücke einen viel lebendigeren Eindruck und wirken tatsächlich fokussierter als die bislang vor Publikum dargebotenen Tonverästelungen. Das dialektische Zusammenspiel, fluide und zugleich von Panik zerrissen, führt während des Albums durch nächtlichen Kollaps und tagesgraue Verklärung. Im schrillen Lamentieren von Saxophon und Klarinette ist dabei weniger Kontrast zu Leighs hypnotisch überblendeten Chords hörbar, als viel mehr deren kontraintuitive und absolute Ergänzung. Es schmerzt, wenn Brötzmann in »This Word Love« mit aller Inbrunst eben diesem Wort jede Bedeutung absprechen will oder bei »My Empty Heart« sukzessiv in fragender Verzweiflung ersäuft. Seine imperfekte Atmung, das sich stellenweise verschluckende Tenor, die jaulenden Ausbrüche sind wie der unrühmliche Todeskampf irgendeines armen Schweins in der Gosse einer vom Krieg verwüsteten Großstadt. Wenn Leigh dann ihre resignativen Gitarrenschleier auswirft, entwickeln sich durch das Anfluten und Abebben der Akkordfolgen delirante Melodien, deren wähnende Hoffnungsschimmer aber vor jeder Konkretisierung in der Ferne verstummen. Der Erinnerung an Loren Mazzacane Connors betörende Herbstdepression »Airs« von 1999 kann man sich dann nicht mehr erwehren, auch wenn sie gänzlich ohne Bläser auskam. Tatsächlich ist »Sparrow Nights« bis zum Schluss noch bitterer geraten. Vor allem deshalb, weil in diesem Widerspiel von Harmonie und Kakofonie ein allzu passendes Lied unserer paranoid-verquasten Gegenwart gesungen wird.

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