Music Review | verfasst 21.01.2019
Machinefabriek
With Voices
Western Vinyl, 2019
Deine Bewertung:
6.3
Nutzer (3)
7.7
Redaktion
Cover Machinefabriek - With Voices

Google Maps flüstert uns morgens auf dem Fahrrad die Richtung zu, tagsüber fragen uns körperlose Call-Center-Stimmen nach unseren Problemen ab und abends befehlen wir entweder Alexa, Entspannungsmusik anzuwerfen, oder aber lösen irgendwelche Streitgespräche auf Partys mit einer schnellen Suche im Netz, die wir Siri aufgetragen haben. Das zweite Jahrzehnt des 21.Jahrhunderts ist eines der Stimme und diese Stimme ist meistens artifiziell. Davon zeugt der Siegeszug von Autotune ebenso wie experimentelle Versuche von Holly Herndon, Stine Janvin oder Audrey Chen und anderen oder der zunehmende Einsatz der menschlichen Stimme im Ambient-Zirkus wie zuletzt Wild Anima oder Jax Deluca. Die Stimme also solche ist kurios: Sie ist etwas, das zu uns gehört und dennoch immer außerhalb unseres Körpers stattfindet. In der Musik von Rutger Zuydervelt war sie bisher jedoch kaum zu hören. Denn obwohl er unter dem Pseudonym Machinefabriek auf weit mehr als hundert Releases immer wieder die Kollaboration mit anderen Musiker_innen gesucht hat, blieb die Musik überwiegend wortlos. Ähnliches lässt sich auch über »With Voices« sagen, obwohl die Stimme im Zentrum der acht Tracks stehen, für welche jeweils eine andere Person das Material geliefert hat: Terence Hannum von der Bleak Metal-Band Locrian etwa, die Düster-Folk-Songwriterin Marissa Nadler, Peter Broderick oder die taiwanesische Performerin Wei-Yun Chen, die Zuydervelt auf die Idee für das Konzeptalbum brachte und den Anstoß für ein 35minütiges Stück gab, auf dessen Grundlage wiederum alle anderen improvisierten. So disparat wie das Personal fallen auch die musikalischen Ergebnisse aus. Choraler Ambient, digitale Glitch-Ästhetik und flirrende Drones wechseln einander ab: Hier wurde viel manipuliert, abstrahiert und der glattpolierten Digitalästhetik der Sprachassistentinnen eine überwiegend wortlose Geste des Widerstands entgegen gesetzt. Eine ästhetische Rückeroberung vielleicht. Das macht »With Voices« zu einem spannenden, unbedingt zeitgenössischem Album.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 08.07.2014
Rutger Zuydervelt
Stay Tuned
Rutger Zuydervelt führt auf »Stay Tuned« in 50 Minuten auf der Note A durch ein 153-köpfiges Orchester von Avantgardemusikern.
Music Review | verfasst 24.07.2014
Machinefabriek
Stillness Soundtrack
Die Zeit scheint still zu stehen. Mit »Stillness Soundtracks« vertont Machinefabriek Kurzfilme von Esther Kokmeijer.
Music Review | verfasst 03.03.2016
Lushlife
Ritualize
Das dritte Album »Ritualize« von Mash Up-Rapper Lushlife ist ambitioniert, aber vor allem wegen seines Gastgebers eher Zeitverschwendung.
Music Review | verfasst 11.10.2012
Thought Broadcast
Emergency Stairway
Thought Broadcast begibt sich in die Belanglosigkeit, findet unser Rezensent Jens Pacholsky.
Music Review | verfasst 28.01.2012
Vladislav Delay
Vantaa
Dass diese Platte ihre Zeit braucht, steht ganz außer Frage. Was allerdings noch nicht geklärt ist: Ist das noch Musik?
Music Review | verfasst 12.03.2013
TM404 (Andreas Tilliander)
TM404
Andreas Tilliander widmet sich analogen Drum-Machines, Synthesizers und Sequencern, die Roland in den 1980er Jahren auf den Markt brachte.
Music Review | verfasst 13.12.2013
Heatsick
Re-Engineering
Diese Musik ist herrlich bekloppt. Doch sie groovt, sie weiß ganz ganz viel von elektronischer Musik und möchte gehört werden.
Music Review | verfasst 09.01.2014
Emanuele de Raymondi
Ultimo Domicilio EP
Raymondi dreht seine Runden durch Drones, Störgeräusche und Elektronik – stets leichtfüßig und ohne seine Dringlichkeit zu verlieren.
Music Review
Acronym & Kali Malone
The Torrid Eye
Acronym und Kali Malone treffen sich am Buchla 200 und denken mit ihrer gemeinsamen EP »The Torrid Eye« Chain Reaction elegant weiter.
Music Review
Xosar
The Possessor Possesses Nothing
Techno als emanzipatorisches Statement: geht das? Xosar liefert mit »The Possessor Possesses Nothing« einen ernstzunehmenden Versuch.
Music Review
Barbara Howard
On The Rise
Diese Platte ist der Beginn der schönsten Liebesgeschichte des Soul: »On The Rise« von Barbara Howard wurde jetzt wiederveröffentlicht.
Music Review
Kris Baha
In Your Arms
Talent borrows, genius steals und Kris Baha bringt mit »In Your Arms« eine Art Mini-LP heraus, die ihr EBM-Handwerk gelernt hat.
Music Review
Efdemin
New Atlantis
Es sind sublime Details, welche die Produktionen von Efdemin von denen seiner Kollegen abheben. So auch auf »New Atlantis«.
Music Review
Malibu Ken (Aesop Rock & Tobacco Of Black Moth Super Rainbow)
Malibu Ken
Aesop Rock und Tobaccco machen einen auf Malibu Ken und wandeln insofern auf den Spuren der 1971 veröffentlichten Malibu Barbie. Nur anders.
Music Review
Puredigitalsilence
Circumfluence
Sicherlich ein Highlight südkoreanischer schaltkreisbasierter Musik: »Circumfluence« von Puredigitalscience aus dem Jahr 1998.
Music Review
Jussi Halme
Funny Funk 'N' Disxco 1983-1991
In der liebevollen Käsigkeit liegt ein gerüttelt Maß an Ironie: zur Werkschau »Funny Funk ‘N’ Disxco 1983-1991« von Jussi Halme.
Music Review
Block Sistem
Don't Leave Me Now
Italo-Disco, besser geht nicht: Best Record Italy legt »Don’t Leave Me Now« von Block Sistem neu auf.
Music Review
Amaringo
Amaringo
John Carroll Kirby huldigt mit »Amaringo« musikalisch den psychedelischen Bildern des peruanischen Künstlers Pablo Amaringo.
Music Review
Cosey Fanni Tutti
Tutti
»Tutti«, das erst zweite Soloalbum von Cosey Fanni Tutti, zeigt, welchen Einfluss die Musikerin auf die zeitgenössische Musik hat.
Music Review
Mitsuaki Katayama Trio
First Flight
»First Flight«, das Debüt des Mitsuaki Katayama Trios, ist das Werkeines cleveren Arrangeurs und eines begnadeten Schlagzeugers
Music Review
Beirut
Gallipoli
Statt auf Balkan und Chanson besinnen sich Beirut mit »Gallipoli« auf ihre Stärke als Songwriter.
Music Review
Repeat
Repeats
Mark Broom, Plaid und Dave Hill trafen als Repeat in einer stilistisch unsicheren Zeit zusammen. Ihr Album »Repeats« wurde neu aufgelegt.
Music Review
Various Artists
Studio One Black Man's Pride Vol.3
Möge es der Allmächtige mit Wohlgefallen hören: Soul Jazz legt den dritten Teil seiner »Black Man’s Pride«-Reihe vor.
Music Review
Pablo's Eye
Dark Matter
Im letzten Teil eines Triptychons an Releases mit Musik von Pablo’s Eye kommt auf »Dark Matter« die kontemplative Seite der Band zutrage.
Music Review
Tofu Resistance
1//23
Auf »1//23« kombiniert Tofu Resistance digitale Produktionsweisen mit den Sounds exotischer Instrumente.
Music Review
Kings Aigbologa Bucknor & His Afrodisk Beat Organisation
Katakata
Jetzt hat Hot Casa mit »Katakata« ein weiteres Album von Kings Aigbologa Bucknor & His Afrodisk Beat Organisation veröffentlicht.
Music Review
The Daktaris
Soul Explosion
Als »Soul Explosion« von The Daktaris 1998 veröffentlicht wurde, wurde er als Afrobeat-Klassiker vermarktet. 20 Jahre später ist er einer.
Books Review
Michael Diamond & Adam Horovitz
Beastie Boys Buch
Das »Beastie Boys Buch« ist ein Mixtape voller Skits und Hits. Und die Boombox, aus der es schallt, ist über 500 Seiten starker Band.
Music Review
Jedi Mind Tricks
Violent By Design
18 Jahre später hat »Violent By Design« von Jedi Mind Tricks nichts von seiner Vehemenz eingebüßt.
Music Review
Boy Harsher
Careful
Unter den Düster-Wave-Duos machen Boy Harsher den düstersten. Den besten auch, wie ihr neues Album »Careful« zeigt.
Music Review
Molly
Waves
Die französische Produzentin Molly findet auf »Waves« die exakt richtige Mischung zwischen Druck machen und Verwirrung stiften.
Music Review
Deerhunter
Why Hasn't Everything Already Diappeared?
Mit »Why Hasn’t Everything Already Diappeared?« zeigen sich Deerhunter betont unrockig und so eingängig wie noch nie.
Music Review
The Golden Filter
Dislocation
The Golden Filter weihen ihr Label 4GN3S mit »Dislocation« ein. Drauf zu hören: Nichts Neues unter der Sonne. Die meiden die beiden aber eh.
Music Review
Joe McPhee
Nation Time
Eine groovene Kombination aus Funk und Free Jazz: Superior Viaduct legt »Nation Time«, das 1971 erschienen Debüt von Joe McPhee, neu auf.
Music Review
Black Merlin
Kode
Black Merlin müsste eigentlich so etwas wie der Endgegner im Die Orakel-Game sein. Mit »Kode« beweist er sich aber als treuer Sidekick.
Music Review
Fist Of Facts
Fugitive Vesco
Fist Of Facts ist die Nachfolgeband von Liquid Liquid’s Salvatore Principato. Ihre einzige EP »Fugitive Vesco« wird jetzt neu aufgelegt.
Music Review
Bell Towers
I'm Moving To Berlin
Bell Towers’ Debüt-EP für Cocktail d’Amore leistet mit Proto-House und Darkroom-Techno Überzeugungsarbeit für die Berliner Partyserie.
Music Review
Nils Frahm
Encores 2
Mit »Encore 2« legt der Komponist Nils Frahm vier weitere Stücke seinem gefeierten Album »All Melody« aus dem letzten Jahr nach.
Music Review
Swindle
No More Normal
»You talk a lot, but you ain’t sayin’ nothin’«: »No More Normal« von Swindle ist das Album zur Brexit-Stunde.
Music Review
Christoph de Babalon
Hectic Shakes
Galt das letzte Jahr der Aufarbeitung des musikalischen Ouevres von Christoph de Babalon, beginnt 2019 mit neuem Material.
Music Review
Black To Comm
Seven Horses For Seven Kings
Die besten Stücke von Black To Comm klingen wie etwas völlig Neues. Auf »Seven Horses For Seven Kings« ist das fast durchgängig der Fall.
Music Review
Sascha Funke & Niklas Wandt
Wismut
Sascha Funke und Niklas Wandt klingen auf »Wismut« wie ein Team, das sich seit Jahren die Regler im Studio teilt.
Music Review
Victor de Roo
Nachtdichter EP
Musik von Victor de Roo, Poesie von Alex Deforce, Erschließung neuer Sounds für Knekelhuis: die »Nachtdichter EP« hat einiges zu bieten.
Music Review
Betonkust & Palmbomen II
Parallel B
So verspielt und gleichermaßen fokussiert wie auf »Parallel B« von Betonkust & Palmbomen II tönte es zuletzt im New-Beat der 1980er Jahre.
Music Review
Hia / Biosphere
Polar Sequences
Das 1996 veröffentlichte Album »Polar Sequences« von Hia und Biosphere ist keine Ambient-LP: Statt abschalten heißt es hier eintauchen.
Music Review
Kamaal Williams
New Heights / Snitches Brew - 12"
Zwei weitere Stücke, die aufhorchen lassen: Kamaal Williams veröffentlicht »New Heights« und »Snitches BrewG auf Vinyl 12".
Music Review
Vladimir Tarasov
Atto IV
1990 noch in der ehemaligen Sowjetunion eingespielte Aufnahmen von Vladimir Tarasov wurden jetzt als »Atto IV« wiederveröffentlicht.
Music Review
Asnakech Worku
Asnakech
Aus der Vielzahl der inzwischen gehobenen Schätze äthiopischer Musik sticht dieses 1975 von Asnakech Worku aufgenommene Album heraus.
Music Review
Machinefabriek
With Voices
Auf über hundert Releases hat Machinefabriek bisher kaum mit Stimmen gearbeitet. Auf »With Voices« mit kaum etwas anderem.