Music Review | verfasst 15.02.2019
Xosar
The Possessor Possesses Nothing
Bedouin, 2019
Text Nils Schlechtriemen
Deine Bewertung:
9.0
Nutzer (3)
9.3
Redaktion
Cover Xosar - The Possessor Possesses Nothing

Über die letzten fünf Jahre hat sich Sheela Rahman als Xosar einen Ruf als eine Art Succubus auf europäischen Tanzfluren erarbeitet und veröffentlichte bei L.I.E.S sowie Black Opal, aber auch bei Rush Hour und Pinkman. Während ihrer Sets brandschatzt die in Kalifornien geborene, in Den Haag, Süd-Holland ansässige Produzentin mal in obskuren Deep-House-Gefilden, mal bei spacigem Ambient und entstelltem Eurodance, mal in den Werkhallen von industriellem Endzeit-Techno. Zur Geltung bringt sie immer wieder einen extrem satten, vielfach gelayerten Sound, eingebettet in eine nahezu comichaft verzerrte SciFi-Pastiche. Da schwirren Reminiszenzen von Arthur C. Clarkes »Fountains Of Paradise« oder Jodorowskys »Dune« durch die Luft, bevor im nächsten Moment She-Ra (He-Mans weibliches Pendant) und Captain Future aufblitzen. »Irisierende Acid-Ästhetik als Comic-Karikatur mit Retrovibe« könnte als Kurzabriss auf dem Promo-Sticker stehen. Ihr privates Interesse für Taoismus, Astronomie und Biofeedback verbindet die studierte Neurologin hier konzeptionell ähnlich wie schon auf »Let Go« mit Psychologie und Psychonautik, lässt das alles jedoch bemerkenswert hörbar in ihren Stil einfließen. Eigentlich braucht es für den Beweis nicht mehr, als das majestätisch morphende »A Heart Encircled By A Serpent«, in dem die Form von atmosphärischem Fantasy Techno, der Xosar seit jeher hinterherjagt, bislang vielleicht am besten realisiert wurde. Was hier geschieht, klingt bereits als fliege man auf einem metallenen Drachen über die von Pilzsäulen gesprenkelten Wüsten des Mars. Ziemlich jenseitige Räume tun sich aber auch dann noch auf, wenn die Fantasie angesichts der im Hintergrund raunenden Vocals und Bässe zeitweise grillenhaft wegdriften muss. Tracks vom Kaliber eines »Vibration Acceleration« oder »Heaven’s Gate« pulsen dabei nonstop ominöse Melodien ins Ohr, andere wie „Pikachu Police State“ oder „Realm Ov Chaos“ wirken eher bizarr und brutal. »The Possessor Possesses Nothing« richtet sich aber thematisch laut Rahman selbst vor allem gegen Konformismus und Elitismus, gegen Ignoranz und Apathie in einer technokratischen Ära. Sofern diesbezüglich im Techno-Bereich überhaupt von einem emanzipatorischen Statement die Rede sein kann, ist das hier zumindest soundtechnisch gelungen.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 30.11.2015
Xosar
Show Yourself EP
Xosar kann auch verträumten Deep House, ihre neue EP »Show Yourself« auf ihrem eigenen Label Gyrocyre aber ist ein Psychoaktivum.
Music Kolumne | verfasst 12.12.2016
Jahresrückblick 2016
Top 20 12-inches
Was ist eine 12inch? Die Defintion ist schwammig, wir haben uns für Maxi-Singles und EPs entschieden. Damit standen wir vor einer unüberschaubaren Menge an Material – und haben uns für die 20 besten entschieden.
Music Review | verfasst 18.04.2012
Orbital
Wonky
Orbital wollen nach langer Pause zeigen, dass sie noch immer der größte Techno-Act Großbritanniens sind.
Music Review | verfasst 03.05.2012
Model 500
Control
Juan Atkins, Mike Banks, Mark Taylor und Milton Baldwin erinnern als Model 500 an die gute alte Zeit.
Music Review | verfasst 21.05.2012
Various Artists
Mobilee Back To Back Vol.6
Das Produzentenduo Pan-Pot präsentiert die sechste Ausgabe der Reihe »Back to Back« auf Mobilee Records.
Books Review | verfasst 18.05.2012
Felix Denk & Sven von Thülen
Der Klang der Familie: Berlin, Techno und die Wende
Die Autoren schaffen ein Panorama der Berliner Technoszene Anfang der 1990er Jahre. Ein lesenswertes Stück Kulturgeschichte.
Music Review | verfasst 18.06.2012
Glitterbug
Cancerboy
Der Technoproduzent Till Rohmann aka Glitterbug war als Kind an Krebs erkrankt. »Cancerboy« handelt davon«
Music Review
Kokoroko
Kokoroko
Die britische Jazzszene hat einiges zu bieten derzeit: so wie Kokoroko, ein achtköpfiges Ensemble um die Trompeterin Sheila Maurice-Grey.
Music Review
Xeno & Oaklander
Hypnos
So gut wie Xeno & Oaklander, erneut bewiesen auf ihrem fünften Album »Hypnos«, können nur wenige Musik aus Elektrizität zusammenbrauen.
Music Review
Jura Soundsystem
Monster Skies EP
Die verlangte Weirdness wird auf der »Monster Skies EP« von Jura Soundsystem oft bemüht, doch selten erreicht.
Music Review
Mystic Jungle
Jurakan
Mit »Jurakan« legt Mystic Jungle 25 Minuten neue Musik vor. Die ist weniger verspielt als auf »Nights Of Cheetah«, aber ebenso niveauvoll.
Music Review
Fabriano Fuzon
Cosmik Sindika
Aufgenommen auf Guadeloupe im Jahr 1982 wird »Cosmik Sindika« von Fabriano Fuzon nun ein weiteres Mal auf Schallplatte veröffentlicht.
Music Review
Trio Mocotó
Trio Mocotó (1977)
Man muss ärztlich diagnostizierte Allergien gegen brasilianische Klänge haben, um sich vom Trio Mocotó nicht freudig affizieren zu lassen.
Music Review
Ode-Omore Osarenren & Ewaen Osetin Stars
Oyoetigbe - The Birth Of A Child
Wieder Nigeria, diesmal die 1980er Jahre. Eine Entdeckung dennoch und gerade: »Oyoetigbe « von Ode-Omore Osarenren & Ewaen Osetin Stars.
Music Review
Betonkust & Eilandnet
Robogoth EP
Bevor die Niederlande dank der Klimaerwärmung verschwindet, machen die Niederländer einfach Musik. Wie hier Betonkust und Eilandnet.
Music Review
Lakker
Época
Mit »Época« erscheint jetzt das erste Album von Lakker seit dem tonnenschweren »Tundra« aus dem Jahre 2015.
Music Review
Normal Brain
Lady Maid
We Release Whatever The Fuck We Want veröffentlicht eine Reissue von »Lady Maid«, dem 1981 veröffentlichtem Werk von Normal Brain.
Music Review
People Under The Stairs
Sincerely, The P
Dem Vernehmen nach ist »Sincerely, The P« das letzte Album von People Under The Stairs. Es ist absolut kein Ende mit Schrecken!
Music Review
Karl Hector & The Malcouns
Non Ex Orbis
Karl Hector & The Malcouns brechen auf »Non Ex Orbis« mit der bislang gewohnten Funkiness und machen jetzt Krautrock.
Music Review
Jonny Nash
Make A Wilderness
Der Titel »Make A Wilderness« ist ziemlich souverän gewählt. Die Musik von Jonny Nash ist ein unendlicher offener Raum.
Music Review
Tommy Guerrero
Road To Knowhere
Komplexe Rhythmen und afrikanische Stile machen »Road To Knowhere« von Tommy Guerrero, zu einem Album ungekünstelter Eleganz.
Music Review
Die Orangen
Saft 2
Kris Baha und Dreems sind als Die Orangen zurück und servieren »Saft 2« im cool verschleppten Tempo.
Music Review
Aponogeton
A Place Of Solace
Der Belgier Aponogeton debütiert mit »A Place Of Solace« und referenziert auf Andrej Tarkowskijs meditatives Meisterwerk »Stalker«.
Music Review
Ivan »Mamão« Conti
Poison Fruit
Ivan Conti, Percussionist bei Azymuth und mit Madlib als Jackson Conti harmonierend, veröffentlicht mit »Poison Fruit« ein neues Album.
Music Review
The Cinematic Orchestra
To Believe
Zwölf Jahre mussten ins Land gehen, bevor The Cinematic Orchestra mit »To Believe« ein neues Album veröffentlichten.
Music Review
Laurie Spiegel
The Expanding Universe
Laurie Spiegels formidables Debüt »The Expanding Universe« aus dem Jahre 1980 wurde jetzt – großzügig ergänzt – wiederveröffentlicht.
Music Review
Eva Geist
Urban Monogamy
Life in the streets isn’t easy: Zur neuen EP »Urban Monogamy« von Eva Geist auf Hivern Discs.
Music Review
Nick Waterhouse
Nick Waterhouse
Auf seinem Album entwickelt Nick Waterhouse eine Wut und Energie, die wir so noch nicht von dem Songwriter aus San Francisco kannten.
Music Review
Cochemea
All My Relations
Braucht ein paar Anläufe: Cochemea Gastelum, der Saxophonist von The Dap-Kings, legt mit »All My Releations« sein erstes Solowerk vor.
Music Review
August Greene
August Greene LP
Stell’ dir vor, Common, Karriem Riggins Robert Glasper gründen eine Band und keiner kriegt’s mit?
Music Review
Akofa Akoussah
Akofa Akoussah
Mit dem einzigen Album der togolesischen Sängerin Akofa Akoussah aus dem Jahr 1976 ist eine der wohl besten Reissues des Jahres erschienen.
Music Review
Bartosz Kruczyński & Poly Chain
Pulses
Bartosz Kruczyński & Poly Chain tun sich mit »Pulses« auf Into The Light für eine emotionale Berg- und Talfahrt zusammen.
Books Review
Jan Wehn & Davide Bortot
Könnt ihr uns hören?
Wenn Rapper heute ein »Könnt ihr uns hören?« formulieren, ist die Frage rhetorisch. Ein gleichnamiges Buch stellt sie trotzdem. Zurecht.
Music Review
Lee Gamble
In A Paraventral Scale EP
»In A Paraventral Scale EP« ist eine künstliche Welt mit ihren eigenen Gesetzen. Und in der findet sich Lee Gamble einfach sehr gut zurecht.
Music Review
Decadance
On And On (Fears Keep On)
Die Neupressung von Decdance’ »On And on (Fears Keep On)« aus dem Jahre 1983 trägt Decadance‘ Legendenstatus in die nächste Generation.
Music Review
Lungile Masitha
Vuyani
Left Ear Records hat mit »Vuyani« eine Vinyl 12" des von Umoja und Harari bekannten Musiker Lungile Masitha wiederveröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Djax-Re-Up Vol.1
Die erste Ausgabe von Dekmantels Djax-Records-Compilation-Serie anlässlich des 30. Labeljubiläums lässt keine Wünsche offen.
Music Review
G.S. Schray
First Appearance
Eine Art Cocooning für die Ohren: Das dritte Album von G.S. Schray, »First Appearance« streichelt das Schlagzeug und tupft die Elektronik.
Music Review
Infinite Spirit Music
Live Without Fear
Der legendäre Ruf, der diesen Aufnahmen von »Life Without Fear« und seinen Interpreten Infinite Spirit Music vorauseilt, ist berechtigt.
Music Review
Sam Wilkes
Wilkes
Matthewdavids’ Leaving Records bleibt die Quelle für Neues: Diesmal hat er aus dem Umfeld von Louis Cole den Bassisten Sam Wilkes entdeckt.
Music Review
CEM3340 & DJ Overdose
When Cities Collide V
Auf »When Cities Collide V« teilen sich CEM3340 und DJ Overdose die zwei Seiten derselben Schallplatte.
Music Review
Mira Calix
Utopia EP
Einmal Kunsthalle und zurück: Fast zehn Jahre nach ihrem letzten Release auf Warp veröffentlicht Mira Calix nun die »Utopia EP«.
Music Review
Okay Temiz / Johnny Dyani
Witchdoctor's Son
Matsuli Music hat Okay Temiz’ gemeinsam mit Johnny Dyani 1976 in Istanbukl aufgenommenes Werk »Witchdoctor’s Sons«wiederveröffentlicht.
Music Review
Flamingo Pier
Flamingo Pier EP
Das paradiesische, auf der neuseeländischen Insel Waiheke Festival Flamingo Pier kannst du dir nun auf Schallplatte nach Hause holen.
Music Review
Tzusing
A Name Out Of Place Collected
Industriell übersteigerte »Electronic Body Music«: »A Name Out Of Place Collected« fasst die ersten drei EPs von Tzusing zusammen.
Music Review
Vtgnike
Steals
Der Titel von Vtgnikes zweitem Other People-Album »Steals« kann für bare Münze genommen werden. Interessanter wird die Platte dadurch nicht.
Music Review
Curtis Mayfield
Keep On Keepin' On: Studio Albums 1970-1974
Die ersten vier Studioalben des Soulsängers Curtis Mayfield wurden remastert und in der 4LP-Box »Keep On Keepin’ On« wiederveröffentlicht.
Music Review
Pye Corner Audio
Hollow Earth
»Hollow Earth« unterstreicht die eigentlichen Qualität von Pye Corner Audio. Leider aber deswegen, weil es dem Album genau daran mangelt.