Music Review | verfasst 18.04.2019
Quelle Chris
Guns
Mello Music Group, 2019
Text Christoph Benkeser
Deine Bewertung:
8.0
Nutzer (2)
8.5
Redaktion
Cover Quelle Chris - Guns

War Danny Browns »Atrocity Exhibition« ein selbstzerstörerischer Blick durch das US-amerikanische Schlüsselloch im Jahr 2016, hebt Quelle Chris mit »Guns« die ganze Türe aus den Angeln. Wieso nur heimlich spähen, wenn man mit einem Überschuss an kreativem Potenzial am ganzen abgefuckten System rütteln kann? Nachdem er erst 2018 mit seiner Verlobten Jean Grae ein Album mit dem ironisch-verheißungsvollen Titel »Everything’s Fine« veröffentlichte, dürfte sich der dystopische Ausblick mit selbstironischem Unterton auf seinem fünften Soloalbum für Mello Music Group ins Gegenteil verkehrt haben. Die Ironie ist geblieben. Aber mittlerweile entwickelt sich die Idee der Dystopie zu einer real existierenden Gegenwart. Also wird mit scharfen Worten geschossen. Quelle Chris, der aus Detroit stammt und mittlerweile in Brooklyn lebt, hat ein Hip Hop-Album geschaffen, das sich in all seinen Referenzen am späten Goldenen Zeitalter des Genres abarbeitet und doch aktueller klingt als es gesichtstätowierte Cloudrapper mit ihrem Autotune-verzerrten »Gucci Gang«-Gebrabbel jemals auf die Reihe brächten. Quelle Chris’ Stimme ist so unaufgeregt und trocken, dass sie die größten Sandwüsten der Welt wie eine lebensaffirmative Oase wirken lassen. Die Energie auf Stücken wie »Obamacare«, »PSA Drugfest 2003« oder »Straight Shot« geht nicht von seiner Tonlage aus. Sie kommt vielmehr von selbstreflexiven Texten, die sich gegen egomanische Präsidenten, Lügen und der geistlosen Gewalt in seinem Heimatland richten. Er entwaffnet die Angst mit kritischer Distanz, feuert nicht mit leeren Worthülsen, sondern lädt seine Lines mit metaphorischen Referenzen auf, um sie in Samples aus TV-Werbungen oder Piano-Samples aufzulösen. Unterstützt von exzellenten Gastfeatures wie Denmark Vessey, Mach-Hommy und Bilal Salaam hat sich Quelle zur softesten und doch irgendwie lautesten Stimme im derzeitigen Rap entwickelt.

»Guns« von Quelle Chris findest du bei HHV: Vinyl 2LP
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 21.08.2013
Quelle Chris
Niggas Is Men
Quelle Chris’ erstes Release bei der Mello Music Group mag vieles sein, leichte Kost ist es jedenfalls nicht.
Music Review | verfasst 08.11.2013
Quelle Chris
Ghost At The Finish Line
Quelle Chris geht weiterhin mit sich und der Realität rücksichtslos und in durchweg überzeugender Darbietung ins Gericht.
Music Review | verfasst 16.11.2011
Quelle Chris
Shotgun & Sleek Rifle
Detroit ist und bleibt ein raues Pflaster und Quelle Chris ist nach Guilty Simpson und Danny Brown der nächste Beweis dafür.
Music Bericht | verfasst 22.04.2014
Blu, Dag Savage, Quelle Chris & Denmark Vessey
Live am 15.4. in der Alten Feuerwache in Mannheim
Diese Entourage liest sich wie das Who-is-Who des Indierap: Blu, Exile, Johaz, Quelle Chris und Denmark Vessey waren gemeinsam auf Tour durch Deutschland. Bei ihrem Stopp in Mannheim waren wir dabei.
Music Review | verfasst 25.03.2011
Apollo Brown
Clouds
Ganz in der Tradition von alter HipHop-beat-Tapes steht auch Apollo Browns neuester Streich.
Music Review | verfasst 15.04.2011
Has-Lo
In Case I Don't Make It
Has-Lo beweist auf seinem Debüt, dass er in der Lage ist, musikalische Bilder zu zeichnen, die sich im Kopf des Hörers festsetzen.
Music Review | verfasst 22.05.2011
Oddisee
Odd Seasons
Oddisee führt uns auf 31 erfindungsreichen und einzigartigen Produktionen durch die vier Jahreszeiten.
Music Review
Holly Herndon
Proto
Die Standortbestimmung des Pop klang nie so wundervoll und nervenzerfetzend zugleich: Holly Herndon gelingt mit »Proto« ein Meisterwerk.
Music Review
Craig Leon
Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon
Mit »Anthology Of Interplanetary Folk Music Vol.2: The Canon« wird fünf Jahre später weitere Musik des Produzenten Craig Leon nachgelegt.
Music Review
Dark Star
Cryonics: 1989-1992
Für »Cryonics: 1989-1992« versammelt der seit zwei Dekaden inaktive Synthesekünstler Dark Star neun seiner eindrücklichsten Produktionen.
Music Review
Harry Mosco
Peace & Harmony
Mehr Disco als Afrobeat: MIt »Peace & Harmony« ging Harry Mosco, bislang als Sänger der Funkees bekannt, eigene Wege.
Music Review
Georgia
Time
Wunderschöne Soundwelten: Die Multimediakünstler Brian Close und Justin Tripp haben als Georgia ihr zweites Album »Time« veröffentlicht.
Music Review
Bartosz Kruczyński
Baltic Beat II
Anlässlich von »Baltic Beat II«, dem nächsten superben Release von Bartosz Kruczyński, waren wir gezwungen, ein neues Genre zu erfinden.
Music Review
Deep Nalström
Naive Melodies
Bangkok scheint hier genauso nah wie Bielefeld: Über »Naive Melodies«, das Debüt des in Bristol ansässigen Produzenten Deep Nalström.
Music Review
Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza
Niente
Mit »Niente« sind unveröffentlichte Aufnahmen von Il Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza aus den frühen 1970er Jahren erschienen.
Music Review
Wolf Müller
Wolf Müller Meets The Nile Project
2016 ist Wolf Müller nach Ägypten gereist. Was daraus entstanden ist, kannst du auf »Wolf Müller Meets The Nile Project« nachhören.
Music Review
The National
I Am Easy To Find
Diesmal geben sich The National nicht mit einem Studioalbum zufrieden. »I Am Easy To Find« schließt einen Kurzfilm ein.
Music Review
Lee Moses
How Much Longer Must I Wait? Singles & Rarities 1965-1972
»How Much Longer Must I Wait?« versammelt Singles und Raritäten des noch immer nicht ausreichend gewürdigten Soulsängers Lee Moses.
Music Review
Zaliva-D
Forsaken
Auf Knekelhuis ist kürzlich die Werkschau »Forsaken« des chinesischen Technoproduzenten Zaliva-D erschienen.
Music Review
Ohbliv
Give Thanks
Kantig, roh, reduziert, dabei nie formelhaft homogen: der fleißige Beatmaker Ohbliv hat mit »Give Thanks« ein neues Album veröffentlicht.
Music Review
Various Artists
Backstreet Brit Funk Vol.1
Die von Joey Negro zusammengestellte Compilation »Backstreet Brit Funk Vol.1« aus dem Jahr 2011 ist nun erstmals auf Vinyl erschienen.
Music Review
Amato (The Hacker)
Mécanismes Vol. 1
Als Amato dreht The Hacker mittlerweile richtig auf. »Mécanismes Vol. 1« ist in EBM in Nicht-Ganz-Reinform – zum Glück!
Music Review
Tim Hecker
Anoyo
Mit »Anoyo« legt Tim Hecker weitere 34 Minuten aus seinen mit einem Gagaku-Orchester eingespielten Sessions nach.
Books Review
FLEE
Benga, A Kenyan Kaleidoscope
Mit dem Sammelband »Benga, A Kenyan Kaleidoscope« wirft das Kollektiv FLEE wichtige Fragen zur globalen Auseinandersetzung mit Benga auf.
Music Review
Darling & Lexi
Darling & Lexi EP
»Mama is een poes«: Der niederländische Produzent Darling nimmt mit seiner 4-jährigen Tochter Lexi eine Schallplatte auf.
Music Review
Gigi
Illuminated Audio
2003 ließ die Sängerin Gigi ein ganzes Album von ihrem Mann Bill Laswell als Dub-Version neu einspielen. Ob das gut ging? Tatsächlich!
Music Review
Ambien Baby
En Transito
NAP und D. Tiffany tun sich wieder als Ambien Baby zusammen. »En Transito« ist eine multifunktionale Allzweckwaffe für die Open-Air-Saison.
Music Review
Reginald Omas Mamode IV
Where We Going?
Auf »Wehre We Going?« begibt sich Reginald Omas Mamode IV musikalisch auf die Suche nach seinen familiären Wurzeln.
Music Review
Mappa Mundi
Musaics
Mit »Musaics« haben Mappa Mundi schon 1990 so manche zeitgeistige Musik von heute vorwegnehmen können.
Music Review
Alessandro Alessandroni
Prisma Sonoro
»Prisma Sonoro«, Library Music-Aufnahmen des Komponisten Alessandro Alessandroni aus dem Jahr 1974, werden erstmals wiederveröffentlicht.
Music Review
Identified Patient & Sophie du Palais
Don't Exclude Anything
Identified Patient und seine »vrouwe fataal« Sophie du Palais debütieren mit »Don’t Exclude Anything« auf Pinkman.
Music Review
Azymuth
Aguia Nao Come Mosca
Azymuth spielen in einer eigenen Liga. Eine These, die mit »Aguia Nao Come Mosca«, ihrem Album aus dem Jahr 1977, locker belegt werden kann.
Music Review
Ezra Collective
You Can't Steal My Joy
Die britischen Jazzer vom Ezra Collective legen mit »You Can’t Steal My Joy« ein energetisches Debüt vor.
Music Review
Jimi Bazzouka
Edits Vol.6
Joakim liefert als Jimi Bazzouka neue »Edits Vol.6« und mischt exotische Field Recordings, schamanistische Gesänge & treibende Percussions.
Music Review
Altin Gün
Gece
Das zweite Album »Gece« der anatolischen Band Altin Gün ist großartig und hält auch locker dem Vorwurf kultureller Appropriationen stand.
Music Review
Kyoto/Zoe Sinatra
Venetian Blinds / Mais Qu’Est-Ce Que Tu Fumes
Zwei in Vergessenheit geratene, hitverdächtige Songs aus Belgien bilden das neueste Release des immer überraschenden Labels Stroom.
Music Review
Jensen Interceptor
Delayed Response
»Delayed Response«, bereits im letzten Jahr bei Power Station erschienen, zeigt Jensen Interceptor in seinen bislang souveränsten Momenten.
Music Review
Various Artists
Elsewhere LVI
MIt »Elsewhere LVI« hat DJ soFa zum vierten Mal etwas krude, obskure groovende, retrofuturistische Tracks zum Entdecken zusammengestellt.
Music Review
Pharoah Sanders
Africa
Auf »Africa« von 1987 finden Pharoah Sanders, Idris Muhammad, John Hicks und Curtis Lundy zusammen und spielen grandiose Musik.
Music Review
Quelle Chris
Guns
Spätestens mit seinem neuen Album »Guns« hat sich Quelle Chris zur softesten und doch irgendwie lautesten Stimme im Rap entwickelt.
Music Review
Roza Terenzi
Let's Ride
»Let’s Ride« ist das Dekmantel-Debüt der Australierin Roza Terenzi. Darauf zu hören: Electro-Dekonstruktionen und 90s-Rave mit eigener Note.
Music Review
Furniture
When The Boom Was On
Emotional Rescue veröffentlicht das 1983er Debüt »When The Boom Was On« von Furniture neu. Das ist was für Teenie-Zimmer von 16-56.
Music Review
Tiger & Woods
AOD
Album Oriented Dance, »AOD« war die Ansage von Tiger & Woods, die sie uns gleich im Titel ihres neuen Longplayers lieferten. Ging es auf?
Music Review
Guerilla Welfare
The Nature Of Human Nature
Guerilla Welfare haben zwischen 1986 und 1991 Ethno, Dub und Funk verührt. »The Nature Of Human Nature« fasst ihre Musik zusammen.
Music Review
Neuzeitliche Bodenbeläge
Leben
Premiummusik für liebevoll heruntergewirtschaftete Hinterhoflokale und ihre Gäste. Zur EP »Leben« von Neuzeitliche Bodenbeläge.
Music Review
Ill Bill & Stu Bangas
Cannibal Hulk
Diese Collab wurde im Horrorcore-Genre sehnsüchtig erwartet: Ill Bill und Stu Bangas machen auf »Cannibal Hulk« gemeinsame Sache.
Music Review
The Comet Is Coming
Trust In The Lifeforce Of The Deep Mystery
Shabaka Hutchings und kein Ende: sein Projekt The Comet Is Coming zockt auf »Trust In The Lifeforce Of The Deep Mystery« vital wie selten.
Music Review
Bibio
Ribbons
»Ribbons« von Bibio funktioniert als 50-minütiges Gesamtwerk, das vor vorne bis hinten die warme Stimmung der Zweisamkeit einfängt.