Music Review | verfasst 27.05.2019
Helm
Chemical Flowers
PAN, 2019
Text Kristoffer Cornils
Deine Bewertung:
8.0
Nutzer (1)
8.7
Redaktion
Cover Helm - Chemical Flowers

Bei Luke Younger macht das Konzept die Musik. Allein deswegen fällt es schwer, die umfassende Diskografie des Briten unter einem Schlagwort zusammenzukürzen. Noise, Drone, Industrial, Ambient, sogar Ausflüge in tanzbare Bereiche elektronischer Musik wechseln sich ab. »Chemical Flowers« ist sein achtes Album als Helm, das dritte für PAN und wieder so eine Platte, der mit der üblichen Nomenklatur schwer beizukommen ist. Bei »I Knew You Would Respond« scheint nur die Deadpan-Delivery eines Dean Blunt zu fehlen: Ein schleppender Drum-Beat, ein leierndes Funk-Riff und ein Streicher-Loop werden von Noise-Schnipseln begleitet. »Lizard In Fear« klingt wie ein zerlegtes Stück von den Labelmates Amnesia Scanner, »Toxic Racecourse« verströmt mit Dark Ambient-Soundscapes und quietischigen Streichern – ausgeholfen haben hier wohl J.G. Thirlwell von Foetus und Lucinda Chua – ein bisschen Neue Musik-Charme. Passt das zusammen? Erstaunlicherweise sogar sehr gut. Am ehesten gleicht dieses Collage-Konzept dem eines Black To Comm, das Resultat zumindest ist ähnlich verstörend. Denn darüber immerhin lässt sich leichter reden als über die Schubladen, denen sich die Musik von Helm entzieht: die Wirkung. Wo der Opener »Capital Crisis (New City Loop)« noch zwischen Ab- und Aufbruchstimmung changiert, entspannt sich die Atmosphäre bis zum Kickdrum-Gewitter am Ende von »Body Rushes« erst, bevor der Ruhepuls-Techno von »Leave Them All Behind« so langsam wieder Fahrt aufnimmt, bevor das Album nach einigen im letzten Track, dem Titelstück, in ambienter Residualeuphorie versickert. Es bleibt so das Gefühl eines Mangels zurück. Etwas fehlt nach »Chemical Flowers«, seien es die Worte oder die publikumsfreundliche Auflösung der internen Spannung, welche die acht Stücke von der ersten bis zur letzten Sekunde an prägen. Genau das macht dieses Album und die Musik von Luke Younger so dermaßen besonders, unbegreiflich und faszinierend.

»Chemical Flowers« von Helm findest du bei demnächst bei HHV.
Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 15.06.2015
HELM
Olympic Mess
Stressbewältigung durch Musik: Luke Younger wagt als HELM mit »Olympic Mess« den Versuch, mit dem eigenen Chaos umzugehen.
Music Review | verfasst 04.02.2014
HELM
The Hollow Organ EP
Luke Younger weiß als HELM die Texturen seiner Tracks extrem spannend zu gestalten, die Balance zwischen den krassen Sounds stimmt.
Music Review | verfasst 13.12.2013
Heatsick
Re-Engineering
Diese Musik ist herrlich bekloppt. Doch sie groovt, sie weiß ganz ganz viel von elektronischer Musik und möchte gehört werden.
Music Review | verfasst 12.09.2014
Lee Gamble
KOCH
Mehr als ein würdiger Nachfolger. Lee Gambles neue Platte »KOCH« führt die Stärken seiner Durchbruch-Platten aus dem Jahr 2012 zusammen.
Music Review | verfasst 30.06.2016
Valerio Tricoli
Clonic Earth
Bedrückender, gespenstischer Horror. Valerio Tricoli malt mit »Clonic Earth« eine Welt ohne Bild. Gibt es Schrecklicheres?
Music Review | verfasst 01.12.2016
Rashad Becker
Traditional Music of Notional Species Vol. II
Mastering-Legende Rashad Beckers zweites Album »Traditional Music of Notional Species Vol. II« für PAN macht eine ganz eigene Welt auf.
Music Review | verfasst 21.03.2017
Various Artists
Mono No Aware
»mono no aware«, die erste Compilation aus dem Hause PAN ist ein Plädoyer für offen gehaltene Ohren.
Music Review | verfasst 21.05.2011
Frieder Butzmann
Wie Zeit vergeht
Frieder Butzmann, der »Vater des deutschen Industrials«, lässt sich für sein neues Werk von einem Stockhausen-Aufsatz inspirieren.
Music Review
Gökçen Kaynatan
Cehennem
1973-1975 verarbeitete Gökçen Kaynatan mit einem EMS Synthi AKS sein körperliches Leid. Das dabei entstandene Album erscheint erst jetzt.
Music Review
Alexander Tucker
Guild Of The Asbestos Weaver
»Guild Of The Asbestos Weaver« von Alexander Tucker ist ein absolutes rundes Ding. Große Wellen schlagen wird es trotzdem nicht.
Music Review
Alphonse
Stolen Sunrise
Die Sonne scheint jetzt immer. Auch auf dem Dancefloor. »Stolen Sunrise« von Alphonse ist deshalb eine der Platten der Stunde.
Music Review
Dazion
A Bridge Between Lovers
Sommerliche Töne sind auf »A Bridge Between Lovers«, dem neuen Release von Dazion zu hören, der soeben bei Second Circle erschienen ist.
Music Review
Kosh
Vicious Love
Kosh, der derzeit gehypteste Export aus Marokko seit Nanaminze, Haschisch und Bibelfilmen, fackelt auch auf »Vicious Love« nicht lange rum.
Music Review
Die Höchste Eisenbahn
Ich Glaub Dir Alles
Allerhöchste Eisenbahn! Mit »Ich Glaub Dir Alles« ist das zweite Album von Die Höchste Eisenbahn endlich erschienen.
Music Review
Brian Eno
Apollo: Atmospheres And Soundtracks
Neu gemastert und mit einer zweiten Platte mit neuen Songs bestückt wurde das tolle »Apollo« von Brian Eno aus dem Jahr 1983 neu aufgelegt.
Music Review
MR TC & Lo Kindre
Phase001
MR TC und Lo Kindre haben ein Label aus der Taufe gehoben und gleich auch ein gemeinsamen Release fertiggestellt.
Music Review
Floating Points
Lesalpx / Coorabell
Nach fast zwei Jahren ohne neue Musik hat Floating Points kürzlich die beiden neuen Tracks »Lesalpx« und »Coorabell« veröffentlicht,
Music Review
Iron Curtis
And The Temper
Iron Curtis kehrt auf Office Recordings zurück. Seine EP »And The Temper« erzählt eine kleine Geschichte – im House-Bereich eine Seltenheit.
Music Review
Freddie Gibbs & Madlib
Bandana
Freddie Gibbs und Madlib, der Rapper und der Beatschmied, haben sich endgültig gefunden. Mit »Bandana« ist ihnen etwas großartiges gelungen.
Music Review
Fernando Falcão
Memória Das Águas
Kein Ethnoscheiß und auch kein plumper Nihilismus: Selva Disco legt »Memória Das Águas« von Fernando Falcão wieder auf.
Music Review
Odd Okoddo
Okitwoye
Odd Okoddo sind Sven Kacirek und der Sänger und Lautenist Olith Ratego. »Okitwoye« liefert einen ersten Vorgeschmack auf ihr Debütalbum.
Music Review
J.Derwort
Bamboo Music
Jacobus Derwart von The Chi Factory hatte in den späten 1980er Jahren mit Bambusflöten und Zweispurrekorder »Bamboo Music« aufgenommen.
Music Review
Shakti
Verboden Dromen
Aus den Hochzeiten der belgischen Clubkultur der 1980er Jahre kommt »Verboden Dromen« von Shakti, den Stroom wieder verfügbar gemacht hat.
Music Review
Biochip
Synthase
Das kanadische Duo Biochip debütiert mit »Synthase« auf Albumlänge auf Central Processing Unit.
Music Review
Why?
AOKOHIO
Psych Pop zwischen verschroben und hymnisch, mal kryptisch verklausuliert, mal mit der emotionalen Dampfwalze von Befindlichkeitsnudisten.
Music Review
Dots (Atom TM)
Dots
1994 nur auf CD erschienen, wird »Dots« nun via Astral Industries erstmals auf Vinyl veröffentlicht.
Music Review
Tim Jackiw
Many Moons
Zwischen 1995 und 1998 hat Tim Jackiw in Adelaide auf seinem Amiga 500 Tracks produziert, die jetzt als »Many Moons« veröffentlicht wurden.
Music Review
Michael Orr And The Book Of Life
Love Will Rise
»Love Will Rise« von Michael Orr And The Book Of Life aus dem Jahr 1979 ist ein Plädoyer für die Nächstenliebe.
Music Review
Michael Orr
Spread Love
Mit »Spread Love« von Michael Orr veröffentlicht Light In The Attic ein zu Unrecht vergessenes Album aus der Hochphase des R&B neu.
Music Review
Naosuke Miyamoto Sextet
Step!
1973 standen die Zeichen im japanischen Jazz auf Aufbruch. In diesem Jahr nahm das Naosuke Miyamoto Sextet »Step!« auf.
Music Review
Young Marco
Bahasa
Fünf Jahre nach einem prägenden Besuch von Indonesien hat Young Marco mit »Bahasa« das Ergebnis dieser Auseinandersetzung veröffentlicht.
Music Review
Cold Front
Beyond The Beat
Aus Minneapolis kommt das nächste Fundstück aus dem Knekelhuis. Dort haben um 1990 Cold Front »Beyond The Beat« aufgenommen.
Music Review
Desmond Coke
Let's Chase The Sun
1989 hat Desmond Coke in Eigenregie das Album »Let’s Chase The Sun« aufgenommen. Jetzt wird es von EMotional Rescue wiederveröffentlicht.
Music Review
Tycho
Weather
Auf seinem fünften Album »Weather« versucht Tycho etwas neues. Er arbeitet mit Stimme. Genauer: Saint Sinners Stimme. Und es funktioniert.
Music Review
Llewellyn
These Days
Llewellyn nennt sich der in erster Linie als Lake People bekannte Leipziger Martin Enke auf seiner neuen, sehr sonnigen EP »These Days«.
Music Review
Eiger Drums Propaganda
II
Ist das das letzte Album von Eiger Drums Propganda? Am Ende klingt es beinahe so. Bis zur offiziellen Bestätigung ist es aber Album »II«.
Music Review
Low Leaf
Baker's Dozen Vol.12
New Age-Musik, die alles andere als esoterisch klingt: »Baker’s Dozen Vol.12« kommt von der kalifornischen Harfinistin Low Leaf.
Music Review
Tommy Guerrero
From The Soil To The Soul
2006 via Quannum nur auf CD erschienen, legt Be With jetzt 13 Jahre später »From The Soil To The Soul« von Tommy Guerrero als Vinyl LP nach.
Music Review
Karen Gwyer
Man On Mountain EP
Seit »Rembo« 2017 ist es still geworden um karen Gwyer. Jedenfalls blieben die Releases aus. Das ändert sich mit »Man On Mountain« nun.
Music Review
Rhye
Spirit
Rhye haben eine neue Platte veröffentlicht und schenkt man den Worten dieser Rezension glauben, dann fehlt »Spirit« der Spirit.
Music Review
Musical Breed
Save The Little Children
In den Achtzigern war Reggae in Nigeria groß. In dieser Zeit nahmen Musical Breed ihr ungewöhnlich raues »Save The Little Children« auf.
Music Review
River Yarra
Frogmania EP
Frösche, Frösche, Frösche. Der australische Produzent River Yarra macht keine halben Sachen. Auf »Frogmania« quakt es, was das Zeug hält.
Music Review
Coil
Theme From The Gay Man‘s Guide to Safer Sex
1992 haben Coil den Soundtrack zu »Theme From The Gay Man‘s Guide to Safer Sex« komponiert, aber bislang nie veröffentlicht.
Music Review
Ariel Kalma
Nuits Blanches Au Studio 116
»Nuits Blanches Au Studio 116« versammelt fünf bislang unveröffentlichte Stücke von Ariel Kalma, die einen vielseitigen Komponisten zeigen.
Music Review
Various Artists
Street Soul Brazil 1987-1995
Die Compilation »Street Soul Brazil 1987-1995« zeigt entschleunigte Tanzmusik die braslianische Städter vor 30 Jahren zum Engtanz bewegte.
Music Review
Félicia Atkinson
The Flower And The Vessel
Schallplatten von Félicia Atkinson sind etwas Besonderes. Hier passt alles: Design, Sound, Kunst. So auch bei »The Flower And The Vessel«.
Music Review
Thom Yorke
Anima
War das zu erwarten? Thom Yorke hat mit »Anima« sein bislang eingenständigstes künstlerisches Statement als Solokünstler abgegeben.
Music Review
TRjj
Music Compilation: 12 Dances
Die »Music Compilation: 12 Dances« von TRjj weckt Erinnerungen an die jüngere Vergangenheit und ist ganz und gar gegenwärtig.
Music Review
Shabason & Gunning
Muldrew
»Muldrew« heißt die erste gemeinsame Arbeit der kanadischen Musiker Joseph Shabason und Ben Gunning.