Music Review | verfasst 08.05.2019
Mappa Mundi
Musaics
Midnight Drive, 2019
Text Nils Schlechtriemen
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7.5
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9.6
Redaktion
Cover Mappa Mundi - Musaics

Sechs Sessions zwischen Plattenhören, Aufnehmen, Schneiden und Modulieren. Eine intuitive Selektion von CDs und LPs, dazu ein Ohr im Morgen, eins im Gestern: Mit »Musaics« entwarfen die Belgier Jan Van Den Bergh und Pieter Kuyl im Sommer 1990 eine Sammlung postmoderner Soundscapes, die ihrer Zeit durch verblüffend ideenreiches Collagieren und dezidiert wenig Bearbeitung so weit voraus war, dass absolut kein Schwein damals etwas davon mitbekam. »Der Spontaneität willen beschränkten wir uns bei der Produktion auf ein Minimum an Manipulation, um die einzelnen Versatzstücke der Musik ungehindert miteinander reagieren zu lassen. Den seltsamen Gesetzmäßigkeiten des Zufalls konnte man sich dabei oft nicht entziehen, was für ein paar unbeabsichtigte Resultate und Spin-Offs sorgte«, erinnert sich Van Den Bergh in den Liner Notes zum 2LP-Remaster, der vor kurzem über Midnight Drive erschien. Manche der eklektizistischen Ideen kamen tatsächlich nur zustande, weil zwei Platten parallel liefen oder jemand etwas im Radio gehört hatte. Dieses Mosaik aus Breakbeats, Downtempo und Ambient Trance das Ergebnis von Chance und Spielerei? In der Praxis denkbar, als auditive Verquickung von Stilelementen gleichzeitig ein kleiner Geniestreich, wie er in diese seminale Phase Sample-basierter Musik Anfang der 1990er fallen musste. Da sind die pochenden Bässe eines »Urbi et Orbi«, das bildschöne Texturen aus Orgel und atmosphärischen Pads zu weben vermag. Da ist aber auch die obszöne Urwald-Erotik von »Sexafari« oder der atemberaubende Bastard aus Hip-House und obskuren Andy-Stott-Vibes, den »The Oracle« aus dem Nichts hochzieht. Wie Mappa Mundi mit »Wölfli« dann erneut umschwenkt und den saturierten Tribal-House von Wolf Müller und Niklas Wandt mal locker fast drei Jahrzehnte vorwegnimmt, ist schon erstaunlich. »Algebra du bist Wonne, Algebra du bist Hass« – selbst der Text könnte von den beiden stammen. Es bleibt aber dem abschließenden »Trance Fusion« überlassen, im Hörer ein Gefühl der Euphorie und Wärme zu beschwören, das aller Verklärung zum Trotz vielleicht wirklich in dieser Form seit damals nicht mehr zu hören war. Ätherische New-Age-Pads fließen unter fett moduliertem Bassspiel her, ein pochender 4/4-Beat vermählt sich im Rausch mit sublimen Harmonien wie aus einem vorstädtischen Sommernachtstraum. »Diese Stücke folgen keinem konventionellen Songformat, sie sind eher für das atmosphärische Wechselspiel mit dir gedacht, dem kreativen Hörer oder DJ, egal ob auf einer Party oder im eigenen Schlafzimmer. Wir wollen dich ermutigen, diese Tracks auf jede nur denkbare Weise als Input für eigene Samples, Live-Vocals, Tanz und Meditation zu nutzen; diese Platte ist kein fertiges Produkt… du bist Teil von ihr.« So unmittelbar fordert Musik nur selten heraus.

Dein Kommentar
1 Kommentare
17.05.2020 16:50
palastbrand:
tolle rezi, überirdisches album.
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