Music Review | verfasst 31.10.2019
Conforce
Dawn Chorus
Delsin, 2019
Text Nils Schlechtriemen
Deine Bewertung:
9.0
Nutzer (1)
9.0
Redaktion
Cover Conforce - Dawn Chorus

Noch sind die Möglichkeiten scheinbar nicht ausgereizt, wenn es um Techno und seine Abwandlungen geht. Am Ausbau des Genres rackerten sich in den 2010er Jahren wahrscheinlich mehr versierte ProduzentInnen ab, als in irgendeiner anderen Sparte elektronischer Musik. Vielleicht sprechen repetitive Klubrhythmen auch deshalb heute selbst abgekoppelt von bloßer Tanzbarkeit unterm Kopfhörer archaische Wahrnehmungsmuster an, entfalten beispiellose Sogwirkung und hypnotisieren. Boris Bunnik weiß das. Er gehört für diese bald endende Dekade sicher zu jenen Freistilschwimmern, die nicht im Kielwasser der Hypemaschinen ersoffen sind, sondern so etwas wie die vielfach angepriesene eigene Signatur jenseits jeglicher Red-Bull-Verwertungsstadien entwickeln konnten. Als Conforce synthetisiert der Friesländer seit Jahren maximalinvasiven Ambient Techno nach geometrischen Formen, der die Kühle eines Labors erzeugt, für diese Sterilität aber eher selten simplen Takten folgt. Viel mehr sind es durchdachte Experimente an den Schnittstellen von Breakbeats, Tiefseetechno und Weltraumambient, die Bunnik hier konsequent durchexerziert. Nach dem kriminell unterschätzten »Autonomous« von 2017, ist »Dawn Chorus« eine sorgsam austarierte Weiterentwicklung im Sounddesign des Produzenten, dem es mehr und mehr gelingt Klangfarben und Texturen komplementär ineinandergreifen zu lassen. »Void« macht das Kunststück direkt zu Beginn vor. Zwischen Vorahnung und physischer Erregung zieht der Tenor des Tracks seine scharf sequenzierten Bahnen, ein ausgehöhlt bauchiger Bass als Echolot in pechschwarzen Tiefen. Der atmosphärische Rebound von »Aphelion« will gar nicht ohne ein Augenzwinkern in Richtung Northern Electronics auskommen. Warum auch? Referenzen finden sich viele. So sind »iO« und »Solstice« klar vom britischen IDM inspiriert, kreuzen Breakbeats virtuos mit astral verklärten Flächen und einer Effektdichte erster Güte. Sowieso: Die Frage, wie hier etwas klingt, ist auf diesem Album alles. Das veranschaulicht der düster raunende Sumpftechno von »Marooned« ebenso, wie die gläsernen Wolkentempel, in denen »Axis Perpendicular« oder »Orbital Resonance« entstanden sein müssen. Selbst das Outro »Umbra« lässt in seiner berauschten Behäbigkeit von vorne bis hinten keinen Zweifel daran, dass der Straßenfotograf Bunnik als Conforce den Dreh ziemlich raus hat, jedenfalls wenn er uns in seiner Kristallkugel den Blick auf Techno von morgen gewährt.

Dein Kommentar
Ähnliche Artikel
Music Review | verfasst 03.07.2014
Yagya
Sleepygirls
Das fünfte Album des Isländers Aðalsteinn Guðmundsson alias Yagya, »Sleepygirls«, ist nichts weniger als Tiefenentspannung.
Music Review | verfasst 21.03.2016
Vernon Felicity
Atlantis
Mit seiner EP »Atlantis« zieht uns Boris Bunnik alias Vernon Felicity nicht unter Wasser, sondern in ein düsteres Kellerloch.
Music Review | verfasst 10.09.2011
John Beltran
Ambient Works 1995-2011
John Beltran beschwört schon im Titel seiner Anthologie die Vergleiche mit Aphex Twin herauf.
Music Review | verfasst 24.06.2015
John Beltran
Espais
Was John Beltrans letztjährige Ambient-Compilation »Music For Machines« stark machte, fehlt auf seinem neuen Album »Espais«: das Narrativ.
Music Review | verfasst 15.09.2015
Various Artists
DSR/S80 ML15
Delta Funktionen, Mike Dehnert, DJ Haus und Max Abysmal auf einem ultralimitierten Stück Vinyl von Delsin mit Studio 80. Aber pssst!
Music Review | verfasst 03.12.2018
Indio
Inca
Delsin legt drei Tracks von John Beltrans Indio-Projekt mit Sam McQueen und Seth Taylor sowie eine Solo-Produktion neu auf.
Music Review | verfasst 06.02.2019
Repeat
Repeats
Mark Broom, Plaid und Dave Hill trafen als Repeat in einer stilistisch unsicheren Zeit zusammen. Ihr Album »Repeats« wurde neu aufgelegt.
Music Review
Callisto
Guidance Is Eternal 2
Mit »Guidance Is Eternal 2« wird die Musik des 2013 verstorbenen Bostoner House-Produzenten Callisto neu aufgelegt.
Music Review
Jeff Parker
Suite For Max Brown
»Suite For Max Brown« ist das erst vierte Soloalbum des tollen Jazzgitarristen Jeff Parker. Makaya McCraven war hier nicht unbeiteiligt.
Music Review
Steve Roach
Quiet Music 1-3
Telephone Explosion hat die zuerst 1986 und nur auf Kassette erschienene »Quiet Music 1-3« von Steve Roach wiederveröffentlicht.
Music Review
Saåda Bonaire
Saåda Bonaire
Captured Tracks legt eine Neuauflage der gesammelten Werke der 1982 gegründeten Bremer Kapelle Saåda Bonaire vor.
Music Review
Oval
Scis
Mit dem Album »Scis« macht Oval das, was Markus Popps Arbeit schon immer auszeichnete – und nebenbei gesagt noch einen Heidenspaß.
Music Review
Various Artists
Locus Error
Nina Kraviz hat mit »Locus Error« einen weiteren Sampler für ihr Label Trip/трип zusammengestellt. Es ist der bislang beste.
Music Review
Aoife Nessa Frances
Land of No Junction
Mit ihrem Debüt »Land of No Junction« zeigt sich Aoife Nessa Frances als stilbewusste und erkundungsfreudige Nostalgikerin.
Music Review
Dark Arts
Reflections In A Rear View Mirror
Mit »Reflections In A Rear View Mirror« stellt uns das Label Stroom die in den frühen 1980er Jahren aktive Band Dark Arts vor.
Music Review
James Reese And The Progressions
Wait For Me: The Complete Works 1967-1972
Mit »Wait For Me: The Complete Works 1967-1972« legt Now-Again eine Werkschau von James Reese And The Progressions vor.
Music Review
Lvrin
Lvrin II
Der russischer Produzent Lvrin legt mit »Lvrin II« sein zweites Relese für das Rotterdamer Label Pinkman vor.
Music Review
Hildur Guðnadóttir
OST Joker
Für ihren Soundtrack zu »Chernobyl« hatte Hildur Guðnadóttir einen Emmy erhalten. Der Score zu »Joker« ist nicht weniger fulminant.
Music Review
Bufiman
Albumsi
Jan Schulte, auch bekannt als Wolf Müller, hier unterwegs als Bufiman, hat bei Dekmantel ein ganzes »Albumsi« veröffentlicht. Sommer pur!
Music Review
Metastasio
With You
Disco Segreta hat den Italo-Disco-Knaller »With You« wiederveröffentlicht. Der schlittert bei fünf Grad über die Amalfiküste.
Music Review
Blawan
Many Many Pings
Härte, Tiefe, Swing: Das ist die Grundrezeptur von Blawan, der auf »Many Many Pings« ein effektives und doch vertracktes Update erhält.
Music Review
Bohren & Der Club Of Gore
Patchouli Blue
Mehr als fünf Jahre nach »Dolores« veröffentlichen Bohren & Der Club Of Gore mit »Patchouli Blue« ein neues Album.
Music Review
Various Artists
Mogadisco: Dancing In Mogadishu (Somalia 1972-91)
Analog Africa hat die Archive von Radio Mogadischu gesichtet und mit »Mogadisco« eine vielseitige Compilation zusammengestellt.
Music Review
Alva Noto & Ryuichi Sakamoto
Two (Live At Sydney Opera House)
Das gemeinsame Konzert von Alva Noto und Ryuichi Sakamoto im Sydney Opera House im Jahr 2018 ist jetzt unter dem Titel »Two« erschienen.
Music Review
Ossia
The Marzahn Versions
Das Pochen schaltet einen Gang nach oben: Ossia legt mit »The Marzahn Versions« weitere teuflische Tänze vor.
Music Review
Giant Swan
Giant Swan
Was der Kollege auf dem Cover da macht? Sich mit einer Kippe entschuldigen, nachdem er dir beim Abspacken die Faust ins Gesicht gerammt hat.
Music Review
Milton Nascimento
Maria Maria
Ein Ballett aus dem Jahr 1976: Milton Nascimentos »Maria Maria« ist nunr erstmals auf Vinyl erschienen.
Music Review
Stenny
Upsurge
Konzentriertes Hören lohnt bei »Upsurge«, dem Debüt des aus Italien stammenden Produzenten Stenny.
Music Review
Giraffe
Desert Haze
Die Einflüsse sind vielseitig auf »Desert Haze«, dem neuen Album des Hamburger Trios Giraffe, das soeben bei Marionette erschienen ist.
Music Review
DJ Shadow
Our Pathetic Age
»Our Pathetic Age« ist das sechste Album von DJ Shadow. Das Revolutionäre, das Spannende ist aus der Musik komplett verschwunden.
Music Review
Man Jumping
Jumpcut
Brian Eno soll sie einst »die wichtigste Band der Welt« genannt haben: Man Jumping. Ihr Debüt »Jumcut« wurde jetzt veröffentlicht.
Music Review
Shina Williams & His African Percussions
Shina Williams
»Shina Williams«, 1980 erstmals veröffentlichte LP von Shina Williams & His African Percussions, wurde erstmals wiederveröffentlicht.
Music Review
Pan American
A Son
Nach sechsjähriger Pause veröffentlicht Mark Nelson mit »A Son« ein neues Album als Pan American.
Music Review
Yoshio Ojima
Une Collection Des Chainons I: Music For Spiral
Mit »Une Collection Des Chainons I: Music For Spiral« wird das Frühwerk von Yoshio Ojima jetzt neu erschlossen.
Music Review
Various Artists
Space Funk
Die Retro-Ästhetik von alten Science-Fiction-Filmen überträgt die Compiplation »Space Funk« auf den Funk der Siebziger und Achtziger.
Music Review
Ryuichi Sakamoto
Thousand Knives Of
Schon 1978 mit seinem Debüt »Thousand Knives Of« bewies Ryuichi Sakamoto sein Gesprü für unkonventionelle Arrangements.
Music Review
RAMZi
Multiquest Niveau 1: Camouflé
Das alljährliche RAMZi-Album ist da. Auf »Multiquest Niveau 1: Camouflé« wirkt die musikalische Formel der Kanadierin etwas aufgebraucht.
Music Review
Various Artists
French Disco Boogie Sounds Vol.4
Die Compilation »French Disco Boogie Sounds« liefert standesgemäß Perlen für den Tanzflur. Das ist bei »Volume 4« nicht anders.
Music Review
Function
Existenz
»Existenz« liefert mit 17 Tracks auf Vinyl 4LP einen fulminaten Querschnitt über die 25 Jahre währende Arbeit von Function.
Music Review
François N'Gwa
Ogooue
Auf »Ogooue« finden sich die besten, der zwischen 1985 und 2004 entstandenen Stücke des gabunischen Musikers François N’Gwa wieder.
Music Review
Mike Selesia
Flavor
1976 haben Mike Selesia und seine Mitstreiter »Flavor« aufgenommen, 100 Stück pressen lassen. Jetzt ist das Jazzjuwel wieder erhältlich.
Music Review
Sokratis Votskos Quartet
Sketching The Unknown
Jazzman veröffentlicht mit »Sketching The Unknown« das tolle Debüt der griechischen Jazzer vom Sokratis Votskos Quartet.
Music Review
Eye
Metamujer
Die Französin Laurène Exposito legt als Eye ihre neue LP »Metamujer« vor und macht deutlich, dass sie sich musikalisch weiterentwickelt hat.
Music Review
Issam Hajali
Mouasalat Ila Jacad El Ard
»Mouasalat Ila Jacad El Ard«, das erstmals 1977 veröffentlichte Album des libanesischen Musikers Issam Hajali, wurde wiederveröffentlicht.
Music Review
Danny Brown
Uknowhatimsayin¿
Mit »Uknowhatimsayin¿« huldigt Danny Brown dem guten alten Hip-Hop der Neunziger. Themen wie Drogensucht oder Depression sucht man vergebens
Music Review
Om Buschman
Total
Das einzige Album von Om Buschmann, »Total« aus dem Jahre 1989 wurde nun via Glossy Mistakes wiederveröffentlicht.
Music Review
Gülistan
Oriental Groove
Hot Mule veröffentlicht »Oriental Groove«, der in den 1980er Jahren gegründeten österreichischen Band Gülistan, neu.
Music Review
Ruins
Marea / Tied
Das Anfang der 1980er Jahre veröffentlichte »Marea/Tied« der italienischen New-Wave-Band Ruins wurde von Music From Memory wiederentdeckt.